»Aus einer sicheren Warte Abenteuer erleben«

Beate Sauer: Die aus Glattbach stammende Schriftstellerin über das Mittelalter und dessen Faszination - Neuer Roman »Die Schwertkämpferin«

Aschaffenburg
6 Min.

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Wie kein ein anderes literarisches Genre boomen historische - und hier vor allem im Mittelalter handelnde - Romane. Zu den Stars der Szene hat sich die aus Glattbach stammende Beate Sauer aufgeschwungen: Ihre Bücher schaffen regelmäßig den Sprung in die Bestsellerlisten. Nun hat die Autorin mit »Die Schwertkämpferin« ein neues Epos veröffentlicht. Mit Beate Sauer sprach Stefan Reis.

Sie zählen zu den wenigen Schriftstellerinnen im Genre der historischen Romane, die in den Zeiten springen: von Germanien um 100 nach Christus »Der Geschmack der Tollkirsche« über Byzanz um 1000 in »Der Stern der Theophanu« zu 1250 in Sizilien nun in »Die Schwertkämpferin«.
Ich schreibe über die Zeiten, die mich interessieren - die Römerzeit und das Mittelalter. Es wird demnächst auch die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sein: ebenfalls eine Zeit, die sich sehr spannend finde.
Ich mag das Mittelalter sehr gerne. Aber ich merke auch auch, dass ich immer wieder mal eine andere Epoche für Geschichten nehmen muss, um mein Interesse daran wach zu halten.

In »Die Schwertkämpferin« danken Sie der Schriftstellerin Mila Lippke, die explizit Kriminalromane an der Schwelle zum 20. Jahrhundert schreibt. Hat sie Sie für diese Zeit inspiriert?
Mila und ich kennen uns über die Autorinnenvereinigung »Mörderische Schwestern«, wir unterhalten uns auch über die von uns bevorzugten Epochen, in denen unsere Romane handeln. Dass ich aber die wilhelminisch-viktorianische Epoche als Kulisse anpeile, geschieht unabhängig von Mila Lippke.

Vor elf Jahren haben Sie mit »Der Heilige in deiner Mitte« in der Gegenwart begonnen.
Momentan finde ich für mich persönlich in der bundesdeutschen Gegenwart nichts, das mich wirklich zu einem Kriminalroman inspiriert.
»Der Heilige in deiner Mitte« ist insofern ein Sonderfall, als er im Kirchenmilieu spielt und weil ich hier etwas schräg-exzentrisch erzählen konnte.

Was fasziniert Sie am Mittelalter?
Ich finde die Person Friedrich II. interessant, obwohl ich ihn als Mensch nicht mag. Als Person ist Friedrich sehr zwiespältig: Auf der einen Seite war er anderen Religionen gegenüber äußerst tolerant, auf der anderen Seite war er dem Christentum gegenüber sehr hartherzig - in seiner Regentschaft wurden ja die Ketzergesetze verschärft. Interessant als Herrscherpersönlichkeiten finde ich auch die Ottonen, die in »Der Stern der Theophanu« vorkommen. Mit den Habsburgern erlischt mein Interesse, die finde ich - ganz subjektiv - langweilig.
Das Mittelalter fasziniert mich als archaische und zugleich sinnliche Zeit. Heutzutage ist uns der Kontakt zu Dingen verloren gegangen, wir arbeiten ja kaum noch mit den Händen, nehmen auch kaum mehr die natürliche Gerüche unserer Umwelt - von Pflanzen beispielsweise - wahr.

Ist das nicht ein Widerspruch zu unserer Vorstellung vom Mittelalter als düstere Epoche der die Inquisition?
Das Mittelalter ist ja keine durchgängig gleichförmige Epoche. Wir verbinden mit der Vorstellung einer dunklen Zeit vor allem den Hexenwahn - aber wir müssen natürlich auch sehen, dass es im Mittelalter zunächst nur vereinzelt Verfolgungen von Menschen gab, die der Zauberei - also der okkulten Künste - verdächtig waren.
Der Massenwahn entstand erst im 16. und 17. Jahrhundert - zu einer Zeit, die wir heute als Aufklärung bezeichnen.

Hätten Sie gerne im Mittelalter gelebt?
Eindeutig: Nein.

Sie empfinden aber den sinnlichen Aspekt der Zeit als angenehm.
Man muss unterscheiden zwischen den Geschichten, die ich schreibe, und der sozialen Wirklichkeit.
Als Schriftstellerin kann ich eine Person im Mittelalter in eine ganz schwierige Lage mit größtmöglichem Druck zu versetzen - am eigenen Leib und an der eigenen Seele aber möchte ich diese Situationen nicht erleben. Ganz nebenbei schätze ich doch auch so neuzeitliche Bequemlichkeiten wie Zentralheizung und fließendes kaltes und warmes Wasser.
Sicher: Wir erleben in der Moderne eine andere Form von Druck - Zeitdruck beispielsweise. Da kann ich mir schon vorstellen, dass eine gut situierte Bürgersfrau des Mittelalters in einer reichen Stadt sehr gut leben konnte. Aber: Das war wohl auch eher die Ausnahme in der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Mittelalters. Eher blieb einem da das Leben als Magd oder Bäuerin - und da blieb sicherlich keine Zeit für Muße.

Dieser Aspekt scheint aber ausgeblendet zu werden: Das Mittelalter als Freizeit- und wirtschaftlicher Aspekt boomt in der Musik, mit Märkten, im Film: Wenn zehn Millionen Fernsehzuschauer die »Wanderhure« schauen, dann übt der Begriff »Mittelalter« ja eine unglaubliche Faszination aus.
Ja, wegen dieses Fremden, Archaischen, das wir in unserem Alltag nicht mehr erleben. Wir können aus einer recht sicheren Warte Abenteuer erleben oder miterleben.

In »Die Schwertkämpferin« erleben Ihre Helden ja sogar Abenteuer, die Sie durch das Zusammentreffen von vollkommen fremden Kulturen ermöglichen. In dem Attentats-Komplott gegen Friedrich II. schaltet sich sogar eine Truppe ein, die wie Ninja-Krieger fernöstliche Kampfphilosophien einsetzt. Hat Sie da Ihr eigenes Philosophiestudium inspiriert?
Die eigentliche Inspiration kommt von dem Kinofilm »Die Bourne Identität«, in dem ein aus dem Meer gefischter Mensch entdeckt, welch außergewöhnliche Fähigkeiten er hat. Ich finde diese Figur sehr spannend: Sie weiß nicht, woher sie kommt, warum sie diese Fähigkeiten besitzt.
Ich hatte Lust, genau diese Fragestellungen auf eine Frau zu übertragen und mit einer mittelalterlichen Figur zu verbinden. Die Geschichte habe ich etwa zwei Jahre mit mir herum getragen und bin beim zufälligen Blättern in einer Illustrierte auf diese legendenumwobene Selbstmord-Attentäter der Assassinen gestoßen.
Das passte genau in meine Handlung: Kämpfer einzubinden, die über Fähigkeiten verfügten, die in der christlichen Hemisphäre des Mittelalters so nicht bekannt waren - die aber durchaus als Handelnde auftreten können. Schließlich gab es um die von mir dargestellte Zeit um 1245/50 schon ausgedehnte Handelsbeziehungen bis in den Fernen Osten. Also ist es nicht auszuschließen, dass solche Krieger im Herrschaftsbereich Friedrich II. aktiv gewesen sein könnten.
Recherchieren Sie solche fiktiven Möglichkeiten?
Nein. Ich gehe hier einfach vom bekannten Wissen - den bestehenden Handelskontakten - aus und unterstelle, dass es so hätte sein können … Der Gedanke gefällt mir und deshalb verwende ich ihn. Selbst wenn im Assassinen-Beispiel der »Schwertkämpferin« belegt wäre, dass dies eine historische Unmöglichkeit ist: Ich hätte mir die Freiheit dazu genommen.
Anders ist das bei bestimmten historischen Zeitenläufen, da halte ich mich an die Wirklichkeit: Die Inquisition hat es um 1250 bereits gegeben, deshalb greife ich sie auf. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass dies nicht allgemein bekannt ist und deshalb Leser von »Die Schwertkämpferin« zunächst irritiert …
… weil wir die Inquisition gemeinhin mit der spanischen des 14. bis 16. Jahrhunderts gleichsetzen.
Genau. Aber die ist nur ein Teilaspekt.

Die schriftstellerische Freiheit ist also ein Vehikel zu Steigern der Spannung.
Sicherlich. Die handelnden Figuren werden zu Helden, weil sie über Möglichkeiten und Fähigkeiten verfügen, die wir Normal-Menschen nicht haben. Deshalb werden ja Geschichten erzählt: Der Leser taucht in faszinierende Welten ein.

Variieren Sie deshalb auch die Orte Ihrer Handlungen. Viele Schriftsteller, gerade im Mittelalter-Genre, sind sehr ortstreu. Sie dagegen verlegen Ihre Handlungen nach Germanien, ins Rheinland, nach Sizilien, Byzanz … »Die Schwertkämpferin« könnte allerdings ohne weiteres auch im eigentlichen Reichsgebiet Friedrich II. handeln.
Dann hätte ich allerdings das Problem bekommen, dass innerhalb eines überschaubar großen Raums und im Abstand von wenigen Jahren zwei außergewöhnliche Frauen auftreten: zunächst die Buchmalerin, dann die Schwertkämpferin. So viel Nähe wollte ich nicht.

Aber warum nun Sizilien?
Weil Friedrich II. in dieser Phase seines Lebens ohnehin nicht mehr im Norden seines Reichs, also in Deutschland, war.

Aber auch nicht in Sizilien.
Der Roman »Die Schwertkämpferin« handelt ja von einem Attentat auf Friedrich II. Ich wollte diese Handlung in einen isolierten Raum legen, da biete sich eine Insel an. Zudem kann es durchaus sein, dass Friedrich zum Handlungszeitpunkt des Romans auf der Insel war: In offiziellen Quellen finden wir ja nur die offizielle Lesart - wenn er sich für einige Monate in Melancholie nach Sizilien zurück gezogen hat, dann wurde das sicher nicht in Dokumenten verewigt.
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