Sonntag, 01.08.2021

Ein ganz normaler (Arbeits-)Tag

Ein Tag mit Mario Kilian in den Wertheimer Werkstätten der Johannes Diakonie

Wertheimer Michaelismesse
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Bei der Arbeit in den Wertheimer Werkstätten.
Foto: Peter Riffenach
Pünktlich um 8 holt der Bus Mario Kilian ab zur Arbeit. Fotos (4): Peter Riffenach
Foto: Peter Riffenach

Es ist morgens 6.30 Uhr. In fast allen Zimmern im Wohnheim der Johannes Diakonie im Hofgarten klingeln die Wecker. Auch für Mario Kilian heißt es aufstehen, denn in 90 Minuten kommt der Kleinbus, um ihn zur Arbeit abzuholen. Kilian ist 41 Jahre alt, hat eine geistige Beeinträchtigung und einen leichten Spasmus an den Händen. Wenn er langsam redet, kann ihn seine Umwelt, das sind unter anderem die Bewohner des Heims, die Kollegen bei der Arbeit in den Wertheimer Werkstätten der Johannes Diakonie sowie die Betreuer, sehr gut verstehen.

»Hallo mein Name ist Mario Kilian«, stellt er sich dem Berichterstatter vor und zeigt ein gewinnendes Lächeln. Er wirkt hellwach und gut aufgelegt, dabei ist es erst 7.30 Uhr. Das sei ein Charakterzug von ihm, sagt die stellvertretende Bereichsleiterin Isabell Seifert, die an diesem Morgen Dienst hat. Insgesamt 23 Bewohner im Alter zwischen 18 und 59 Jahren leben in zwei Wohngruppen in dem Gebäude, das vor fünf Jahren bezogen wurde.

Ziel ist es, dass die Bewohner ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können. Unabhängigkeit vor allem auch von den Eltern zu erleben sei sehr wichtig und wirke sich bei den meisten sehr positiv aus, darüber sind sich die Verantwortlichen der Johannes Diakonie einig. Teil der Selbstbestimmung ist beispielsweise der Bewohnerbeirat, der die Interessen der Bewohner vertritt, bei Entscheidungen das Haus betreffend beteiligt wird und immer wieder Ideen einbringt. In einem gemeinsamen Projekt wurden zum Beispiel die Fassade des Wohnheims gestaltet und im Garten ein Barfußpfad sowie Hochbeete angelegt.

Er fühle sich sehr wohl in dem Wohnheim, sagt Mario. Bevor er vor fünf Jahren nach Wertheim gekommen ist, habe er mit seiner Mutter im Seniorenheim in Gerlachsheim gewohnt, berichtet der 41-Jährige, der gerne seine Familie besucht und mit seinen beiden Neffen und seiner Nichte Playmobil spielt. Zudem kann er sich besonders für Flugzeuge begeistern. Richtig fasziniert sei er gewesen, als das Wohnheim einen Ausflug zum Frankfurter Flughafen unternommen hat, berichtet Isabell Seifert.

Mario kam nicht alleine nach Wertheim, sondern mit seinem Freund Klaus Bauer. »Wir sind die Gerlachsheimer im Wohnheim«, scherzen die beiden. Klaus nimmt gerne die Freizeitangebote des Wohnheims wahr. So ist er beispielsweise regelmäßig im TopVital des TV Wertheim und nimmt das speziell für die Bewohner ausgearbeitete Fitnesstraining wahr. Zudem sind die Bewohner häufiger als Ehrengäste auf der Tribüne bei den Spielen der SV Viktoria Wertheim.

Die Ehrenamtlichen des Wohnheims bieten zudem Ausflüge, Spaziergänge und Besuche der Gottesdienste oder der Innenstadt für die Bewohner an. Außerdem gibt es Vorlesepaten, es werden Sportveranstaltungen und Musikvorträge organisiert.

Kontakt zu Wertheimern

Den Betreuern ist es wichtig, dass die Wertheimer regelmäßig in Kontakt mit den Bewohnern des Wohnheims kommen, deshalb nimmt die Einrichtung auch an der Diakoniemeile teil, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfand.

Aber jetzt wird es Zeit, meint Mario, denn schon bald wird der Bus kommen, der ihn zur Arbeit auf den Reinhardshof bringt. Die Trennung von Wohnung und Arbeit gehört zum Konzept und hilft natürlich auch auf dem Weg zur Selbstbestimmung. Vor der Tür des Wohnheims versammeln sich die anderen Bewohner und warten gemeinsam auf ihren Transport auf den Reinhardshof.

30 Beschäftigte

Michael Dieterich fährt seit annähernd fünf Jahren den Kleinbus, mit dem Mario zur Arbeit kommt. »Das sind alles klasse Typen und es macht wirklich Spaß, sie zu fahren«, sagt er über seine Fahrgäste. Manche benötigen besondere Hilfe beim Einsteigen. Der Bus hat im hinteren Bereich eine Ladefläche, auf dem zwei Rollstühle transportiert werden können, die speziell gesichert werden müssen, weshalb der Einstieg naturgemäß etwas länger dauert als bei einem herkömmlichen Bus.

Auch das Aussteigen an der Werkstatt ist etwas zeitaufwendiger als bei anderen Kleinbussen. Insgesamt 50 Beschäftigte, davon zehn im Förder- und Betreuungsbereich, arbeiten in den Wertheimer Werkstätten, erklärt der Leiter der Einrichtung Klaus Drews, der seine Schützlinge an der Tür begrüßt. Viele von ihnen lebten noch bei ihren Angehörigen, berichtet er. Der Arbeitstag beginnt pünktlich um acht Uhr. Während Mario seinen Arbeitsplatz einrichtet, erklärt Drews bei einem Rundgang, dass die Aufgaben im Arbeitsbereich sehr vielfältig sind und von Verpackung, über Prüfungen bis zur einfachen Bauteilmontage reichen.

»Die Beschäftigten haben einen ganz normalen Arbeitsvertrag mit der Werkstätte und wie jeder andere Arbeitnehmer auch Rechte und Pflichten. Das bedeutet, dass sie eine Krankmeldung brauchen, wenn sie nicht zur Arbeit kommen können oder wie in jeder anderen Firma Urlaub haben, den sie beantragen müssen.«

Viele Aufträge kommen von Wertheimer Firmen, so auch dieTätigkeit, die Mario heute ausführt. Er faltet einen Einleger zusammen, steckt ihn in einen Karton und steckt einen Regenmesser hinein. Verpackung verschließen und immer eine gewisse Anzahl in einen Umkarton stapeln, lautet die Aufgabe.

Im Nebenraum, wo Marios Freundin Tatjana arbeitet, die noch bei ihren Eltern auf dem Wartberg wohnt, werden Cremedosen in kleine Kartons verpackt, ein Aufkleber mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Boden geklebt und alles wiederum in einen Umkarton gestapelt. Das Paar kann sich nur in den Pausen sehen, weil sie in unterschiedlichen Teams arbeiten, aber diese Zeit genießen sie besonders. Bevor der Gong zur Mittagspause ruft, heute gibt es bunten Gemüseauflauf mit Käsesoße und zum Nachtisch eine Waldfruchtcreme, geht es weiter mit dem Rundgang, während Mario sich mit seinen Regenmessern beschäftigt.

Im Berufsbildungsbereich werden jugendliche Behinderte, die aus der Schule entlassen wurden, auf den Einsatz in der Werkstatt vorbereitet. »Hier testen wir die Fähigkeiten der jungen Leute und versuchen, sie womöglich zu verbessern«, erklärt der Werkstattleiter. In den zwei Jahren, die sie dort bleiben, werde beispielsweise viel Wert auf die Verbesserung der Feinmotorik gelegt. Dazu gehört auch, dass sich Fachleute vom Ergotherapeuten bis zum Logopäden während der Arbeitszeit um die Beschäftigten kümmern und sie für die Behandlung vom Arbeitsplatz abholen.

In dem letzten Raum der Werkstatt, dem so genannten Förder- und Betreuungsbereich, sind aktuell zehn Personen untergebracht, die wegen der Schwere ihrer Beeinträchtigung nicht arbeiten können. »Hier versuchen wir, vorhandene Ressourcen zu ermitteln und sie zu fördern«, berichtet Elif Alkan, die erklärt, dass sie mit speziellen Übungen daran arbeitet, beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit oder die Beweglichkeit zu verbessern. »Für diese Gruppe ist es besonders wichtig, dass sie aus dem Wohnheimalltag heraus kommen«, erklärt die Betreuerin.

Gong zum Feierabend

Insgesamt sechs Angestellte der Johannes Diakonie kümmern sich um die Werkstattmitarbeiter, leiten sie an und helfen ihnen, sinnvolle Lösungen zu finden, wenn einer beispielsweise mit einer Aufgabe überfordert ist. Mario, der inzwischen an einen anderen Arbeitsplatz gewechselt hat, und an einer Maschine Befestigungslaschen mit einem Stift versieht, hebt hervor, dass ihm auch die »arbeitsbegleitenden Maßnahmen« in der Werkstatt wichtig sind. Neben gemeinsamen Spaziergängen zählen dazu Bastelangebote, Werksbesichtigungen und Klangschalentherapie, was ihm besonders gefalle. Zudem verfüge die Werkstatt über eine Fußball-AG und man plane in diesem Jahr noch einen Betriebsausflug, erzählt der Werkstattleiter.

Pünktlich um 16 Uhr ertönt der Gong zum Feierabend und draußen wartet schon der Kleinbus, der Mario zurückbringt ins Wohnheim. Dort gibt es ein Vesper zum Abendessen. Und für Mario ist danach Fernsehen angesagt - sein Lieblingssender, der den ganzen Abend Trickfilmserien zeigt. Währenddessen vergnügen sich die anderen Bewohner auf andere Art.

Marios Zimmernachbar Justin lässt es richtig krachen und hört Techno-Musik. Aber um 21 Uhr muss er die Musik leiser drehen, denn dann legt Mario sich schlafen. Er will schließlich fit sein für die Arbeit in der Werkstatt am nächsten Tag.

Hintergrund

Fortsetzung auf Seite 42

Hintergrund

» Das sind alles klasse Typen und es macht wirklich Spaß, sie zu fahren.«Michael Dieterich,Fahrer

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