Zugabe: Kunst verstehen

Warum eigentlich muss Kunst unverständlich präsentiert werden, um sie zu würdigen?

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Eine Installation, die nur im KunstLANDing Aschaffenburg zu sehen sein wird: Rita Rohlfing, Achim Zeman
Eine Installation, die nur im KunstLANDing Aschaffenburg zu sehen sein wird: Rita Rohlfing, Achim Zeman
Foto: KunstLANDing
Die neue Ausgabe des Fachmagazins »Politik & Kultur« des Deutschen Kulturrats kam am Donnerstag auf den Schreibtisch, einer der Beiträge ist getitelt mit »Herkunft braucht Zukunft – Kann die Metamorphose von Kulturinstitutionen gelingen?« Klingt zunächst interessant, der Text besteht aus Sätzen wie »Gelingen kann der Transformationsprozess nur in einer schrittweisen, allerdings zügigen und lernenden Reformpraxis, die Kollaboration in wilden Allianzen voraussetzt.«


Alles transformiert?
Mit viel Mühe und Glück lässt sich erschließen, dass die Autorin für eine Kultur und eine Kunst wirbt, die sich aus dem Elfenbeinturm bildungsbürgerlichen Denkens befreit – also: Kultur und Kunst sind nicht für Eliten, sondern für Alle. Könnte man ganz einfach so schreiben, klingt dann aber wohl fürchterlich banal. Und wer möchte schon derart gesehen werden, gerade mit dem Anspruch, das Große und Hehre zu repräsentieren?

Lasst uns unverkopft sein
An diesem Freitag ist Vorbesichtigung der neuen Ausstellung im Aschaffenburger Kunstlanding. Eine Schau, auf die ich mich freue – bis ich in die Lebensläufe der vier beitragenden Kunstschaffenden hineinlese. Da steht etwa geschrieben: »Diese Kunst ist nicht verkopft, so eine Aussage, die alles andere als simpel ist. Denn damit konfrontiert entdecken wir, dass unser Nachdenken über Kunst immer sehr beschränkt intellektuell ist. Wir neigen ja dazu, Kunstwerke, die auf eine sinnliche Erfahrung zielen, negativ zu bewerten – oder mit viel Lacan und Poststrukturalisten zu verpacken –, aber wir sollten uns trauen, die Wertigkeit umzudrehen.«
Unverkopft genug?
Möglicherweise ließe sich auch einfach sagen, dass einem Menschen eine bestimmte Kunst gefällt, eine andere gar nicht – und mit einer dritten weiß er nichts anzufangen. Dieses Gefallen kann rein gefühlsbedingt sein, das kann das Anerkennen der handwerklichen Perfektion sein, das kann die Freude über Ästhetik und – durchaus eine subjektive Wahrnehmung – »Schönheit« sein. All dies sollten wir unbedingt zulassen, um für sich selbst die Bedeutung von Kunst zu erkennen statt – wie es ja zweifellos erster Gedanke der meisten Bundesbürger ist – beim Blick auf Kunst sofort die Schnittstelle zu »Lacan und Poststrukturalisten« zu suchen.

Der dezidierte Blick bitte!
Ach ja, nach zwei Jahren der Pandemie ist es schlicht und einfach nur schön, wieder mehr Musik, mehr Theater, mehr Kleinkunst auf Bühnen zu erleben, bei Museums- und Ausstellungsbesuchen nicht jeden Tag nach den Öffnungszeiten suchen zu müssen.
Aber bitte, verstehen Sie mich nicht falsch: Ich plappere das nicht einfach so daher, sondern äußere das mit dem dezidierten Blick des geborenen Poststrukturalisten. Denn selbstverständlich will ich mich ja an Kunst nicht wie ein Kind erfreuen, sondern das Symbolische, Signifikante, Imaginäre erfassen. So viel Transformation muss schon sein.

Stefan Reis

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