Auf den Hund gekommen

Sprechtheater: Sechs junge Schauspielschüler spielen in Verena Güntners »Power« im Kammerspiel Frankfurt

FRANKFURT
2 Min.

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Amaru Albancando, Lenz Moretti und Philipp Alexej Voigtländer (von links) spielen neben anderen in »Power« im Kammerspiel Frankfurt die Jugendlichen, die sich in den Wald zurückziehen und dort verwildern - um sich der Erwachsenenwelt zu entziehen. Foto: Robert Schittko
Foto: Robert Schittko
Ein düs­te­res Mär­chen. Ei­nes, das kei­nes ist - son­dern ei­ne ver­stö­ren­de Ge­schich­te von sechs Ju­gend­li­chen, die nach ei­nem ver­lo­re­nen Hund su­chen und da­bei er­wach­sen wer­den. Die sich in den Wald zu­rück­zie­hen und dort im­mer mehr ver­wil­dern. Im­mer mehr zu Hun­den, zu Tie­ren wer­den.

Denn in dieser Unverstelltheit, in dieser Echtheit finden sie sich wieder. Nicht in der kaprizierten, gestelzten und falschen Erwachsenenwelt ihres Dorfes, dem sie eines Tages den Rücken kehren. Ganz bewusst, um nicht so zu werden wie ihre Eltern. Die Alkoholiker. Die Schläger. Die Perspektivlosen.

Wie eine Rattenfängerin

»Power« ist ein Roman von Verena Güntner, 2020 erschienen. Der Regisseur, Musiker, Autor Markolf Naujoks hat den Roman im Frankfurter Kammerspiel auf die Bühne gebracht. Es ist ein 90-minütiger Abend, der fesselt und in seinen Bann zieht. Entziehen kann man sich der beklemmenden Stimmung nur schlecht. Auch wenn das Theaterstück so harmlos beginnt. Eine Elfjährige namens Kerze verspricht, nach Frau Hitschkes kleinem weißen Hund Power zu suchen. Bei der Suche sollen ihr ihre Freunde und alle Jugendlichen ihres Dorfes helfen. Wie eine Rattenfängerin sammelt sie alle Mädchen und Jungen ein und zieht mit ihnen in den Wald, wo sie fortan alle leben. Um den Hund zu finden, trainieren sie sich Hundeverhalten an.

Es spielen sechs Studierende der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die am Studiojahr Schauspiel teilnehmen. Amaru Albancando, Abdul Aziz Al Khayat, Luise Pauline Ehl, Lenz Moretti, Toni Pitschmann und Philipp Alexej Voigtländer sind keine Rollen zugeordnet. Alle sind mal Kerze, Jungen spielen Mädchen - und wenn sie Frau Hitschke sind, setzen sie sich einfach einen Schleierhut auf.

Suche nach den Kindern

Und während die Jugendlichen bewusst eine Distanz zwischen sich und der Erwachsenenwelt legen, geht das Leben im Dorf weiter. Die Erwachsenen suchen nach den verschwundenen Kindern. Finden sie und versuchen, sie wieder nach Hause zu holen - vergeblich. Hilflos, verzweifelt erscheinen sie unter den brüchig gewordenen Konventionen und bar jeder Manieren plötzlich selbst wie wilde Tiere, die aufeinander losgehen und sich zerfleischen. Auf dem Gipfel der Machtlosigkeit jagen sie Frau Hitschke aus dem Ort. Denn einer muss ja schuld an dem ganzen Desaster sein.

Lebendig, schonungslos

»Power« ist ein Coming-of-Age-Drama der besonderen Art. Gespielt von den Schauspielschülern auf so lebendige und schonungslose Weise, dass man meint, mit ihnen zusammen die Qualen des Erwachsenwerdens zu durchleiden. Es ist ja nicht so, als hätte man sich nicht selbst einst genauso gefühlt. Und diese Erinnerung rufen sie auf einzigartige Weise wieder wach. Mit ihnen zusammen kommt man auf den Hund.

b»Power« (Dauer 100 Minuten ohne Pause): weitere Vorstellungen am 1. Juli, 20 Uhr, 3. Juli, 18 Uhr.

Zur Person: Verena Güntner hat »Power« geschrieben

Verena Güntner wurde 1978 in Ulm geboren. Die Schauspielerin und Schriftstellerin veröffentlichte 2014 mit »Es bringen« ihren ersten Roman. 2016 erhielt Verena Güntner ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2019 ein Stipendium der Kulturstiftung Thüringen. Ihr zweiter Roman »Power« war 2020 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Theaterregisseur und Musiker Markolf Naujoks hat den Roman als Uraufführung für die Bühne im Frankfurter Kammerspiel bearbeitet. 2021 wurde Güntner für »Power« der Förderpreis des Schubart-Literaturpreises zuerkannt. ()

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