Montag, 17.05.2021

Geschichte des eigenen Lebens

Biografisches Schreiben: Nicht nur für die Kinder und Enkel eine wertvolle Erinnerung

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Eine feste Struktur hilft, um sich beim Schreiben nicht in seinen Erinnerungen zu verlieren.
Foto: Markus Scholz
»Le­bens­jah­re« sind die ge­bun­de­nen Sei­ten über­schrie­ben, die mei­ne El­tern mir und mei­nen Ge­schwis­tern zum 80. Ge­burts­tag mei­nes Va­ters über­reicht ha­ben. Schon als Kind ha­be ich vie­le der Ge­schich­ten im­mer wie­der ger­ne ge­hört.

Nun kann ich darin stöbern, sie meinen Kindern und vielleicht irgendwann sogar den eigenen Enkeln vorlesen. Ein schönes Geschenk!

»Die Geschichte der Eltern ist wichtig, um die eigene Geschichte zu verstehen«, glaubt meine Mutter. Meine Eltern haben ihre Geschichte vor allem für die Kinder und Enkel aufgeschrieben. Etwa ein Jahr lang haben sie sich Zeit genommen und letztlich selbst davon profitiert, wie sie erzählen.

»Es war ein Bewusstwerden dessen, was ich durchlebt habe«, sagt mein Vater. Und auch das Leben seiner Frau habe er noch mal tiefer verstanden. »Das war ganz wertvoll für mich.«

Sein Leben niederzuschreiben kann therapeutische Wirkung haben, sagt Reinhard Lindner, Professor für Soziale Therapie an der Universität Kassel. Als Psychotherapeut und Psychiater arbeitet er vor allem mit Senioren. »Es ist eine Möglichkeit, noch mal im eigenen Leben aufzuräumen oder einen roten Faden zu finden. Oder wenn man ihn gefunden hat, ihn noch mal sehr deutlich darzustellen«, sagt er.

Praktische Anleitung

Lindner rät allerdings dazu, sich erstmal von dem Druck zu befreien, etwas aufschreiben zu müssen. Stattdessen sollte man diesen Gedanken einfach ein bisschen mit sich herumtragen und sich fragen: »Was ist wirklich wichtig in meinem Leben gewesen? Welche Aussage möchte ich vielleicht meiner Familie grundsätzlich hinterlassen?«

Ein langes Leben beinhaltet immer auch Schweres oder sogar Belastendes. »Auch an der Stelle kann man überlegen: Was ist die Essenz dessen?«, sagt Lindner.

Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen sei im Grunde gut. »Man bekommt eine klarere Perspektive auf sich selbst. Aber wenn während dieses Prozesses Erinnerungen sozusagen aus dem Keller hochkommen und man sehr darunter leidet, dann sollte man sich Hilfe holen«, rät der Psychotherapeut. Gespräche holen auch aus der möglichen Einsamkeit des biografischen Schreibens heraus.

Hilfreich ist darüber hinaus die ganz praktische Anleitung. Hanne Landbeck bietet in ihrem »schreibwerk berlin« Kurse an. Sie nennt es »Das autobiografische Experiment«. Vor allem Frauen kommen zu ihr, zwischen 40 und 80 Jahre sind sie alt.

Sie empfiehlt zu Beginn Stichpunkte zu Ereignissen, die einen noch beschäftigen. Dazu trägt man so viel Material wie möglich zusammen - das können Fotos, Briefe und alles andere sein.

Vor allem sinnliche Eindrücke sind ihr wichtig: »Wie hat es damals gerochen, wie war die Stimme des Mannes, in den ich mich verliebt habe, wie sah der Raum aus, in dem wir saßen?«, zählt sie auf. So werde die Erinnerung bildhaft und konkret und könne besser beschrieben werden, erklärt Landbeck.

In der dritten Person

In ihrem Kurs rät die Medien- und Literaturwissenschaftlerin den Teilnehmern erstmal, über sich in der dritten Person statt in der Ich-Form zu schreiben. »Später kann man das ändern, aber um die Distanz zu sich selbst und möglicherweise dem eigenen Leid zu erhalten, sind Mittel der Distanzierung gut«, sagt sie.

Daneben sei ihr wichtig, nicht nur das eigene Gefühl in bestimmten Situationen zu sehen. »Sondern zum Beispiel auch mal zu gucken: Was war da an Drumherum? Welche politischen oder gesellschaftlichen Ereignisse waren damals wichtig?«

Hanne Landbeck betrachtet mit den Schreibenden verschiedene Zeitspannen des Lebens. Denn eine Struktur sei wichtig, sagt sie. »Sonst steht man vor einem Wust an möglichen Texten und weiß nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll.«

Möglichkeiten, seinen Erinnerungen Struktur zu verleihen, gibt es allerdings viele. »Man kann thematisch oder örtlich gliedern oder sogar anhand von Zeiten mit bestimmten Lebenspartnern«, erklärt die Expertin.

Ziel in ihren Kursen ist ein Manuskript von ungefähr 60 bis 80 Seiten, voll mit Lebenserinnerungen. Ihre Erfahrung ist aber: »Die wenigsten stellen es ganz fertig.«

Dennoch sei es für viele unter dem Strich eine beglückende Erfahrung. »Sie verstehen sich selbst, die Eltern oder die Partner im Nachhinein besser«, sagt die Schreibtrainerin. »Man bekommt einen weiteren und auch milderen Blick sich selbst und den anderen gegenüber.«

Jede Biografie ist von der Form her individuell, mitunter können es eben auch nur Fragmente sein. Wer sich schwertut, seine Erinnerungen selbst und direkt aufs Papier zu bringen, kann mit dem Erzählen beginnen. »Man kann in den Computer oder ins Handy diktieren«, schlägt Landbeck vor. Oder man erzählt es einem Freund und nimmt dieses Gespräch auf.

Auch professionelle Schreiber bieten für Biografien ihre Dienste an. Das kann eine Lösung für alte Menschen sein, die zum Beispiel ihren Kindern gerne etwas aus ihrem Leben weitergeben möchten, denen aber selbst die Energie dazu fehlt.

Kosten variieren

Wer einen Profi engagiert, werde meist nach einem bestimmten Muster befragt, erklärt Landbeck. Daraus werden Texte geschrieben, mit Fotos ergänzt - je nach Angebot bekommt man die Biografie dann auch ansprechend gesetzt und gedruckt als Buch.

Die Kosten dafür variieren stark und hängen unter anderem vom Umfang der geplanten Biografie ab. Mehrere Tausend Euro sollte man aber auf jeden Fall taxieren.

Individueller und direkter ist das Selbstformulierte. »Wenn man die Energie hat, ist das auf jeden Fall zu empfehlen«, sagt Landbeck. »Aber wenn man selbst schreibt, bedeutet das wirklich Arbeit, das macht sich nicht von alleine.«

In welcher Form auch immer man am Ende seine Lebenserinnerungen zu Papier bringt, laut Reinhard Lindner ist klar: »Was wirklich war, ist immer schwer zu packen zu kriegen. Im Laufe des Lebens unterliegt das gewissen Umschreibungen. Eine Biografie ist nicht die Erzählung dessen, was hundertprozentig genauso war.«

Das senke womöglich den eigenen Anspruch auf ein realistisches Maß, sagt der Therapeut und fügt an: »Es kann entlastend wirken, wenn man das von vornherein weiß.«

 

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