Mittwoch, 20.10.2021

Lust&Liebe: Felix Martin ist jung, engagiert - und HIV-positiv

Landtagsabgeordneter im Interview

Eschwege
Lust und Liebe
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8 Min.

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Foto: EXT-ReinfelsX
Foto: EXT-ReinfelsX
Felix Martin hat sich bei Facebook als HIV-positiv geoutet. Dieses Foto hat er damals veröffentlicht, in dem er die rote HIV/AIDS Schleife hochhält.
Foto: Felix Martin
Foto: EXT-ReinfelsX
Der 24-jäh­ri­ge Landtagsabgeordnete für den hes­si­schen Wer­ra-Meiß­ner Kreis im In­ter­view über sei­ne Er­fah­rung mit HIV.

Felix Martin ist vieles: Mit 24 Jahren ist er der zweitjüngste Politiker im hessischen Landtag. Der Abgeordnete für die Grünen aus Eschwege-Witzenhausen sitzt in mehreren Ausschüssen, unter anderem ist er der Sprecher für Arbeitsmarkt, Ausbildung, kommunale Finanzwirtschaft, Jugend, Antidiskriminierung und Queerpolitik. Er ist ein angehender Bankkaufmann, macht seine Ausbildung parallel zu seiner politischen Arbeit. Felix Martin ist HIV-positiv. Der junge Mann geht offen mit seiner Krankheit um, denn ihm ist es wichtig, sie zu entstigmatisieren. Er hat mit uns über seine Erfahrung geredet.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie HIV-positiv sind?

Ich war auf der Landesmitgliederversammlung der Grünen Jugend in Marburg - damals wurde ich aus dem Landesvorstand verabschiedet. Ich bin früher nach Hause gegangen, weil ich so husten musste und es mir ziemlich dreckig ging. Ich hatte schon einige Wochen lang einen Keuchhusten mit mir rumgeschleppt - dachte ich zumindest. Ich bin eine Woche später zum Arzt gegangen, der hat mich mit der Diagnose Lungenentzündung ins Krankenhaus geschickt. Sie haben mich gleich drei Wochen dort behalten, und nach wenigen Tagen kam die Diagnose: HIV-positiv.

Haben Sie geahnt, dass es HIV sein könnte?

Überhaupt nicht. Ich habe gedacht, dass es vielleicht stressbedingt war, oder dadurch, dass ich in den vergangenen Wochen häufiger draußen im Regen auf der Straße war, um gegen oder für etwas zu demonstrieren.

Wenn man mal krank wird, ist es ja auch normal, dass man nicht gleich an HIV denkt.

Ich bin ja jemand, der eigentlich schon relativ nah dran ist. Wenn ich mich mit HIV auseinandergesetzt habe, dann war das trotzdem total unpersönlich und weit weg von mir selbst. Klar, ich wusste, das gibt es, aber »es kriegt ja heute niemand mehr!« war das trügerische Vorurteil.

Wie haben Sie auf die Diagnose reagiert?

Uninteressiert, möchte ich es beschreiben - stumpf. Der Chefarzt in der Klinik hatte mich zu sich gerufen. Es ging mir ziemlich schlecht zu dem Zeitpunkt. Ich wusste, da ist etwas, wenn er mich explizit zu sich ruft. Er hat es mir gesagt, dann hat er mich kurz alleine gelassen und wollte danach Fragen beantworten. Ich hatte keine, sondern habe es mehr oder weniger stumpf - weil überfordert - hingenommen. Richtig realisiert habe ich es erst ein paar Tage später.

Haben Sie die Diagnose direkt mit Ihrer Familie geteilt oder erst mal für sich behalten?

Meine Eltern kamen mich am nächsten Tag besuchen, da habe ich es ihnen gesagt. Meine Mutter sagte: »Mensch Junge, warum hast du nicht angerufen, wir wären doch sofort gekommen!« Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, anzurufen, weil ich mir dachte: Die kommen am nächsten Morgen sowieso. Auch das resultierte daraus, dass ich es noch nicht so wirklich realisiert hatte. Ein paar Leute, etwa meine Schwestern, wussten es schnell. Einer Freundin schrieb ich es per Whatsapp - als wäre es die normalste Sache der Welt. Fast allen anderen habe ich es ziemlich spät gesagt, erst als ich aus dem Krankenhaus wieder raus war. Ich wusste nicht so recht,wie oder ob ich es überhaupt kommunizieren soll.

Wie war Ihr Umgang mit der Diagnose?

Man hat bei HIV den Vorteil: Man sieht es keinem an. Dann ist die Frage,ob ich überhaupt damit öffentlich umgehe, weil es klar ist, dass so eine Geschichte schnell den Weg über den selbst-definierten Kreis hinaus findet.

Ich habe mir wochenlang ausgemalt, wie es denn sein wird, wenn ich es meinen Freunden sage: Wie würden sie reagieren? Was würde sich verändern? Ich hatte zwar gar nicht so die Sorgen, dass bei meinen Freunden irgendwas schief gehen könnte - ist es auch nicht -nichtsdestotrotz war es mir offenbar viele, viele Gedankenstunden wert.

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UPDATE (26. März 2021): Medienpreis - Aids-Stiftung zeichnet Xenia Reinfels aus

Die Deut­sche Aids-Stif­tung hat Main-Echo-Re­dakteu­rin Xe­nia Rein­fels am Frei­tag mit dem re­nom­mier­ten »Me­di­en­preis HIV/Aids« aus­ge­zeich­net. Preis­wür­dig war für die Ju­ry ein In­ter­view mit dem HIV-po­si­ti­ven Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten der hes­si­schen Grü­nen, Fe­lix Mar­tin über sei­ne HIV-In­fek­ti­on.

Das Interview erschien im Rahmen der Main-Echo-Serie »Lust & Liebe«.

In der Begründung der zehnköpfigen Jury hieß es unter anderem: »Xenia Reinfels hakt nach, lässt nicht locker ohne Felix Martin zu überfahren und plump auszuhorchen.« Reinfels sei ernsthaft interessiert, wolle Hintergründe wissen und »beherrscht dabei mustergültig die Kunst des Interviews«. Überdies würdigte die Jury die komplette Serie »Lust&Liebe« als »sehr beeindruckend«.

Insgesamt zeichnete die Jury vier »herausragende Medien-Beiträge« aus. Wegen der Corona-Pandemie fand die Preisverleihung nicht im Rahmen einer Gala, sondern digital als Film-Einspielung statt. Der Medienpreis ist der einzige Medienpreis zum Thema HIV/Aids im deutschsprachigen Raum. Er wird seit 34 Jahren vergeben. mai

Video: Die Preisverleihung am Freitag, den 26. März 2021

YouTube-VIdeo: Medienpreis HIV/Aids Preisverleihung 2021 der Deutschen Aids-Stiftung
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Und warum die Entscheidung, komplett an die Öffentlichkeit zugehen?

Normalerweise erfahren Menschen nach einem Test beim Arzt, dass sie positiv sind. Zu dem Zeitpunkt ist meistens nichts ausgebrochen, kein Krankheitsgefühl. Sie beginnen eine medikamentöse HIV-Therapie und dann ist das schnell eingedämmt. Bei mir war das nicht so, weil ich wohl schon eine ganze Weile HIV-Positiv war - ohne es zu wissen. Ich war deshalb so lange im Krankenhaus, weil AIDS bereits ausgebrochen war. Normalerweise braucht das so fünf bis zehn Jahre, ich vermute, dass es bei mir schneller ging. Deshalb hatte ich auch die Lungenentzündung - das ist genau die Lungenentzündung, an der die Menschen mit AIDS früher gestorben sind. HIV selbst ist nichtbedrohlich, sondern die Folgeerkrankungen. Eine bestimme Form der Lungenentzündung ist die häufigste und bekannteste.

Ich konnte nach meinem langen Krankenhausaufenthalt körperlich nichtverbergen, dass irgendetwas ist: Ich hatte zehn Kilo abgenommen, ziemlich an Muskelmasse verloren, konnte nur noch mit Omas Krückstock laufen. Insofern musste ich mich entscheiden, ob ich die Leute spekulieren lasse oder ob ich ganz offensiv damit umgehe.

Meine Mama hatte mir im Krankenhaus auch häufiger gesagt, dass die Menschen spekulieren, dass bei uns im Dorf Krebs ganz hoch im Kurs sei, und dass einige fragen, was los sei. Ich habe gemerkt, dass das meine Eltern belastete. Dass sie mit Freunden nicht offen darüber sprechen konnten, obwohl sie das vielleicht gerne täten. Dass sie das Gefühl hatten: Da wird über meinen Sohn irgendwas verbreitet und ich würde das gerne stoppen, das kann ich aber nur machen, wenn ich die Wahrheit sage.

Es war mir einfach auch selber wichtig, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, weil ich mir dachte: Hätte ich jemanden gehabt in meinem direkten Umfeld, der HIV-positiv ist, dann hätte ich einen viel direkteren Bezug dazu gehabt, dann wäre mir die Gefahr viel eindrücklicher gewesen.

Hatten Sie sich vor der HIV-Diagnose jemals testen lassen?

Nie. Ich bin ein tolles Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.Ich wusste, dass man sich testen lassen kann, nichtsdestotrotz dachte ich: Das kriegen andere, nicht ich. Das denkt man in vielen Lebenslagen - es betrifft andere. Es haben ja auch andere Autounfälle, andere gewinnen im Lotto - nicht ich.

Wissen Sie, von wem Sie HIV bekommen haben?

Ich vermute es.

Haben Sie die Person jemals darauf angesprochen?

Nein.

Haben Sie wegen HIV Stigmatisierung erlebt?

Ich habe fast keine erlebt. Ich hatte mich entschieden, über Freunde die Information weiterzutragen und habe Facebook als Medium genutzt.Dadurch wussten sowohl Menschen aus meinem persönlichen als auch meinem politischen Umfeld sehr schnell darüber Bescheid. Auch während meiner Kandidatur für den Landtag war ich mit dem Thema HIV ziemlich präsent in den Medien. Ich habe sehr, sehr viele gute, positive Rückmeldungen bekommen, mit dem Tenor «Es ist toll, dass du so mutig bist", «wichtige Aufklärungsarbeit", «Respekt, wie du damit umgehst". Das stärkt natürlich. Die ganz wenigen negativen Rückmeldungen lassen sich im Kern darauf zurückführen, dass Menschen nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen - das war eher im privaten Bereich.

Sehen Sie die wenigen negativen Rückmeldungen als ein gutes Zeichen, dass das Thema HIV in der Gesellschaft geläufiger wird?

Ja, natürlich. Aber ich kenne auch HIV-Positive, die das bewusst nicht öffentlich machen, weil sie Angst vor Stigmatisierung im Job oder im familiären Umfeld haben. Ich wäre mit Sicherheit nicht an die Öffentlichkeit gegangen, wenn ich nicht sowieso wegen der Politik in der Öffentlichkeit stünde und das explizit als Bühne genutzt habe. Das macht einen Unterschied, aber das hat auch Nachteile. Nachdem mein jetziger Freund und ich unser erstes Date hatten, rief er mich am Abend weinend an, weil er total überfordert war: Er hatte einem Freund erzählt, dass er sich mit mir trifft. Der Freund hatte dann meinen Namen gegoogelt und gelesen: «Felix Martin redet über seine HIV-Infektion." Jeder, der versucht etwas über mich herauszufinden, wird das als einen der ersten Punkte finden. Einmal dazu entschieden, seine Infektion öffentlich zu machen, gibt es kein Zurück mehr. Das ist jetzt in der Welt - da muss man sich erst fragen, ob man das möchte.

Gibt es einen «richtigen" Zeitpunkt, es dem potenziellen Partner zusagen?

Ich hätte ihm natürlich davon erzählt, aber nicht beim ersten Date.Ich finde es wichtig, vor dem ersten gemeinsamen Geschlechtsverkehr darüber zu sprechen. Nicht weil da irgendeine Gefahr besteht. Mittlerweile ist die HIV-Therapie so weit, dass man den HI-Virus nach einer gewissen Zeit nicht mehr nachweisen kann. Das bedeutet, man ist nicht mehr ansteckend, auch bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr besteht keine Gefahr. Trotzdem finde ich es wichtig, dass man vorher darüber spricht, damit der Partner keine Gefahr oder Verheimlichung an einer Stelle sieht, wo es nicht notwendig ist.

Wie reagierten sie, als Ihr Freund Sie damals angerufen hat?

Ich war nicht begeistert, dass er es so schnell rausgefunden hat. Aber gut, das Risiko bin ich freiwillig eingegangen. Ich habe ihn einfach als überfordert erlebt. Wenn man keinen Bezug zum Thema hatte, ist HIV nach wie vor für viele ein Todesurteil - das ist Blödsinn, aber es ist nun mal in vielen Köpfen drin. Ich habe ganz offen mit ihm darüber gesprochen, habe ihm erzählt, wie meine Geschichte ist, wie es medizinisch aktuell so ist. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sich Sorgen um sich selbst macht, sondern dass er sich Sorgen um mich macht und Angst hatte, dass es bald vorbei wäre.

Meinen Sie, es gibt Kollegen, die denken oder befürchten, dass Ihr Stuhl in fünf Jahren oder so leer sein wird?

Vermutlich wussten die meisten Kollegen im Landtag, dass ich HIV-positiv bin, bevor sie mich das erste Mal gesehen haben. Ich bin überzeugt davon, dass falls jemand solche Gedanken hatte, er sie spätestens beim ersten Kennenlernen verworfen hat.

Hat sich Ihr Leben groß geändert seit der Diagnose oder nehmen Sie ein paar Tabletten am Tag und gut ist?

Mein Alltag hat sich nicht viel verändert. Am Anfang musste ich viele Tabletten nehmen - neun am Tag. Mittlerweile bin ich bei zwei. Ich gehe einmal im Quartal zum Arzt, um mir dort ein neues Rezept zu holen und mich regelmäßige untersuchen zu lassen. Das hat den Hintergrund, dass es natürlich immer sein könnte, dass der Körper Resistenzen gegenüber den Medikamenten entwickelt. Deshalb wird geprüft, ob alles passt, ob das Virus noch im nicht nachweisbaren Bereich ist (siehe Hintergrund). Meine Ärztin hat mal erzählt, dass es wohl Studien gibt, die zeigen: Wenn man im jungen Alter HIV-positiv wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, sogar älter zu werden als jemand, der kein HIV hat, weil sonst kein Mensch so oft zum Arzt geht!

Einschränkungen haben Sie keine?

Nein. Am Anfang konnte ich nur am Krückstock laufen, hatte viel abgenommen, musste mich extrem warm anziehen - wie das so ist bei extrem dünnen Leuten, die frieren nun mal ganz schnell. Ich musste viele Tabletten nehmen, musste ganz viel schlafen, konnte kaum was essen und hatte Angst, dass es genau so weiter gehen würde. Diese Ängste waren unbegründet. Mir geht es fantastisch.

Tragen Sie dazu bei, dass HIV entstigmatisiert wird?

Ich hoffe doch! Genau deshalb mache ich es ja - ich mache das nicht für mich. Für mich wäre der einfachere Weg gewesen, es für mich zu behalten. Ich spreche darüber, um Stigmatisierung abzubauen, weil es eben nicht so viele Menschen gibt, die offen zu ihrer HIV-Infektion stehen.

Wir haben viele Engagierte in der AIDS-Hilfe, die ein bestimmtes Publikum erreichen. Es ist toll, was da geleistet wird, aber sie kommen häufig nicht über ein bestimmtes Publikum hinaus. Wenn aber Leute aus der Musikbranche, wie zum Beispiel Conchita sagen, »Hey, ich bin HIV-positiv,« - damit erreicht sie ganz andere Menschen. Und ich spreche aus der politischen Plattform heraus wieder andere Menschen an. Wir können uns die tollsten Kampagnen ausdenken, Plakaten und Flyer austeilen. Aber nichts informiert so gut wie ein persönlicher Bezug zum Thema, weil man nämlich einen kennt, derselber betroffen ist, und wenn es einfach nur der ist, den man mal auf dem Wahlplakat gesehen hat.

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