Montag, 30.11.2020
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»Da werden viele um ihre Existenz kämpfen«: Walter Haun über die Schließung fast aller Indoor-Sportstätten

Tennis
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Freitag, der 13., war in der Tat ein schwarzer Tag für alle Tennisbegeisterten. Das bayerische Gesundheitsministerium hat sehr kurzfristig beschlossen, dass fast alle Indoor-Sportstätten schließen müssen.

Diese Anordnung traf die Betreffenden unvorhergesehen. In dieses Verbot fallen auch alle Tennishallen in Bayern und dies sorgte aus vielerlei Gründen für Unverständnis, nicht nur beim Bayerischen Tennisverband, sondern bei allen von dieser Maßnahme Betroffenen.

Kein Spielbetieb in den Tennishallen - das sorgt bei den Aktiven in Bayern für Unverständnis und Verärgerung. Auch die sanierte Halle des TC Karlstein ist derzeit nicht nutzbar.
Foto: Harald Hufgard

Gerade der BTV hat die Maßnahmen der bayerischen Staatsregierung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sehr unterstützt und hat alles getan, um dem Infektionsschutz und damit auch der Möglichkeit zur Ausübung von Tennis Rechnung zu tragen. Dabei wurde stets der Gesundheit der ehrenamtlichen Vereinsfunktionäre, der Trainerinnen, Trainer, Spielerinnen und Spieler höchste Priorität eingeräumt.

Mein erster Gedanke war: Was ist denn jetzt passiert, das darf doch nicht wahr sein.

Die Nachricht am vergangenen Freitag war ein Schlag ins Kontor. Unsere Mitarbeiterin Margot Staab hat den Vorsitzenden des Tennisbezirks Unterfranken, Walter Haun, zu diesem Thema befragt.

Herr Haun, Sie wurden von der Entscheidung der bayerischen Staatsregierung, fast alle Indoor-Sportstätten zu schließen, am Freitag genauso kalt erwischt wie alle Tennisvereine im Bezirk. Was war Ihr erster Gedanke?
Haun: Mein erster Gedanke war: Was ist denn jetzt passiert, das darf doch wohl nicht wahr sein. Sind denn jetzt alle verrückt geworden.

Gerade im Tennisbereich ist diese Maßnahme überhaupt nicht nachvollziehbar. Auf einem Tennisplatz, der fast 24 Meter lang und beim Einzel über acht Meter breit ist. Hinzu befindet sich noch an jeder Grundlinie ein Auslauf von über sechs Metern. Und da darf jetzt keiner mehr zu zweit spielen? Das ist nicht nachvollziehbar. Mir kommt es schon fast wie eine Trotzreaktion der Regierung vor.

Diese Anordnung ist für Sportarten wie Tennis ein Schlag ins Gesicht.

Warum?
Haun: Weil ein Fitnessstudio-Betreiber dagegen geklagt hat, dass er seine Studios erneut schließen muss. Wenn in so einem Fall schon von Gleichbehandlung gegenüber anderen Sportarten gesprochen wird, dann muss ein Fitness-Studio auch nur zwei Leute reinlassen. So wie es beim Tennis eben die ganze Zeit auch war. Aber der Vergleich hinkt doch. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen und die Landesregierung hätte in dem Fall mehr Fingerspitzengefühl zeigen müssen. Diese Anordnung vom Freitag ist für Sportarten wie Tennis ein Schlag ins Gesicht.

Wie waren die ersten Reaktionen aus den Vereinen in Bezug erstens auf die Kurzfristigkeit der Schließungen der Tennishallen und zweitens die Schließungen generell?
Haun: Die meisten haben mit Bestürzung reagiert, aber es machte sich auch Zorn, Empörung und vor allem Unverständnis breit. Viele Hallenbetreiber können diese Hauruck-Entscheidung der bayerischen Landesregierung nicht verstehen.

Walter Haun
Foto: privat

Der BTV und die Vereine in den bayerischen Bezirken haben die Maßnahmen der bayerischen Regierung stets unterstützt und mitgetragen. Wie gehen die Verantwortlichen nun mit dieser Entscheidung um?
Haun: Ich beziehe mich auf das Schreiben vom BTV im Namen vom Präsidium und von allen Bezirken (nachzulesen auf der BTV-Homepage, Anm. d. Red.). Unser Präsident Helmut Schmidbauer sagte, dass wir von der bayerischen Staatsregierung fordern, dass nicht alle Sportarten wegen eines Einzelnen in Mithaftung genommen werden, sondern in der Beurteilung eine differenzierte Vorgehensweise nach den Kriterien des Infektionsschutzes erfolgt. Und das ist richtig.

Wie geht es jetzt weiter? Das Spiel im Freien ist auf Dauer keine Option, denn so ein tolles Wetter, wie wir es jetzt im November bisher hatten, ist nicht die Regel?
Haun: Richtig. Das ist eine Frage der Zeit, außer ein Verein hat einen Allwetterplatz. Ehrlich gesagt, wissen wir es im Moment nicht. Auf der einen Seite heißt es seitens der Regierung, dass es keine Trotzreaktion war, sondern es wäre in den nächsten Tagen eh verkündet worden. Aber mit welcher Begründung? Der Profisport, wie zum Beispiel die DFB-Nationalmannschaft hat am Samstag gespielt, obwohl es Corona-Verdachtsfälle beim Gegner gab. Und die kommen sich auf dem Platz nah. Im Tennis gibt es keinerlei Berührung. Selbst bei einem Doppel mit vier Leuten aus dem gleichen Haushalt ist auf dem Court Platz genug.

Was sind Ihre Befürchtungen von der finanziellen Seite für die Vereine - gerade für die, die eine eigene Tennishalle haben - wenn der Lockdown sich noch weiter fortsetzt?
Haun: Es wurde ja bereits die letzte Winterrunde wegen dem ersten Lockdown nicht zu Ende gespielt - und das bedeutete finanzielle Einbußen. Jetzt geht es wieder los: die Winter-Medenrunde wurde ausgesetzt, alle Turniere abgesagt. Der November fällt den Hallenbetreibern weg und im Dezember wird es sicher nicht besser. Das heißt, dass die Vereine mit sehr hohen Einnahmeverlusten rechnen müssen. Da werden viele um ihre Existenz kämpfen.

Wir befürchten, dass viele das Interesse am Tennis verlieren werden.

Und welche Auswirkungen könnte ein längerer Lockdown von der sportlichen Seite, also für die kommende Sommerrunde haben, wenn die Spieler und Spielerinnen eventuell den kompletten Winter nicht spielen dürfen?
Haun: Auch das wissen wir noch nicht. Aber wir befürchten, dass viele das Interesse am Tennis verlieren werden. Erwachsene, Jugendliche - ganz egal. Auch die, die vielleicht gerade erst ihre ersten Schritte im Tennis unternommen haben, brechen uns eventuell weg.

Und wenn nicht trainiert werden kann, dann hat das sicher Auswirkungen auf die Sommerrunde. Viele werden sagen, ich bin nicht trainiert, also spiele ich im Sommer nicht?
Haun: Vor allem, wie erklären wir es unserem Nachwuchs, wenn sie sich morgens in einen überfüllten Schulbus, in eine S- oder U-Bahn quetschen sollen und nachmittags dürfen sie ihren Sport nicht ausüben. Wo sollen sich die Leute denn auspowern, wo ihren Ausgleich zum Berufs- oder Schulleben finden? Wir haben 83 Millionen Einwohner. Die Mehrheit ist vernünftig. Es muss doch eine andere Lösung geben, als diese.

Zur Person: Walter Haun

Walter Haun ist dem Tennis seit 1979 als Spieler und in diversen Ehrenämtern verbunden. Jahrelang war er Sportwart beim TC Viktoria Schönbusch Aschaffenburg und in dieser Eigenschaft hat er die Fusion mit dem TC Bayern Aschaffenburg zum heutigen TC Schönbusch Aschaffenburg in die Wege geleitet und mitbegleitet. Beim TC Schönbusch Aschaffenburg war er vier Jahre lang Manager und Coach der Herren 30 in der 1. Bundesliga. Von 1997 bis 1998 war er Seniorensportwart im Bezirk Unterfranken, von 1998 bis 2012 Bezirkssportwart Unterfranken. 2003 bis 2012 wurde er stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bezirks und seit 2012 fungiert er als Bezirksvorsitzender. 

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