Dienstag, 03.08.2021

Meine Lektion der Lässigkeit

Selbstversuch: Drei Tage im Schweige- und Meditationsseminar

Wertheimer Michaelismesse
Kommentieren
8 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Günter Herberich Archivfoto: Herberich
Foto: privat
Unser Raum der Stille - das Zendo. Foto: Günter Herberich
Foto: Günter Herberich

In einer immer hektischer werdenden Zeit sehnen sich zahlreiche Menschen nach Ruhe und innerer Einkehr. Auszeiten im Kloster oder Pilgertouren haben daher Hochkonjunktur. Atemlosigkeit gehört einfach zum modernen Lebensgefühl. »Hochverfügbarkeit« ist bei vielen angesagt. »24/7«, ein Kürzel, das ich bis vor kurzem gar nicht kannte. Seit ich Mitte August für eine Woche mit meinen Kindern in Berlin war, ist es auch bei mir angekommen.

24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche zur Verfügung zu stehen, Tag und Nacht, also immer. Meine Kinder fanden es cool, ich nicht. Doch wo kann man im Alltag Raum finden für spirituelle Erfahrungen? Im Benediktushof in Holzkirchen etwa, direkt nach der Reise. Mir kommen die drei Tage »Einführung in die Kontemplation« gerade recht. Ein Selbstversuch.

Stillsitzen kann ich nicht, ich bin dauernd unter Strom und habe die Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege. Keine optimalen Voraussetzungen für das meditative Schweigeseminar, für das ich mich angemeldet habe. »Was, du willst meditieren, da bin ich mal gespannt, das kannst du nicht. Schon gar nicht drei Tage lang im Schweigen«. Meine Frau hat mein Ego angestachelt. Als absoluter Newcomer in diesem Gebiet fand ich gar nicht weit weg von meinem Heimatort im Benediktushof in Holzkirchen genau das perfekte Umfeld.

Hier kann man in Stille und Klarheit zu sich selber kommen, sich auf das Wesentliche besinnen und mit lebensprakatischen Impulsen gestärkt in den Alltag zurückkehren. Bisher war ich nur einmal im Benediktushof, traf dort zufälligerweise auch noch Willigis Jäger, Begründer des spirituellen Zentrums, der mich einfach ansprach und meiner Tochter Marie mit einem Lächeln im Gesicht eine Postkarte schenkte.

Nun bin ich vier Jahre später wieder hier. Der Kurs zur Einführung in die Kontemplation ist nur einer der zahlreichen Kurse, die am Benediktushof stattfinden, und er gibt einen kleinen Einblick in die Arbeit in dem Zentrum für Meditation und Achtsamkeit.

Die erste Meditation: Beatrice Grimm, die Kursleiterin, gibt eine kurze Einführung sowie weitere Tipps. Dabei spielt die richtige Sitzposition eine wichtige Rolle. 60 000 bis80 000 Gedanken hat man am Tag, erfuhren wir von der Kursleiterin. Das überrascht mich in der Tat.

Jeder Kursleiter arbeitet am Benediktushof etwas anders. Ganz spezifisch wird man an das Meditieren herangeführt. Ich bin ja darin vollkommener Neuling. Ruhig, sachlich, mit viel Sachverstand führt Beatrice Grimm die rund zwei dutzend Kursteilnehmer an die Meditation heran. So wird erklärt, welche Möglichkeiten man hat, die für sich passende Position zu finden und wie man sich den Meditationsplatz herrichtet. Ich kam mir zu Beginn in der Tat vor wie in einem chinesischem Kloster. Da saß man doch tatsächlich auf original chinesischen Meditationsbänken. Schnell fand sich für mich die passende Lösung. Ich benutzte weder die Meditationsbänkchen, noch saß ich im Lotussitz.

Es kann losgehen

Einfach dasitzen, den Rücken aufgerichtet, den Blick leicht gesenkt, so war es für mich am ersten Abend stimmig. Alles gut, nun wurde der Sitzknochen gelockert. Dann kann es los gehen. Die Augen etwas offen halten und dem eigenen Atem lauschen. Ganz bei sich bleiben. Mein Kopf juckt, ich schau hinüber auf den Brunnen und die Feuerschale beim Labyrinth, das man begehen kann.

Es ist ganz schön schwer, den herumtollenden Geist bei Fuß zu halten. Die Gedanken kamen und gingen. Ich musste an die Trauerfeier denken, die ich ein paar Stunden zuvor besucht hatte, bevor ich nach Holzkirchen fuhr.

Dann sind kamen mir Kolibris in den Kopf. Ich denke weiter an Kolibris. Interessant, denn die Kolibris kamen wohl in meinen Kopf, die Beatrice Grimm eingangs die Geschichte vom Kolibri erzählte, der seinen winzigen Schnabel mit Wasser füllte, um das lodernde Feuer im Amazonas zu löschen. Nicht denken, ich soll die Gedanken bei Seite schieben. Ich will nicht denken.

Meine Kursleiterin erläutert, dass man die Gedanken kommen und gehen lassen soll.So konzentriere ich mich weiter auf den Atem und lass sie einfach gehen. Dann nach etwas 15 Minuten ertönte der Gong und man ging über zum achtsamen langsamen Gehen. Auch mal was anderes. Im großen Saal (Zendo) findet unser Kurs statt. Hier soll ich also raus kommen aus den Siebenmeilenstiefeln, um mit kleinen achtsamen Schritten und Geduld mit mir und der Welt zu üben.

Laufen in Zeitlupe

Was hier vor Ort geschieht, ist ganz einfach und gerade deshalb so unglaublich schwer, es umzusetzen. Ganz achtsam, im Zeitlupentempo geht es etwa fünf Minuten im langsamen Schritt hintereinander um den Zendo. Vorbei an den schönen alten Säulenfenstern mit dem Blick auf den Brunnen. Mir macht das langsame Laufen in der Tat Spaß. Dann werden zwei Holzklötzchen aufeinander geschlagen, man geht schnellen Schrittes zu seinem Platz und setzt sich. Interessant ging es für mich als Neuling mit dem Abendessen weiter. Die Regeln sind klösterlich. Zugegeben, mit zwölf Leuten gemeinsam am Tisch zu sitzen, ohne einen Ton zu sagen, ist schon etwas befremdlich. Ich lasse alles auf mich zukommen, mache mir über das Essen überhaupt keine Gedanken. Jeder wartet hinter seinem Stuhl, gesetzt wird sich,wenn alle da sind.

Erst, wenn das Glöckchen geschlagen ist und die Kerze angebrannt wurde, nimmt man sich etwas auf den Teller. Gegessen wird, wenn alle etwas auf dem Tisch haben. Innerlich musste ich für mich schmunzeln, klasse, dachte ich mir, da müssten mal deine beiden Kinder herkommen, um überhaupt einmal zu lernen, so zu essen. Die Geschmacksnerven scheinen so viel intensiver zu sein. Man isst automatisch langsamer und genießt jeden Bissen. Man lernt anzubieten, anstatt zu fragen.

Um 5.30 Uhr klingelte der Wecker am nächsten Tag. Nicht jedermanns Zeit. Für mich ist dies kein großes Thema, da ich hin und wieder um diese Zeit zu Hause eine Laufrunde um die zehn Kilometer absolviere. Ich freue mich auf den Tag, denn der beginnt mit einem meditativen Gehen im Innenhof. Es ist noch finster, es laufen aber bereits einige. Ich reihe mich ein. Jeder hat sein ganz eigenes Tempo - Schritt für Schritt.

Mit jedem Schritt merke ich, dass es mir wirklich gut tut. Einfach gehen und an nichts denken. Einen Schritt nach dem anderen - im wirklichen Leben und im übertragenen Sinn in der Tat eine gute Übung. Die erste Meditation habe ich bereits vor dem Frühstück, bin mehrfach achtsam gegangen und habe auch gemeinsam mit den anderen Kursteilnehmern »meditativ getönt«. Das Tönen mit den Vokalen im Meditationsraum sorgte bei mir sogar für die erste Gänsehaut.

Nach dem Frühstück ist arbeiten angesagt. So hat sich jeder Kursteilnehmer zu Beginn in eine Liste eingetragen. Die Mitarbeit in Haus und Garten dient als eine Übung der Achtsamkeit. Als ich mich eintragen wollte, war nur noch der Tischdienst zum Mittagessen frei. Im Nachhinein war dies auch nicht anstrengend. Leider hatte ich keine Einweisung, da fiel es mir am ersten Tag etwas schwer mit Gesten zu fragen, wo denn nun der Abfall hinkommt und wie viele Teller übereinander gestapelt werden müssen.

Selbst das Eindecken für das Abendessen geschieht in Stille und das ist auch gut so. Die Verständigung klappt ohne Worte. Ich vermisse das Reden nicht, was hätte ich denn sagen sollen? Wo ich her komme, wer ich bin, was ich so mache? Unwichtig. Seltsam, wie schnell man sich daran gewöhnt, in einer Gruppe doch ganz für sich zu sein. Das Haus ist an keine Konfession gebunden. Die christliche und buddhistische Spiritualität ist dennoch allgegenwärtig. Ich empfinde dies als sehr angenehm.

»Lasst Euch auf das Abenteuer ein, benutzt drei Tage nicht das Handy, kein Internet und keine Kommunikation«, ich erinnere mich an die Worte von Beatrice. Bringe keinen Stift und Notizblock mit in den Meditationsraum. So sitze ich wieder im Zendo schaue auf den Brunnen gegenüber hinter den schönen Basaltsäulen und konzentriere mich auf den Atem. Jede Ablenkung soll vermieden werden. Es ist in der Tat eine unglaubliche Stille. Stiller als still, geht das?

Wahrscheinlich nur im Zendo. »Nehmt dies mit, erinnert Euch an den Raum der Stille«. Gerne erinnere ich mich daran, wie still es dort beim meditativen Schweigeseminar war. Ich kenne nun die Wand gegenüber, beobachte die Spatzen, wie sie sich am Brunnen tränken, freue mich, als die dünne Rauchwolke der Räucherstäbchen vorbei zieht. Wie schnell sind plötzlich25 Minuten vorbei.

Immerhin waren es an den drei Tagen zusammengerechnet wohl einige Stunden, an denen meditiert wurde. Für einen Newcomer wie mich sicherlich kein Zuckerschlecken, doch bereits am zweiten Tag rattern die Gedanken nicht mehr so stark in meinem Kopf. Wirklich seltsam, was mit einem geschieht. Im Zen-Garten treffe ich auf einen Kursteilnehmer. »Sieht toll aus«, will ich flüstern. Natürlich unterlasse ich es. Sogar ein flüchtiges Lächeln oder ein Blick scheint zu viel.

Trommelmusik

Dennoch ist es ungewohnt, dasselbe zu teilen, sich darüber nicht auszutauschen und trotzdem eine größere Verbundenheit zu spüren, als man durch Worte herstellen könnte.

Nach wissenschaftlichen Untersuchungen reichen bereits 10 bis 20 Minuten Meditation pro Tag, um nachhaltig positive Effekte auf Körper und Geist zu erzielen. Wir bewegen uns nun im Meditationsraum, jeder für sich, so wie es passt. Nach zwei Tagen haben einige mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Zum Glück bin ich nach dem Frühstück eine Runde laufen gegangen, das hat mir auch gut getan. Von Rückenschmerzen bei mir keine Spur. Das Beste gegen Rückenschmerzen ist ist erstmal Bewegung. So wie es für jeden stimmig ist. Die Körperarbeit kommt bei allen gut an an.

Beatrice kennt sich bestens aus, hat Trommelmusik parat, wir tanzen. Die 73-Jährige ist eine Powerfrau und hat noch einige Überraschungen parat. So sorgt sie zumindest bei mir noch vor dem Frühstück für einen weiteren Gänsehautmoment. Wir gehen in die kleine Kapelle des Benediktushofes. Sie liegt im Ostflügel direkt im »Garten der Stille«. Die Kapelle mit einem Glasfenster von Franz Höchstötter ist ein Raum der stillen Kontemplation.

Bei uns war in der Kapelle auch »Tönen« angesagt. Dort ist eine viel bessere Akustik als im Zendo. In der Tat, das gemeinsam gesungene Joshua wird mir noch lange positiv in Erinnerung bleiben.

Schnell waren die drei Tage Achtsamkeit und Schweigen vorbei. Bei der Meditation werden ein letztes Mal die Holzstäbe aufeinander geschlagen. Einatmen, ausatmen, nichts sollen, nichts müssen, nur dasitzen. Für mich ist es wie schlafen, nur besser, denn ich bin dabei hellwach. Mein Gehirn kommt zur Ruhe. Wenn man sitzt, sitzt man. Wenn man geht, geht man, und ganz wichtig: wenn man isst, isst man. Das hatte ich vergessen und nun wieder gelernt.

Nach dem Frühstück reinigt man die Zimmer. Am letzten Tag nutze ich nach der Meditation noch einmal die Gelegenheit und gehe in den Zengarten. Er ist zu meinem Lieblingsplatz geworden. Es ist auch dort ganz still. Da kommen ein paar Besucher herein, auch wenn sie nur flüstern und wohl über die Einmaligkeit des Zengartens sprechen, komme ich mir in diesem Augenblick fast wie im Zoo vor. Es geht zum letzten gemeinsamen Essen in Stille.

Nach zehn Minuten ertönt das Glöckchen und man hat die Gelegenheit, sich auszutauschen. Nun bin ich wieder überrascht, welche Lautstärke hier innerhalb kürzester Zeit entsteht. Ist aber auch irgendwie klar, der Frauenanteil überwiegt ganz deutlich. Ich muss innerlich schmunzeln und spreche kurz mit meinem Gegenüber und der Dame links neben mir. Die Gründe für den Aufenthalt im Benediktushof scheinen unglaublich vielfältig. Menschen, dies sich mit Krankheit, Verlust und Ängsten konfrontiert sehen. Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Gelassenheit und Entschleunigung.

Nach dem Kurs nutze ich die Gelegenheit zu einem weiteren Gespräch mit der Kursleiterin Beatrice Grimm und treffe auch ganz kurz Willigis Jäger, den Gründer und langjährigen Leiter des Benediktushofes. Der 94-Jährige hat sich seit 2016 von seiner langjährigen Kurs-, Lehrtätigkeit und spirituellen Begleitung zurückgezogen. Er verbringt seinen Lebensabend am Benediktushof und ist allgegenwärtig.

Ich steige schweigend in mein Auto. Das Radio, das beim Starten des Motors angeht, schalte ich instinktiv aus. Der »Raum der Ruhe« fällt mir sofort ein.

Aus den Erfahrungen am Benediktushof habe ich viel Positives gezogen, er hat mir gut getan. Es geht einfach um den jetzigen Moment- und wenn er noch so unbedeutend ist, er ist einzigartig. Bei der Achtsamkeit geht es ganz einfach um unseren Alltag. Diesen bewusst zu erleben, ob man nun Rasen mäht, beim Einkaufen ist oder die Zeit mit der Familie bringt. Tatsächlich gelingt es mir im Alltag immer mal wieder, innezuhalten und den Moment zu genießen.

In Stille hinsetzen und meditieren hat auch zu Hause ganz gut geklappt. Nach drei bis vier Monaten ist dies ein Automatismus, lernten wir von der Kursleiterin. Noch rattert es oft in meinem Kopf. Zum Glück weiß ich, dass ich nichts weiter tun kann als das, was mir Beatrice Grimm mit auf den Weg gegeben hat: »Dich täglich in Stille hinsetzen«.

Hintergrund

» Nicht denken, ich soll die Gedanken bei Seite schieben. Ich will nicht denken.«

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!