Donnerstag, 29.07.2021

Der Stechlin und ich

Zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes

Wertheimer Michaelismesse
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stechlin
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Foto: repro wolf wiechert

Es war Ende der Fünfziger in Heidelberg, als der aus Schwaben stammende Friedrich Sengle, Professor für Neuere Deutsche Literatur, uns Studenten der Germanistik dringend ans Herz legte, doch unbedingt den letzten Roman des preußisch-hugenottischen Schriftstellers Theoder Fontane, »Der Stechlin«, zu lesen. Das sei große Literatur. Der Autor selbst habe die Handlung seines Buches ironisch so zusammengefasst: Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich. Und das werde allerdings auf 350 Seiten in wunderbar beiläufig zugeschnittenen Gesprächen erörtert, einer höchst modernen Form des Romans, die auf alle äußerlich spektakulären Finessen verzichte, von denen wir ohnehin heutzutage überflutet würden.

Aber bei aller Verehrung für den Professor brachte mich seine Empfehlung keineswegs dazu, diesen Roman zu lesen. Ich hielt es eher mit einer spannenden Handlung als mit endlosen Gesprächen. Und so blieb mir in den folgenden Jahren nur der Titel im Gedächtnis, während ich damals schon andere Werke Fontanes, wie etwa Effi Briest, sehr gerne gelesen habe. Das alles fällt mir jetzt wieder ein, in diesem Jahr, in dem wir den 200. Geburtstag Theodor Fontanes begehen.

Denn am 30. Dezember 1819 wurde der Schriftsteller im brandenburgischen Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henry Fontane geboren. Erst kürzlich hat man dort eine große Ausstellung zu Leben und Werk des bedeutenden Schriftstellers, sogar unter Teilnahme des Bundespräsidenten, eröffnet, und zahlreiche Veröffentlichungen sind in diesem Gedenkjahr bereits auch auf dem Büchermarkt erschienen. Ich musste erst 30 Jahre alt werden, bis ich mich dann doch daran machte, den Stechlin zu lesen. Und ich las: »Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich (? )eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern (?) besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt der Stechlin (? ). Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig.

Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe (...); wenn's aber draußen was Großes giebt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, (? ) dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«

Abgelegener See

Es faszinierte mich sofort, dieses Bild eines völlig abgelegnen Sees, der aber sehr wohl in engem Kontakt mit der übrigen Welt steht, quasi eine Art Brennpunkt gleich nach der Tagesschau in Natur. In der hintersten Provinz Mecklenburgs, in der es vielleicht bis heute noch kein Netz gibt, in dieser Stille dann diese direkte Verbindung mit der Welt. Das faszinierte mich. Und da hinein passt ein Haus, von dem stellenweise schon der Putz fällt, eine Kate eigentlich, wie der alte Dubslav von Stechlin sein Herrenhaus untertreibend zu nennen pflegt, das im Roman so vorgestellt wird:

»Neben dem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die (?) Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke Halt macht. Die Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern. Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, Schloß Stechlin.«

Vor dem durch zwei Seitenflügel hufeisenförmig eingerahmten Hof verläuft »eine Rampe, von deren dem Hofe zugekehrten Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel«. Aber angesichts des leicht maroden Zustands des Hauses sollte wenigstens die Rampe was Besonderes bieten, »und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch gut im Stande, die andere dagegen krank war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus umbellatus auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.« Stechlins Anwesen war also alles andere als perfekt, aber durchaus wesentlich, denn in ihm lebte ein Mann, der »seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen setzte, bei dem sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Unanfechtbare Wahrheiten giebt es überhaupt nicht, und wenn es welche giebt, so sind sie langweilig,« meint er.

Dieses Diktum fand ich, je älter ich wurde, immer richtiger, wenn es denn eine Steigerung von richtig gibt. Und ich vermute, dass Professor Sengle das so ähnlich sah und bin ihm sehr dankbar, dass er uns Studenten dieses Buch so ans Herz gelegt hatte, ein treffendes Beispiel für antizipierendes Lehren, also Inhalte vorausschauend lehren, die in jungen Jahren noch gar nicht in ihrem vollen Ausmaß verstanden werden können, aber Gefäße bilden, die später mit eigenen Erfahrungen gefüllt und bestätigt werden. Dieser Dubslav von Stechlin also, Major a.D., war zwar zweimal durchs Fähnrichsexamen gefallen, aber dann doch wie sein Vater bei den Sechsten Brandenburgischen Kürassieren eingetreten.

Bismarck stand nur bei den Siebenten, »die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die größere«, wie Dubslav trocken anmerkt. Der Major hatte aber mit 30 seinen Abschied genommen, nachdem er Vater eines Sohnes geworden war, hatte sich auf sein Schloss Stechlin zurückgezogen, sein Gut bewirtschaftet und dabei Wasserstrahl und Roten Hahn im Auge behalten, gemäß dem kühnen Spruch seines Verfassers: »Die Wirkliche Welt?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unser Großn Romane!«

Aber die glückliche Zeit dauerte nicht lange, denn seine Frau starb bald darauf. »Sich eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhetischer Rücksicht. Wir glauben doch alle an eine Auferstehung«, meinte er, (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich nicht daran), »und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch immer eine genierliche Sache«.

Es ist zweifellos gefährlich, sich an literarischen Figuren und Verhältnissen, auch solchen im Kino oder Theater, zu orientieren, denn sie sind erfunden, sind Fiktion, mehr oder weniger. Obwohl das nur die halbe Wahrheit ist. Denn Literatur simuliert Lebensverhältnisse, nicht viel anders als Astronauten für die Schwerelosigkeit vorher trainiert werden, spielt sie Leben durch und erspart möglicherweise bei schlechtem Ausgang dem Leser den Test an der eigenen Person, bildet sowieso nur verdichtet ab, was das Leben vorgibt beziehungsweise möglich macht. Insofern darf man sich durchaus wiederfinden in Gedichten, Romanen, Dramen und Filmen.

Bussard statt Tagesschau

Warum also nicht ein Leben am Stechlinsee gut finden, sich daran orientieren, einmal abgesehen von der literarischen Qualität dieses Romans, wenn es auch kein See ist, sondern nur ein Fluss, was heißt hier nur? Eben der Main oder die ausgedehnten Wälder ringsum, in denen zwar kein Hahn aufsteigt, aber Bussarde schreien, die einem oft mehr sagen können als so manche Tagesschau, und wenn es auch kein Schloss ist, sondern nur ein Bauernhaus, eine Kate eben.

Theodor Fontane hat leider nicht mehr seinen Stechlin als Buchausgabe erleben dürfen, denn er ist kurz vorher am 20. September 1898 gestorben. Das Manuskript für das Buch hat er allerdings noch korrigieren können.

Das Buch selbst erschien erst im Oktober 1898. Auch den Vorabdruck in der Wochenschrift Über Land und Meer, der bereits im Oktober 1897 begonnen hatte, hat er noch selbst korrigiert. In seinem Tagebuch hält er dazu fest: »Beim Eintritt ins neue Jahr (1898, Anm. d. Red.) war mir noch ganz leidlich. Aber es dauerte nicht lange; Husten, Asthma und, was das schlimmste war, eine totale Nervenpleite stellten sich ein. Das ging so durch zwei Monate; ein Glück, daß die gesamte Stechlinkorrektur bereits hinter mir lag.«

Schade, dass er sein Buch nicht mehr selbst in die Hand nehmen konnte, aber uns Nachlebenden hat er es hinterlassen, wir dürfen es in der Hand halten und im doppelten Sinne für unser eigenes Leben begreifen.

Hintergrund

Die Erstausgabe von »Der Stechlin« ist vordatiert vom Verleger, Theodor Fontanes Sohn Friedrich. So wurde es aktueller und verkaufte sich besser. Repros: Wolf

Hintergrund

» Husten, Asthma und, was das schlimmste war, eine totale Nervenpleite stellten sich ein.«

Theodor Fontane

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