Lust & Liebe: Aschaffenburger Puff-Mutti und zwei Prostituierte erzählen von ihrer Arbeit

Puffgespräch im Bordell Dolce Vita

Aschaffenburg
5 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Mehr zum Thema: Lust und Liebe
Eva B. ist die Hausherrin im Aschaffenburger Bordell Dolce Vita.
Foto: Petra Reith
High Heels gehören im Bordell dazu.
Foto: Petra Reith
Angelina sagt: "Die Männer erzieh ich mir schon, wie ich die will."
Foto: Petra Reith
Zwei Prosti­tu­ier­te, An­ge­li­na* und Lil­ly*, be­rich­ten, wie es ist, sich für Sex be­zah­len zu las­sen. Für sie ist klar: Sie tun es aus Spaß am Sex. Das heißt aber nicht, dass der Be­ruf für sie im­mer nur sc­hö­ne Sei­ten hat - oder dass es al­len Sex­ar­bei­te­rin­nen so geht.

Etwa 400 000 Frauen arbeiten in Deutschland als Prostituierte. 93 Prozent der Prostituierten in Deutschland sind einer Verdi-Studie zufolge weiblich, vier Prozent sind männlich, drei Prozent transident. Zwei Sexarbeiterinnen, Angelina* und Lilly*, erzählen gemeinsam mit ihrer Aschaffenburger Puff-Mutti Eva B., was ihre Tabus sind, wie es ist, wenn eklige Freier kommen und ob sie eigentlich selbst noch beim Sex Spaß haben – oder ob alles Arbeit ist.

Die Prostituierten

Angelina und Lilly sind 54 und 44 Jahre alt – »aber hier 35«, wirft Eva B. ein und lacht. Tatsächlich sehen die beiden Frauen jünger aus als sie sind. Angelina erklärt in starkem badischen Dialekt: »Aja, Sex hält halt jung.« Direkt im Thema.

Angelina ist seit 30 Jahren im Geschäft, hat neben der Sexarbeit aber noch einen Hauptberuf. Lilly ist seit 14 Jahren hauptberuflich dabei. Auf die Frage, wie sie dazu gekommen sind, platzt es aus Angelina heraus: »Aja, aus Spaß am Sex.«

Angelina ist seit 30 Jahren Prostituierte.
Foto: Petra Reith

Angelina erzählt:

Ich bin über eine Freundin dazu gekommen. Die hat das gemacht, wollte es mir aber nicht sagen. Die hat immer gesagt, sie schafft in nem Café. Ich hab gesagt, dass ich sie mal besuch, wenn ich Zeit hab. Ist in Ordnung, hat sie gesagt und dabei immer so geschluckt. Hab ich gedacht, was schluckt die denn laufend beim Reden? Weil sie gelogen hat, deswegen! Dann bin ich irgendwann mal ins Café und hab nach ihr gefragt. Kennen wir net, hieß es. Habe ich sie angerufen. Darauf sie: Ich muss dir was sagen. Aha, hab ich gesagt. Darauf sie: Kommst du mal her.

Stand ich vor dem Gebäude und hab mich gefragt: Was treibt die denn da drin? Dann hab ich geklingelt und bin da rein. Da hat sie mir das alles gezeigt und erklärt. Hab ich gesagt: Wo ist denn da das Thema, ob du jede Woche nen neuen Typen aufreißt oder das machst? Hab ich mir das so alles angeguckt und so. Ihre Chefin hab ich dann kennengelernt. Die hat gesagt: »Du könntest ja mal einspringen am Wochenende, ich hab keine Mädels. Du passt gut da rein mit deiner Gosche.« Dann hab ich gesagt, ich probier's mal. Dann hat mir das gefallen, ist genau das Richtige.

Angelina auf dem silbernen Sofa, das zwischen zwei Schlafzimmern steht.
Foto: Petra Reith

Auf die Frage, ob die beiden privat noch Spaß am Sex haben, sagt Angelina: »Ich hab privat keinen.« Eva B. erklärt: »Sie ist früh Witwe geworden, mit kleinen Kindern.«

Lilly hat hingegen einen Partner: »Aber hier bin ich Lilly und zu Hause eine andere. Das kann ich trennen«, sagt sie. Sie sei bereits mit ihm zusammen gewesen, bevor sie mit der Sexarbeit begonnen habe. Dagegen habe er nichts. »Das ist meine Sache.« Nach fünf Freiern am Tag hat sie abends keine Lust mehr auf Sex mit ihrem Partner? »Neeein, dann ist noch mehr los. Dann fängt der Tag erst an.«

Die Freier

Die Freier selbst seien 20 bis 90 Jahre alt. Die 70- oder 80-Jährigen sind Angelina zufolge oft fitter als die Jungen. »Und dankbarer«, wirft Eva B. ein. Auf die Frage, ob die älteren Männer vor dem Besuch im Bordell Viagra oder Ähnliches nehmen, sagt Angelina: »Weiß ich nicht, würde ich aber in dem Alter nicht empfehlen.« Lilly ergänzt: »Das überlebt der nicht.«

Es passiere eher selten, dass ein Gast nach »alles ohne«, also ohne Kondom, frage. Darauf Angelina: »Dann kannste gehen.« Die Frauen selbst verhüten beide mit der Pille. Angelinas Frauenarzt habe mal zu ihr gesagt: »Du hast aber auch ein gutes Sexleben.« Darauf sie: »Klar, so lange wie es noch geht.«

Im Bordell: Hausherrin Eva B. (Mitte) mit ihren Damen Lilly (links) und Angelina.
Foto: Petra Reith

Das Telefon klingelt, Eva B. geht ran, aber die Verbindung bricht direkt ab. Wie ist das, wenn ein Freier kommt, der den Frauen nicht gerade gefällt? Wenn ein ungepflegter Gast komme, der sich weigere zu duschen, müsse die Frau ihn zu einer Stellung mit geringstmöglichem Körperkontakt bringen, erklärt die Puff-Mutti.

Es gebe auch einige, die seien richtig gut im Bett. Das Schauspielern und der Spaß gehen für die Frauen ineinander über. Jemanden bei der Arbeit kennenzulernen und privat zu treffen, ist für sie aber ein absolutes Tabu. Küssen sei zu Evas Zeit überhaupt nicht in Frage gekommen – »Küssen ist intim, das ist Liebe«. Heute sei das anders.

Angelina ist seit 30 Jahren im Sexgeschäft.
Foto: Petra Reith

Auf weitere Grenzen angesprochen, sagt Lilly, sie mache nichts ohne Gummi. Angelina betont: »Sex ohne Gummi. Privat treffen. Telefonnummer austauschen. Das sind meine Tabus.« Gab es krasse Erlebnisse? Angelina zuckt mit den Schultern, schürzt die Lippen und sagt: »Hatte ich keins. Die Männer erzieh ich mir schon, wie ich die will.«

Körperliche Folgen haben die Frauen nicht wirklich. »Nur wenn man Hochleistungssport auf der Matratze macht«, sagt Angelina. »Vom Treppe hoch und runter gehen den ganzen Tag«, sagt Lilly – denn weitere Zimmer liegen zwei Etagen über der Hauptwohnung.

Die anderen Frauen

Es klingelt. Lilly geht raus aus dem Wohnzimmer, schließt die Türe leise hinter sich. Dass ihre Männer zu Prostituierten gehen, wissen deren Frauen Eva B. zufolge meist nicht. »Ne Geliebte ist teurer«, wirft Angelina ein. »Nicht nur das, die will ja auch Gefühle«, ergänzt Eva.

Das Telefon klingelt. Eine Frau fragt, ob sie sich bei Eva B. einmieten könnte. Diese will zurückrufen. Das laufe oft so. Lilly habe ihr schon viele Frauen geschickt. »Wenn Lilly sagt, die passt hier rein, passt das meist dann auch. Rausgeschmissen hab ich in der ganzen Zeit vielleicht zwei oder drei.«

Die Schachtel mit Kondomen steht bereit.
Foto: Petra Reith

Frauen, die selbst gerne Sexarbeit ausprobieren wollen, rät Eva B.: »Nur wenn sie Spaß am Sex hat. Und sie sollte offen sein und bisschen reden können.« Wenn sich eine Frau aus Geldnot prostituiere, seien Schmerzen nicht ausgeschlossen, vermutet die Puff-Mutti.

Lilly kommt zurück. Sie hat gerade einen Gast gehabt, 30 Minuten. Auf die Frage, wie es war, sagt sie nur: »Schön.« Und lächelt.

* Dabei handelt es sich um die Künstlernamen der beiden Frauen.

Nachgefragt: »Die Frauen führen ein Doppelleben«

Simone Wiegratz ist Vorstandsmitglied bei bufas, dem Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Sie leitet auch die Prostituierten-Beratungsstelle Hydra in Berlin. Die Fragen stellte unsere Redakteurin Veronika Schreck.

Wie viele Prostituierte gibt es in Deutschland?

Es gibt da nur Schätzungen - und zwar in einer hohen Spanne. Hydra hat vor einigen Jahren geschätzt, dass es 400 000 Sexarbeiterinnen in Deutschland gibt. Es gab auch immer wieder Schätzungen, die von 100 000 oder 200 000 ausgehen. Es gibt auch welche, die 900 000 angeben, aber das sind meiner Meinung nach Spinner. Die Frage bei diesen Schätzungen ist immer: Wen meine ich alles? Nur Sexarbeiterinnen im Haupterwerb, Frauen, die einmal im Jahr eine sexuelle Dienstleistung erbringen oder oder oder. Deshalb diese Schwankungen.

Aber all diese Schätzzahlen werden bei den Anmeldungen, die das neue Prostituiertenschutzgesetz fordert, nicht erreicht. Also es melden sich deutlich weniger Sexarbeiter offiziell an als es eigentlich geben müsste. Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Einen Teil könnte die Zwangsprostitution ausmachen. Beim anderen Teil geht es ums Outing. Viele der Frauen führen ja ein Doppelleben. Sie sagen es der Familie nicht, den Kindern nicht, dem Partner nicht, den Freunden nicht. Sexarbeiterinnen müssen jetzt zu noch mehr Ämtern als früher. Das ist eine ganz große Quelle der Angst, weil man den Ämtern, dem Staat nicht traut. Wenn ich jetzt in Aschaffenburg als Sexarbeiterin arbeiten möchte, ist die Prostituierte verpflichtet, sich dort anzumelden. Dann geht sie ins Amt und sie ist nicht sicher, ob sie zu ihrer Nachbarin oder einer Verwandten als Sachbearbeiterin kommt.

Manche sagen Prostituierte, manche Sexarbeiter. Wo liegt der Unterschied?

Wir sagen: Sexarbeit oder Prostitution ist Erwerbsarbeit. Das heißt, es ist eine Möglichkeit Geld zu verdienen. Es ist eine Dienstleistung, ein Geschäft: Geld gegen Leistung. Es ist ein eher politisches Haltungsstatement zu sagen: Das ist Arbeit. Und die ordnet sich auch in andere gesellschaftliche Kontexte ein.

Welche Arten von Sexarbeit gibt es denn?

Ach viele, aber die groben Kategorien sind Bordell, Sauna-Club, Wohnungsprostitution, Laufhaus, Straßenstrich, aber auch Escort. Durch das Prostituiertenschutzgesetz muss die Ort-gebundene Prostitution gemeldet werden. Deshalb arbeiten die Sexarbeiter nun eher vereinzelt, bewerben nur noch sich selbst im Netz und gehen dadurch an Orte, die sie vielleicht vorher nicht genutzt hätten. Das neue Gesetz ist garantiert keine nur positive Entwicklung.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!