Freitag, 26.04.2019

Kopfstoß von Thorsten Schmitt: Bedrohtes Gehen

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Liu Hong (M) aus China in Aktion beim 50 Kilometer Gehen der Frauen. Hong ist als erste Frau der Welt bei einem Leichtathletik-Wettkampf über 50 Kilometer Gehen unter vier Stunden geblieben und stellte damit einen Weltrekord auf. Foto: Shi Yalei/XinHua/dpa
Foto: Shi Yalei (XinHua)

Cri­cket für den Durch­schnitts­deut­schen,Su­mo für fast al­le Nicht-Ja­pa­ner - es gibt ein­fach Sport­ar­ten, die wer­den auch durch das Schlür­fen von Sekt und Aus­tern in aphro­di­sie­ren­den Men­gen nicht sexy. Ge­hen - nichts für un­gut - dürf­te für die meis­ten von uns da­zu ge­hö­ren, meint Sportredakteur Thorsten Schmitt in seinem Kopfstoß.

Auch die Strippenzieher beim Leichtathletik-Weltverband IAAF stufen das stundenlange Hüftwackeln als eher fade ein und haben deshalb Mitte März entschieden, die Königsdisziplin über 50 Kilometer ab 2022 aus dem Wettkampfprogramm zu streichen.

Das Fußvolk protestiert

Die Kürzung stößt auf massiven Protest des Fußvolks. »Die IAAF hat beschlossen, das Gehen zu zerstören«, twitterte der irische Olympionike Brendan Boyce. Die Neuseeländerin Alana Barber schrieb bei Instagram: »Das Wesen unserer Sportart ist Ausdauer!« Und der Deutsche Carl Dohmann, EM-Fünfter von 2018 über 50 Kilometer, meinte, mit der längsten leichtathletischen Distanz verliere das Gehen sein »Alleinstellungsmerkmal«.

IAAF-Präsident Sebastian Coe sieht das erwartungsgemäß anders. »Das ist wichtig, um die Sportart zu sichern und attraktiver zu machen«, begründete er die Entscheidung.

Diese Fragen seien erlaubt: Wird Gehen wirklich geiler, wenn ein Wettbewerb nicht knapp über dreieinhalb Stunden dauert, sondern nur so lang wie ein Fußballspiel? Sitzen die Fernsehzuschauer dann verzückt vor ihren Bildschirmen? Sofern die TV-Sender überhaupt mehr Wackel-Bilder zeigen, nur weil die Rennen schneller rum sind.

Kürzungen auch im Stadion

Aber was soll's? Es betrifft ja nur Exoten! Weit gefehlt: Der einstige Weltklasse-Mittelstreckler Coe und seine Mitstreiter machen auch vor den Langdistanzen im Stadion nicht halt. Schon ab dem kommenden Jahr sind in der Diamond-League-Serie die 3000 Meter das höchste der Gefühle.

Schneller soll alles über die Bühne gehen. Höher sollen die Erträge aus der Vermarktung sein. Weiter scheint mancher Macher nicht zu denken.

Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, spricht von einen schwierigen »Spagat zwischen Tradition und Moderne«. Er kann sich die Rennen über 5000 und 10 000 Meter vermehrt als Stadtläufe vorstellen, etwa als »eine Art City League«. Zumindest eine konstruktivere Lösung, als die Langstrecken mittelfristig zu streichen. Wobei Zweifel angebracht sind, ob es jeder Leichtathletik-Fan so prickelnd findet, ein Rennen nicht in seiner taktischen Entwicklung überblicken zu können, sondern die Läufer Runde um Runde nur wenige Sekunden vorüberhuschen zu sehen.

Schreckgespenst Zeitgeist

Sicher braucht es immer wieder Veränderung; ewiger Stillstand ist nicht des Menschen Ding, erst recht nicht des laufenden. Wer aber alles nur noch durch die Event-Brille betrachtet, verliert schon mal Wesentliches aus den Augen. Zeitgeist kann ein Gespenst sein, das den gesunden Verstand vertreibt. In diesem Sinne freue ich mich auf das 100-Meter-Sprint-Gehen, das 3000-Meter-Hindernis-Gehen und was sich das IAAF-Ministerium für alberne Gänge bei Sekt und Austern noch so ausdenkt.

Thorsten Schmitt

Ihre Meinung zum Thema: lesermeinung@main-echo.de

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