Der Perfektionist hat noch lange nicht genug

Schießen: Rio-Olympiasieger Christian Reitz will auch in Tokio um Edelmetall kämpfen – Toller Start in die Weltcupsaison

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Gold medalist Christian Reitz of Germany celebrates during the medal ceremony of the 25m Rapid Fire Pistol Men's final in the Shooting events during the Rio 2016 Olympic Games at Olympic Shooting Centre in Rio de Janeiro, Brazil, 13 August 2016. Photo: Friso Gentsch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Bildunterschrift 2018-04-19 --> Strahlemann mit Goldmedaille: Christian Reitz nach seinem Olympiasieg in Rio. Foto: F. Gentsch (dpa)
Foto: Friso Gentsch
Christian Reitz of Germany during the 25m Rapid Fire Pistol Men's Qual-Stage 2 in the Shooting events during the Rio 2016 Olympic Games at Olympic Shooting Centre in Rio de Janeiro, Brazil, 13 August 2016. Photo: Friso Gentsch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Bildunterschrift 2018-04-19 --> Volle Konzentration: Christian Reitz während der Qualifikation bei den Olympischen Spielen in Rio. Foto: Friso Gentsch (dpa)
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Der Weg zum Olym­pia­sie­ger führt in den Kel­ler. »Es ist nicht ganz leicht zu fin­den«, hat­te Bun­des­trai­ner Det­lef Glenz schon bei der Ver­ab­re­dung zum In­ter­view ge­warnt. Und der Coach von Chris­ti­an Reitz hat nicht über­trie­ben. Ir­gend­wo in ei­nem Hin­ter­hof zwi­schen Schul­turn­hal­le und Leh­rer­park­platz geht es in Wies­ba­den nach un­ten.

»Hier können wir auf acht Anlagen gleichzeitig schießen, das gibt es sonst nirgendwo«, begründet Glenz die Tauchstation des Pistolen-Nationalkaders.

Im hessischen Keller bereitet sich auch der Olympiasieger von Rio 2016 auf die kommenden Weltcups, die WM und natürlich auf Tokio 2020 vor. Da will Christian Reitz seine dritte Olympia-Medaille holen, vielleicht auch mehr.

Beim Interview mit unserem Medienhaus an der frischen Luft erklärt der 30-jährige Sachse, wieso er für Kriftel in Hessen schießt, in Regensburg wohnt und trotz Weltrekord damals unzufrieden war.

Man findet Sie ganz tief unten im Keller. Die Wettkämpfe schießen Sie doch eigentlich an der frischen Luft.

(lacht) Ja, bei den Wettkämpfen schießen wir aus einer Art überdachten Garage ins Freie. Sobald das Wetter komplett mitspielt, gehen wir raus. Das war unser letzter Lehrgang in der Halle in diesem Jahr.

Der Weltcup-Auftakt in Mexiko war richtig stark.

Stimmt, die Saison hat gut angefangen mit drei Podestplätzen, eigentlich genau wie gewünscht.

Weil Sie nicht nur in Ihrer Spezialdisziplin auf dem Podium standen?

Genau. Ich habe noch Luftdruck geschossen und das Mixed mit meiner Frau Sandra. Das war so von langer Hand geplant, quasi ein Testlauf, denn Mixed ist in Tokio erstmals olympisch. In Mexiko haben wir gleich mal ein Zeichen gesetzt.

Sie wollen also mit Ihrer Frau nach Tokio?

Na klar, aber wir müssen uns erst qualifizieren. Wie gesagt, Mexiko war ein Ausrufezeichen und ein super Test für die kommende Saison. Dann werden die Quotenplätze für Olympia ausgeschossen. Wir können auch schon bei der WM in diesem Jahr die ersten Quotenplätze holen, dann wäre es 2019 etwas entspannter.

Und Olympia umso stressiger. Wie viele Wettkämpfe wollen sie in Tokio bestreiten?

Aktuell peile ich drei Disziplinen an. Schnellfeuer, Luftpistole und Mixed. Aber wir müssen abwarten, wie sich die Leistungen entwickeln. Eventuell macht es dann Sinn, sich auf eine Disziplin zu konzentrieren und in den anderen Disziplinen auch die Spezialisten starten zu lassen. Schaun wir mal.

Sie sind vom Polizeidienst freigestellt, können sich so komplett auf den Sport konzentrieren. Das hat vor Rio bereits bestens geklappt.

Na ja, es ist nicht so, dass ich nichts tue. Der Sport ist quasi mein Job. Ich komme locker auf meine 42-Stunden-Woche. Zu Saisonbeginn Kondition, Kraftausdauer, dann aktives Training am Schießstand, Regeneration, Psychologie und vieles mehr. Am Anfang meiner Freistellung hatte ich Sorgen, dass mir langweilig wird. Ich bin der Typ, der immer was zu tun haben muss. Jetzt merke ich, die Zeit ist oft viel zu kurz.

Wie lange wollen Sie noch Vollzeit-Schütze sein?

So lange ich auf diesem Niveau und mit dieser Intensität schießen kann, will ich das machen. Bis Tokio auf jeden Fall.

Wie sind Sie als Jugendlicher zum Schießen gekommen?

Eigentlich durch einen Wandertag in der Schule. Unsere Mittelschule in Löbau arbeitete eng mit den Vereinen zusammen. Und so wurde vorgeschlagen, mal zum Schießverein zu gehen. Besser als Schule haben wir alle gedacht und sind hingegangen. Ich habe es probiert, Spaß gefunden und auch relativ schnell Erfolg gehabt. Ganz viel habe ich meinem ersten Trainer Edmund Bader zu verdanken.

Sie kommen ursprünglich aus Sachsen, schießen für einen hessischen Verein im Taunus und wohnen in Regensburg. Erklären Sie mal, wie das alles zusammenpasst.

Angefangen habe ich in Löbau. 2005 bin ich dann nach Hessen gezogen, weil ich dort meine Ausbildung bei der Polizei begonnen habe. Und ein hessischer Beamter braucht auch einen hessischen Verein, deshalb schieße ich Bundesliga für Kriftel.

Die Wahl fiel Ihnen leicht, weil der Bundestrainer dort auch Vereinstrainer ist?

Genau. Detlef Glenz hat mich schon in der Juniorennationalmannschaft trainiert. Da war es logisch, dass ich für Kriftel schieße und bei meinem Trainer bleibe.

Und Regensburg?

Meine Frau kommt aus Hof und trainiert in Regensburg. Vor Olympia 2016 haben wir dann überlegt, ob ich nicht auch in Regensburg trainiere. Das ist ein größerer Verein, die Bedingungen sind gut. Der Bundestrainer hatte auch keine Bedenken, dass ich oft alleine trainiere. Deshalb Regensburg. Es hat ja auch nicht geschadet.

Auch weil Sie ein Perfektionist sind? Das haben sie nach Rio von sich behauptet.

Ja. Ich sage immer: Wenn man sich auf Erreichtem ausruht, geht man einen Schritt zurück. Ich bin immer sehr genau, fast schon penibel. In jedem Training. Mein Trainer weiß, dass ich in dieser Hinsicht schlimm bin, aber er findet es auch gut. So weiß er, dass er mich eine Zeit alleine trainieren lassen kann.

Muss ein Schütze nicht sowieso Perfektionist sein?

Es sind nicht alle Spitzenleute so. Aber unser Sport ist in dieser Hinsicht richtig fies. Es kommt darauf an, einen technischen Ablauf immer wieder so perfekt wie möglich abzurufen. Das geht aber gar nicht. Auch der perfekte Wettkampf ist eigentlich nicht möglich. Selbst wenn ich 600 von 600 möglichen Ringen schieße. Irgendetwas gibt es immer zu verbessern. Als ich 2008 in Mailand Weltrekord geschossen hatte, klopften mir alle auf die Schulter, aber ich war gar nicht richtig zufrieden, weil einige Dinge eben nicht optimal waren.

Erzählen Sie mal, wie war das in Rio? Hatten Sie mit einer Medaille gerechnet?

Man kann Erfolg nicht planen. Es können eigentlich alle, die bei Olympia dabei sind, super Ergebnisse schießen. Aber, sie müssen es an diesem Tag schießen. Es ist ganz viel Kopfsache, deswegen arbeiten wir auch mit einem Psychologen. In Rio war ich mir sicher, dass ich ins Finale komme. Ich wusste, dass ich konstant gute Vorkämpfe schieße. Und im Finale ist es auch immer ein bisschen Glück.

Sie waren Vorkampfbester, also der Gejagte.

Ganz viele mögen das überhaupt nicht. Ich schon. Ich stehe gerne ganz links in der Box, ich empfinde es als Vorteil und ich lege gerne vor. Mit einem super Anfang kann man dann richtig Druck aufbauen.

Was denkt man während eines olympischen Finales? Oder ist Denken eigentlich verboten?

Eigentlich sollte man den Kopf ausschalten, das geht aber nicht. Ich bin zum Beispiel jemand, der immer auf die Anzeigetafel schaut, wusste also immer wie es steht. Und irgendwann sieht man, man hat zwei Ringe Vorsprung, also reicht eine Vier. Ich konnte am Ende gar nicht glauben, dass die letzte Serie eine Fünf war, ich war mir sicher, es war eine Vier. So entspannt war ich.

Wir sitzen hier ganz gemütlich auf der Bank und reden, die Leute laufen vorbei. Keiner weiß, dass da ein Olympiasieger sitzt. Währen Sie 100-Meter-Olympiasieger oder Profi-Fußballer, gäbe es einen Volksauflauf. So nimmt niemand Notiz. Stört Sie das?

Es hat alles Vor- und Nachteile. Ich kann ganz entspannt irgendwo rumlaufen ohne behelligt zu werden. Das ist angenehm. Auf der anderen Seite ist es schade, dass Schießen nicht wenigstens einen Teil der Aufmerksamkeit genießt, wie andere Sportarten. Es läuft einfach viel über die Popularität und das Marketing, nicht unbedingt über die sportliche Leistung. Wir stehen alle vier Jahre im Fokus, weil wir immer die ersten Entscheidungen bei Olympia sind und oft die ersten Medaillen für Deutschland holen. Danach ist wieder Ebbe, auch bei den Sponsoren. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit wäre schon schön.

In London lief es gar nicht, in Rio gab es viele Medaillen für die deutschen Schützen. Warum war man 2016 so gut?

In London waren die Deutschen eigentlich nicht viel schwächer, sie hatten nur mehr Pech.

Wie meinen Sie das?

Wenn man nur die Finalteilnahmen betrachtet, gab es zwischen London und Rio kaum einen Unterschied. Das Entscheidende: In London gingen alle Finalteilnehmer am Ende leer aus, in Rio haben fast alle Finalteilnehmer auch eine Medaille geholt. Deshalb hatten wir nach London auch keine Selbstzweifel, haben nicht alles auf Teufel komm raus geändert. Es wurde an ein paar Stellschrauben gedreht und die Finalleistungen optimiert.

OLIVER BANACH
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