Ex-Vorsitzende des BFMA Helga Schmitt hofft auf Spielerinnen-Welle nach der EM und bleibt dennoch skeptisch

»Durchbruch ist ein großes Wort«

Frauenfußball - Interview
6 Min.

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Deutschland - Österreich
Lena Oberdorf (links, im Spiel gegen Österreich) und ihre DFB-Teamkolleginnen haben für EM-Euphorie gesorgt und lösen vermutlich wieder eine Welle an Anmeldungen von Mädchen bei Fußballvereinen aus.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Hel­ga Sch­mitt hat ge­ra­de ih­re Pflan­zen im Gar­ten ge­gos­sen. Auch in Würz­burg herrscht Tro­cken­heit. Trotz­dem fällt ziem­lich sch­nell das Wort »Wel­le« im Ge­spräch über die Fuß­ball-EM der Frau­en und de­ren mög­li­che Aus­wir­kun­gen auf den doch kar­gen Bo­den im un­ter­frän­ki­schen Frau­en- und Mäd­chen­fuß­ball.

Schmitt, eine Pionierin des Frauenfußballs in Unterfranken in den 1970er und 1980er Jahren und lange als Funktionärin im unterfränkischen Verband für den Frauenfußball tätig, hat da ihre eigene Meinung, die sie im Gespräch mit unserem Medienhaus äußert. Sie hat einen guten Blick auf die Basis in ihrem Sport, wenngleich sie den Vorsitz des Bezirks-Frauen- und Mädchenausschusses (BFMA) dieses Jahr in jüngere Hände gelegt hat.

Die EM war auch medial ein voller Erfolg. War das jetzt der Durchbruch für den Frauenfußball in Deutschland?
Schmitt: (Lacht) Durchbruch ist ein großes Wort. 2007 waren wir Weltmeister. Wir hatten damals tatsächlich einen Aufschwung bei den Mädchenmannschaften in Unterfranken: von 74 auf 101, dann 102. Man kann anhand der unterfränkischen Zahlen sagen: Es hat schon Auswirkungen, wenn ein deutsches Frauenteam derart erfolgreich und gut spielt. Aber Durchbruch müsste auch heißen: auf längere Sicht. Doch in Unterfranken wurden recht schnell regelmäßig weniger Teams gemeldet. Bis zum Tiefpunkt im vorigen Jahr mit 30. Jetzt sind wieder etwas mehr gemeldet, an die 40. Aber das ist weit weg von 100. Durchbruch? Ich weiß nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es wieder eine Welle (an Anmeldungen, d. Red.) gibt. Wenn ich höre, dass der Verbandsmädchenausschuss beim BFV oder der DFB die neue Welle noch besser nutzen will, frage ich mich: Was kann man noch besser machen angesichts dessen, was in der Vergangenheit alles angeboten wurde? Es ist ja nicht so, dass der Frauen- und Mädchenfußball vom Verband nicht gefördert wurde. Vielleicht hat sich in der Einstellung dem Frauenfußball gegenüber etwas geändert. Aber ich bin skeptisch, dass wir langfristig einen Leistungsfußball mit mehreren Ligen hier anbieten können.

Auffällig ist, dass viel davon gesprochen wird, die Euphorie aus der EM mitzunehmen, dabei aber immer von der Leistungsspitze her, von der Bundesliga her gesehen, argumentiert wird. Was passiert aber, wenn die Welle auf die Vereine im Kahlgrund oder im Grabfeld trifft?
Schmitt: Eben, von unten. Es steht und fällt mit unseren Vereinsbetreuern, vielleicht Vätern und Müttern, die selbst einmal gespielt haben. Es ist ja eine Bereicherung für die Vereine. Die sind froh, wenn auf ihren Sportplätzen etwas los ist. Es gibt immer weniger Männer- und Jungenteams, da sind sie vielleicht offen, ein Mädchenteam aufzubauen. Aber ich kenne auch die Klagen der Betreuerinnen und Betreuer, wie schwierig es ist, die Spielerinnen bei der Stange zu halten. Erst sind sie euphorisch und nach ein paar Wochen haben sie ganz andere wichtige Termine. Das Zuverlässige, ganz altmodisch, diszipliniert an einer Sache dranzubleiben, ist seltener geworden in der jüngsten Generation. Es gibt nach wie vor sehr ambitionierte gute Spielerinnen. Und in der Spitze tut sich auch sehr viel. Aber wie bekommt man den Schwung der EM an die Basis? Wie bringt man die Mädchen zu den Vereinen und wie bringt man die Betreuer dazu, damit der Basissport Fußball Freude bereitet. Für den Spitzensport ist der Weg gut bereitet, gibt es für die Mädchen eine super Förderung. Man muss aber ehrlich sein: Das sind meistens Mädchen, die bei den Jungs spielen.

Andersartige Strukturen fehlen ja. Ambitionierte junge Spielerinnen wie Tomke Schneider haben gar keine andere Chance, als zu den Jungenteams etablierter Vereine wie Viktoria Aschaffenburg zu wechseln, wenn sie höherklassig spielen wollen.
Schmitt: Svenja Huth wolle einst bei den Junioren von Bayern Alzenau weiterspielen. Ihr wurde gesagt: Wir setzen keine Mädchen ein. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Das ist wie bei Viktoria Aschaffenburg, die haben eine Handvoll gute Mädels, die sie fördern. Die sind häufig bei Eintracht Frankfurt im Zweitspielbetrieb, weil die ein Bundesligateam hinten dran haben. Hier versucht es Kickers Würzburg mit reinen Mädchenteams, die in Jungenligen spielen, weil dort die Ansprüche höher sind. Die eine oder andere aus den Kickersteams hat es auch schon in die Stützpunkte und Auswahlteams auf bayerischer Ebene geschafft. Es ist ein schwieriger Weg. Meine Erinnerung: Steffi Graf hat immer mit Männern trainiert. Wenn Mädchen mit Jungs trainieren und spielen, werden sie wesentlich mehr gefordert und gefördert. Ich empfinde das als normal. Das sind dann auch von der Persönlichkeit her ganz andere Spielerinnen. Das erkennt man etwa an Lena Oberdorf, was für eine Ausstrahlung die auf dem Platz hat, eben weil sie in ganz anderen Strukturen gefördert wurde. Meiner Meinung nach ist das in reinen Mädchenligen nicht zu schaffen. Ab der U 17-Bundesliga geht es voran und dann bei den Frauen-Bundesligen. Aber wir reden hier von der absoluten Spitze.

Nicht jedes Mädchen wird mit 14 oder 15 mit den Jungs mithalten können und auch wollen.
Schmitt: Das ist das, was ich in jüngster Zeit als Widerspruch empfunden habe. Wir haben keine Vorurteile mehr. Inzwischen haben auch Grundschullehrerinnen Fußball in ihrer Ausbildung. Es ist nicht so, dass Fußball für Mädchen ein Problem hätte, gesellschaftlich anerkannt zu werden. Die Widerstände sind kleiner geworden, aber wir bekommen nicht mehr Vereine dazu, Mädchen aufzunehmen beziehungsweise die Mädchen langfristig zu halten.

Bei den Jungs werden die Teams oft von noch aktiven Spielern betreut oder zumindest mitbetreut. Aber es fehlen ja Spielerinnen in den Vereinen, die dafür in Frage kommen.
Schmitt: Ich habe schon zu Beginn meiner Funktionärstätigkeit aufgeschrieben, welche Frauenteams keine Mädchenmannschaften haben. Ich habe appelliert, im eigenen Interesse Nachwuchsarbeit zu leisten. Wenn sie einen Trainerpool bilden, könnten sie wenigstens ein U 13/U 17-Team bilden. Aber wo ist so etwas passiert? Ich wüsste keinen Verein, in dem die Spielerinnen so etwas langfristig weitergeführt haben.

Hört man je den Satz: Wir leisten uns eine Herrenmannschaft?

Bayern Alzenau hat jetzt wieder eine Frauen- und eine Mädchenmannschaft. Viktoria Aschaffenburg ist nur punktuell aktiv. Wäre es nicht Aufgabe namhafter Vereine, sich jetzt stärker im Frauenfußball zu engagieren?
Schmitt: Das wäre traumhaft. Es gab ja mal eine Viktoria-Mannschaft vor langer Zeit. Teutonia Obernau hatte eine. Es wäre schön, wenn die so etwas wieder anbieten würden und Kickers Aschaffenburg nicht alleine wäre auf weiter Flur. Der TSV Mainaschaff versucht es wenigstens und ist ganz gut dabei. Aber da fällt mir die Aussage eines Vereinsvertreters bei einem Kreistag - nicht im Kreis Aschaffenburg - ein. Der sagte mir: Wir leisten uns eine Damenmannschaft. Damen hat er auch noch gesagt. Allein dieser Satz! Und dann will er natürlich Geld dafür. Aber hört man: Wir leisten uns eine Herrenmannschaft? Die Vereine schreiben sich laut Satzung vor, der Bevölkerung Fußball anzubieten. Und dann so ein Satz. Da denke ich mir: Oh Gott, wir sind doch noch nicht soweit. Bei großen Vereinen hört man oft, wir haben genug mit unseren Männer- und Jungenteams zu tun und so viele Plätze haben wir gar nicht und, und, und.

Bei Kickers Aschaffenburg wurde Bernd Gramminger als Trainer engagiert, ein bekannter Name in der Region. Können solche Personalien helfen?
Schmitt: Im Spitzenbereich auf jeden Fall. Im unteren Bereich spielt das kaum eine Rolle. Für die Mädels, die sich jeden Tag den Ball schnappen, weil sie ohne Fußball nicht leben können, ist das sicherlich ein Zugpferd. Aber die Mehrheit ist doch froh, wenn sie überhaupt jemanden findet, der sie trainiert.

Sie haben früher mit den Jungs auf der Straße gekickt. Wie wichtig ist so etwas, um Mädchen zum Fußball zu bringen?
Schmitt: Das wäre ganz toll, wenn es gelingt, auf den Bolzplätzen gemischte Teams zu haben, die einfach ein bisschen kicken. Schauen wir uns die Realität in Unterfranken an: Wo gibt es noch Plätze, auf denen man so einfach eben mal kicken kann? In Wohnnähe! Wo sieht man noch Jungs abseits der Sportplätze kicken? Es gibt weniger Kinder. Und darunter viele, die sich weniger bewegen.

Wir gewinnen dadurch keine Frauen für unsere Mannschaften.

Der BFV propagiert und feiert, dass Frauen in Männermannschaften mitspielen. Eine Lösung, wenn es um den Frauenfußball an der Basis geht?
Schmitt: Für wen ist das eine Lösung? Zunächst einmal: Respekt vor jenen Frauen, die das machen. Aber: Wir reden von normalem Spielbetrieb, um Spiele, in denen es um Sieg und Punkte geht. Es ist ein Zweikampfsport. Es geht zur Sache. Ich hätte da Angst, mich zu verletzen. Als Lösung für unsere Probleme, einen Frauen-Spielbetrieb von der Kreisliga bis zur Bezirksliga aufrecht zu erhalten, ist das kein Vorteil. Wir gewinnen ja dadurch keine Frauen für unsere Mannschaften.

Wagen wir einen Ausblick auf die nächsten fünf Jahre.
Schmitt: Was die Verbandsverantwortlichen, angefangen von Martina Voss-Tecklenburg bis zu unserer unterfränkischen Beauftragten für den Frauen- und Mädchenfußball, Yvonne Söser, machen, ist richtig: Sie wollen die nach der EM erhoffte Welle für den Frauenfußball besser nutzen, als dies in den früheren Jahren der Fall war - vor allem nachhaltiger. Es wird schon viel gemacht, etwa in den Grundschulen mit der Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen. In den nächsten Jahren geht garantiert was. Die Frage ist, wie lange das wirkt? Ich persönlich bin skeptisch. Die Gesellschaft ist eine andere als früher. Es wird immer schwieriger, die junge Generation, die nicht leistungsorientiert Fußball spielen will, bei diesem Spiel zu halten.

Zur Person: Helga Schmitt

Alter: 65 Jahre
Wohnort: Würzburg; aufgewachsen in Aschaffenburg
Beruf: Lehrerin, jetzt pensioniert
Vereine als Aktive: SV Vorwärts Kleinostheim, TSV Prosselsheim
Position als Aktive: Sturm und offensives Mittelfeld
Funktionen im BFV: 1998 -2008 Juniorinnenspielleiterin; 2002-2022 Vorsitzende des Bezirks Frauen und Mädchenausschusses (BFMA wurde 2002 eingeführt); 2008-2022 Frauenspielleiterin

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