Montag, 16.07.2018

WM-Perlen und viel deutscher Pfusch

Weltmeisterschaft Freitag, 13.07.2018 - 18:38 Uhr

Die Weltmeisterschaft 2018 ist sportlich nicht von größtem Wert, bietet aber etliche Überraschungen Nun ist es die Stun­de der Ana­lys­ten. Was bleibt von der Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft 2018? Auf die­se Fra­ge ha­ben sie Ant­wort zu ge­ben.

Auch das Main-Echo hat sich vor dem Finale an diesem Sonntag in Moskau (Anstoß 17 Uhr) mit dem befasst, was sich da über vier Wochen lang in zwölf russischen Stadien - und natürlich auch neben dem Platz - abgespielt hat.

Abgetaucht I - Die Deutschen: Das hat es noch nie gegeben. Eine deutsche Elf verlässt die WM mit Schimpf und Schande nach der Vorrunde. Auch 17 Tage nach dem 0:2 gegen Südkorea bleibt einem die Spucke weg. Experten haben ein Bündel von Fehlern analysiert, trotzdem quält eine Frage weiter die Fußballer-Seele: Wie kann ein Team aus Weltklasse-Kickern im besten Sportleralter, das vor vier Jahren imponierend den Titel geholt hat, sich selbst so aus dem Turnier kegeln?

Abgetaucht II - Löw und der DFB: Aufarbeitung! Das hat sich der Deutsche Fußball-Bund nach dem WM-Fiasko als oberste Aufgabe auferlegt. Wir kennen das - abgedroschenster Politikersprech. Irgendwie hatte man schon vor dem Turnier das Gefühl, dass sich der Bundestrainer und seine Gehilfen an der Seitenlinie in anderen Sphären befinden. Was wir von Löw bis dato nicht kannten: Beim Coaching wirkte er rat- und rezeptlos. Ein Trainer, der seinen Spielern nichts zu sagen hatte. Ob's besser wird? Die handstreichartige Weiterverpflichtung Löws durch DFB-Präsident Grindel lässt Zweifel.

Abgetaucht III - Putin: Nach Logen-Pantomime mit Fifa-Präsident Infantino zur WM-Eröffnung hat Wladimir Putin das Rampenlicht gemieden. Die Befürchtungen, der russische Staatspräsident werde die WM als Propaganda-Show missbrauchen, waren falsch. Bis jetzt. Doch wir wissen: Putin ist wandelbar wie Horst Seehofer. Mal gibt er den Tigerbändiger, mal überreicht er Merkel in schönster Schwiegersohn-Manier ein Blumensträußchen. Apropos Merkel! Löws Kicker haben der Kanzlerin die Chance vermasselt, in einer streng riechenden Männerkabine Pluspunkte auf ihrer bedenklichen Image-Skala zu sammeln. Wenigstens Lothar Matthäus hat es nach Moskau geschafft - und dem stillen Putin etwas vorgefränkelt.

Abgetaucht IV: - Die Stars: Superstars streichen früh die Segel. Ronaldo spielt gut, trifft und muss das Turnier mit seinen Portugiesen doch verlassen. Bei Messi ist's wie immer. Er ackert, rackert, rennt und dribbelt, aber seine Argentinier lassen ihn im Stich. Das sportlich Ehrenhafte der beiden jeweils fünffachen Weltfußballer geht Möchtegern-Idol Neymar völlig ab. Er wird oft gefoult, schauspielert dann aber auch aufs Peinlichste. Mit dem sagenhaften brasilianischen Fußball früherer Tage hat das nichts mehr zu tun.

Aufgetaucht I - Die Standards: Die Experten haben genau hingeschaut: Die WM 2018 ist eine WM der Standards. Jenseits aller Statistik heißt das: Fallen Tore im Übermaß nach Ecken, Freistößen und Elfmetern, dann kommt das Spielerische zu kurz. Ein Blick auf die Halbfinalisten belegt das: England findet kein Mittel gegen die solide Deckung einer kroatischen Elf, die sich selbst ohne Esprit ins Endspiel schleppt. Die Belgier - über ihrem Zenit - lassen den ganz großen Elan vermissen. Bleibt allein Frankreich!

Aufgetaucht II - Die russische Seele: Geheimnisvoll, schwer, träumerisch, unruhig und sehr empfindsam: So hat Dostojewski die russische Seele beschrieben. Bei der WM aber waren die Gastgeber ganz anders: ausgelassen, verrückt nach Fußball und extrem gastfreundlich. Obwohl ihre Sbornaja ziemlich über den Rasen rumpelte. Schön: der Rote Platz als internationaler Treff für freisinnige Menschen, ganz ohne Kalter-Krieg-Fluidum. Gut auch: Trainer-Kauz Tschertschessow.

Aufgetaucht III - Der Videobeweis: Ein Lob auf die Schiedsrichter! Die Männer mit der schwarzen Pfeife machten einen prima Job. Was tatsächlich auch am Videobeweis lag. Die Assistenten vor den Bildschirmen sorgten - mit wenigen Ausnahmen - für mehr Gerechtigkeit auf dem Rasen. Stellt sich im Nachhinein eine Frage: Warum hat das in der ersten Saison des Videobeweises in der Bundesliga nicht geklappt, wo ein Eklat den nächsten jagte. Was für ein deutscher Pfusch!

Aufgetaucht IV - Les Bleus: Die Grande Nation hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert und im Halbfinale gegen Belgien eine taktisch brillante Leistung gezeigt. Der französischen Mannschaft gehört mit jungen, hungrigen, athletisch bestens ausgebildeten Spielern die Zukunft. Zusammengeschweißt hat das Team mit reichlich Migrationshintergrund ein Trainer, der passend die Aura eines Hafenarbeiters aus Marseille besitzt.

Manfred Weiß

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