Mittwoch, 05.05.2021

Besser hören

Lebensqualität: Zehn Extras für Hörgeräte - Welches Zubehör ist sinnvoll?

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Bei Hörsystemen für hinter das Ohr (HdO) bekommt man im Vergleich zu Im-Ohr-Hörsystemen häufig mehr Technik für das gleiche Geld.
Foto: Sascha Gramann
Groß, klo­big und unat­trak­tiv: Die­ses Kli­schee zu Hör­ge­rä­ten war ein­mal. Heu­te kön­nen die klei­nen Knöp­fe im Ohr als Mi­ni-Com­pu­ter Er­staun­li­ches leis­ten.

Standardmäßig sind moderne Hörsysteme mit mindestens drei Hörprogrammen, vier Kanälen, digitaler Technik und Unterdrückung von Störgeräuschen und Rückkopplungen ausgestattet.

Weiteres Zubehör, das der Bequemlichkeit, dem Komfort oder der Ästhetik dient, müssen gesetzlich Krankenversicherte allerdings oft selbst bezahlen. Was lohnt sich und was ist eher verzichtbar?

1. Fernbedienungen: Über sie können verschiedene Hörprogramme und Lautstärken des Hörsystems ein- und umgestellt werden. »Das ist komfortabel, wenn der Betroffene zum Beispiel eine eingeschränkte Feinmotorik durch Gicht oder Arthrose hat«, sagt die Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker, Marianne Frickel.

Nach Einschätzung des HNO-Mediziners Bernhard Junge-Hülsing aus Starnberg sind Fernbedienungen für Hörgeräteträger bis 75 Jahre eine gute Investition. »Vor allem dann, wenn sie an Sitzungen teilnehmen oder Vorträgen folgen müssen.«

2. Ästhetische Optionen: Hier hat sich eine Menge getan. »Man kann die Entwicklung der Hörgeräte mit der vom Wählscheibentelefon hin zum iPhone 12 vergleichen«, sagt Junge-Hülsing. Auch Frickel betont die Miniaturisierung: »Nahezu alle Modelle sind dezent in der Form und bequem zu tragen.« Manche seien sogar kleiner als 2-Cent-Stücke.

Lohnt sich ein individuell gefertigtes Im-Ohr-Hörsystem (IO), die besonders unauffällig sind? Das ist das eine individuelle Abwägung. Junge-Hülsing sagt: Grundsätzlich bekomme man bei Systemen für hinter das Ohr (HdO) mehr Technik für das gleiche Geld als bei IO.

3. Bluetooth-Anbindungen: Manche Hörsysteme können via Bluetooth mit dem Smartphone oder TV verbunden und gesteuert werden. »Die Infos und Worte können so selbst bei Umgebungslärm deutlich verstanden werden«, sagt Frickel.

Für HNO-Arzt Junge-Hülsing stellt die Option eine »sinnvolle Ergänzung« dar, weil dadurch zum Beispiel Musik oder Konferenzen direkt auf das Hörgerät übertragen werden können. Sie seien aber nur die Investition wert, wenn man sich auf die Technik einlasse.

4. Automatische Anpassungen an Hörsituationen: Die allermeisten Hörsysteme sind heutzutage digital und leiten den Schall teils in Echtzeit weiter. »Um sich auch auf unterschiedliche Hörsituationen einstellen zu können, verfügt jedes System über mindestens drei Programme«, sagt Frickel. High-End-Geräte erkennen die Geräuschsituation auch automatisch. Diese Funktion ist laut Junge-Hülsing für alle Hörgeräte zu empfehlen.

5. Gute Breitbandqualität: Gerade für Musikliebhaber eine Überlegung wert. »Vergangenes Jahr habe ich an mir mit 56 Jahren eine leichte Innenohrschwerhörigkeit mit vier Prozent Hörverlust beidseitig bemerkt«, erzählt HNO-Arzt Junge-Hülsing. »Da habe ich mir das Hörgerät meines Bruders, er hat 35 Prozent Hörverlust beidseitig, ausgeliehen. Ich konnte so ein Konzert der Berliner Philharmoniker noch besser genießen.«

6. Klangkomfort: Der Klang eines Hörsystems wird auf das subjektive Hörempfinden des Betroffenen eingestellt, erklärt Innungspräsidentin Frickel. Das ist also kein wirkliches Extra. »Klangkomfort ist ein inhaltsleerer Werbebegriff«, urteilt Junge-Hülsing. Grundsätzlich empfiehlt er Markentreue, denn die Hörgeräte der Hersteller unterscheiden sich in Klangnuancen. »Das eine hört sich überspitzt an wie im Badezimmer, das andere wie im Wohnzimmer.«

7. Reinigungsset und Trockenbox: Reinigungssets gibt es zur Pflege von Hörsystemen. Weil die Mikrofoneingänge nur wenige Zehntelmillimeter groß sind, können sie bei Verschmutzung leicht zusetzten, erläutert Frickel. Für die Aufbewahrung nach dem Tragen gibt es Trockenboxen.

Junge-Hülsing empfiehlt beides als »unverzichtbare Tools«. Die Nutzung setze aber eine Einweisung durch den Hörakustiker voraus.

8. Sportclips: Sie dienen der zusätzlichen Befestigung des Geräts hinter dem Ohr und sorgen dafür, dass die Systeme beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder während des Sporttrainings nicht verloren gehen. »Sie können tatsächlich hilfreich sein«, sagt Junge-Hülsing.

9. T-Spule/Induktive Höranlage: Hörsysteme mit einer T-Spule können sich mit einer Induktionsschleife, die sichetwa im Museum oder in der Kirche befinden kann, verbinden und liefern dann akustische Signale störungsfrei - unabhängig von Entfernung und Raumakustik. »Allerdings braucht eine T-Spule Platz,so dass der Miniaturisierung Grenzen gesetzt sind«, sagt Frickel. Junge-Hülsings Einschätzung lautet: Induktive Höranlagen könnten nützlich sein bei höhergradigen Schwerhörigkeiten sowie bei leicht peripheren Hörstörungen, die kombiniert mit Hörverarbeitungsstörungen oder zentral-auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen (AVWS) auftreten.

10. Freisprechfunktion beim Autofahren: Manche Hörsysteme können sich beim Autofahren als Freisprechanlage nutzen lassen. Gleichzeitig können Ansagen des Navigationssystems eingespielt werden. »Das erhöht die Sicherheit beim Autofahren erheblich«, sagt Junge-Hülsing.

Hintergrund: Die Kostentenfrage

Mehr als 3,7 Millionen Menschen in Deutschland haben laut der Bundesinnung der Hörakustiker ein Hörsystem. Sie werden von 6500 Meisterbetrieben versorgt. Gesetzlich Krankenversicherte haben einen Anspruch auf zuzahlungsfreie Hörsysteme, für die nur ein Eigenanteil in Höhe von zehn Euro fällig wird. Die Geräte reichen nach Angaben der Verbraucherzentralen oft aus. Man sollte sich nicht drängen lassen, ein Gerät mit hohem Eigenanteil zu kaufen. Die Verbraucherschützer raten: Entscheiden sich Menschen mit Hörschwäche aus medizinischen Gründen dennoch für ein Gerät, das nicht aufzahlungsfrei ist, sollten sie immer einen Antrag auf Übernahme der Mehrkosten bei ihrer Krankenkasse stellen.

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