Bizarrer Kampf-Tanz zu Barock-Gesang

Tanztheater: »Der Eindringling - Eine Autopsie« von Helena Waldmann im Aschaffenburger Stadttheater - Fremdenhass analysiert

Aschaffenburg
2 Min.

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Unter die Haut gehend: »Der Eindringling - Eine Autopsie« im Stadttheater Aschaffenburg. Foto: Simon Eymann
Foto: Simon Eymann

Warum töten Menschen andere wehrlose Menschen, nur weil sie sie nicht kennen? Die irrationalen archaischen Unterströmungen des Fremdenhasses legt das Tanztheater »Der Eindringling - Eine Autopsie« von Helena Waldmann und ecotopia dance productions frei. Am Donnerstag hat das ungemein dichte einstündige Stück rund 250 Zuschauer im Stadttheater sichtlich berührt und ist am Schluss mit minutenlangem Beifall gefeiert worden.

Das Konzept ging unter die Haut: Drei Tänzer, gestählt in asiatischer Kampfkunst, und ein Sänger, der die ganze Bandbreite von der barocken Countertenor-Arie bis zum hart skandierenden modernen Sprechgesang meisterhaft beherrschte, schufen rasant bewegte Szenen zum Thema Ausgrenzung und Gewalt. Deren Schärfe und Brutalität traf direkt ins limbische System des Zuschauers und Zuhörers.

Fast feminine Zartheit

Der »Eindringling« war in seiner androgynen, fast femininen Zartheit alles andere als ein Aggressor. Die muskelbepackten »Verteidiger« hingegen schreckten vor Grausamkeit nicht zurück. Nur kurz durfte sich der »Eindringling« in seiner betörend schönen tänzerischen Anmut vorstellen. Ein Schlag traf ihn von hinten, und als er sich mühsam wieder erhob, folgte die nächste Attacke. Sich auf dem Boden vorwärts tastend stieß der Misshandelte an eine unsichtbare Wand. Sein schüchternes »Hallo« wurde mit einem Fußtritt beantwortet.

Holografische Ventilatoren

Mit holografischen Ventilatoren - Regisseurin Waldmann hat sie aus Asien mitgebracht, wo sie derzeit als letzter Schrei in der Werbung überall präsent sind - zeigten die »Verteidiger«, was sie vom »Eindringling« hielten. »Selber schuld« flammte in rotierender roter Schrift auf den waffenähnlichen Geräten auf, während der Sänger ein herzzerreißendes Klagelied auf den am Boden Kauernden anstimmte.

Dieser entdeckte schließlich, dass er sich schützen konnte, indem er sich ein riesiges rechteckiges Schlagabwehr-Kissen vor Brust und Bauch in Hemd und Hose stopfte. Unangreifbar, aber auch ziemlich lahmgelegt, ließ er sich von den ratlosen Aggressoren wegtragen.

Der bizarre Kung Fu-Kampf und das Tango-Turnier der seltsamen Art trieben optisch auf die Spitze, was Menschen an Schutzmechanismen gegen - oft zu Unrecht unterstellte - Kränkungen und Verletzungen aufbieten. Nach jedem schmerzhaften Schlag, den sie kassierten, legten die Kämpfer Stück für Stück Sperriges an: dicke Schaumstoffpolster und Pratzen, wie sie beim Kampfsporttraining benutzt werden, gepolsterte Helme und Sumo-Ringer-Schutzgürtel. Immer uneleganter und lächerlicher wirkt das Arsenal, das den Gegner auf Abstand halten sollte und jede zärtliche Berührung im Keim erstickte - die doch eigentlich zum Wesen des Tangos gehört.

Den weiteren Szenen Sinn abgewinnen konnte man allerdings nur mit Blick ins Programm. Dort wurde der Untertitel »Eine Autopsie« erklärt und die Rolle der Videobilder auf den holografischen Ventilatoren. Es sind Aufnahmen aus dem Innern von menschlichen Körpern, in denen es nur so wimmelt von »Eindringlingen« in Form von Bakterien und Viren. Unterhaltsam, wenn auch in beunruhigend grotesker Schärfe, wurde es am Schluss, als sich ein (Spielzeug-)Riesenkrake als weiterer Eindringling dazugesellte. Die Pantomime steigerte sich zu rabenschwarzer Beklemmung, als der androgyne Tänzer sich die Stoffarme in Hemd und Hose stopfte und als unförmiges Monster auf dem Boden zappelte. Die zutiefst entsetzten und angeekelten »Verteidiger« schlugen es mit einem lauten Knall tot. Das Publikum brauchte einen tiefen Atemzug, um sich aus der Schockstarre zu lösen und in frenetischen Beifall auszubrechen.

Hintergrund: Die Akteure von »Der Eindringling«

Konzept und Regie des Tanztheaters »Der Eindringling« stammen von Helena Wildmann, die derzeit am Center of Competence for Theater der Universität Leipzig als Gastprofessorin lehrt. Die ausführenden Tänzer sind der in Indonesien geborene Tillmann Becker und der Italiener Mattia Saracino als »Verteidiger« und der Japaner Ichiro Sugae als »Eindringling«. Die musikalische Leitung hat Jayrope. Das Video stammt von Anna Saup, die holografische Projektion von Michael Saup. Verantwortlich für die Kostüme sind Judith Adam und Nora Scheve. Training und Beratung bei der Kampfkunst leistete Aljoscha Tursan. (mel)

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