Donnerstag, 06.05.2021

Volle Pillenbox

Polymedikation: Nebenwirkungen durch schlechte Kombinationen

Kommentieren
2 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Je mehr Medikamente man einnimmt, desto höher ist das Risiko von Unverträglichkeiten.
Foto: Christin Klose
Et­was für das Herz, et­was ge­gen die Sch­mer­zen und auch noch das Schlaf­mit­tel: Ins­be­son­de­re äl­te­re Men­schen schlu­cken oft meh­re­re vom Arzt ver­ord­ne­te Me­di­ka­men­te am Tag, um ge­sund­heit­li­che Pro­b­le­me in den Griff zu be­kom­men. Das kann al­ler­dings un­er­wünsch­te Fol­gen ha­ben.

»Rund 30 bis 60 Prozent der über 80-Jährigen haben Nebenwirkungen durch Arzneimittel«, schätzt Professor Martin Wehling, Polymedikationsforscher und Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie Mannheim, das zur Universität Heidelberg gehört.

An Jungen getestet

Die Häufung der Nebenwirkungen bei Älteren hat nach seinen Angaben oft einen strukturellen Grund: Arzneimittel werden in den meisten Fällen an jungen Menschen getestet, wie der Experte sagt. Diese können mögliche Nebenwirkungen im Vergleich noch deutlich besser wegstecken. »Im Gegensatz dazu haben Senioren aber veränderte Stoffwechsel und sind viel empfänglicher für negative Folgen.«

Zwar beeinflussen sich Arzneimittel manchmal auch gegenseitig. »Es kann passieren, dass ein Medikament durch ein anderes möglicherweise schlechter abgebaut werden kann - aber das ist das geringste Problem bei Polymedikation«, so Wehling.

Das Hauptproblem ist laut dem Experten ein anderes - nämlich: Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto wahrscheinlicher wird die Unverträglichkeit gegen eines oder mehrere.

Diese Unverträglichkeiten zeigen sich zum Beispiel häufig in Verwirrtheitszuständen oder in einem beeinträchtigten Denk- und Merkvermögen. Auch Nierenprobleme und Blutungen im Magen-Darm-Trakt können ein Hinweis sein.

»Die Organe der älteren Patienten werden immer klappriger«, sagt Wehling. »Und dafür nehmen sie immer mehr Arzneimittel, die sie immer schlechter vertragen«. Das vergifte den Körper regelrecht.

»Man hört oft: 'Er hat nach kurzer Zeit so abgebaut!' oder: 'Sie war plötzlich ganz verwirrt!'«, so Wehling weiter. Dabei könne es sein, dass das jeweilige Medikament zwar an sich sehr gut ist - für Senioren jedoch einfach nicht geeignet ist.

An dieser Stelle seien auch die Patientin oder der Patient gefragt. Man sollte wachsam sein und auf seinen Zustand achten. Tut das Medikament das, was es soll? Fühlt man sich besser, oder vielleicht schlechter? Bei Letztgenanntem sollte Ärztin oder Arzt nachjustieren.

Dabei sollten sich Ältere nicht vertrösten lassen. »Es geht nicht, dass ein Arzt sagt: 'Komm im nächsten Quartal wieder!'«, so Wehling. »Wenn er oder sie etwas verschrieben hat, muss er oder sie auch überprüfen, ob es wirkt oder schadet.« Die Überwachung der Therapie sei einer der wichtigsten Punkte der ärztlichen Betreuung.

Patientinnen und Patienten, die sich angesprochen fühlen, sollten sich auf den nächsten Arztbesuch vorbereiten. Dafür gibt es Hilfe: »Wir haben in einer Liste die gängigsten verschriebenen Medikamente aufgezählt - und bessere direkt empfohlen«, so Wehling.

Nicht selbst herumdoktern

Die Behandelnden können mit dieser sogenannten »Forta«-Liste direkt feststellen, ob ein Medikament für ältere Menschen gut oder weniger gut geeignet ist. Das hilft ihnen bei der Abwägung von Nutzen und Risiko. Die Liste gibt es online oder als Mobile-App für iOS und Android.

»Es geht auch meistens nicht um die Zahl der Medikamente, die man einnimmt, sondern um ihre Qualität«, sagt Wehling. Auf keinen Fall sollte man selbst an seinem Medikationsplan herumdoktern.

 

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!