Mittwoch, 19.06.2019

Wie gehe ich am besten mit Trauer um?

Interview mit einem Aschaffenburger Psychologen

Aschaffenburg
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Der Aschaffenburger Psychologe Gunnar Immo Reefschläger
Foto: Gunnar Immo Reefschläger

Gun­nar Im­mo Reef­schlä­ger ist Di­p­lom-Psy­cho­lo­ge in Aschaf­fen­burg. Er ar­bei­tet un­ter an­de­rem in der Ta­ges­k­li­nik so­wie der Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­sta­ti­on der Ta­ges­k­li­nik am Ro­sen­see. Mit uns hat er dar­über ge­spro­chen, wie lan­ge Trau­er dau­ert und wie man am bes­ten da­mit um­geht.

Wie häufig kommen Sie mit Patienten in Verbindung, die jemand Nahestehenden verloren haben?

Auf der Kriseninterventionsstation sind Patienten für zehn Tage stationär. Einige von ihnen haben jemanden kurzfristig verloren, etwa durch einen Autounfall. Wenn ich meinen dortigen Kollegen vertrete, und "Trauer-Patienten" in diesem Rahmen sehe, geht es darum, ihnen beizustehen. In meiner Praxis therapiere ich Menschen in Trauer.

Welche Auswirkungen hat der Tod auf nahestehende Personen, vor allem wenn er plötzlich eintritt?

Ein Teil von einem selbst wird aus dem Leben gerissen. Es passiert etwas, das man sich so noch nie vorgestellt hat und auf einmal nimmt man wahr: Ein geliebter Mensch ist nicht mehr da. Stattdessen ist da erstmal eine Leere. Unsere Vorstellung stößt dann an die Grenze des Denkbaren, weil wir nicht wissen, was nach dem Tod kommt.

Wie lange brauchen wir, um so einen Verlust wirklich zu realisieren?

Zunächst können wir uns das gar nicht vorstellen. Man hat jemanden kennen gelernt, in sein Herz geschlossen, man trägt ein Abbild von ihm in sich und dann stimmt das plötzlich nicht mehr mit der Realität überein. Das führt zu ganz großem Schmerz, der aber oft erst Stunden oder Tage danach realisiert wird. Wenn die Trauergefühle kommen, wird der Verlust nach und nach fassbarer. Dies ist jedoch nicht an konkrete Zeiteinheiten gebunden.

Was kann Trauer auslösen?

Alles, was man sehr lieb gewonnen hat, kann Trauer auslösen. Das kann ein Mensch sein, ein Gegenstand oder ein Tier. Man hat gemerkt, etwas ist sehr wertvoll und jetzt verloren. Trauer ist ein menschliches Gefühl.

Gibt es verschiedene Typen beim Umgang mit Trauer?

Ja, es gibt viele Formen, dabei gibt es aber weniger ein Richtig oder Falsch. Es gibt Menschen, die sich nonverbal ausdrücken, indem sie Bilder malen, Musik produzieren oder Gedichte schreiben. Und es gibt die, die sich komplett zurückziehen, die versuchen, das gedanklich zu klären. Außerdem gibt es Menschen, die mit anderen reden, die Gefühle, Erinnerungen und ihre Trauer mit anderen teilen. Das bringt Entlastung von diesem schmerzhaftem Zustand.

Trauer ist ja ein Gefühl, das wir Menschen am liebsten nicht empfinden würden...

Trauer ist nichts Schlechtes, sie gehört zu den Gefühlen des Menschen dazu. Sie lässt uns darüber nachdenken, was uns im Leben wichtig ist. Jeder stirbt irgendwann mal - damit sollten wir uns auseinandersetzen.

Kann sich Trauer auch zu einer Depression steigern?

Viele sagen sich nach dem Verlust eines lieben Menschen: "Hätte ich doch...". Sie machen sich Vorwürfe, haben Schuldgefühle. Bei manchen Menschen wird nicht aufgearbeitete Trauer zur Melancholie, woraus sich eine Depression entwickeln kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das eigene Selbstbewusstsein an die verstorbene Person geheftet war.

Wie lange trauert man?

So genau kann man das nicht sagen. Ungefähr sechs Monate ist schon recht lange für die Trauer. Trauer kann aber auch jahrelang anhalten. Dann reden wir aber nicht mehr über normale Trauer, dann ist ein Selbstanteil mit der Person gestorben. Diese Menschen haben das Gefühl, nicht mehr funktionieren zu können. Das wären zum Beispiel Menschen, die sich durch ihren Partner definieren. Abhängige Personen, die sich sagen: Ich bin nur ein voller Mensch, wenn ich einen Partner habe. Sie leben in Erinnerungen, für sie ist das Leben nicht mehr lebenswert.

Darüber hinaus beeinflusst auch die Kultur, wie lange jemand trauert. Japan zum Beispiel gibt es nach buddhistischem Brauch konkrete Zeitangaben, wie lange über den Tod eines Menschen getrauert werden soll. Nach 49 Tagen kommt es zur Totenfeier.

Wie lange therapieren Sie Depressionspatienten, die als Grundlage eine übermäßige Trauer fühlen, in der Regel?

Das ist ebenfalls etwas Individuelles. Die Behandlung kann aber schon zwischen ein, zwei oder mehrere Jahre dauern.

Was hilft gegen die Angst vor dem Tod?

Wir wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Genauso wenig wie wir wirklich wissen, was vor unserem eigenen Leben passiert ist. Religiosität kann diese Ängste reduzieren. Meine Meinung: Als Therapeut sollte man offen sein, je nachdem, mit wem man arbeitet. Ich schaue, was für Vorstellungen mein Patient hat: Hat sich der Patient schon mit dieser Frage auseinander gesetzt? Trauerfälle können also Anlass sein, über Religion nachzudenken und für sich zu schauen: Was fühlt sich stimmig an - sei es Christentum, Buddhismus und so weiter.

Was würden Sie Menschen in Trauer mit auf den Weg geben?

Jede Form von Ausdruck der Trauer kann sehr hilfreich sein. Dazu zählt, mit Freunden und Kollegen zu sprechen und die eigenen Gefühle auszudrücken, zum Beispiel durch Kunstformen wie die Malerei. Grundsätzlich ist es das Beste, das Innere rauszulassen und sich mitzuteilen.

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