Das Lehrstück und die Lebenswirklichkeit

Sprechtheater: Heinz Kreidl inszeniert Ferdinand von Schirachs »Gott« im Frankfurter Fritz-Remond-Theater - Nahe an der Realität

FRANKFURT
3 Min.

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Ringen um die Moral: Ärztepräsident Professor Sperling (Rene Toussaint), Bischof Thiel (Christopher Krieg), Verfassungsrechtlerin Litten (Ines Arndt), Gärtners Hausarzt (Dieter Gring) und Gärtners Anwältin Dr. Biegler (Verena Wengler, von links nach rechts) in »Gott« im Frankfurter Fritz-Remond-Theater. Foto: Helmut Seuffert
Foto: Helmut Seuffert
Müs­sen wir als Ge­sell­schaft das aus­hal­ten, wenn sich je­mand ent­schei­det, frei­wil­lig aus dem Le­ben zu schei­den? Dar­um dreht sich das Stück »Gott« von Fer­di­nand von Schi­rach. Ei­ne schwe­re Fra­ge, die zu­dem nicht ein­fach zu be­ant­wor­ten ist. Und den­noch wird sie ge­s­tellt, weil es sein muss.

Da steht ein Mann vor diesem Ethik-Rat und bittet um die moralische Zustimmung dafür, dass ihm ein Arzt dabei legal helfen darf, seinem Leben ein Ende zu setzen. Gesetzlich gesehen gibt es keine Hürde mehr. Herr Gärtner ist alt, verwitwet seit Jahren und er ist müde. Müde vom Leben. Dabei fehlt ihm nichts - nur seine geliebte Frau, die er vor Jahren nach einer Krebserkrankung beerdigen musste. Nichts, noch nicht mal seine Kinder oder Enkel, können ihn davon abhalten, diesen letzten Schritt zu gehen.

Von Schirachs Stück ist ein nüchternes Dokumentardrama, das die moralischen Fallstricke beim Thema Sterbehilfe hinterfragt. Es hat Tradition, dass das Fritz-Remond-Theater in Frankfurt sich ein ernstes Stück in jeder Spielzeit vornimmt. Und doch ist das Stück äußerst sehenswert und fesselnd. Und das liegt am Thema und an den Darstellern. Denn das Auge kann sich in den zwei Stunden an kaum etwas festhalten (Bühne Tom Grasshoff). In einer Einstellung läuft das Drama in Echtzeit ab. Wir sind mit dem Gremium in dem Verhandlungssaal und werden als Zuschauer auch miteingebunden, um über den Wunsch Herrn Gärtners mit abzustimmen.

Kämpfen wie eine Löwin

Der Hingucker schlechthin ist Verena Wengler als Anwältin Dr. Biegler. Sie ist es, der es gelingt, aus dem sterbewilligen Herrn Gärtner am Ende einen Menschen gemacht zu haben, der gar nicht anders kann - und die die Gutachter im Saal alle als eitel, selbstbezogen und standesbezogen entlarvt. Als eine Art Wiener Erin Brokovich kämpft sie wie eine Löwin um das Recht ihres Mandanten.

Den Überblick in der Verhandlung behält die Vorsitzende des Ethikrats (Iris Atzwanger). Zuerst darf Gärtners behandelnder Arzt (Dieter Gring) den Zustand seines Patienten dem Plenum offen legen. Nach und nach kommen dann Sachverständige zu Wort, die das Vorhaben aus ihrer Warte betrachten. Zuerst führt die Verfassungskundlerin Professorin Litten (Iris Arndt) die gültige Rechtslage aus, danach legt Ärztepräsident Professor Sperling (René Toussaint) das Dilemma der Mediziner dar und als Letzter darf Bischof Thiel (Christopher Krieg) die Argumente der Kirche gegen Sterbehilfe darlegen.

Es geht hin und her zwischen den Sachverständigen, der Fragestellerin des Ethikrates Dr. Keller (Barbara Bach) und Gärtners Anwältin Dr. Biegler. Die sich vor den Zuschauern ausbreitende Szenerie ist dicht, konzentriert und durchzogen von Fachbegriffen. Man muss sich schon in Herrn Gärtner hineinfühlen und auch in die Positionen der Sachverständigen. Sonst bringt der Theaterbesuch nichts.

Wenn der Bischof das Argument der Kirche vorträgt, dass es der Institution um den Schutz des Lebens geht und sie deshalb gegen jegliche Form der Sterbehilfe sei, dann hält ihm die Anwältin Gärtners im Gegenzug vor, ob dieser Schutz auch für die zahllosen Missbrauchsopfer genau dieser Kirche gelte.

Und Gärtner geht den Ärztepräsidenten an, ob er auf seinem hohen Ross überhaupt verstehen könne, wie es ihm gehe. Das ist sehr nahe an der Realität.

Analyse über Rechtsstaat

Von Schirach geht es nicht um Unterhaltung oder um Vergnügen. Wie in allen seinen Dramen ist »Gott« eine Analyse, wie unser Rechtsstaat funktioniert und warum er so wertvoll ist. Ein Lehrstück, das ganz viel mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Denn wie sagt die Vorsitzende des Ethikrats ganz richtig? »Sterben müssen wir alle. Das ist gewiss. Nur das wie ist nicht gewiss«, meint sie.

Zwei Stunden dauert die Inszenierung von Heinz Kreidl. Kalt lässt sie niemanden. Selten sieht man nach der Pause alle wieder in den Zuschauersaal zurück kommen.

b»Gott«: Vorstellungen Dienstag bis Samstag jeweils 20 Uhr, Sonntag 18 Uhr, bis 28. November im Fritz-Remond-Theater Frankfurt am Zoo; das Haus setzt die 2-G-Regel um; Tickets https://www.fritzremond.de

Hintergrund: Gültige Rechtslage - und Zuschauerbeteiligung

Von April 2019 bis Februar 2020 diskutierte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) eine seit Jahren schwelende Debatte: den ärztlich assistierten Suizid. War dieser jahrzehntelang straffrei, führte eine Gesetzesänderung 2015 zu einer Rechtslage, die Ärzte, die mehr als einmal Suizidassistenz leisten, kriminalisierte. Inzwischen steht fest, dass der dafür verantwortliche Paragraf 217 des Strafgesetzbuches verfassungswidrig ist. »Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die in Wahrnehmung dieses Rechts getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren«, begründete das BVerfG seine Entscheidung. Mit grünen Kärtchen konnten die Zuschauer im Fritz-Remond-Theater die Richtigkeit dieser Entscheidung bejahen, mit roten verneinen. Bei der Uraufführung von »Gott« im November 2020 stimmten 71 Prozent mit Ja, 29 Prozent mit Nein. Im Fritz-Remond-Theater stimmte ebenso eine Mehrheit mit Ja.()

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