Mittwoch, 19.06.2019

Nach brutalem Foul im Freundschaftsspiel: Der Schock sitzt bei Christian Mathea immer noch tief

Interview
Kommentieren
Ein Dribbelkünstler am Boden: Christian Mathea ist einer der erfolgreichsten Fußballer der vergangenen 20 Jahre aus dem Landkreis Main-Spessart und muss wegen eines schweren Fouls vielleicht seine Laufbahn beenden. Foto: Denise Nadler
Foto: Denise Nadler

An­fang Au­gust 2018 hat sich Chris­ti­an Ma­thea bei ei­nem Test­spiel in Zel­lin­gen (4:1) schwer ver­letzt - und noch im­mer Sch­mer­zen im All­tag, wäh­rend sein Ge­gen­spie­ler nicht mal ei­ne Kar­te ge­se­hen hat. Im Gespräch mit unserem Medienhaus berichtet der 40-Jährige von den Folgen, den Unterschieden zwischen den Ligen - und einem Problem im unterklassigen Fußball, das aus seiner Sicht ein grundsätzliches ist.

Obwohl der Vorfall schon einige Monate zurückliegt, ist der Spielertrainer des Fußball-A-Klassisten FV Bachgrund (Kreis Main-Spessart) noch immer aufgewühlt, wenn man ihn auf die Szene in der zehnten Spielminute anspricht.

Mathea hat - von der Landesliga bis zur B-Klasse - in sämtlichen Spielklassen Erfahrungen gesammelt. Im Gespräch mit unserem Medienhaus berichtet der 40-Jährige von dem Foulspiel in Zellingen, den Folgen, den Unterschieden zwischen den Ligen - und einem Problem im unterklassigen Fußball, das aus seiner Sicht ein grundsätzliches ist.

Christian Mathea, wie geht es Ihnen?
Mathea: Immer noch nicht gut. Am Anfang sind die Ärzte von einem Knöchelbruch ausgegangen, es hat sich aber herausgestellt, dass ich mir das Innen- und Außenband gerissen und die Syndesmose angerissen habe. Und eine Kapsel hat etwas abbekommen.

Er kommt mit zwei Beinen angesprungen und grätscht mich um.

Wie haben Sie das Foulspiel in Erinnerung?
Mathea: Ich habe meinen Gegenspieler im Strafraum ausgespielt und bin seitlich weggelaufen. Er ist mit zwei Beinen angesprungen gekommen und hat mich umgegrätscht. Es war eine brutale Aktion. Der Schiri hat zwar Elfmeter gegeben, den Spieler aber nicht mal ermahnt. Eine Stunde später hat derselbe Spieler noch einen meiner Spieler umgetreten - und wieder nicht die Gelbe Karte gesehen. Ich spiele seit über 30 Jahren Fußball und habe vielleicht auch mal hingetreten, so etwas habe ich in einem Freundschaftsspiel aber noch nicht erlebt.

Haben Sie im Alltag Schmerzen?
Mathea: Ab und zu. Ich arbeite als Postbote, ich habe also viel Bewegung. Der Doktor hat mir gesagt, er müsste den Fuß eigentlich sechs, sieben Wochen eingipsen - aber dann wäre ich ja zwei, drei Monate krankgeschrieben, bis ich die Verletzung auskuriert habe.

Das haben Sie also nicht machen lassen.
Mathea: Nein. Ich war etwas naiv. Ich wusste nicht, wie ich mit der Verletzung umgehen soll, weil ich noch nie schwer verletzt war. Ich habe gehofft, dass ich nach ein paar Wochen wieder spielen kann, aber so einfach ist es nicht.

Gegen Ende der Vorrunde sind Sie aber noch mal aufgelaufen.
Mathea: Mit Schmerztabletten. Vorher war ich bei drei, vier Spezialisten. Einer hat mir gesagt, dass es eigentlich ein Jahr dauert, bis die Verletzung hundert Prozent ausgeheilt ist.

Sie wirken immer noch mitgenommen, obwohl das Foul schon Monate zurückliegt.
Mathea: Ja. Der Schock sitzt immer noch tief, das muss ich zugeben. Und es belastet mich. Der Spieler hat sich nach dem Spiel zwar bei mir entschuldigt, aber ich habe nach wie vor eine Wut in mir.

Wegen des Foulspiels oder der nichtgegebenen Karte?
Mathea: Wegen beidem. Wenn man am Mittelkreis einen Gegenspieler am Trikot zupft, sieht man sofort die gelbe Karte wegen eines taktischen Fouls. Wenn ein Spieler einen anderen kaputttritt, passiert aber nichts.

Halten Sie das für ein grundsätzliches Problem im Amateurfußball?
Mathea: Man muss differenzieren. Es kommt darauf an, in welcher Liga man spielt. In der Bezirks- und Landesliga gibt es junge, ambitionierte Schiedsrichter, die aufsteigen wollen. Sie pfeifen in aller Regel richtig gut. In unteren Klassen sind manche Schiedsrichter aber überfordert, wenn Tempo im Spiel ist. Deshalb pfeifen sie ja auch in diesen Ligen, das muss man akzeptieren. Ich finde aber, dass die Spieler besser geschützt werden müssen.

In den unteren Ligen wird eher getreten.

Gibt es diese Probleme in den unteren Ligen aus Ihrer Sicht auch deshalb, weil die Verteidiger unbeholfener sind?
Mathea: Mit Sicherheit sind die Abwehrspieler in der Landesliga cleverer. Da haben sie auch die Qualität, ein Laufduell zu gewinnen. In den unteren Ligen wird eher getreten. Dann heißt es oft auch: Das ist halt Fußball. Ich finde das schockierend. Solche Fouls wie in Zellingen haben mit Fußball nichts zu tun.

Sie haben davon gesprochen, dass die Verletzung Sie auch mental mitgenommen hat. Haben Sie auch daran gedacht, Ihre Laufbahn zu beenden?
Mathea: Stand jetzt werde ich wahrscheinlich kein Spiel mehr machen können. Eigentlich möchte ich aber noch ein, zwei Jahre spielen und dann selbst die Entscheidung treffen, dass ich aufhöre. Ich will nicht, dass dieses Foul mich zwingt, meine Karriere zu beenden - aber vielleicht muss ich das.

Welche Erfahrungen machen Ihre Spielertrainer-Kollegen? Teilen sie Ihre Wahrnehmungen?
Mathea: JIch habe mich nach dem Foul in Zellingen mit vielen Leuten unterhalten und dabei den Eindruck gewonnen, dass es anderen in der Vergangenheit ähnlich ergangen ist. Ich denke schon, dass das Thema viele beschäftigt. Dabei liegen die Lösungen so nahe.

Was schwebt Ihnen vor?
Mathea: Der Verband könnte die Schiedsrichter zum Beispiel anhalten, in Testspielen keine Gelben Karten für taktische Fouls zu geben. Dann soll ein Spieler einen anderen im Mittelfeld lieber kurz am Trikot festhalten - und nicht seine Beine kaputttreten. Dann gibt es eben Freistoß, und dann geht es weiter.

Und in Punktspielen?
Mathea: Da ist es etwas anderes. Da geht es um was, da kann ich Fouls eher verstehen. Wobei natürlich auch dann vorsätzliche Fouls nicht zu rechtfertigen sind. Die Gesundheit steht immer im Vordergrund.

Zur Person: Christian Mathea

Geburtstag/-ort: 27. Mai 1978 in Oppeln, Polen
Wohnort: Gemünden
Beruf: Postbote
Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
Größe: 1,75 Meter
Gewicht: 80 Kilogramm
Hobbys: Sport, Familie
Lieblingsverein: Borussia Dortmund
Bisherige Vereine als Trainer: TSV Lohr, FV Gemünden/Seifriedsburg, FV Bachgrund
Bisherige Vereine als Spieler: TSV Karlburg, FC Hammelburg, TSV Lohr, TuS Frammersbach, FC Gössenheim, FV Gemünden/Seifriedsburg, FV Bachgrund (sl)

 

Alle Artikel zum Thema »Fouls und Verletzungen im Fußball« sind im gleichnamigen Dossier zu finden

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!
Facebook
Twitter
RSS-Feeds
WhatsApp
Live-Blog
Hilfe