Dienstag, 26.05.2020
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»Kleiner Schritt auf langem Weg«: Habtemikael, Sieger des 6. Ösber-Gonser-Laufes in Ansbach, peilt klares Ziel an

Ausdauersport
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Filimon Habtemikael (LG Karlstadt-Gambach-Lohr) auf dem Weg zu seinem Sieg in Ansbach.
Foto: Klaus Werthmann
Geschmeidig rennt Filimon Habtemikael (LG Karlstadt-Gambach-Lohr) am Sonntagnachmittag über die Fränkische Platte. Das eine Kreuz um seinen Hals baumelt im Wind, das andere, ein hölzernes, ist wie festgeklebt auf seinem Rücken.

Konzentriert fokussieren die dunklen Augen des 20-jährigen Eritreers einen Punkt auf dem grauen Asphaltband, das ihn nach 7,5 Kilometern und 140 Höhenmetern in das Ziel des sechsten Ösber-Gonser-Laufes in Ansbach führt.

Streckenrekord knapp verpasst

Seinen Streckenrekord aus dem Vorjahr hat Habtemikael nach 25:06 Minuten zwar um elf Sekunden verpasst. Doch zufrieden ist er allemal. Denn innerhalb von acht Tagen hat der spindeldürre Läufer seinen dritten Sieg gefeiert. Zunächst gewann er am 31. August den Erfurter Stadtlauf über zehn Kilometer, dann am Freitag den Erlanger Nachtlauf über 11,4 Kilometer und nun den Wettbewerb im Rodener Ortsteil. Sein Vorsprung auf die nächsten Verfolger, Profi-Triathlet Johannes Moldan (SV 05 Würzburg, 26:24) und Christoph Oehrlein (Biketeam Calor, 27:10) war groß.

Dabei ist die Wettkampfserie einem großen Ziel untergeordnet, dem Halbmarathon in Köln am 13. Oktober. In der Millionenstadt am Rhein will Habtemikael seine Bestzeit über die 21,1 Kilometer aus dem Vorjahr (Kassel, 1:10,32 Stunden) bestätigen. Mehr zu wollen wäre erst einmal vermessen. Denn eine Verletzung zu Jahresbeginn hatte ihn drei Monate außer Gefecht setzt.

Hintergrund

6. Ösber-Gonser-Lauf in Ansbach (Auszug aus der Ergebnisliste):

Hauptlauf, 7,5 Kilometer:
Männer: 1. Filimon Habtemikael (LG Karlstadt-Gambach-Lohr) 25:06 Minuten, 2. Johannes Moldan (SV 05 Würzburg) 26:24, 3. Christoph Oehrlein (Biketeam Calor) 27:10.

Frauen: 1. Sarah-Lena Hofmann 32:43, 2. Verena Ibel (beide RVV Wombach) 34:27, 3. Tamina Preuß (ohne Verein) 34:37.

Jedermann-Lauf, 4,5 Kilometer:
Männer: 1. Michael Amann (LG Lohr) 17:05, 2. Andreas Mergler (SV Würzburg) 17:18 3. Patrick Wenzl (RVV Wombach) 17:56.

Frauen: 1. Verena Ibel (RVV Wombach) 20:21, 2. Uli Fischer 21:46, 3. Andrea Schwehla (beide ohne Verein) 22:02.

Bambini-Lauf, 450 Meter:
Jungen: 1. Kilian Schönfeld (LG Lohr) 1:53, 2. Lucas Lang 2:05, 3. Leano Behl (beide Kindernest Ansbach) 2:06.

Mädchen: 1. Teresa Erhart (Kindernest Ansbach) 2:02, 2. Julia Wiesner (SV Hausen-Rohrbach) 2:14, 3. Frieda Wundes (Kindernest Ansbach) 2:20.

Schülerlauf, 1,4 Kilometer:
Jungen: 1. Jonah Foh (SV Steinfeld) 5:19, 2. Jonas Winkler 5:30, 3. Lars Behr (beide SJG Ansbach) 6:01.

Mädchen: 1. Emma Danneker (ohne Verein) 5:40, 2. Amelie Rauch (ESV Gemünden) 5:58, 3. Maral Wenzl RVV Wombach) 6:02.

Alle Ergebnisse im Internet unter www.sjg-ansbach.de

Wie ein Vater

»Dadurch hat er die schnellen Rennen im Mai alle verpasst«, sagt sein Trainer, Günther Felbinger. Seit 2018 kümmert sich der 57-jährige Diplom-Sportlehrer aus Langenprozelten um den Nachwuchsläufer. In dieser Zeit hat er dessen Training strukturiert und die Entwicklung in Sportschuhen und im Leben befördert. »Günther ist wie ein Vater für mich«, betont Habtemikael, der 2014 als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam.

Dass Habtemikael bei den meisten regionalen Rennen nahezu konkurrenzlos ist und alleine vorneweg marschiert, ist Segen und Fluch zugleich. Siege sind zwar schön und fördern das Selbstvertrauen, doch Felbinger betont, dass nur die harten Auseinandersetzungen in den schnellen Rennen die Leistung auf ein anderes Niveau heben. Deshalb wäre es wichtig gewesen, wenn sein Schützling im Frühjahr fit gewesen wäre.

Habtemikael, der als Pflegehelfer in einem Wohnheim der Alten- und Behindertenhilfe in Würzburg arbeitet, läuft fast jeden Tag. Doch sein Coach achtet darauf, dass er behutsam aufgebaut wird. So weiß Felbinger auf die Frage nach den Trainingskilometern erst einmal keine Antwort: »Zählen wir die überhaupt?« Dann schätzt er, dass es ungefähr 80 bis 90 Kilometer pro Woche sein müssten, was für einen Läufer dieser Kategorie noch sehr wenig ist und viel Spielraum nach oben lässt.

Unter 30 Minuten kommen

Doch was heißt oben? Wie hoch kann Habtemikael leistungsmäßig kommen? »Als Trainer habe ich das Ziel, meine Läufer auf zehn Kilometern unter 30 Minuten zu bringen. Das kann Filimon schaffen«, betont Felbinger, der bei allen wichtigen Rennen seines Athleten dabei ist. Die aktuelle Bestzeit des Talents liegt bei 32:48 Minuten, aufgestellt 2018 in Kemmern.

Hintergrund

Splitter vom 6. Ösber-Gonser-Lauf in Ansbach:

131 Aktive aller Altersklassen haben am Sonntag beim sechsten Ösber-Gonser-Lauf in Ansbach mitgemacht. Damit wurde der Melderekord aus dem Vorjahr (207) zwar klar verpasst, doch die Qualität der Wettbewerbe war mit der Teilnahme zahlreicher Spitzenläufer besser als bei den lokalen Stadtläufen.

Für Ortsunkundige mutet der Name des Ösber-Gonser-Laufes seltsam an. Laut Mitorganisator Michael Weyer heißt Ansbach im Volksmund Osbi. Die Ösber Bürger werden seinen Angaben nach alle Gonser genannt, weil es früher viele Gänse in Ansbach gab und sich die Kinder auf dem Weg in die Schule mit Stecken gegen deren Angriffe wehren mussten.

»Ich habe nicht mehr gewusst, dass es hier so viele Hügel gibt«, sagte Frauensiegerin Sarah-Lena Hofmann (RVV Wombach). Nach einer längeren Sommerpause war es der erste Start der ehemaligen Radrennfahrerin: »Es war gut und anstrengend.«

Nicht genug vom Laufen bekommen offenbar Verena Ibel (RVV Wombach), Sebastiano Ilardi und Michael Amann (alle LG Lohr-Rechtenbach). Alle drei absolvierten um 14.15 Uhr erfolgreich den Jedermann-Lauf und um 15 Uhr den Hauptlauf, bei dem sie ebenfalls top waren.

Dass der Weg nach oben steinig ist, weiß Habtemikael. So fordert ihn nicht nur das Training, sondern auch der Schichtbetrieb im Pflegeheim. Doch der stets lachende Läufer hat schon weitaus schwierigere Situationen gemeistert. Denn was seiner jungen Seele bisher widerfahren ist, reicht für ein ganzes Leben. Bevor er als Flüchtling nach Deutschland kam, war er in Eritrea auf sich alleine gestellt, weil die Mutter in Saudi-Arabien als eine Art Haussklavin gearbeitet hat. Einen Mann hatte sie nicht. Nur die Nachbarn kümmerten sich ein wenig um ihren Sohn, der nach der Flucht in Deutschland nicht nur seine Traumata verarbeiten musste, sondern auch den Schock einer neuen Kultur.

Geholfen hat Habtemikael bei alledem das Laufen. Denn hier jagt er die Dämonen der Vergangenheit fort. Und das eine Kreuz baumelt im Wind - und das andere ist wie festgeklebt auf seinem Rücken.

»Wettkämpfe sind das beste Training«

Johannes Moldan (SV 05 Würzburg) ist Profitriathlet und hat zum zweiten Mal in Folge beim Ösber-Gonser-Lauf in Ansbach den zweiten Platz belegt. Unser Mitarbeiter Kaus Werthmann stellte dem 31-jährigen Wertheimer nach dem Rennen drei Fragen.

Herr Moldan, warum starten Sie als Triathlon-Profi bei kleineren Läufen wie in Ansbach?
Moldan: Wettkämpfe sind das beste Training. Ich kann ohne großen Aufwand anreisen und etwas für die Spritzigkeit und Tempohärte tun. Die Strecke hier in Ansbach ist richtig schwer, es war ein geiles Training.

Sie haben eine durchwachsene Saison mit Verletzungsproblemen hinter sich. Nehmen Sie heuer noch an Triathlons teil?
Moldan: Ja, auf jeden Fall, ich bin noch nicht satt. Am 24. Oktober fliege ich nach Marokko, wo ich drei Tage später beim Halb-Ironman in Marrakesch starte. Im November geht zu einem Rennen in Thailand. Die Vorbereitung für die beiden Wettkämpfe absolviere ich in der Heimat, unter anderem mit der Teilnahme an weiteren Laufwettkämpfen wie voraussichtlich in Rechtenbach (Anmerkung der Redaktion: Glasmacherlauf, 21. September) und am Messe-Lauf in Wertheim (5. Oktober), bei dem ich gefühlte zehn Jahre nicht mehr am Start war.

Wie ist das Leben als Triathlon-Profi?
Moldan: Ich bin kürzlich mit Normann Stadler (Anmerkung der Redaktion: ehemaliger Triathlet aus Wertheim-Dörlesberg, Hawaii-Ironman-Sieger 2004 und 2006) wieder einmal Rad gefahren. Er hat gesagt, dass er heute kein Profi sein möchte. Die Konkurrenz ist sehr hart und internationaler geworden, das Leistungsniveau und die Leistungsdichte sind enorm. Zu Normanns Zeiten war das überschaubarer. Einen schlechten Tag kann ich mir im Grunde nicht mehr leisten, da landest du schnell weit hinten. Sponsoren zu finden, wird immer schwerer, es ist nicht leicht, vom Triathlon zu leben.

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