Mittwoch, 19.06.2019

Mit Raffinesse und Harzer Käse zur Bestleistung? Kraftdreikämpfer Max Lochschmidt aus Klingenberg startet bei EM

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Max Lochschmidt (AC Germania Schweinheim) Bildunterschrift 2019-03-14 --> Max Lochschmidt bei seiner Paradedisziplin, dem Kreuzheben. Foto: Verein Bildunterschrift 2019-05-03 --> Max Lochschmidt bei seiner Paradedisziplin, dem Kreuzheben. Foto (Archiv): AC Germania Schweinheim
Foto: verein

Die Zah­len der welt­weit an­ge­mel­de­ten Ath­le­ten: 650 000 im Jahr 2008, 875 000 im Jahr 2013 und im Jahr 2018 be­reits 1,2 Mil­lio­nen, ver­teilt auf al­le fünf Kon­ti­nen­te, da­von 600 000 in Eu­ro­pa: Kei­ne Fra­ge, der Kraft­d­rei­kampf (Po­wer­lif­ting) ist ein boo­men­de Sport­art. Ei­ner von ih­nen ist Max Loch­sch­midt (Por­trät­fo­to: Stei­ger­wald).

Der für den AC Germania Schweinheim startende Klingenberger tritt an diesem Freitag bei den Europameisterschaften an, die, wie im Vorjahr, im tschechischen Pilsen ausgetragen werden.

Dritter war er 2018, hob und drückte dabei ein Gesamtergebnis (»Total«) von 840 Kilogramm. Obwohl er dieses Resultat heuer klar übertreffen dürfte, setzt er sich als Ziel »mit Glück Platz fünf« unter den 14 Teilnehmern in seiner Gewichtsklasse. Und das ist auch die Erklärung dafür: Während er im Vorjahr, 86, 87 kg wiegend, noch auf 83 kg »abkochte«, startet er 2019 auf Anraten von Bundestrainer Dietmar Wolf in der nächsthöheren Gewichtsklasse bis 93 kg - satte zehn Kilo mehr. Derzeit bringt Lochschmidt so um die 89 kg auf die Waage; der weitere Muskelaufbau des Athleten, der nur noch circa elf Prozent Körperfett aufweist, geht nicht von heute auf morgen.

Langfristige Ziele des Oberinspektors im Notardienst sind ehedem die Weltmeisterschaft (die WM 2018 verpasste er verletzungsbedingt) im November in Dubai und die nächsten World Games 2021 in Birmingham (USA). Dabei werden alle vier Jahre Sportarten ausgetragen, die nicht zum Programm der Olympischen Spiele gehören, aber dennoch weltweit stark verbreitet sind.

65 Prozent der Powerlifter sind Männer, 35 Prozent Frauen. Jeweils die Hälfte der Kraftdreikämpfer betreibt die relativ neue (seit 2015/16) Variante RAW, wobei als Ausrüstung nur (Gewichtheber-)Gürtel sowie Handgelenksbandagen und Kniestulpen erlaubt sind, die andere Hälfte, darunter auch Lochschmidt, die bereits seit den siebziger Jahren praktizierte Variante Equipped. Dabei sind darüber hinaus auch Beuge- und Kreuzhebeanzug sowie Bankdrückhemd erlaubt, was zu teilweise exorbitanten Leistungssteigerungen führt.

»Deutlich mehr Raffinesse«

»Deutlich mehr Raffinesse« hat Lochschmidt bei dieser Variante ausgemacht, die er selbst seit 2008 betreibt. Angefangen hatte er im Alter von sechs Jahren als Turner, arbeitet in dieser Sportart heute noch als Trainer. Danach spielte er auch Fußball, bis ihn im Alter von 20 Jahren ein Kreuzbandriss ausbremste. Sein Arzt verordnete ihm danach Krafttraining zum »Wieder-)Aufbau der Muskulatur. Daran fand er Spaß, wollte sich fortan auch im Wettkampf messen. Mit dem Athletenclub Schweinheim fand er einen Verein, der allerdings damals noch nicht den Dreikampf, sondern nur Gewichtheben und Bankdrücken anbot.

Derzeit trainiert der Vollzeit arbeitende Sportler, der sich nur ungern als Muskelmann oder Muskelprotz titulieren lässt (»mit Bodybuilding hat unsere Sportart nur wenig zu tun«) viermal pro Woche - dreimal im bei den Eltern in Klingenberg eingerichteten (Heim-)Studio, einmal im Verein in Aschaffenburg. »Ohne Muskeln entwickelst du keine Kraft, insofern sind sie nur Mittel zum Zweck«, sagt er. Als seine Motivation und seine weiteren sportlichen Ziele nennt Lochschmidt somit auch nicht einen tollen (Schwimmbad-)Körper, sondern »die persönliche Leistung steigern, ausloten, was noch geht«. Als große Herausforderung schätzt er ein, die Disziplin aufzubringen, in dieser Einzelsportart allein zu trainieren - sieht für sich im Wettkampf dann aber auch die großen Vorteile einer ehrlichen Einzelsport: Kein direkter Gegner, keine Schieds- und Punktrichter - nur das eigene Können zählt.

Zur Person: Max Lochschmidt

Geburtstag und -ort: 29. November 1983 in Erlenbach am Main
Wohnort: Klingenberg (Kreis Miltenberg)
Beruf: Oberinspektor im Notardienst
Familienstand: liiert
Verein: AC Germania Schweinheim
Größte Erfolge: 2016 WM-Zehnter mit Total 817,5 kg, 2017 EM-Vierter (840 kg) und WM-Vierter (860 kg, deutscher Rekord), 2018 EM-Dritter (840 kg); sechs deutsche Meistertitel
Hobbys: »aus Zeitmangel keine weiteren«

Und das sind für den durchschnittlichen Fitnessstudio-Besucher schon jetzt schier unglaubliche Lasten. Aus der Kniebeuge drückt er mit 335 kg fast das Vierfache seines Körpergewichts, im Kreuzheben, seiner Paradedisziplin, bringt er mit 327,5 kg fast die gleiche Last nach oben. Im Bankdrücken stehen 222,5 kg als Bestleistung zu Buche - macht ein Gesamtergebnis von 885 kg. In Pilsen, so das Ziel von ihm und dem Bundestrainer, möchte er bei der Kniebeuge noch fünf bis zehn kg draufpacken, beim Bankdrücken bis zu 7,5 und beim Kreuzheben hofft er auf 325 bis 335 kg.

Fällt die 900-kg-Marke?

Eigentlich hatte er zwischendrin mal angekündigt aufzuhören, wenn er die 800 kg geschafft hat. Doch es geht weiter für ihn, immer weiter: 2016 817,5 kg, 2017 schon 860 kg (deutscher Rekord) und in diesem Jahr 885 kg. Knackt er in Pilsen die 900er-Marke?

Ist das als Freizeitsportler ohne leistungssteigernde Mittel - etliche seiner Konkurrenten, gerade aus dem osteuropäischen Raum, sind Profis - überhaupt noch möglich, Herr Lochschmidt? »Ganz klar ja«, versichert der Klingenberger, der auf sein täglich gleiches Mittagessen (»die Kollegen im Notariat ziehen mich deswegen schon auf«) schwört: 200 Gramm Harzer Käse, 500 Gramm Gemüse und zwei Esslöffel Olivenöl. Nach dem Training gibt's einen Eiweiß-Shake (als Kraftsportler benötigt er täglich etwa 2 - 2,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht) und auch mal Gummibärchen. Gummibärchen? »Ja«, lacht Lochschmidt, »schnelle Energie in Form von Zucker und Gelatine für die strapazierten Gelenke«. Ansonsten steht wenig Fleisch auf dem Speiseplan, Schweinefleisch gar nicht.

Er unterliegt dem Anti-Doping Administration und Management System (ADAMS) - einer Software für Doping-Tests bei Spitzensportlern. Drei Monate im Voraus muss somit auch Lochschmidt angeben, wo er sich tagsüber aufhält und nachts anzutreffen ist. Unangekündigt kontrolliert wurde er bisher nicht nur zu Hause, sondern auch an seinem Arbeitsplatz. »Wer dopt betrügt und begeht somit eine Straftat«, sagt Lochschmidt, der seit 2015 dem deutschen A-Kader angehört - und darin auch bleiben will. Trotz stetig wachsender Konkurrenz sieht er sich dabei auf dem richtigen Weg.

In Pilsen beginnt sein Wettkampf um 15.30 Uhr, dauert voraussichtlich bis 19.30 Uhr, da die 93er abwechselnd mit den Athleten der 105-kg-Klasse am Start sind.

Livestream unter www.goodlift.info/live.php

Stichwort: Kraftdreikampf

Kraftdreikampf, englisch Powerlifting, ist eine Wettkampfsportart der Schwerathletik beziehungsweise des Kraftsports und setzt sich aus den drei Disziplinen Kniebeugen (englisch Squat), Bankdrücken (Benchpress) und Kreuzheben (Deadlift) zusammen.

Powerlifting ist am ehesten mit dem olympischen Zweikampf (Reißen und Stoßen) beim Gewichtheben vergleichbar. Obwohl gute Technik sehr wichtig ist, zählt im Wettkampf nur das gehobene Gewicht. In jeder Disziplin hat der Athlet drei Versuche, deren bester gewertet wird. Von einem Versuch zum nächsten darf das Gewicht nicht verringert werden. Bewältigen zwei Athleten dasselbe Gesamtgewicht, so entscheidet das beim Wiegen ermittelte Körpergewicht über die Platzierung. (stei)

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