Brazilian Jiu-Jitsu: Profi erklärt, warum die Kampfsportart einer Schachpartie gleicht

Lehrgang mit Marek Zbrog in Aschaffenburg

Aschaffenburg
3 Min.

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Kämpfer Marek Zbrog
Aschaffenburg, Kampfsportschule Arena: Brazilian-Jiu-Jitsu-Seminar mit dem polnischen Kämpfer Marek Zbrog (Schwarzgurt), der den Teilnehmern verschiedene Techniken zeigt.
Foto: Petra Reith
Marerk Zbrog (rechts im Bild) bringt Kampfsportschülern die Techniken des Brazilian Jiu-Jitsu nahe. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith
Zwei Män­ner rol­len eng um­sch­lun­gen über die Trai­nings­mat­te und bil­den ein Knäu­el aus Ar­men und Bei­nen. Sie blei­ben ei­ni­ge Se­kun­den re­gungs­los lie­gen, dann geht al­les ganz sch­nell: Der ei­ne schlägt ab, der an­de­re löst so­fort sei­nen Wür­ge­griff.

Kurze Zeit später kullern die beiden Athleten schon wieder verknotet über die Matte. In der Kampfsportschule Arena Aschaffenburg ist Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) angesagt. Ein Kampfsport, der sich meist am Boden abspielt (siehe Hintergrund).

Mit auf der Matte war am Donnerstag Erfolgssportler Marek Zbrog. Der 37-jährige Pole gab sein Wissen in einem Lehrgang an 24 Kampfsportschüler weiter. Zbrog ist zweifacher polnischer Meister in der Schwarzgurtklasse und hat bereits zweimal Bronze bei den Europameisterschaften der International Brazilian Jiu-Jitsu Federation (IBJJF) gewonnen. Im Interview mit unserem Medienhaus erklärt er, worauf es beim Brazilian Jiu-Jitsu ankommt und warum sich der Sport mit einer Partie Schach vergleichen lässt.

Was unterscheidet Brazilian Jiu-Jitsu von anderen Kampfsportarten?

Brazilian Jiu-Jitsu ermöglicht Menschen, körperlich überlegene Gegner zu kontrollieren. Der Fokus liegt auf der Kontrolle am Boden und darauf, den Gegner über Gelenkhebel und Würgegriffe zum Aufgeben zu zwingen. Man hat dann die Möglichkeit, durch Abklopfen den Kampf abzubrechen, bevor Verletzungen entstehen. Das klingt zwar brutal, ist aber tatsächlich weniger gefährlich als die meisten anderen Kampfsportarten, bei denen im Vollkontakt geschlagen und getreten wird.

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Brazilian-Jiu-Jitsu-Seminar mit dem polnischen Kämpfer Marek Zborg
Foto: Petra Reith |  29 Bilder

Was fasziniert Sie an der Kampfsportart?

Es ist sehr facettenreich und wird nie langweilig. Ich habe vor rund 17 Jahren damit angefangen und lerne noch immer bei jedem Training etwas dazu. Es gibt unzählige Techniken, die man perfektionieren und mit einem eigenen Stil verbinden kann. Die Grundlagen lernt man zwar schnell, die Feinheiten und Raffinessen müssen aber permanent in Wettkämpfen weiterentwickelt und erprobt werden. Das kann schon viel Zeit in Anspruch nehmen.

Für Außenstehende wirken die Techniken kompliziert. Ist es wichtig, den Gegner bewegungsunfähig zu machen, oder worauf kommt es an?

Nein, darum geht es nicht wirklich. Der Gegner kann ständig in Bewegung sein, das kostet aber viel Kraft und ist nicht immer von Vorteil. Viel wichtiger ist es, dass man schon vor dem Beginn eines Kampfes mit verschiedenen Techniken eine Strategie im Kopf entwickelt und dabei noch einen Trumpf im Ärmel hat, mit dem der Gegner nicht rechnet. Sobald der Kampf beginnt, sollte man den ersten Schritt machen und nicht auf eine Aktion des Kontrahenten warten. Wenn man selbst den Kampf bestimmt, kann der Gegner nur noch auf deine Bewegung reagieren und ist somit im Nachteil.

Ist die körperliche Fitness denn überhaupt entscheidend? Oder was macht aus Ihrer Sicht einen guten BJJ-Kämpfer aus?

Kraft und Athletik sind neben der Körpergröße sicherlich nicht unwichtig. Wenn man diese Voraussetzungen aber nicht mit einer hervorragenden Technik kombiniert, bringen sie einem nicht viel. Vom äußerlichen Erscheinungsbild sollte man sich ohnehin nie täuschen lassen. Ich habe bei Turnieren schon einige unscheinbare Kämpfer gesehen, die es richtig drauf haben, weil sie ganz genau wissen, wie sie ihren Körper einsetzen müssen.

Brazilian Jiu-Jitsu wird häufig als »Human Chess« - also als menschliches Schachspiel mit Kopf und Körper - bezeichnet. Warum?

Eine Partie Schach ist bestimmt komplizierter, aber der Vergleich passt ganz gut. Beim brasilianischen Jiu Jitsu ist mindestens ebenso viel strategisches Denken auf der Matte nötig ist wie beim Schachspiel vor dem Brett. Ich stelle mir häufig die Frage, welche Aktion oder welche Technik mein Gegner im Kampf als nächstes plant, damit ich ihm einen Schritt voraus sein kann. Bei Wettkämpfen ist der kleinste Fehler schon entscheidend und das Taktikwissen für den Erfolg ausschlaggebend. Jeder Bewegungsablauf und jede Position, in der man sich befindet, ist wie ein Schachzug, um den Gegner durch einen Hebel- oder Würgegriff schachmatt zu setzen.

 

Hintergrund: Die Kampfsportart Brazilian Jiu-Jitsu

Die Kampfsportart Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) ist eine Abwandlung und Weiterentwicklung der japanischen Kampfkünste Judo und Jiu-Jitsu. Die Techniken wurden von den brasilianischen Brüdern Carlos und Helio Gracie Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt.

Ziel der Sportart ist es, die gefährliche Schlag- und Trittdistanz des Gegners zu überwinden und den Kampf auf den Boden zu verlagern. Der am Boden liegende Gegner soll mit Hebel- oder Würgetechniken zur Aufgabe gebracht werden. Die Aufgabe wird auch als »Submission« bezeichnet. Hat dies nach Ablauf der Kampfzeit niemand erreicht, entscheidet der Punktestand über den Sieg. Je nach Wettbewerb dauert ein Kampf fünf bis zehn Minuten. Die Abstufung des Könnens wird ähnlich wie beim Judo durch die Gürtelfarbe eingeteilt. Je höher die Erfahrung ist, desto dunkler wird in der Regel der Gürtel - bis hin zum schwarzen Gürtel, dem Meistergrad (japanisch: Dan).
 
Unterschieden werden beim BJJ neben verschiedenen Gewichts- und Erfahrungs-Klassen zwei Diziplinen: Während in der Disziplin »Gi« ein Kimono getragen wird, werden »No Gi«-Kämpfe nur in Short und T-Shirt ausgetragen. Die No Gi-Disziplin lässt sich mit einem Ringkampf vergleichen, bei dem ohne den Kampfanzug Griffe wesentlich schwieriger anzubringen sind. Die International Brazilian Jiu-Jitsu Federation (IBJJF) ist der größte Sportverband im Brazilian Jiu-Jitsu. Der Verband richtet einige der größten BJJ-Turniere aus, darunter die Europa- und die Weltmeisterschaft. (mci)
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