Mittwoch, 20.02.2019

Kopfstoß von Thorsten Schmitt: Zu hart gefeiert

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Die deutschen Handballer stehen nach dem verpassten Finaleinzug geknickt in der Halle.
Foto: Axel Heimken

Die Handball-WM ist Geschichte – und damit der Hype in Deutschland. Doch war der überhaupt gerechtfertigt? Sportredakteur Thorsten Schmitt hat sich mal Gedanken dazu gemacht.

Ich ha­be mir den Kopf zer­bro­chen. Die gan­ze Wo­che über. Bin im­mer wie­der mit ei­nem Ball in der Hand ge­gen die Wand ge­rannt. Woll­te mal so hart sein wie die­se Ty­pen, die in den ver­gan­ge­nen Wo­chen so derb ge­fei­ert wur­den. Die­se Wo­chen, in de­nen wir Hand­ball wa­ren, wie an­no 2005 Papst. In denen Fußballtrainer ins Schwärmen gerieten ob der Darbietungen von Uwe Gensheimer und Co.

Handball war urplötzlich der geilste Sport überhaupt, mit den geilsten Typen weltweit. Und im deutschen Trikot: keiner mit offensichtlichem Migrationshintergrund und alle singen die Hymne. Letztere Meinung wurde der Sportredaktion tatsächlich mitgeteilt. Beim Handball, so lässt sich die Botschaft deuten, hätte es ein Mesut Özil nie ins deutsche Nationaltrikot geschafft. Dieses undankbare Gastarbeiter-Weichei ?

Ach, wenn die Welt so einfach wäre, hieße sie wahrscheinlich Fußball. Der bekommt ohne Frage meist mehr Wertschätzung, als ihm gebührt. Ebenso unbestreitbar verdient der Handball mehr Aufmerksamkeit. Den Elan der Heim-WM darf, soll, ja muss der Deutsche Handball-Bund nutzen. Ein bisschen Augenmaß tut aber not.

Technische Meisterklasse findet sich in jedem Sport. Auf Teamgeist hat der Handball ebenfalls kein Patent. Und beeindruckende Nehmerqualitäten zeigen, um nur ein Beispiel zu nennen, auch Rugbyspieler. Davon kann sich jeder überzeugen, der in den kommenden Wochen das Six-Nations-Turnier verfolgt oder die Europameisterschaft mit dem deutschen Team.

Dass Außenstehende der wildem Rauferei nur schwer einen Sinn abgewinnen können, ist kein Argument. Auch bei der Handball-WM war ein ums andere Mal nicht klar, warum es in einer Situation ein Stürmerfoul gab, in einer ganz ähnlichen aber einen Freiwurf für das angreifende Team. Von Siebenmetern und Zeitstrafen ganz zu schweigen.

Sicher, strittige Szenen wird es immer geben, in jeder Sportart. Doch das hat mir Kopfzerbrechen bereitet: Wenn sich ins harte Ringen um den Ball Beliebigkeit mischt. Vielleicht bin ich auch nur ein undankbares Weichei.

Thorsten Schmitt

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