Donnerstag, 23.05.2019

Lust & Liebe: Endlich im richtigen Körper - Wie aus Marco die Mainaschafferin Margaux wurde

40-Jährige lebt nach 39 Jahren im wahren Ich

Mainaschaff
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Mainaschaff, Ma-Bike Margaux Scholz lebt seit einem Jahr ihr wahres Ich.
Foto: Petra Reith

Margaux Scholz ist heute so, wie sie schon immer sein wollte.Vor einem Jahr sah das anders aus. Sie ist nämlich transident. Die ersten 39 Jahre ihres Lebens verbrachte sie als Marco – jetzt, endlich, ist sie glücklich.

Wies­ba­den war die ers­te Stadt, die Mar­gaux Sc­holz er­kun­de­te. Sie sch­len­der­te durch die In­nen­stadt und ach­te­te dar­auf, ob und wie die Welt auf sie rea­gier­te. Die 40-Jäh­ri­ge sah an die­sem Tag, dem 12. April 2018, aus, als ob sie auf ei­ne Be­er­di­gung geht. Eine große, schwarze Sonnenbrille bedeckte ihre Augen, sie trug ein schwarzes Kleid, schwarze Jacke, schwarze Stümpfe, Schuhe, Tasche. »Ich glaube, ich habe ihn an dem Tag auch beerdigt«, sagt Margaux Scholz fast ein Jahr später.

Mit »ihn«, meint sie Marco Scholz. So hieß Margaux für die ersten 39 Jahre ihres Lebens. Margaux ist transident. Das heißt, sie identifiziert sich nicht mit dem biologischen Geschlecht, dass ihr nach der Geburt zugewiesen wurde - nämlich mit dem von Marco (siehe Hintergrund).

Interessenfaktor Weiblichkeit

Von Marco ist heute an Margaux kaum eine Spur zu sehen. Vor rund einem Jahr war das noch ganz anders. Da war Marco ihre äußere Erscheinung, er war derjenige, der täglich in seinem Motorradzubehör-Laden in Mainaschaff (Kreis Aschaffenburg) war. »Aber Marco war nicht glücklich«, erzählt Margaux. Und heute hat Ma-Bike eben eine Chefin.

Sie erzählt an diesem Tag, fast ein Jahr nachdem sie Marco begraben hat, ihre Geschichte. Die Frau hat eine enorme Ausstrahlung, ihre Körpersprache verrät viel über ihre Emotionen. Wenn sie von Marco redet, schaut sie oft auf ihre Hände, nachdenklich aber nicht trauernd. Es ist fast, als würde sie Marcos Grabrede halten.

Schon von klein auf wusste Scholz, dass sie anders als die anderen Jungs war. »So mit achteinhalb Jahren waren die erste Momente, in denen du an Mamas Kleiderschrank gegangen bist. Wenn deine Mitschülerinnen ein Kleidchen trugen, schautest du ihnen manchmal neugierig hinterher, auf die bestrumpften Füße der Lehrerin, weil das Material so glänzte - die Weiblichkeit war schon immer ein Interessenfaktor.«

Bedenken und Scham

Das habe Marco aber fehlgeleitet und später zu einer Frauenkleidungs- oder Strumpfhosenvorliebe gemacht. »Im Freundinnen-Alter wolltest du, dass sie Dessous tragen - sie freuten sich darüber, dass du sie ihnen kaufst.« Dann habe Marco gemerkt, dass ihn niemand komisch anguckte, wenn er Dessous für seine Freundin kaufte, also war es auch kein Problem, etwas für sich zu kaufen. Es kam also dazu, dass Marco immer Frauenkleidung hatte.

Diese Weiblichkeit hat Scholz aber nie nach außen getragen - das war ein absolutes No-go. Der Sozialisierung nach war ein Mann ein Mann. »Ich habe mich geschämt, überhaupt Bedenken zu haben.« Das gehe vielen Transidenten so. Profamilia nennt es die Angst vor einer sogenannter »Grenzenverletzung« - man fühle sich nicht normal, weil man sich als Mann oder Frau gesellschaftlich nicht eindeutig zuordnen lasse. Margaux erklärt, »Als Mann gibt es gewisse Regeln, die du befolgen solltest und dann kommst du plötzlich auf die dämliche Idee, Röckchen oder Strümpfchen anzuziehen. Damit stimmst du nicht mit der Gesellschaft überein.«

Marco heiratete, er ließ sich scheiden. Er ging mehrere langjährige Beziehungen ein. Ein Besuch beim Psychologen 2011 wegen Burnout war nicht eindeutig - Marco habe gefragt, ob hinter seinen Strumpfhosenfetisch eine Transidentität stecken könnte. Der Arzt habe das verneint, sagte, er solle seine Vorlieben einfach ausleben, es sei nichts Verkehrtes, daran. Also tat Scholz genau das, weitere acht Jahre lang: »Falscherweise im männlichen Ich«.

Dann war Marco in einer Partnerschaft, in der es seine Partnerin erlaubte, Strumpfhosen im Haus zu tragen. »Ich habe diese Aussage genutzt und habe Tag für Tag weiblicher auf der Couch gesessen. Nach etwa 14 Tagen saß der Prototyp Margaux auf der Couch - geschminkt und mit Perücke.« Damals fragte seine Partnerin: »Was bist du jetzt? Bist du Crossdresser? Travestist?« Scholz wusste es schon. »In mir brodelte diese Tatsache. Ich vermutete schwer, dass ich transident bin.«

Scholz hatte die Idee, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Das Treffen war in Wiesbaden. Marco würde mit dem Wohnmobil hinfahren, um das Umziehen und Schminken bequemer zu machen. Als seine Partnerin erfuhr, dass Margaux statt Marco zur Gruppe wollte, war sie vehement dagegen. »Das kannst du nicht machen, das ist gefährlich! Du bist noch nie als Frau auf der Straße gewesen!« Scholz antwortete darauf, dass sie nicht wüsste, ob sie die Wohnmobiltür überhaupt öffnen könne, nicht wüsste, ob sie es sich trauen würde. Aber sie würde mit Sicherheit nicht als Marco zur Selbsthilfe-Gruppe für Trans-Menschen gehen.

Mainaschaff, Ma-Bike Margaux Scholz lebt seit einem Jahr ihr wahres Ich.
Foto: Petra Reith

Ein nicht-hörbarer Schlag

»Ich fuhr los, ich war dort, ich schminkte mich.« Die Sonne brannte an diesem Aprilnachmittag auf das Wohnmobil. »Es war warm, ich schwitzte. Die Makeup-Suppe lief gerade wieder von meinem Gesicht.« Trotzdem schaffte Scholz es, sich zurecht zu machen. Und dann trat Margaux Scholz erstmals raus, ins Licht. »Ich fühlte mich ein bisschen wie Neil Armstrong, als er die Apollo auf dem Mond verlies.«

Sie stellte sich beim Gruppentreffen vor, erzählte etwas von ihrer Geschichte. Etwa 15 Stimmen antworteten im Gleichklang - das ging mir auch so, so war das auch bei mir, so habe ich das auch erlebt. »Da hat es in mir einen nicht-hörbaren Schlag getan. Das war so Wow. Das war die Antwort auf diese vielen Fragen, auf den ganzen Stress, auf die Unklarheiten, die halben Wahrheiten.« Für Margaux war das der Punkt, an dem alles endlich in die richtige Richtung gehen konnte.

Alles oder nichts

»Ich habe mich entschieden, dieses Leben anzugehen. Es gab Stress, aber meine Partnerin hat mich unterstützt. Wir sind zusammen einkaufen gegangen, waren zusammen essen als Marco und dann als Margaux.« Doch sie trennten sich kurz darauf - die Partnerin habe Margaux unterstützt, aber die Beziehung habe nicht mehr funktioniert. Ende April 2018 outete sie sich. Es begann mit Familie und Freunden. »Ich habe 40 Jahre lang den perfekten Marco gespielt - lange unwissend. Ich bin mit meiner Vergangenheit okay, aber ich habe diesen Stichtag, der 29. April, ab da gibt es keinen Marco mehr für niemanden. Er ist weg. Und das ist gut so. Ein fröhlicher Mensch kann die Fröhlichkeit nach außen tragen und diese Fröhlichkeit hat in Marco so gut wie immer gefehlt.«

Und ab diesem 29. April war auch nur noch Margaux im Geschäft anzutreffen. »Es war alles oder nichts«, sagt sie. Margaux ging das Risiko ein, den Laden zu verlieren, weil keiner mehr zu ihr kommen würde. Das war nicht so - Ma-Bike läuft nach wie vor. »Manche kommen gerade deswegen. Und manche kommen nicht mehr.«

Es gebe zwei Gruppen von Menschen, die nicht mehr kommen. Die einen, die einfach mit der Thematik Trans nicht klarkommen. Menschen, für die es nur zwei Geschlechter gibt, oder die aus Kulturen kämen, in denen Transidentität verpönt sei.

Die andere Gruppe würde aus Ängstlichkeit heraus nicht mehr ins Geschäft kommen. Menschen, die nicht wissen, wie sie Scholz als Margaux begegnen sollen. »Das ist schade. Weil ich bin kein anderer Mensch in dem Sinne. Ich bin die glücklichere, die noch besser beratendere - weil ich offen und frei bin«, sagt sie dazu.

Es kommen oft Leute ins Geschäft in der Mainaschaffer Hauptstraße und fragen, wo der Marco sei. »Wo ist der Chef? Der Laden gehörte doch einem Kerl«, fragen sie dann. »Ja, früher war ich der Chef, jetzt bin ich die Chefin«, antwortet Margaux dann ganz selbstbewusst.

Margaux weiß auch, dass sich ihr neues Ich herumspricht. Sie weiß, »wenn Kunden kommen, werden sie danach im Motorradverein darüber sprechen, dass kein Marco mehr diesen Laden führt. Sie werden darüber sprechen, dass ich transident bin. Aber wenn sie das richtig vermitteln, werden sie erzählen, was sie hier für einen tollen Menschen kennengelernt haben.«

Morgens in den Spiegel schauen

Biker haben gewisse Grundwerte: Respekt, Loyalität, Ehre, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. »Keins dieser Wörter steht im Widerspruch zu dem, was ich tue«, sagt Scholz. »Und wenn jemand Biker sein will, dann hat er das zu respektieren.«

Margaux steht jetzt zu sich selbst - mehr denn je. Sie lebt ihr wahres Ich. Seit einem halben Jahr macht sie eine Hormontherapie. Das hilft dabei, ihre Weiblichkeit auch an die Oberfläche zu bringen. »Das Schöne ist, wenn ich morgens aus dem Bett steige und in den Spiegel schaue, sehe ich: Sie wird immer weiblicher. Diese Entwicklung ist immens, sie ist wunderbar.«

Scholz spürt die Entwicklung im ganzen Körper: Ihre Haut wird glatter, ebener. Die Kopfhaare werden feiner, sie glänzen. Die Körperhaare werden immer weniger. Sie hat Brustwachstum und bekommt runde Hüften. »Ich bin heute an dem Punkt, wo ich in den Spiegel schaue und denke, wow. Jetzt bist du der Mensch, der du schon immer in deinem Herzen sein wolltest. Ihre Geburtsurkunde ist bereits angepasst - sie ist als Frau im Geburtsregister eingetragen. Das macht Scholz eine große Freude. »Diese Freude trage ich nach außen, die habe ich in mir.« Diese Freude sendet Margaux in die Welt, und zwar so stark, dass man diese fast sichtbaren und von ihr ausgehenden Wellen sehen kann.

Margaux wird Marco immer dankbar sein: Diese Person hat sehr viel für sie aufgebaut: Freundschaften, Familie, ihr Geschäft. Und diese Sachen und Beziehungen übernimmt sie gerne, führt sie weiter. Aber jetzt in ihrem wahren Ich - und endlich glücklich.

Nächster Teil der Serie: Warum entscheidet sich ein junger Mensch heute noch für das Priesteramt - und das Zölibat?

Hintergrund: Transidentität

Das Wort »Transidentität« wird langsam geläufiger. Der Begriff ist ein Synonym für Transsexualität, allerdings ist er in der transidenten Community beliebter. Grund dafür ist, dass das Wort »Transsexualität« den Eindruck vermittele, es handle sich dabei um eine sexuelle Spielart. Die Selbsthilfe-Gruppe Trans-Ident erklärt, »Transsexuelle Menschen tragen die Kleidung ihres Identitätsgeschlechts nicht, um sich einen erotischen »Kick« zu verschaffen, Aufmerksamkeit zu erregen oder eine Show zu machen wie es in der künstlerischen Form, der Travestie der Fall ist. Sie tragen einfach nur die Kleidung ihres Identitätsgeschlechts wie jede/r.

Wer transident oder transsexuell ist, identifiziert sich nicht mit das körperlichen Geschlecht, dem sie bei der Geburt zugewiesen worden ist. Laut die Selbsthilfe-Gruppe Trans-Ident, haben transidente Menschen, oft von der Kindheit an, das starke Gefühl im falschen Geschlecht geboren zu sein: »Dies geht meist mit dem Gefühl des Unbehagens oder der Nichtzugehörigkeit zum eigenen Geschlecht einher. Es besteht das Ziel, als Angehöriger des anderen anatomischen Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden«, ist auf deren Homepage zu lesen.

Transidentität handelt sich nämlich um die Geschlechtsidentität eines Menschen. Vereinfacht: Das Kopfgeschlecht. Wer sich im Kopf als Männlich oder Weiblich identifiziert, aber nicht das entsprechende biologische Geschlecht bei der Geburt zugewiesen bekommen hat, ist transident.

Transidente Menschen können ihr biologisches Geschlecht an das Kopfgeschlecht anpassen lassen. Allerdings geht das nur mit vielen Hürden, ein begleitender Psychologe, zwei ärztliche Gutachten, ein Gerichtsverfahren und viel Geld - die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. (xere)

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