Das Leben schreiben

Erinnerung: »Jetzt und Einst« schreibt Biografien und Unternehmensgeschichten - Historisch nachprüfbare Fakten treffen auf privates Geschichtsbild

Würzburg
4 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Clemens Tangerding hat »Jetzt und Einst« gegründet, das Biografien und Firmengeschichten professionell aufarbeitet.
Foto: privat
Raus aus der Heimat mit allem, was man tragen kann: So ging es nach dem Zweiten Weltkrieg Tausenden Deutschen. Manche erzählen ständig, andere nie von ihren Erlebnissen. Der Würzburger Historiker Clemens Tangerding schreibt sie auf – und stellt sie in den historischen Kontext.
Foto: dpa
Keine vier Jahre ist Karin Heckendorf alt, als ihr Vater stirbt. Was ist ihr von ihm geblieben? Sie hat Bilder im Kopf, nichts Konkretes. 66 Jahre ist der Vater nun schon tot. Sie klingt gepresst, wenn sie darüber spricht. So viel Zeit ist vergangen, und trotzdem ist es schwer.
Vielleicht auch, weil sie nur Wochen später auch ihre Heimat verliert; aus dem Elternhaus in Danzig wird die Familie - Mutter und vier Kinder - vertrieben. Kehrt zurück, muss wieder fort. Drei Mal. Dann ist der Abschied endgültig, der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Heute lebt Karin Heckendorf in Würzburg.
Das Leben hat damals zahllose Geschichten wie die ihre geschrieben. Zu Papier gebracht sind wenige. Manche wollten nie wieder über das Erlebte reden, anderen hörte keiner zu. Und oft fehlt und fehlte für eine Aufarbeitung, eine professionelle womöglich, Wissen und Sprache.
Leben aufschreiben als Beruf
Clemens Tangerding aus Berlin hat beides und, fast wichtiger noch, einen objektiven Blick auf die Vergangenheit dazu; Leben aufzuschreiben hat der 34-Jährige zu seinem Beruf gemacht. Auch Karin Heckendorfs so kurze preußische Kindheit, die sie prägt bis heute, hat er aufgearbeitet. »Ich bin der festen Überzeugung, dass Geschichte Relevanz für den Alltag hat«, sagt der Historiker und Journalist mit Wurzeln in Würzburg.
Als Historiker kennt er sich aus mit dem Studieren von Dokumenten und damit, Quellen aufzuspüren und zu interpretieren. Als Journalist weiß er darum, Worte zu wählen für Sensibles, Schmerzhaftes und Schönes - eben für das, was Schicksale ausmacht. Karin Heckendorf hat er mit seiner Arbeit ein Stückweit den Vater zurückgebracht, so sieht es die 70-Jährige. »Zum Beispiel habe ich über die Regimenter meines Vaters nichts gewusst. Meine Mutter hat wenig erzählt.« Dokumente wie den Wehrpass stöberte Tangerding in Archiven auf.
Bei seiner Arbeit verbindet er historisches Interesse - sein Steckenpferd ist die Zeit Napoleons - mit wissenschaftlichem Wissen aus Studium und Promotion. Es habe ihn gestört, sagt er, dass »wir an der Universität ständig Ergebnisse erzielt haben ohne mit ihnen etwas zu machen.«
Erinnerungen und Fakten
Also gründete er vor gut einem Jahr »Jetzt und Einst«, das das private Geschichtsbild der Kunden mit historisch überprüfbaren Fakten konfrontiert, sie ergänzt und eine Geschichte daraus macht, die sich ein wenig liest wie ein Roman. Bloß, dass das Leben keine Fiktion ist, und dass sie nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist. Allerdings betont Clemens Tangerding: »Es kommt nicht darauf an, dass Geschichte geschrieben, sondern dass sie gelesen wird.« So sei eine Biografie spannend für Kinder und Enkel, eine Firmengeschichte für die Mitarbeiter. »Denn Geschichte hat immer mit Menschen zu tun.«
Die Zeit, die die Arbeit umfasst, ist oft klar umrissen, denn sagt Clemens Tangerding: »Oft ist ein Ausschnitt eines Lebens interessant, nicht unbedingt die gesamte Biografie.« Anders bei Orts- und Firmengeschichten, hier gilt es, möglichst umfassend vorzugehen.
Ganz neu ist die Geschäftsidee nicht, das behauptet der Historiker auch nicht. Der Unterschied seiner Arbeit sei das Kriterium überprüfbarer Fakten: »Ich betreibe kein ›history marketing‹«, sagt der 34-Jährige. »Für mich ist es ganz wichtig, alle Quellen zu überprüfen und einzuarbeiten.« Sich mit seinen Ergebnissen auseinanderzusetzen, sei für die Kunden nicht immer einfach, sagt er. »Sie sind oft überrascht, weil sie ein gefestigtes Geschichtsbild hatten.« Das kann Karin Heckendorf bestätigen: »Manches ist erschreckend zu lesen, anderes schön.«
42 Seiten umfasst ihre Geschichte in Wort und mit historischen Fotos, die der Sohn ihr zum Geburtstag schenkte; ein Literaturverzeichnis ermuntert zum privaten Weiterlesen. »Das ist sehr gut. Aber es könnte noch ausführlicher sein«, findet Karin Heckendorf, und eigentlich spricht dieser Wunsch für die Arbeit des Historikers.
Vorangegangen waren - der übliche Weg bei »Jetzt und Einst« - mehrere Vorgespräche am Telefon und ein persönliches Interview. »Im Anschluss erstellen wir einen Stammbaum, tragen Daten zusammen, kontaktieren dann im Durchschnitt ein Dutzend Archive im In- und Ausland und rekonstruieren Ereignisse auch mit Hilfe der Forschungsliteratur«, erläutert Clemens Tangerding. Sei zum Beispiel bekannt, wo die Vorfahren im Krieg gekämpft hätten, ließen sich Kampfverlauf und Schicksale der Soldaten gut nachvollziehen. Das gilt nicht nur für den Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Drei bis vier Wochen dauere es, bis eine Arbeit von 40 bis 50 Seiten erstellt sei. Und was kostet sie? »Es ist sicher ein Luxusprodukt«, sagt Clemens Tangerding. Ein kleinerer Auftrag komme auf 2000 bis 3000 Euro, ein größerer, für den mehrere Jahrzehnte zu dokumentieren sind, auf bis zu 8000 Euro. »Vorab wird ein Zeitvolumen und ein Budget als Festpreis vereinbart.« Bei größeren Aufträgen könne das Honorar aber auch zweistellig werden.
Kontakte nach Polen
Und was ist, wenn die Protagonisten der Geschichte bereits tot sind, Eltern zum Beispiel, die vertrieben wurden? »Unmöglich macht es die Arbeit nicht«, sagt Clemens Tangerding. Schwierig werde es aber bei zu rudimentären Angaben. Den in die USA ausgewanderten Vorfahr von Karin Heckendorf hat er nicht gefunden. »Er hat einen Allerweltsnamen und wir wissen nur, dass er emigriert ist. Das ist zu wenig.«
»Wir« sind er und seine Mitarbeiterinnen Anika Stockmann und Domonika Golla, die polnisch spricht. »Das ist enorm wichtig, denn vor allem Vertriebene beschäftigen sich mit ihrer Vergangenheit. Viele Dokumente liegen in Polen, da kommen wir schneller voran, wenn wir Anfragen auf Polnisch an Behörden stellen können«, sagt Clemens Tangerding. Eben daran war Karin Heckendorf gescheitert, als sie einst versucht hatte, etwas über das Leben ihrer Familie bei Danzig herauszufinden. Latein ja, englisch, deutsch sowieso - aber polnisch? Jetzt hat »Jetzt und Einst« ihr einen Zugang geöffnet, der einst verschlossen war. Susanne von Mach
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!