Sonntag, 25.07.2021

Stationen einer eindrucksvollen Künstlerkarriere

Zum 200. Geburtstag des Wertheimer Malers und Fotografen Carl von Jagemann (1819 - 1883)

Wertheimer Michaelismesse
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Foto: carl von jagemann
Zusammen mit seiner zweiten Gemahlin Sophie, Prinzessin von und zu Liechtenstein.
Foto: Jagemann, Karl von
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Bildnis des Künstlers (Brust, halb links, mit Backenbart).
Foto: Jagemann, Karl von
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Foto: carl von jagemann

In seiner Geburtsstadt Wertheim weiß man bislang nur wenig über Carl von Jagemann, obwohl ihm - überwiegend im kaiserlichen Wien - eine erstaunliche und erfolgreiche Karriere gelang. Der jetzt anstehende, runde Geburtstag soll nicht unbemerkt verstreichen, vielmehr gibt er Anlass, sein künstlerisches Schaffen als Maler, Lithograf und Fotograf zu würdigen.

Beinahe auf den Tag genau vor 200 Jahren kam Carl als Spross einer wohl situierten und weit verzweigten Familie am 4. Oktober 1819 in der heutigen Rittergasse 1, im sogenannten Stumpfshaus, zur Welt. In dem Gebäude, in dem er mit drei Geschwistern aufwuchs, hatte die katholische Linie Löwenstein-Wertheim-Rosenberg Dienstwohnungen für ihre Beamten eingerichtet, wozu auch sein Vater Franz von Jagemann senior (1776 - 1866) als fürstlicher Justizrat gehörte.

Von Ostern 1830 bis Michaelis 1835 besuchte Carl das Wertheimer Gymnasium, das damals in der profanierten (entweihten) Kilianskapelle, schräg gegenüber der Stiftskirche untergebracht war. Er galt als mittelmäßiger Schüler, war aber nach Ansicht seines Direktors J. G. E. Föhlisch (1778-1862) »vorzüglich im Zeichnen ...«.

Eine aus der Schulzeit erhaltene karikaturhafte Szene mit dem Titel »Les Musiciens aveugles« (Die blinden Musiker) von 1833 bezeugt seine außerordentliche Begabung, die es auszubauen galt. Da der ältere Bruder Franz junior (1816 - 1889) bereits dem Vater beruflich nachfolgte, genoss Carl als Zweitgeborener das Privileg, seinen künstlerischen Neigungen folgen zu können.

Die erforderlichen Grundlagen wollte er an der renommierten Münchner Kunstakademie erwerben. Hierfür musste er, wie jeder andere Student auch, zuerst einen Nachweis seines Könnens erbringen. Aufgrund der starken Kriegsschäden, die die Institution im Zweiten Weltkrieg erlitt, hat sich dieses »Akademiestück« leider nicht erhalten.

Es entsprach offensichtlich den hohen Anforderungen, denn der 16-Jährige wurde unter der laufenden Matrikelnummer 2383 am 30. November 1835 offiziell an der Kunstakademie im Kunstfach Malerei angenommen. Während der Ausbildungszeit reiste er hin und wieder in seine Heimatstadt, auch ein Aufenthalt in Salzburg, der vielleicht Studienzwecken diente, ist belegt. Nach sechs Jahren, in denen er sich auf das bei Publikum und potenziellen Kunden immer beliebter werdende Porträtfach spezialisierte, endete seine Ausbildung. Er war nun ein selbstständiger und ausübender Künstler.

Nur wenige Werke sind überhaupt fassbar: Ein »Männliches Bildnis 38 Zoll hoch 30 Zoll breit«, das der Münchner Kunstverein 1843 ausstellte und weitere Aufzeichnungen belegen Porträtaufträge und andere Gemälde.

Es zieht in nach Wien

Ab dem Sommer 1845 erhielt Jagemanns Laufbahn neue Impulse. Der Dienstherr seines Vaters, Fürst Karl Thomas (1783 - 1849), der ihn bereits mehrfach mit Bildnissen betraut hatte, unterstützte ihn »zu seiner weiteren Ausbildung« für drei Jahre mit jährlich 600 Gulden. Den inzwischen 26-Jährigen zog es zu seiner Vervollkommnung als Bildnismaler jedoch nicht in die Kunstzentren der Zeit, nach London oder Paris, sondern ausgerechnet nach Wien, das in jener Zeit nur wenige fremde Maler anzog.

Seine Beweggründe liegen auf der Hand: Zum einen lebten und arbeiteten hier mit Ferdinand Georg Waldmüller (1793 - 1865) und Friedrich von Amerling (1803 - 1887) zwei über die Grenzen Österreichs hinaus berühmte, wenn auch von der Auffassung her gegensätzliche Porträtmaler.

Zum anderen bestanden mütterlicherseits enge familiäre Verbindungen in die kaiserliche Haupt- und Residenzstadt. Jagemanns Onkel, der Hoftheaterkostümdirektor Philipp von Stubenrauch (1784 - 1848), selbst ein anerkannter Maler, Kupferstecher und Radierer, nahm sich seines Neffen an. Er führte ihn in die Wiener Künstlerkreise ein, wo Carl rasch Fuß fasste.

Der raren Überlieferung zufolge bildete er sich im Atelier Amerlings weiter, wo er vermutlich auch auf seine erste Frau traf, die Malerin Anna Kolb (1816 - 1905), nach ihrem Stiefvater auch »von Kettenacker« genannt, die hier das Porträtfach erlernte.

Mit der Lithographie, einem gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfundenen Flachdruckverfahren, das hohe Auflagen ohne merklichen Qualitätsverlust ermöglichte, entdeckte Jagemann um 1850 ein neues Medium für sich. Lithographierte Porträts erlebten ihre Blüte im zweiten und dritten Viertel des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als die Fotografie noch nicht entdeckt war oder erst in den Anfangszügen lag; sie galten als guter Ersatz für das zeitaufwendige und dadurch kostspielige Ölbild.

Seine überlieferten Flachdrucke zeigen Persönlichkeiten aus den Künstler- und Intellektuellenkreisen, darunter den Dirigenten und Komponisten Joseph Hellmesberger senior (1818-1893).

Abermals beschritt er neue künstlerische Wege, als er sich Mitte der 1850er Jahre der Fotografie zuwandte. Ihr galt bis zu seinem Tode sein berufliches Hauptaugenmerk. In dieser sich ab 1839 verbreitenden Technik erzielte er große Erfolge und brachte es zu Ruhm und Anerkennung. »Wahrhaft überraschend und lohnend ist ein Besuch im Atelier des Photographen Herrn Carl v. Jagemann am Hof. Seine Bilder lassen an Zartheit und Correctheit der Ausführung eben so wenig zu wünschen übrig, als an Eleganz der äußeren Ausstattung. Der sich täglich mehr steigernde Besuch und die Ueberhäufung von Arbeiten rechtfertigen zur Genüge den wohlverdienten Ruf, den sich Herr v. Jagemann in seinem Fache erworben hat«, hieß es schon 1860 in der Wiener Theaterzeitung.

»k.k. Hof-Photograph«

Als ihm das Kaiserhaus im November 1864 den Titel eines »k. k. Hof-Photographen« verlieh, war er ein gemachter Mann. Er avancierte zu einem der bedeutendsten Wiener Atelierfotografen der 1860er und 1870er Jahre. Zu seinem Kundenkreis zählten Vertreter der Wiener Gesellschaft und berühmte Persönlichkeiten, die sich in der Donaumetropole aufhielten. Er fotografierte Mitglieder der Kaiserfamilie, wie etwa Kaiserin Karoline Auguste (1792-1873), aber auch aus anderen Adelsfamilien.

Anlässlich seiner zweiten Eheschließung mit Sophie Prinzessin von und zu Liechtenstein (1837 - 1899) am 4. Mai 1863 in Wien ließ es sich Fürst Karl Heinrich von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1834-1921), Enkelsohn von Fürst Karl Thomas, dem Förderer Jagemanns, nicht nehmen, das offizielle Hochzeitsfoto im Atelier des ihm vertrauten Künstlers anfertigen zu lassen. Daneben fotografierte er Politiker, Wissenschaftler, Militärangehörige sowie unzählige Kollegen aus allen Bereichen der Kunst: Clara Schumann (1819-1896), Johannes Brahms (1833-1897), Anselm Feuerbach (1829-1880), Friedrich Hebbel (1813-1863), Fanny Elßler (1810-1884), die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit, aber auch viele Schauspielgrößen der Zeit wie Charlotte Wolter (1834-1897), Friedrich Beckmann oder Karl Wilhelm Meixner (1815-1888).

Früher Promifotograf

Somit darf man Carl von Jagemann wohl, im besten Sinne des Wortes, als frühen Prominentenfotograf bezeichnen. Daneben existieren auch zahlreiche Aufnahmen namentlich unbekannt gebliebener Personen, darunter viele Familienbildnisse und Kinderporträts.

Jagemann verstarb am 4. Dezember 1883 im Alter von 65 Jahren an »Gehirnerweichung«. Seine zweite Frau Marie führte das Geschäft weiter, konnte aber nicht mehr an den künstlerischen und geschäftlichen Erfolg ihres verstorbenen Mannes anknüpfen. Sie geriet in missliche Vermögensverhältnisse und hat sich mit Zyankali 1895 das Leben genommen. Carl von Jagemann genoss den Ruf eines anerkannten und geachteten, in unterschiedlichen Bildmedien erfolgreichen Künstlers.

Seine Arbeiten befinden sich unter anderem im Grafschaftsmuseum Wertheim, im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg, in der Österreichischen Nationalbibliothek, im Theatermuseum, in der Albertina, in der Österreichischen Galerie Belvedere (alle Wien) sowie in zahlreichen Archiven und Bibliotheken, vor allem aber auch in zahlreichem (bislang unbekanntem) Privatbesitz. Es gibt also noch viel zu entdecken ...

Hintergrund

Unbekannter kleiner Junge auf einem Sessel sitzend. Das Foto entstand um um 1865, heute in Privatbesitz. Foto:

Hintergrund

Kaiserin Karoline Auguste von Österreich (1792 - 1873), vierte Ehefrau von Kaiser Franz I. von Österreich, vor 1873, Privatbesitz. Foto:

Hintergrund

Fürst Karl Heinrich von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und Frau Sophie Prinzessin von und zu Liechtenstein am Tag der Hochzeit.

Foto:

Hintergrund

Carl von Jagemann in älteren Jahren. Auf dieser Fotografie zeigt er sich mit dem typischen Kaiser-Franz-Joseph-Bart.Foto: Bestand

Literatur über den Künstler

Marion Diehn: z »Von Wertheim nach Wien - biografische Skizzen über den Maler und Hoffotografen Carl von Jagemann (1819 - 1883)», erschienen in »Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst«, Bd. 62 (zugl. Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg, Bd. 133), Würzburg 2011, S. 18 - 244.

z Jagemann, Carl von, in: »Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815«

(2. überarbeitete Auflage - online, 15.03.2013)

Hintergrund

Prominente von damals: Die Burgschauspieler Friedrich Beckmann (links) und Karl Wilhelm Meixner, eine Aufnahme von vor 1864, heute in Privatbesitz. Foto:

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