Ausflug mit Langohr

Monika Bodirsky bietet in Eschau Eselwanderungen an - Eine Annäherung an das Haustier des Jahres 2022

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Vier Esel im Döse-Modus. Es ist ja auch noch früh am Morgen.
Foto: Sabine Schömig
erlebniszentrum spessart
Foto: Sabine Schömig
Esel schei­nen Men­schen sehr zu fas­zi­nie­ren - zu­min­dest mo­der­ne Men­schen in un­se­rer tech­ni­sier­ten Wohl­stands­ge­sell­schaft. Kaum je­mand, der nicht mit Ent­zü­ckens­ru­fen auf die Tie­re mit dem stau­bi­gen Fell und den lan­gen Oh­ren rea­giert, wenn er ih­nen in die feuch­ten Knop­fau­gen schaut oder die zar­te Schn­au­ze st­rei­chelt. Nur, wo hat man heutzutage schonmal Gelegenheit dazu?

Im Mittelalter wurde Equus asinus asinus, so der lateinische Name des Hausesels, noch häufig als Lasttier für den Bergbau, in der Landwirtschaft, in Klöstern oder beim Betrieb von Mühlen genutzt. Doch inzwischen werden Esel fast nur noch als Freizeittiere, in Streichelzoos oder in der Therapie eingesetzt.

Dabei hat der Spessart eine besondere Beziehung zum »Haustier des Jahres 2022«, zu dem der Esel gekürt wurde, um seine Jahrtausende alte enge Beziehung zum Menschen zu würdigen.

Hier verläuft schließlich der Eselsweg 111 Kilometer lang vom hessischen Schlüchtern über die Höhenrücken des Mittelgebirges bis nach Großheubach bei Miltenberg. Die Handelsroute soll bis in die Zeit der Kelten und Römer zurückreichen. Im Mittelalter transportierten hier Eselkarawanen kostbares Salz aus den Salinen von Bad Orb bis ins Maintal bei Miltenberg, wo es zum Weitertransport eingeschifft wurde. Heute ist der Eselsweg ein mit einem großen E gekennzeichneter Wanderweg.

Und doch haben einige Menschen in der Region den Esel wieder entdeckt und wollen seine Eigenschaften anderen näher bringen - und mit Vorurteilen aufräumen, mit denen der Esel beschlagen ist, etwa, dass er »dumm« und »störrisch« sei.

Mit Socke ging es los

Monika Bodirsky aus Eschau im Landkreis Miltenberg ist so ein Mensch. Die Natur und ihre Lebewesen liegen ihr sehr am Herzen und so hat sie ihr Anliegen zum Beruf gemacht und das »Erlebniszentrum Spessart« auf die Beine gestellt.

Inzwischen bietet sie auf einem kleinen, von Streuobstwiesen und Landwirtschaft umhegten Grundstück bei Eschau einigen Tieren ein Zuhause, darunter fünf Esel. Mit ihnen unternimmt sie unter anderem Eselspaziergänge, an denen vor allem Familien mit Kindern, aber auch Schulklassen Interesse zeigen.

Alles begann 2014 mit Socke, einem heute 13 Jahre alten Zwergesel. »Esel dürfen nicht alleine gehalten werden, weil es Herdentiere sind«, erklärt Monika Bodirsky, »deshalb haben wir noch Manfred (17 Jahre alt) dazu genommen«. Er kam über die Noteselhilfe, eine Organisation, die Eseln ein neues, artgerechtes Zuhause verschafft. Später gesellten sich Neptun (15), Till (8) und Murphy (7) dazu, alles Wallache, also kastrierte Eselhengste, mit denen ein friedliches Zusammenleben am besten gelänge, so die Besitzerin.

Es schauen also vier Zwerg- und ein Hausesel die Besucherin neugierig an, während sie auf einem großen gepflegten Gelände mit Offenstall darauf warten, gefüttert zu werden oder zu einem in der Regel eineinhalb bis dreistündigen Spaziergang rund um Eschau aufzubrechen.

»Esel sind super neugierig und gutmütig«, weiß Monika Bodirsky. Eigentlich ist sie gelernte Gärtnerin, aber auch qualifizierte Erlebnisbäuerin und Natur- und Landschaftsführerin für den Naturpark Spessart. Mit Eseln kennt sie sich bestens aus. »Sie können richtig alt werden, über 40 Jahre. Doch die meisten werden in Deutschland nur halb so alt, weil sie falsch gefüttert werden und zu dick sind«.

Der Esel stammt aus der afrikanischen Steppe und seine wilden Vorfahren mussten mit Hitze sowie sehr wenig Wasser und Nahrung auskommen. Diese Genügsamkeit prägt ihn bis heute. Er liebt es, sich im Staub zu wälzen und er verträgt keinen Regen.

Dabei ist er vom Wesen her ein Nimmersatt und frisst, was ihm vor die weiche Schnauze kommt. Auf unseren meist viel zu fetten Wiesen und Weiden wird er deshalb schnell krank und leidet dann zum Beispiel an einer schmerzhaften Hufkrankheit, der Hufrehe.

Aus diesem Grund stehen Monika Bodirskys Esel nicht den ganzen Tag auf der Weide, sondern zeitweise auf ihrem Auslauf mit Heu, Stroh und Wasser. Dazu bekommen sie regelmäßig trockene Zweige, die sie mit Inbrunst verputzen. »Sie fressen auch sehr gerne Disteln und am liebsten Rosen«, weiß sie aus eigener leidvoller Erfahrung. Es gibt aber auch giftige Pflanzen, die den Tieren nicht zwischen die Zähne kommen dürfen: die Herbstzeitlose etwa oder das Jakobskreuzkraut, das sich immer mehr ausbreitet.

Gut erzogen

Deshalb herrscht bei den von ihr selbst geführten Wanderungen mit den Langohren auch Disziplin und Ordnung. »Ich habe meine Esel zu ihrer und der Sicherheit meiner Kunden sehr gut erzogen«, sagt Bodirsky, »die hören auf meine Schlüsselwörter, ich bin für sie zwar nicht wie ein Leittier, das gibt es bei Eseln nämlich nicht, sondern eher wie ein Partner«. Sobald die Tiere ein Halfter über haben, gilt jedenfalls die Regel: Keine Sperenzchen!

Das erfahren wir gleich, als wir mit den beiden »Schnellen«, dem 7 Jahre alten Murphy und dem 8 Jahre alten Till auf Tour gehen. Bodirskys Wort zählt - und dazu gehört natürlich, nicht der Versuchung nachzugeben, das frische Gras vom Wegrand zu ergattern. Die jungen Wallache versuchen zwar sofort ihr Glück, fressen dürfen sie aber nur auf Kommando! Und ziemlich bereitwillig lassen sie vom saftigen Grün auch wieder ab.

Dabei erweisen sich die beiden als alles andere als störrisch: Sie laufen munter und bereitwillig an ihren Führleinen neben uns her, denn der Ruf vom störrischen, sturen oder gar dummen Esel sei sowieso schon lange widerlegt, weiß Monika Bodirsky. »Esel sind nicht störrisch, sie sind nur sehr überlegt«, meint sie. Ein Esel tut nur, was ihm sinnvoll erscheint, deshalb könne man auch die wenigsten longieren so wie Pferde. »Sie sehen einfach keinen Sinn darin, immer im Kreis herum zu laufen.« Ganz schön klug eigentlich!

Dass sie trotzdem gerne mal wie angewurzelt stehen bleiben, liegt daran, dass sie Halbfluchttiere sind. Wenn etwas nach Gefahr aussieht, eine Pfütze oder ein Gullydeckel etwa, dann prüfen sie zuerst die Lage - und meiden oder umgehen die Gefahr. Auf keinen Fall solle man fest am Strick ziehen, weiß die Eselkennerin. Erstens kann man 150 bis 300 Kilogramm widerspenstiges Lebendgewicht nicht so einfach von der Stelle bewegen. Zweitens ist das gar nicht gut für den Rücken des Grautieres.

Ohnehin hat man dem Esel über Jahrhunderte viel zu viel aufgebürdet. »Ein Esel darf nur etwa 20 Prozent seines Gewichts als Last tragen«, sagt Bodirsky. Deshalb taugt er im allgemeinen auch nicht als Reittier, höchstens für Kinder.

Weil er keine Schmerzen zeigt und so gutmütig ist, wird er bis heute noch in vielen Kulturen von Menschen traktiert und vollkommen falsch verstanden. Wie gut, dass man den sehr sozialen und verschmusten Tieren bei einem Spaziergang ganz anders begegnen kann und verstehen lernt, warum es so ein faszinierendes Tier ist.

Hintergrund

Auch wenn der Raps sehr verlockend auf Eselmäuler wirkt - gefressen wird unterwegs bei Moni Bodirsky nur, wenn sie es sagt.

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