Mittwoch, 27.03.2019

Kommentar von Thorsten Schmitt: Wer braucht Königsklasse?

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Der FC Schalke 04 ging im Champions-League-Rückspiel bei Manchester City mit 0:7 unter.
Foto: Ina Fassbender

Al­les halb so sch­limm, hat ja (fast) nie­mand ge­se­hen, wie sich die deut­schen Clubs aus der Cham­pi­ons Lea­gue ver­ab­schie­det ha­ben. Ein tor­lo­ses Re­mis in sechs Par­ti­en, fünf Nie­der­la­gen mit zu­sam­men 3:17 To­ren.

Dass die beiden Schalker Treffer im Achtelfinal-Hinspiel gegen Manchester City aus Elfmetern resultierten und die Münchner Bayern nur nach einem Liverpooler Eigentor jubeln durften, ist da lediglich - oh well! - die Clotted Cream auf dem Scone der Schande.

 

Schlaraffenliga

Es war - so die gängige Interpretation - die Bankrotterklärung der Bundesliga gegenüber der englischen Premier League. Letztere ist bekanntlich die Schlaraffenliga für kaufsüchtige Fußballlehrer. Mit dem Geld, das Jürgen Klopp und Pep Guardiola in ihre aktuellen Teams gesteckt haben (wir reden von mehr als einer Milliarde Euro), würde Trainerkollege Christian Streich in Freiburg - nun gut, nicht unbedingt eine Meistermannschaft formen, aber wahrscheinlich den Klimawandel aufhalten oder die Flüchtlingskrise überwinden.

Es gibt ja noch ein Leben außerhalb der Fußballblase. Nehmen Sie nur zum Beispiel das frei empfangbare Fernsehprogramm an so einem Champions-League-Abend. Da läuft auf Sport 1 eine Comedysendung mit Mario Basler und Peter Neururer. Auf Sat.1 backen Evi Sachenbacher-Stehle und Ingolf Lück um die Wette Promi-Torten. Und in der ARD soll ein Sohn seiner lesbischen Mutter Samen spenden. Warum in aller Welt sollte ich bei diesem Angebot extra in die Tasche greifen, um mir den Exodus der deutschen Clubs aus der Königsklasse anzuschauen?

Der in Wahrheit womöglich gar nicht der englischen Übermacht geschuldet ist. Kein Offenbarungseid, sondern eine konzertierte Protestaktion der Traditionsvereine aus München, Dortmund und Gelsenkirchen: gegen den Fernsehrechte-Irrsinn, für eine kostenlose Champions League!

»Fridays for Free-TV«

Der Gedanke lässt sich weiterspinnen: Wenn beispielsweise die Bundesligisten, die das Freitag-Spiel exklusiv für den Eurosport Player bestreiten, die Schlussviertelstunde bestreiken - unter dem Motto: »Fridays for Free-TV«!

Was die ungeliebten Montage angeht, liefern jene Demonstrationen eine Steilvorlage, die das Ende der DDR einläuteten. Zweit- und Drittligisten sind herzlich eingeladen. »Wir wollen rauf, wir wollen rauf«, könnten die Spieler von Union Berlin und des Halleschen FC skandieren. Und in Leipzig würde Rasenballsportler Marcel Sabitzer vor einem Freistoß fordern: »Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg!«

Den Engländern sei derweil der sportliche Erfolg gegönnt. Haben anderweitig schon genug Schwierigkeiten, sich ordentlich von der europäischen Bühne zu verabschieden. Da läuft frei empfangbar ein Trauerspiel, das man sich wahrlich nicht mehr anschauen mag.

Ihre Meinung zum Thema: lesermeinung@main-echo.de

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