Montag, 17.05.2021

Russische Pilze

Geschichte: Eine Schaafheimerin erinnert sich an die Jahre mit Kriegsgefangenen auf dem Hof ihrer Eltern

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Kriegsgefangene im Hof Breitwieser, in der Mitte Stanislaus. Jeden Sonntag musizierten sie im Hof oder der vorderen Stube der Bäckerei Sauerwein.
Foto: Elsbeth Kreh
Kriegsgefangene im Hof der Bäckerei Breitwieser, hinten links Stanislaus und Mitte Marie.
Foto: Elsbeth Kreh
Ich sit­ze auf der Ter­ras­se im war­men Son­nen­schein und rich­te das Mit­ta­ges­sen für mei­nen Mann und mich. Heu­te gibt es Pilzp­fan­ne und Nu­deln. Beim Durch­se­hen der Pil­ze se­he ich die Ver­pa­ckung ge­nau­er an. Im Na­tur­span­körb­chen lie­gen die sc­hö­nen Pfif­fer­lin­ge - die kom­men aus Russ­land!

Wer mag sie gesammelt haben? Waren es Frauen, Kinder? Wie leben Sie? Suchen sie die Pilze in den Wäldern? Gleich hinter ihrem Haus oder müssen sie eine Strecke laufen, fahren? Russland ist groß und weit. Aus welchem Gebiet kommen sie? Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf.

1944 im Herbst. Ich war ein Mädchen von sieben Jahren. Wir hatten in Schaafheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg) eine kleine Landwirtschaft, die unsere Mutter alleine mit vier Kindern und den Großeltern über die Kriegsjahre hinweg betrieb. Mein Vater war am 1. November 1939 eingezogen worden.

Seit 1. September 1939, 5.45 Uhr, war Krieg. Und schon am1. November bekamen wir landwirtschaftliche Arbeitshilfe, die mein Vater noch einen Monat anlernen konnte. Es war der Kriegsgefangene Stanislaw Nosal aus Potoczeck in Polen. Man hatte ihn vom Acker weg gefangen genommen und nach Deutschland gebracht.

Ausgehungert kam er bei uns an und Großmutter hatte Bedenken: Ob wir den wieder zurecht kriegen? Sie gab ihm Haferschleim und ganz langsam anderes Essen. Und er kam wieder zu Kräften. Bis 1945 blieb er in unserem Haus. Für uns Kinder und die Nachbarskinder war er der »Ersatzvater«.

Drei Monate später bekamen wir mit dem russischen Mädchen Marie noch eine Haushaltshilfe. Sie war auch in ihrem Dorf in der Nähe von Minsk gefangen genommen und nach Deutschland verschleppt worden.

In Gedanken sehe ich mich noch immer mit »Russen-Marie«, so nannten wir sie immer, in der Waschküche neben dem großen Kessel sitzen. Im Kessel waren Zwetschgen und Zuckerrübenschnitze, die zu »Latweje« gekocht werden sollten. Das dauert ja stundenlang und Marie und ich schürten Feuer und passten auf, dass das Kochgut ganz langsam heiß wurde. Dabei war es uns überhaupt nicht langweilig, denn Marie sang so schön. Sie summte und sang ihre Lieder mal traurig, mal lustig. Manchmal stand sie auch auf und machte Possen dazu.

Lauernde Nazispitzel

Ab und zu schaute meine Mutter herein, um nachzusehen, wie weit der Zwetschgenbrei im Kessel ist. Dabei ermahnte sie immer wieder Marie, »nicht so laut zu singen, damit es die Nachbarschaft nicht hört.« Denn damals lauerten Nazispitzel und die konnten ehrbare Bürger hinter Schloss und Riegel bringen.

Marie war so vielseitig. Aus Gerstenstroh flocht sie im Winter lange dünne Zöpfe und nähte sie dann für uns Kinder zu Strohschuhen zusammen. Auch an ihre Kartoffelknödel erinnern wir uns gern.

Sonntagmorgens musizierten Stanislaw und andere Kriegsgefangene in unserem Hof, Marie sang dazu. Heute weiß ich, dass sie immer Heimweh hatten.

Ein Abschiedsgeschenk

Als Marie zu uns kam, war sie 20 Jahre alt. Das genaue Geburtsdatum wusste sie nicht. Sie sagte: »Ich bin geboren im Kappespflanze setzen.« Das war ungefähr im Mai. Sie konnte ja kein Deutsch. Der Pole Stanislaw übersetzte, denn er lernte schnell und leicht unsere Sprache vom Großvater. Ja, er sprach sogar »Scheffemerisch«, als er wieder in seine Heimat zurückkehrte.

Als der Krieg aus war, wurden alle »Heimatlosen« in andere Unterkünfte gebracht. Marie kam in die Muna, in Münster bei Dieburg. Bevor sie nach Russland abreiste, besuchte sie uns noch einmal und brachte eine Kiste Trockenmilch als Abschiedsgeschenk mit.

Mir übergab sie ihre schwarzen Schuhe. Ich bewahrte sie noch lange auf. Sie war ja neu eingekleidet worden in der Muna. Leider haben wir nichts mehr von ihr gehört. Stanislaus, mit dem wir bis zu seinem Tod Kontakt pflegten und uns gegenseitig besuchten, sagte später: »Stalin hat alle die, die aus dem Westen kamen, nach Sibirien gebracht.«

Russische Pilze haben mich wieder an »unsere Russen-Marie« erinnert. Ich werde nachdenklich. Aber ich bin auch dankbar, dass ich sie in dieser schlimmen, mörderischen Zeit kennenlernen durfte.

Hintergrund

Kriegsgefangene im Hof der Bäckerei Breitwieser, hinten links Stanislaus und in der Mitte Marie. Foto:

Hintergrund

» Marie sang so schön. Sie summte und sang ihre Lieder mal traurig, mal lustig.«

Elsbeth Kreh,Zeitzeugin

Hintergrund

» Aus Gerstenstroh flocht sie im Winter lange dünne Zöpfe und nähte sie dann für uns Kinder zu Strohschuhen zusammen.«

Elsbeth Kreh,Zeitzeugin

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