Lust & Liebe: Wie Puff-Mutti Eva B. das Aschaffenburger Bordell Dolce Vita führt

Freier fordern heute viel mehr als früher

Aschaffenburg
5 Min.

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Sex­ar­beit: Erst Strip­tea­se, dann An­schaf­fen, jetzt Puff-Mut­ti. Eva B. er­zählt von ih­rem Le­ben im Sex­ge­schäft.

Eva B. ist eine große Frau. Langer blonder Zopf. Pullikleid. Puff-Mutti im Aschaffenburger Bordell Dolce Vita.

Das rosafarbene Haus in der Aschaffstraße sieht aus wie fast alle anderen Häuser der Straße im Stadtteil Damm: zweieinhalb Stockwerke, Giebeldach, ein kleiner Garten samt Hof. Nur etwas verrät, dass sich das rosafarbene von den anderen Häusern unterscheidet: Ein Schild, so groß wie ein Din-A 5-Block, im Fenster, direkt am Eingangstor zum Hof: »Dolce Vita – Geöffnet«.

Im Aschaffenburger Bordell Dolce Vita: Hausherrin Eva B. auf ihrem silbernen Sofa.
Foto: Petra Reith

Man muss einmal um das Haus herum gehen, um zur Haustür zu kommen. Auf der Klingel steht unter »Privat« auf weißem Untergrund auch »Dolce Vita« in Schreibschrift, auf grünem und rosafarbenen Grund. Fünf Treppenstufen hoch und schon steht man im Hauptteil des Aschaffenburger Bordells, das eher aussieht wie eine ganz normale Wohnung. Wer reinkommt, steht erst einmal im Flur. Links ist das Badezimmer, geradeaus die Küche, hinten rechts ein Wohnzimmer, vorne rechts ein Schlafzimmer.

Selbstständige mieten sich ein

Die Hausherrin, Eva B., ist eine große, schlanke Frau. Ihre blonden Haare hat sie zu einem strammen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Alter? Das möchte sie ebenso wenig in dem Artikel lesen wie ihren Nachnamen.

Eva B. lädt direkt ins Wohnzimmer ein: schwarzes Ledersofa, weiße Hochglanzmöbel, eine weiße, etwa einen Meter große Hundefigur, eine weiße und glitzernde Leguan-Figur auf einer Kommode. Eva Bs Haus ist eine Wohnungsprostitution. Der offizielle Name: Prostitutionsstätte. Das heißt, hier mieten sich selbstständige Prostituierte für einige Tage ein und zahlen Eva B. Miete.

»Viele nennen mich liebevoll Pu-Mu«, erzählt sie. Diesen Titel trägt Eva B. mit Stolz. »Ich kümmere mich um meine Mädels. Hab alles da, was sie brauchen könnten, damit sie nicht nachts irgendwann losmüssen.« Die Frauen sollen sich schließlich in der Aschaffstraße wohlfühlen.

Striptease und Sexarbeit

Denn Eva B. weiß, was die Arbeit als Prostituierte bedeutet. Sie hat selbst gut zehn Jahre angeschafft. »Ich hab angefangen, da war ich schon über 30«, erzählt sie mit ihrer tiefen, kratzigen Stimme und zieht erneut an ihrer Zigarette. »Davor war ich Go-go-Tänzerin, dann Striptease-Tänzerin. Deswegen, so nackt sein...«, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Vor dem Cabaret in Siegen, in dem sie damals tanzte, habe sie eine Frau kennengelernt, die sich prostituierte. »Da hab ich gedacht: Das mach ich auch.«

Ihr Leben davor verlief »eher normal«, wie sie sagt. Sie wurde in Worms geboren und »mit Liebfrauenmilch und Kröver Nacktarsch aufgezogen«. Auf Nachfrage erklärt sie: Dabei handelt es sich um Weinsorten. Nach der Realschule habe sie eine Privathandelsschule besucht und beim Oldenburger Amtsgericht gearbeitet. »So gar nicht Milieu«, sagt Eva B. heute über ihr früheres Leben.

Im Gespärch mit den Radakteurinnen Sabine Dreher (links) und Veronika Schreck zum Sexgeschäft: Puff-Mutti Eva B.
Foto: Petra Reith

Irgendwann habe sie das aber gelangweilt. »Das frühe Aufstehen, Protokoll schreiben und so hat nicht zu meinem Temperament gepasst«, sagt sie und lacht. Sie habe einen Musiker kennengelernt und sei über ihn zum Go-go-Tanz gekommen.

In Aschaffenburg habe sie zuerst zwei nebeneinander liegende Eigentumswohnungen als erstes eigenes Bordell gehabt. Aber eine Nachbarin habe sich an Evas Lebenswandel und dem ihrer Mädels gestört. »Die Rosine hat sich schlau gemacht und damals war das ja noch sittenwidrig«, erinnert sich Eva.

Deshalb habe sie 1990 schließlich die Wohnungen aufgegeben und das Haus in der Aschaffstraße gekauft. Das war allerdings marode, musste erstmal hergerichtet werden. »Ich bin wochenlang nicht an den Briefkasten, wegen der Rechnungen. Die kamen schneller als man es zusammenbumsen konnte«, sagt sie und lacht ihr kehliges Lachen.

Mit den Mädels essen gehen

In der Zeit, in der die Frauen im Dolce Vita arbeiten, wohnen sie auch dort. Sie duschen in den Badezimmern, nutzen die Küche, schlafen in den Zimmern, in denen sie die Gäste empfangen – hier sagt niemand Freier, sondern stets Gäste. Wenn die Stammmädels Angelina* und Lilly* zu Pu-Mu Eva kommen, reisen sie meistens schon sonntags an, gehen dann zusammen essen, erzählt Angelina.

Die meisten Damen mieten sich fünf oder sechs Tage im Dolce Vita ein, erzählt die Puff-Mutti. Die Mietprovision richte sich nach dem Verdienst. Von 50 Euro könne man ausgehen, aber wenn eine Frau keine Gäste hat – »und das kommt wirklich vor, dann geb ich ihr fünf symbolische Euro«, erzählt Eva. Lilly lobt in ihrem osteuropäischen Akzent: »Das macht sonst keiner.«

Nachgefragt: Das sagen die Nachbarn von Dolce Vita

• »Ich hab gar nicht gewusst, dass da ein Bordell ist. Das ist dann ja aber auch positiv, weil es gar nicht auffällt. Mich stört das auch nicht, dass es hier so was gibt.« - (Margit Brand)

»Das stört mich nicht, die verhalten sich ruhig. Ich habe schon 20 Jahre hier gewohnt, als ich erfahren habe, dass da ein Bordell ist. Ich habe bei einer Wette eine Flasche Sekt verloren, weil ich nicht gedacht hätte, dass da wirklich eins ist.« - (Roland Bauer)

• »Früher haben die Leute oft bei uns geklingelt (wohnt gegenüber, Anmerkung der Redaktion), jetzt aber nicht mehr. Mich stört's nicht.« - (Jürgen Blecher)

• »Die Bordell-Besucher klingeln rund um die Uhr bei mir. Die verwechseln das Haus (das Nachbarhaus sieht dem Bordell ähnlich, Anmerkung der Redaktion). Die klingeln auch nachts und hier wohnen auch kleine Kinder.« - (Anonym)

• »Wir bekommen da gar nichts von mit, mir ist das egal, das stört mich nicht.« - Anonym

• »Ich fühle mich davon nicht gestört und ich höre auch keine Beschwerden von den Nachbarn.« - (Anonym)

• »Man sieht kaum was von den Mädels. Ich wusste die längste Zeit gar nicht, dass das ein Bordell ist und ich wohne hier seit zwölf Jahren. Da ist nur immer einer im Haus, der einen dicken Porsche fährt. Ich nehme an, das ist der Aufpasser. Der fährt immer wie wild durch die Gegend. Ich finde das völlig in Ordnung, so lange die Damen da gut behandelt werden. Das ist eine Arbeit wie jede andere auch.« - (Anonym) (ienc)

Männer sind eher typbezogen

Üblicherweise schauen sich die Männer laut der Puff-Mutti die Frauen auf der Webseite des Bordells an und rufen dann an, um sich anzukündigen. Eva B. findet: »Ohne Internet war es einfacher. Da hat man den Männern die Frau am Telefon ein bisschen beschrieben und sie haben sie akzeptiert, wie sie ist. Heute sind die Männer eher typbezogen.« Es gebe Freier, die ausschließlich zu Lilly oder Angelina kommen, die keine andere der Frauen in Betracht zögen. »Die sehe ich sonst nie«, moniert Eva.

Außerdem werden die Freier der Puff-Mutti zufolge immer fordernder. Und durch ein Überangebot an Frauen auf dem deutschen Sexmarkt fallen die Preise. Im Dolce Vita gebe es deshalb ein Sparprogramm. 40 Euro für »die ganz schnelle Nummer«, sagt sie.

Was ihre Frauen nicht wollen

20 Minuten für 50 Euro sei derzeit ein realistischer Preis für Geschlechtsverkehr. »Wenn ich eine Massage haben will oder nackt durchs Haus gejagt werden will, kostet das extra«, erklärt sie. Viele kämen auch für Sexpraktiken, die ihre eigenen Frauen nicht mitmachen wollen.

Angelina sagt: "Die Männer erzieh ich mir schon, wie ich die will."
Foto: Petra Reith

Es gebe aber auch einige Gäste, die kommen, um zu reden, zu kuscheln und schmusen – »was sie halt sonst nicht haben, Haut an Haut, Nähe«, erzählt Angelina. Das bloße Reden koste aber nicht automatisch weniger. Es werde nach Zeit bezahlt. Eva B. erinnert sich: »Ich habe den Herren auch viele Tipps gegeben, wie sie ihre Ehe wieder flott bekommen. Das ist anstrengender, sich so auf die zu fokussieren. Ich war kaputter, als wenn ich ne halbe Stunde gebumst hätte.«

Wenn Eva B. heute eine junge Frau wäre, würde sie diesen Beruf nicht mehr machen, sagt sie. Weil die Männer zu viel fordern: immer ausgefallenere oder härtere Sexpraktiken.

Der Mann neben den Gästen

Doch nicht nur die Gäste spielen eine große Rolle im Leben der Puff-Mutti. Bei der Renovierung ihres Hauses in der Aschaffstraße habe sie ihren späteren Mann kennengelernt. »Er war selbstständiger Schreiner«, sagt sie und lächelt ein wenig. Ihr Gesicht wird ganz weich, zart, als sie von ihrem Mann spricht. 2014 ist er gestorben. Sie fällt direkt danach wieder in ihr selbstbewusstes Pu-Mu-Ich zurück, lacht laut.

»Am Anfang hab ich mal einen Gast gemacht, danach hat mein Mann mich vier Wochen lang nicht angefasst.« Weil er mit ihrer Arbeit als Prostituierte nicht klar gekommen wäre, habe sie das Anschaffen aufgegeben.

Wieder verheiratet

Inzwischen ist Eva B. wieder verheiratet. »Mein Mann ist 27 Jahre jünger als ich. Aber seit er ein paar Jahre mit mir zusammen ist, ist der Altersunterschied nicht mehr so zu sehen«, sagt sie und lacht. Die beiden haben in Las Vegas geheiratet – »mit einem alten, dicken Elvis; musste ja altersmäßig passen«.

* Dabei handelt es sich um die Künstlernamen der beiden Frauen.

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