Montag, 06.12.2021

Lust & Liebe: Callboy Samuel erzählt von seinem Job

"Sie sagten, ich sei eine Nutte"

Aschaffenburg
Lust und Liebe
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Lust & Liebe - Unsere Main-Echo-Serie im Wonnemonat Mai
Foto: Fabian Schüßler, Main-Echo
Sa­mu­el* ist ein Call­boy der Web­sei­te Call­boy-Ver­zeich­nis. Laut In­ter­net­sei­te er­mög­licht die­ses Netz­werk, "Frau­en mit ge­ho­be­nen An­sprüchen für je­de Ge­le­gen­heit die pas­sen­de Be­g­lei­tung zu fin­den". Dar­un­ter ver­ste­hen die Be­t­rei­ber "ei­nen Part­ner auf Zeit, mit dem du vom Cand­le­light-Din­ner bis hin zum Kurz­ur­laub al­les er­le­ben kannst".

Mit Volontärin Julie Hofmann hat Samuel darüber gesprochen, warum er Callboy werden wollte, wie ihn die Gesellschaft sieht und ob er in einer festen Beziehung ist. Im Anschluss an das Interview berichtet Valerie* über die Erfahrungen, die sie mit Samuel als Callboy gemacht hat.

Warum wolltest du Callboy werden?

Ich war lange hauptberuflich in der Verwaltung tätig und habe an einem Schalter gearbeitet, zu dem die unterschiedlichsten Menschen kommen. Dabei habe ich gemerkt, dass Frauen gerne länger sitzen bleiben, dass es einen Bedarf gibt an Menschen, die zuhören können. Ich habe sehr sensible Antennen und gespürt, dass sich vor allem alleinstehende Frauen nach männlicher Nähe sehnen.

Warum übst du diesen Job mittlerweile aus?

Es macht bestimmt mehr Spaß als nebenberuflich Regale einzuräumen (lacht). Ich lerne dabei spannende und tolle Menschen kennen und darf sehr viel über die Frauen erfahren, was ich als ganz, ganz große Bereicherung empfinde. Außerdem ist es eine willkommene Abwechslung zu meinem normalen Hauptberuf. Für mich ist das Callboy-Verzeichnis dabei die einzige seriöse Anlaufstelle, die es im Internet gibt.

Kann man von dem Job leben?

Es kann ein Nebenjob sein, leben könnte ich davon derzeit nicht.

Wer von deinen Bekannten und Verwandten weiß, dass du als Callboy arbeitest?

Ich gehe damit nicht hausieren. Seit Neuestem wissen meine Familie und eine Handvoll Freunde davon. Die Reaktionen darauf waren ganz unterschiedlich: Bei zwei Freunden dachte ich, dass sie sehr offen sind. Die konnten damit aber überhaupt nicht umgehen. Sie sagten, das sei furchtbar, ich sei eine Nutte. Das hat mich geschockt. Ich kann ihnen aber nicht wirklich böse sein, denn sie sehen die Sache wohl anders, als ich sie sehe.

Hast du noch weitere negative Erlebnisse in diesem Zusammenhang gehabt?

Ja, so einige. Wir leben in einer Zeit, in der Andersartigkeit schlimm ist, vor allem in sozialen Netzwerken. Jeder denkt zu wissen, wie es tatsächlich ist und verurteilt Menschen, die er gar nicht kennt. Ich erhalte ab und an böse Mails und Beleidigungen, die vollkommen unreflektiert sind. Da wird auch auf die Frauen losgegangen: Das sei ja ekelhaft und ein Gesundheitsrisiko.

Aber ich lasse mir von solchen Menschen nicht vorschreiben, wie ich mein Leben zu leben habe. Trotzdem verwundert es mich, wir werden schon sehr stark stigmatisiert. Aus den sozialen Medien halte ich mich raus, denn die sind nicht sozial, sondern oftmals asozial. Auf Callboys wird immer von einer guten Mehrheit der Menschen herabgesehen. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, wie dieser Lebensstil in den Medien dargestellt wird, was der Branche einen völlig fehlgeleiteten Ruf - sowohl im Guten als auch im Schlechten - verleiht.

Symbolbild: Ein Paar im Bett.
Foto: Christophe Gateau (dpa)

Wenden wir uns wieder dem Positiven zu: Welche Qualitäten bringst du als Callboy mit?

Ich bringe vielleicht auch eine gewisse Optik mit. Außerdem Offenheit, ich kann mich gut auf Gespräche einlassen. Ich bin sehr interessiert an meinem Gegenüber, kann mich aber auch zurücknehmen. Man braucht als Callboy viel Empathie und Reflektiertheit. Die Dienstleistung an sich ist für mich höchst intim und höchst persönlich.

Wie kommt es zu einem Treffen?

Zuerst schreibt und telefoniert man, dann trifft man sich. Die seriösen Anfragen kommen meistens per Mail. Ich zeige schon in meinem Profil, wer ich bin, weswegen sich vor allem Frauen bei mir melden, die sensibler sind. Das bin ich nämlich auch, ich bin nicht so der Diskotyp, der Halligalli will. Ich mag's eher gemütlicher, kuscheliger.

Worauf kommt es deiner Meinung nach bei einem Treffen an?

Wenn mich eine Frau bucht, kann man von sexuellem Interesse bei ihr ausgehen. Das ist aber nicht primär. Frauen möchten eben auch intellektuell stimuliert werden. Ein Treffen mit einem Callboy ist vergleichbar mit einem normalen Date, nur dass der Mann nicht an schnelle Befriedigung oder eine mögliche Beziehung denkt. Es ist vielmehr eine Affäre auf Zeit - in der jedoch nur die positiven Dinge gelebt werden und in der die Frau die absolute Kontrolle behält. Ich versuche herauszufinden, was der Wunsch der Frau ist und versuche ihn zu erfüllen. Das finde ich durch Gespräche heraus und indem ich ihre Körpersprache deute. Ich würde zum Beispiel nie direkt fragen: Bist du dominant im Bett? Das herauszufinden ist meine Aufgabe.

Generell wird in unserer Gesellschaft wohl eher akzeptiert, wenn Männer ins Bordell gehen als wenn Frauen sich mit einem Callboy treffen, oder?

Ich bin mir sicher, dass moralische Entrüstung in den meisten Fällen aus Hemmungen und Neid entsteht. Männern geht es, denke ich, primär um Triebbefriedigung, Frauen sind beim Thema Sex komplexer. Eine Frau würde nicht schreiben: Vögel mich zwei Stunden durch. Sie sind auch intelligenter als Männer und plaudern nicht alles aus. Untereinander sprechen sie jedoch schon, Freundinnen geben sich Tipps.

Bei mir melden sich auch Frauen, die lange lesbisch waren oder es sind und die mal einen Mann spüren wollen. Oder Frauen, die noch nie Sex hatten, auch wenn sie schon etwas älter sind und sie das ihrem Partner noch nicht gesagt haben. Oder aber sie haben Missbrauch erlebt und eine Therapie gemacht. Ein Treffen mit mir ist ja ein geschützter Bereich, da haben sie die absolute Kontrolle.

Hast du aktuell eine feste Beziehung?

Nein, das wäre unfair sowohl gegenüber den Kundinnen als auch gegenüber der Partnerin. Zu Beginn meiner Arbeit als Callboy bin ich allerdings einmal zweigleisig gefahren. Da habe ich meiner Freundin das Ganze verschwiegen, weil ich Angst hatte, sie versteht das nicht. Die Beziehung hat aber nicht wirklich geklappt: Sie wollte mehr von mir als ich von ihr. Dann habe ich die Bombe platzen lassen und sie konnte gar nicht damit umgehen. Ich hatte ihr Verständnis aber zur Bedingung für unsere Beziehung gemacht. Das war im Nachhinein Unsinn, weil ja klar war, dass das fast keine Frau akzeptiert.

Könntest du dir vorstellen, nochmal eine feste Beziehung zu beginnen, vielleicht ja sogar mit einer deiner Kundinnen?

In früheren Beziehungen habe ich gemerkt, dass mir dieses Besitzdenken in Beziehungen nicht so gut gefällt. Ich bin einfach sehr frei. Das Gefühl, dass ich unvollständig bin, dass ich eine feste Partnerin brauche - das habe ich gar nicht. Ich genieße die Zeit mit den Frauen und die schönen Momente, die daraus entstehen. Danach kann ich aber auch immer ganz schnell loslassen. Ich bin eben auch ein spiritueller Mensch und lebe für den Moment. Grundsätzlich möchte ich aber nicht ausschließen, dass irgendwann eine kommt, durch die sich dann doch alles ändert.

* Namen von der Redaktion geändert

Was wolltest du einen Callboy schon immer fragen? Schreib uns und Samuel antwortet: lustundliebe@main-echo.de oder WhatsApp: 0175/2983908

Als Nächstes lest ihr in unserer Lust und Liebe-Serie von der Suche nach dem perfekten Knutschfleck: Kevin Zahn hat sich für euch mit dem Kennenlernen in der Stadt und auf dem Land - früher und heute beschäftigt.

So war es mit einem Callboy

Ich war 16 Jahre lang verheiratet und hatte in meiner Ehe und einer späteren Beziehung schlechte Erfahrungen gemacht. Dann war ich einige Zeit alleine und immer etwas einsam. Onlinedating lief auch nicht so erfolgreich, ich war verzweifelt. Da habe ich mich mit einer Freundin über das Thema unterhalten und sie meinte, ich solle mal im Internet gucken. Ich habe Samuel* auf dem Callboy-Verzeichnis gleich und angeschrieben und er hat noch am gleichen Tag geantwortet. Er war mir sofort sympathisch. Wir haben ein paar mal hin und hergeschrieben und zweimal telefoniert.

Dann haben wir uns erstmal auf einen Kaffee getroffen, um zu schauen, ob die Basis stimmt, ob wir gleich beisammen bleiben oder einen Termin für ein längeres Treffen ausmachen. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich bin gleich geblieben (sie lacht). Wir waren spazieren, haben uns besser kennengelernt. Am Abend sind wir was essen gegangen und dann sind wir zu mir aufs Land gefahren und haben die Nacht miteinander verbracht.

Am nächsten Morgen gab es ein gemeinsames Frühstück. Wir haben gequatscht und gekuschelt, Samuel schaut nicht so genau auf die Zeit. Für ihn gibt's da keine Uhr, er ist da ganz menschlich. Samuel macht das ganz natürlich, es war eigentlich wie ein normales Date. Er erzählt aus seinem Leben, ist nicht oberflächlich. Man fühlt sich nicht so, als ob man eine bezahlte Dienstleistung in Anspruch nimmt.

Wir haben uns noch ein paar mal getroffen, es waren ganz tolle Erfahrungen. Samuel ist ein liebenswerter Mensch, sehr hilfsbereit. Im Hinterkopf hat man natürlich schon, dass da auch andere Frauen sind, aber für mich war eine Beziehung mit Ihm sowieso kein Thema, denn Samuel ist ein sehr freiheitsliebender Typ. Die Bezahlung schaffte dann irgendwie doch die Abgrenzung. Das ist schon wichtig, auch um Distanz zu wahren, dass das Ganze nicht zu eng wird. Das Geld habe ich bar in einen Umschlag gesteckt und auf den Nachttisch gelegt. Ich habe gar nicht mitgekriegt, wie er ihn eingesteckt hat.

Mittlerweile bin ich in einer Beziehung. Vielleicht auch aufgrund von Samuels Impulsen konnte ich wieder freier über Männer denken und wieder flirten. Jetzt schreibt man sich schon immer mal wieder. Er fragt, wie es mir geht, ganz ungezwungen, niemals aufdringlich. Er hat mir auch beim Umzug geholfen, eigentlich wie ein guter Freund. Mir ist es deshalb wichtig, mit Klischees aufzuräumen. Das Business hat so einen schlechten Ruf, aber es gibt nette Kerle, die das gut machen. So wie Samuel.

* Namen von der Redaktion geändert

Aufgezeichnet von Julie Hofmann

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