Freitag, 04.12.2020
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Asse von Einst: Das 90-kg-Limit wäre für den ehemaligen Meister-Ringer Stefan Schäfer aus Goldbach noch immer drin

Ringen - Asse von Einst
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Stefan Schäfer (rechts) setzt im Kampf gegen den Niedernberger Jürgen Hein zum Wurf an.
Foto: Harald Schreiber
Der ehemalige deutsche Meister Stefan Schäfer blickt mit uns auf seine Karriere als Ringer und Trainer und hat auch zum heutigen Sport und den Bundesligisten KSC Hösbach was zu sagen.

»Es war ein Trauerspiel«, blickt Stefan Schäfer auf die Kämpfe in den Ringer-Bundesligen in diesen Corona-Zeiten zurück. »150 Zuschauer haben sich in der Halle verloren, alle mit Maske, keine Stimmung«: Der ehemalige deutsche Spitzenringer - zweimal nationaler Freistil-Meister, einmal Mannschaftsmeister mit dem AC Bavaria Goldbach - hätte seinem langjährigen Verein KSC Germania Hösbach - trotz der Euphorie nach dem Aufstieg - davon abgeraten, in diese Bundesliga-Saison zu starten, vielmehr, wie etliche andere Vereine auch, konsequenzenfrei zu verzichten. »Das war doch eine Quälerei, die weder den Zuschauern noch den Ringern Spaß gemacht hat.«

Wobei er nun, da die Runde 2020/21 vorzeitig beendet worden ist, befürchtet, dass der Sportart Ringen nicht nur Zuschauer verloren gehen, sondern auch jugendliche Talente zu anderen Sportarten abwandern beziehungsweise die Ringerschuhe ganz an den Nagel hängen könnten.

Umso lieber erinnert sich der Goldbacher, seit diesem Jahr ein »Sechziger«, gerne an seine aktive Zeit zurück, die gute alte Ringerzeit. »Zu Spitzenkämpfen kamen auch schon mal 3000 - 3500 Zuschauer. Teilweise war es bei den Derbys so voll, dass wir über Zuschauer steigen mussten, um auf die Matte zu kommen. Es kämpften viele einheimische Sportler, Ausländer gab es keine oder nur wenige. Die Identifikation war größer, der Funke sprang schneller über, die Stimmung war einfach besser.«

Zur Person: Stefan Schäfer
Der ehemalige Ringer Stefan Schäfer.
Foto: Stefan Schäfer

Geburtstag und- ort: 5. Oktober 1960 in Aschaffenburg
Wohnort: Goldbach
Beruf: Kaufmännischer Angestellter
Familienstand: verheiratet, zwei Söhne
Vereine: KSC Germania Hösbach, Einigkeit Damm (1984 - 88), AVB Goldbach (89/90), Damm/Hösbach (90 - 92), KSV Waldaschaff (92 - 94), KSC Hösbach (94 - 2006)
Größte Erfolge: Deutscher Meister 1988 und 90 (Freistil, Schwergewicht), deutscher Mannschaftsmeister 1990, Vize-Militärweltmeister 83 (Halbschwergewicht)
Hobbys: Familie, Kochen, Spinning

Heute stünden zwar mehr ausländische Verstärkungen in den Teams, doch die Regelung mit den Ringerpunkten - viele für Top-Stars mit großen Meriten, keine oder sogar Minuspunkte für eigene Nachwuchskräfte - sorge für relative Chancengleichheit. »Ein richtiger Schachzug«, findet Schäfer. Gleichwohl würde er es sehr begrüßen, wenn die Vereine, die in den vergangenen Jahren in der ausgegliederten Deutschen Ringer-Liga (DRL) angetreten sind, wieder unter das Dach des Deutschen Ringer-Bundes zurückfinden und 2. Bundesligen die derzeit große Lücke zwischen dem Oberhaus und den Oberligen schließen würden.

Gelungene Schachzüge bei DM

Mit Schachzügen kennt sich Schäfer selbst ganz gut aus. So ist er bei seinen beiden deutschen Meisterschaften bei den Männern 1988 und 90 - 1980 war er bereits Meister bei den Junioren - freiwillig ins Schwergewicht aufgerückt, trotz des großen Gewichtsnachteils. 92, 93 kg Wettkampfgewicht brachte er seinerzeit auf die Waage - eigentlich optimal für einen Start im Halbschwergewicht (bis 90 kg).

»Doch in der höheren Klasse habe ich bei weniger Konkurrenz als körperlich starker und beweglicher Ringer größere Chancen gesehen, da ich die Gegner besser ausmachen könnte«, blickt Schäfer zurück. 1988 ging er so insbesondere Top-Mann Bodo Lukowski aus dem Weg - und sorgte in der höheren Klasse für eine faustdicke Überraschung.

Während er bei den nationalen Titelkämpfen ausschließlich im freien Stil startete, rang er in Ligakämpfen, wie damals noch weiter verbreitet, auch im griechisch-römischen Stil. »Die komplette Ausbildung erst macht einen kompletten Ringer aus«, findet Schäfer.

Die Spezialisierung kommt für ihn oft zu früh. Doch bei guter Aufbauarbeit ist Ringen für ihn «die kompletteste Sportart«. Mit sechs oder sieben Jahren sollten Kinder seiner Meinung nach in einen Ringerverein eintreten. »Nicht das Pferd von hinten aufzäumen«, rät der erfahrene Jugendtrainer.

Will heißen: Spielerisch sollten die Kinder zunächst ihren Körper kennenlernen, beim Raufen, Fallen und Rollen auf den Matten, bei Sprüngen auf dem (Mini-)Trampolin. Wichtig: »Die Kinder sollten sich selbst für ihre Sportart entscheiden, nicht von den Eltern dazu getrieben werden. Das habe ich auch bei meinen beiden Söhnen nie gemacht.« Mit Erfolg: Sohn Niklas gehört derzeit der Bundesliga-Mannschaft der Hösbacher an.

Erfolgreicher Jugendtrainer

Dass er und auch weitere Eigengewächse den Sprung in die 1. Mannschaft gepackt haben, ist auch das Verdienst von Stefan Schäfer. Nach seinen beiden Jahren in Waldaschaff kehrte er 1994 nicht nur als Ringer, sondern auch als Trainer zu seinem Stammverein Hösbach zurück. Zunächst galt es für ihn in der Oberliga, eine schlagkräftige Einheit aus den »alten Hasen«, die noch einmal ran mussten, und den aufstrebenden Jugendlichen zu formen.

Später wechselte er in die Jugendarbeit, war ab 2002 Jugendleiter. Im Jahre 2004 begann die Phase erfolgreicher Hösbacher Jugendteams bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften. War es in diesem Jahr noch Platz sieben, so sprang ein Jahr später bereits der Vizetitel heraus. 2006 gelangen mit der D/C- und der A/B-Jugend die Ränge fünf und sechs, bevor die jeweils großen Stunden schlugen: 2007 wurde die Jugend in Greifswald deutscher Meister, ein Jahr später in Nordbaden die Schüler.

»Wir waren nicht mehr die Jäger, sondern die Gejagten«, erinnert sich Schäfer gerne zurück. »Wir waren in der Szene etabliert.« Doch die A/B-Jugend hielt dem Druck stand, wurde 2009 erneut Meister - der dritte DM-Titel für die Hösbacher. Die Männer kämpften in der Saison 2008/09 in der 2. Bundesliga. »Es war eine schöne, erfüllte Zeit«, sagt Schäfer.

»Cut« im Jahre 2009

Doch auf dem Höhepunkt der Erfolgskurve kam es zum Cut, wie Schäfer sagt. Groß reden will er darüber nicht. Nur soviel: Es gab Konflikte, ihm fehlte Unterstützung. So legte er alle Ämter nieder: 2. Vorsitzender, Jugendleiter und Trainer. Seine aktive Karriere hatte er bereits im Dezember 2006 beendet - nach einem Oberliga-Kampf, den er mit seinem Team, Seite an Seite mit seinen Söhnen Niklas und David, mit 25:10 gegen den KSC Krombach gewann. Die Schäfers steuerten dazu elf »Familienpunkte« bei.

Nach dieser Zeit bei den Hösbacher »Vikings«, in der er fast täglich in der Halle war, hatte er plötzlich viel Zeit für Privates, die er mit seiner Frau Birgit nutzte und, auch bei schönen Urlauben, nutzt. Nach jahrelanger intensiver Trainingsarbeit und diversen Verletzungen - u. a. ausgekugelte Schulter - hat Schäfer zwar Probleme in den Knie- und Handgelenken, mit der Hüfte und dem Nacken, treibt aber nach wie vor viel Sport, insbesondere indoor und dort insbesondere Spinning.

Sportlich-fit sowie vital und braungebrannt beantwortete er im Main-Echo-Redaktionsgebäude die Fragen - und freute sich, dass er seit seiner aktiven Zeit nur zwei kg Körpergewicht zugelegt hat. Das 90-kg-Limit (das es heute allerdings nicht mehr gibt) wäre mit dem üblichen »Abkochen« also immer noch drin.

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