Afghanische Flüchtlinge gründen Cricket-Team in Aschaffenburg

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Die Nähte des harten Cricketballs weiß ein guter Bowler für sich zu nutzen.
Foto: Petra Reith
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Der Batsman darf den Ball in alle Richtungen schlagen.
Foto: Petra Reith
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Aschaffenburg, DJK-Sportgelände (Kleine Schönbuschallee 130), neues Sportangebot des Vereins: Cricket Foto: Petra Reith
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Bei der DJK Aschaffenburg gehen afghanische Flüchtlinge ihrem Lieblingssport nach. Ihr Ziel ist: Als Team im hessischen Ligabetrieb einsteigen.
Ge­spannt steht der jun­ge Mann im Tri­kot der deut­schen Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft auf Höhe der Mit­tel­li­nie. Als der Ball auf ihn zu­f­liegt, macht er ei­nen Schritt nach vor­ne, holt aus - und ist raus. OUT! Ge­joh­le, weil der Schlä­ger ins Lee­re schwingt und ein blau­es Plas­tik-Ge­s­tell um­kippt. WI­CKET! Will­kom­men beim Cri­cket. Im Ernst­fall müss­te der Schlag­mann das Feld ver­las­sen.

Beim Training auf einem Fußball-Nebenplatz der DJK Aschaffenburg darf er nochmals ran.
Vom Rande aus verfolgt Olav Dornberg das Treiben. »Das Schönste ist, dass die Jungs tierisch Spaß haben, auch wenn noch nicht alles hundertprozentig passt«, sagt der Geschäftsführer des Gewürzhandels Edora zufrieden.
Sein Freund Shaheer Nasrullah hatte die Idee, den englischen Nationalsport an den Untermain zu bringen. »Ich wollte meine eigene Mannschaft haben«, sagt der 20-jährige Afghane und grinst. Derzeit spielt er noch für einen Frankfurter Club im Ligabetrieb. Im kommenden Jahr soll ein Aschaffenburger Team im hessischen Ligabetrieb mitmischen.
Olav Dornberg unterstützt Shaheer, hat unter anderem in die Wege geleitet, dass er und seine rund 20 Landsleute zwischen 16 und 24 Jahren bei der DJK Aschaffenburg untergekommen sind. »Wir haben mehrere Fußballvereine angeschrieben und sind auf Interesse gestoßen. Die DJK bietet einfach gute Bedingungen«, sagt Dornberg. Er leitet die neue Abteilung, die schon beim Deutschen Cricket-Bund gemeldet ist.
»Es kann jeder kommen«
Der 48-Jährige sieht den Vereinsanschluss als Chance, den jungen Afghanen bei der Integration zu helfen. Während Kapitän Shaheer bereits vor sechs Jahren mit seiner älteren Schwester aus der Heimat geflohen ist, sind die meisten seiner Teamkollegen deutlich kürzer in Deutschland.
Die DJK hat für sie bereits eine rund 800 Euro teure Kokosmatte gekauft und kommt auch für weitere Ausrüstung wie Schläger und Bälle auf. Peter Mertel, stellvertretender Vorsitzender des Vereins, macht davon wenig Aufheben: »Das einzige Problem war, einen Trainingstermin zu finden, an dem ein Platz frei ist.« Er hofft, »dass sich die Sache gut entwickelt und sich weitere Interessenten finden.« Noch sind die Afghanen unter sich, Shaheer stellt aber klar: »Es kann jeder kommen.« Beim Sommerfest der DJK am 9. Juli wollen er und seine Mitstreiter den Besuchern Cricket näherbringen. »Das ist was Neues für die Leute. Die gucken komisch«, sagt der 20-Jährige über Passanten, die innehalten.
Mit dem Klischee vom Langweiler-Sport inklusive traditioneller Teepause räumt Shaheer entschieden auf: »Man muss richtig aufpassen und richtig wach sein.« Nicht zuletzt deshalb, weil einem der harte Lederball mit einem Kern aus Kork jederzeit um die Ohren fliegen kann. Im Außenfeld vor sich hinzudösen, kann da gefährlich werden.
Die eigentliche Action spielt sich aber im Zentrum des eigentlich ovalen Feldes ab. Dort dient die rund 20 Meter lange und drei Meter breite Kokosmatte, die mit Spanpressplatten unterlegt wird, als Pitch, die bei speziellen Cricket-Plätzen aus einem Streifen Kunstrasen oder extra kurzem Naturrasen auf festem tonhaltigem Boden besteht. Auf diesem Herzstück duellieren sich der Bälle schleudernde Bowler und der Schläger schwingende Batsman, werden durch Hin- und Herlaufen Punkte erzielt.
Ashiqullah beschleunigt, lässt den rechten Arm gestreckt kreisen (mit gebeugtem zu werfen, ist ein Regelverstoß) und feuert den Ball im Sinkflug weg. Der springt kurz vor dem Schlagmann, der ihn verfehlt, auf und schmeißt das blaue Plastik-Wicket um. Ashiqullah jubelt und bestätigt freudestrahlend: »Fastbowler!« Soll heißen: Der 18-jährige Berufsschüler setzt auf Geschwindigkeit. Noch zweimal gelingt es ihm in diesem Trainings-Over à sechs Würfen, den Batsman mit Tempo zu überrumpeln.
Shoiab dagegen ist ein sogenannter Spinbowler. Er nimmt nur wenig Anlauf, gibt dem Ball dafür einen fiesen Effet mit. In absurdem Winkel springt der Ball vom Boden ab. Ijaz, der Junge im Fußball-Nationaltrikot, ist geschlagen. Das Wicket fällt.
»Chinaman«, sagt Shaheer und freut sich. So werde dieser spezielle Wurf genannt. Nicht nur der Kapitän, auch die Spieler, die zum Teil erst ein Jahr im Land sind, bemühen sich, alle Nachfragen freundlich auf deutsch zu beantworten. »Schlagen ist so lala«, meint der 17-jährige Omed, neben Shoiab der zweite Spinbowler im Team. Ähnlich äußert sich der gleichaltrige Nadim: »Mein Bowling ist besser als mein Batting.« Auch wenn sich die Afghanen untereinander in ihrer Muttersprache unterhalten, fallen immer wieder englische Wörter.
Silly? Zwischen Gully und Point!
Manche erschließen sich selbst dem Cricket-Laien. Aber wer ist bitte »silly« - albern? »Ja, Silly«, sagt Shaheer und lacht: »Das ist zwischen Gully und Point!« Positionen der Feldspieler eben. Doch das würde zu weit führen.
Apropos weit: Nicht immer behält beim Training bei der DJK Aschaffenburg der Bowler die Oberhand. Auch weil ein Fußballplatz deutlich kleiner ist als ein reguläres Cricket-Oval, gelingt manchem Batsman eine Boundary: ein Schlag, bei dem der Ball aus dem Feld rollt oder, besser noch, fliegt. Dafür gibt es vier beziehungsweise sechs Punkte. Und viel Applaus von den Teamkollegen. »Es macht einfach Spaß«, sagt Nadim und strahlt.

b Infos zum Verein gibt es auf der Homepage: cricket-club.de
Thorsten Schmitt
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