Donnerstag, 15.11.2018

Wurde afrikanischer Karlstadt-Spieler rassistisch beleidigt?

Bezirksliga West Mittwoch, 05.09.2018 - 17:52 Uhr

Zwei Akteu­re des FV Karl­stadt er­he­ben nach dem Heim­spiel ge­gen den TSV Keil­berg vom Sonn­tag in der Fuß­ball-Be­zirks­li­ga West Ras­sis­mus-Vor­wür­fe ge­gen ei­nen TSV-Spie­ler, der we­gen ei­ner Ver­let­zung als Zu­schau­er vor Ort ge­we­sen ist.

Die Beteiligten beider Vereine erzählen verschiedene Versionen eines Vorfalls, bei dem es erst um Zentimeter und dann um Meter ging.

Alle Befragten waren sich hinterher einig: Es ging hitzig zur Sache bei der Karlstadter 1:3-Heimniederlage am Sonntag, und aus dem Publikum flogen von beiden Seiten unzählige Unfeinheiten in Richtung Rasen.

Bezüglich einer Szene aus der 66. Spielminute schieden sich im Nachgang aber die Geister zwischen den Klubs: Der FVK sah die rote Linie für Beleidigungen vonseiten eines Gäste-Zuschauers deutlich überschritten, der TSV wollte nichts davon bemerkt haben.

»Es ging darum, ob der Ball im Aus war, oder nicht«, berichtet Karlstadts Ersatztorhüter Kevin Link, der das Geschehen auf der Bank verfolgt hatte, von einer fußballalltäglichen Zentimeter-Diskussion: »Mein Mitspieler hat zum Schiedsrichter gerufen, dass der Ball im Aus war.« Bei diesem Mitspieler handelte es sich um einen minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten aus Sierra Leone, der sich laut Link daraufhin folgende Worte eines Keilberger Zuschauers gleich rechts hinter der Gästebank anhören musste: »Lüg' nicht, du Neger.« Und, einen Augenblick später: »Setz' dich in dein Boot und fahr' nach Hause.«

Referee hält sich bedeckt

Link erinnert sich, dass bei ihm daraufhin die Sicherungen durchgebrannt sind: »Ich bin über die Bande gesprungen, habe den Zuschauer angeschrien und wollte ihn zur Rede stellen.« Link konnte von einer Keilberger Zuschauerin gerade so zurückgehalten werden und sah von Schiedsrichter Thomas Habermann (Bad Neustadt) die Rote Karte für seine Aktion, mit der er kurzzeitig einen Tumult ausgelöst hatte.

Der Referee hatte von der vermeintlichen Aussage des Zuschauers offenbar nichts mitbekommen und ahndete deshalb nur die augenscheinliche Entgleisung Links. Auf Nachfrage wollte Habermann sich nicht zur Szene äußern: »Ich habe meine Meldung zur Roten Karte gemacht und muss deshalb wegen des laufenden Verfahrens an das Sportgericht verweisen.«

Doch Karlstadts Co-Trainer Christoph Keller bestätigt, die von Link angeführten rassistischen Aussagen des Keilberger Zuschauers ebenfalls gehört zu haben. Beide geben außerdem an, dass die entsprechende Person zum Zeitpunkt des Geschehens »offenbar deutlich alkoholisiert« gewesen sei. Link durchforstete nach der Partie das Internet und konnte den Zuschauer dabei als aktiven TSV-Spieler identifizieren, der wegen einer Verletzung nicht mitwirken konnte und deshalb privat im Keilberg-Spielerpullover zugegen war.

Beschuldigter widerspricht

Mit den Vorwürfen konfrontiert, stritt der betroffene Spieler alle Anschuldigungen ab: Die Aussage mit dem Boot sei nie gefallen, außerdem habe er höchstens »Arschloch« und nicht »Neger« gerufen - mehr wolle er dazu nicht sagen.

Nicht viel zu sagen hatte auch Keilbergs Sportlicher Leiter, Rudi Elbert: »Ich habe während des Spiels nicht viel davon mitbekommen, weil ich voll auf die Partie fokussiert war. Erst im Nachgang habe ich gehört, dass es irgendeinen Vorwurf in diese Richtung gab. Wer genau überhaupt damit gemeint war, kann ich auch nicht sagen.« Für Link ist dies verwunderlich: »Er war die ganze Zeit im Bereich der Gästebank direkt beim TSV-Trainer und muss es deshalb mitbekommen haben, die beiden standen ja nur wenige Meter von diesem Zuschauer entfernt.«

Der Keilberger Trainer Marko Arhelger gab denn auch an, dass er selbst nur »maximal zwei Meter vor dem angesprochenen Zuschauer« stand: »Und deshalb kann ich auch meine Hand dafür ins Feuer legen, dass da keine rassistischen Ausdrücke gefallen sind - Beleidigungen ja, von beiden Seiten, aber weder ein Neger-Wort, noch dieser Boot-Satz, den ich heute zum ersten Mal höre«.

Linienrichter im Fokus

Wie es dann sein kann, dass Elbert, der laut mehrerer Zeugenaussagen die ganze Partie über in seiner Nähe stand, gleichzeitig gar nicht mitbekommen hat, dass einer der TSV-Spieler als Zuschauer im Keilberg-Pulli direkt hinter der Gästebank maßgeblich in die Szene involviert gewesen ist? »Er stand manchmal in der Coaching Zone am Rand, es war laut, da haben viele reingerufen - ich sage, dass es weit genug weg gewesen sein kann, dass er es nicht gehört hat.«

Wichtiger findet Arhelger: »Der FVK-Ersatzkeeper saß doch viel weiter weg als wir alle, und da geht mir der Kragen hoch, wenn er dann behauptet, er hätte aus dieser Entfernung so etwas gehört.« Zum Hintergrund: Zwischen der Gast- und Heimbank liegen in Karlstadt rund 15 Meter. Und außerdem: »Der Linienrichter stand am nächsten dran - wenn ein rassistischer Ausdruck gefallen wäre, dann hätte er doch einen Bericht an den Schiedsrichter gegeben.« Tatsächlich verwiesen alle Beteiligten auf die Untätigkeit des Linienrichters, zu dem Referee Habermann Anfang der Woche auf Nachfrage keinen Kontakt herstellen konnte. Und so werden auch hier die verschiedenen Einschätzungen von Entfernungsmetern wichtig.

»Der Linienrichter stand drei Meter daneben und hat angeblich nichts von den Äußerungen gehört«, ärgert sich Karlstadts Sportvorstand Michael Landgraf. Auch Link und Keller prangern die Untätigkeit des Linienrichters an. »Das Schlimmste ist, dass er direkt nebendran stand und nichts auf die Äußerungen hin unternommen hat«, sagt Letzterer. Im Keilberger Lager sehen Arhelger und auch Elbert die ausgebliebene Reaktion des Linienrichters als Beweis für die Unschuld ihres Spielers.

Etwas Aufklärung zumindest in dieser Frage konnte später Referee Jimmy Genheimer (Würzburg) liefern, der das Spiel von der gegenüberliegenden Seite aus als Schiedsrichter-Beobachter verfolgt hatte: »Meiner Wahrnehmung nach befand sich der Linienrichter zum Zeitpunkt der Szene mindestens 20 Meter weit weg vom Geschehen, weil er auf der Höhe des letzten Mannes war.«

Aussagen gegen Aussagen

Erst, als Link mit seiner Aktion den kurzen Tumult auslöste, sei der Linienrichter herbeigeeilt: »Es kann also gut sein, dass er von Zuschauerrufen am Anfang gar nichts mitbekommen konnte, obwohl er kurz darauf mittendrin war.« Genheimer selbst war auf der Gegenseite des Spielfeldes zu weit entfernt, um sich näher zur Szene zu äußern: »Ich kann nur sagen, dass die Rote Karte aus der Ferne gerechtfertigt war - was genau vor Ort vorgefallen ist, habe ich leider nicht mitbekommen.«

Während die sportliche Strafe für Link in Form einer Sperre wohl klar ist, stehen im Disput fernab des Sports somit Aussagen gegen Aussagen. Laut Keller ist keine Strafanzeige geplant, der FVK wolle den Fall aber beim Sportgericht schildern: Eine Stellungnahme des Linienrichters oder neue Augen- und Ohrenzeugen könnten hier noch weitere Erkenntnisse bringen.

Julius Mayer
 
 

Hintergrund: TSV-Abteilungsleiter »distanziert sich von Rassismus in jeglicher Art«

Für Karlstadts Keeper Kevin Link ist es ein persönliches Anliegen, deutlich die Stimme zu erheben. »Mein Papa ist zur Hälfte Südafrikaner und zur Hälfte Amerikaner«, sagt der 26-jährige Karlstadter Fußballer: »Er hat sowas schon durchgemacht, weil er farbig war, und auch ich hatte unschöne Erlebnisse auf Sportplätzen. Aber ich bin erwachsen und kann mich verteidigen – mein Mitspieler ist 17 und will einfach nur Fußball spielen.« Direkt nach der Szene sei eine Keilberger Zuschauerin auf ihn zugekommen. »Sie hat gesagt, dass sie mich versteht und dass die Person eigentlich mal eine auf den Deckel kriegen sollte, weil es wohl nicht das erste Mal war.« Ob der Spieler schon öfter negativ aufgefallen war? »Es gibt in einer Mannschaft ruhigere Spieler und Spieler, die der Clown sind«, sagt Keilberg-Trainer Marko Arhelger: »Aber wir haben jetzt im Verein keinen Spieler, der zuhause irgendwelche Fahnen rumhängen hat.« Der Spieler soll möglicherweise alkoholisiert gewesen sein. »Die Jungs, die nicht gespielt haben, haben vielleicht ein paar Bier zur Bratwurst getrunken«, so Arhelger: »Aber ob der Spieler betrunken war oder nicht, kann ich nicht sagen.« TSV-Abteilungsleiter Simon Lebert war gar nicht beim Spiel und fand dennoch die deutlichsten Worte: »Mir wurde auf Nachfrage von vier Parteien versichert, dass keine rassistischen Ausdrücke gefallen sind, und deshalb glaube ich das auch. Aber die Fäkalsprache auf dem Sportplatz geht mir allgemein gehörig gegen den Strich, und das werde ich intern auch deutlich ansprechen. Der TSV Keilberg distanziert sich von Rassismus in jeglicher Art.« (jum)

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