Sonntag, 25.08.2019

Lust & Liebe: Wie geht man in der Trennung richtig mit Kindern um?

Interview Teil eins mit Diplom-Psychologe Ottmar Braunwarth

Karlstadt
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Zum Themendienst-Bericht von Sabine Maurer vom 28. März: Bloß kein Gezerre ums Kind: Eltern sollten nach einer Trennung nicht versuchen, den Ex-Partner auszustechen oder schlechtzumachen. Foto: Silvia Marks
Foto: Silvia Marks
Ein Ehe­paar lässt sich schei­den. Trotz­dem blei­ben die Ex-Part­ner für im­mer El­tern ei­nes Kin­des. Ott­mar Bra­un­warth, Di­p­lom-Psy­cho­lo­ge und Lei­ter der Be­ra­tungs­s­tel­le für El­tern, Ju­gend­li­che und Kin­der in Karl­stadt (Kreis Main-Spess­art), er­klärt, wie man mit Kin­dern rich­tig nach ei­ner Schei­dung um­geht.

Gibt es je nach Alter der Kinder große Unterschiede, wie getrennte Eltern sich verhalten sollten?

Ja. Das Alter des Kindes spielt natürlich eine Rolle, wie man den Umgang regelt. Man kann die Kinder etwa in vier Altersgruppen einteilen: Kinder von null bis drei, von drei bis fünf, Kinder bis ca. 12 Jahre und Jugendliche.

Bei Kleinkindern von null bis drei Jahren sollte der Abstand zwischen den Umgängen nicht zu lange sein. Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit sind bei kleinen Kindern besonders wichtig. Das Standardmodell, ein Wechsel im Rhythmus von 14 Tagen, ist für Kleinkinder nicht gut.

Bei der Übergabe des Kindes von einem Elternteil zum anderen ist es unbedingt notwendig, dass Eltern darauf achten, ihre Gefühle zu kontrollieren und alle elterlichen Konflikte für die Zeit der Übergabe zurückzustellen. Kinder in diesem Alter können sich nicht emotional schützen und abgrenzen. Kinder erleben Konflikte sozusagen hautnah.

Kleinere Kinder brauchen vor allem Sicherheit und die Gewissheit, dass für den anderen Elternteil der Umgang okay ist. Es wäre schön, wenn die Mama im Vorfeld und bei der Übergabe sagen könnte: Ich wünsche mir, dass du zu Papa gehst und ihr Spaß miteinander habt. Umgekehrt ist es genauso wichtig, dass Papa ähnlich Positives sagt. Damit geben sie als Bindungspersonen dem Kind Sicherheit. Druck, Drohungen und dem Ex-Partner Angst machen bewirken das Gegenteil.

Was gibt es für Kinder ab drei Jahren zu beachten?

Bei Vorschulkindern von drei bis fünf bestimmt die sogenannte magische Phase das kindliche Denken und Handeln. Alles, was das Kind sich wünscht und denkt - Schönes wie auch Schreckliches - könnte tatsächlich eintreten. Was es selbst denkt und tut, sieht es als wichtige Ursache für Vieles, was passiert. Bei Erziehungsthemen oder Geschwisterstreit entzünden sich nicht selten auch Elternkonflikte. Deswegen haben manche Kinder das Gefühl, dass sie daran schuld sind, dass Mama und Papa sich getrennt haben. Eltern müssen klar sagen: Dass wir uns trennen, hat nichts damit zu tun, dass du etwas falsch gemacht hast. Papa und Mama haben sich nicht mehr so lieb, dass sie zusammenleben wollen.

Auch führt dieses magische Denken dazu, dass Fantasie und Realität ineinander übergehen. Deswegen erzählen Kinder auch glaubhaft Dinge oder Geschichten, bei denen ihre Fantasie einen großen Anteil hinzugefügt hat. Dazu kommt noch, dass die Kinder sich mit ihrem beschränkten Wortschatz auch noch nicht so differenziert ausdrücken. Eigentlich wissen das Eltern. In Trennungssituationen höre ich aber oft ein Elternteil sagen, ich glaube meinem Kind, mein Kind sagt die Wahrheit.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen?

Ein dreijähriges Kind benutzte in seinen Erzählungen für das gemeinsame spaßige Herumtollen und Kämpfen mit dem Papa immer wieder das Wort »Hauen«, was die Mutter hellhörig werden ließ. Durch suggestive Nachfragen der Mutter beim Kind und dessen seltsamen Antworten darauf, verknüpft mit der Beobachtung der Mutter, dass das Kind bei Streitereien seinen älteren Bruder heftig schlug und die Mutter aufgrund vergangener Erfahrungen mit dem Vater dessen »Schlagen« für durchaus wahrscheinlich hielt, kam eine katastrophale Entwicklung in Gang. Denn auf einmal stand für die Mutter eine Kindeswohlgefährdung im Raum, die durch das heftige Abstreiten des Vaters nur noch glaubwürdiger wurde. Für Jugendamt und andere Beteiligte stellte sich die Frage, was stimmt und welcher Elternteil glaubwürdiger ist.

Weil der Elternteil das dann für wahr hält, obwohl es so gesehen eine Lüge war?

Genau. Die Kinder sind bis circa 6 Jahre nicht in der Lage, sich von dem anderen Elternteil emotional abzugrenzen. Das hat Vor- und Nachteile.

Der Vorteil ist, dass Kinder in diesem Alter ganz im Hier und Jetzt leben. Das heißt, dass auch bei so einer verfahrenen Situation eine prinzipiell bestehende Bindung zu einem Elternteil wieder aktiviert kann, weil für das Kind die vorausgegangene Situation mit der Mutter in diesem Moment nicht präsent ist. Einen Umgang dem Kind und vor allem der Mutter zuzumuten, ist in solchen Fällen meist nur über eine familiengerichtliche Anordnung zu erreichen.

Hintergrund war, dass es massive Konflikte zwischen den Eltern bei früheren Übergaben gegeben hatte. Das Kind hatte massiv Angst, dass es beim Begegnen der Eltern wieder in eine konflikthafte, das Stresssystem überfordernde Situation kommt, und reagierte mit Vermeidungsverhalten. Mit einer schlechten Beziehung zum Vater oder mit einer Gefährdung hatte es in diesem Fall nichts zu tun.

Und wie ist das bei Kindern im Grundschulalter?

Kinder im Grundschulalter sind kognitiv und emotional bereits weiterentwickelt. Sie denken selbstständiger und versuchen bereits, sich eine eigene Meinung zu bilden und auch Urteile zu fällen, was richtig und falsch ist.

Sie sind aber auch noch hochgradig abhängig von den Bewertungen ihrer Bezugspersonen, zugleich sind sie nicht länger so situationsorientiert und gegenwartsbezogen wie die Jüngeren, so dass sie eine einmal eingegangene Parteinahme - im Gegensatz zu den Kleinen - anschließend oft nicht wieder abstreifen können.

Kinder geraten in diesem Alter schnell in Loyalitätskonflikte. Wenn das Kind bei der Mama lebt, und dann zum Umgang beim Papa geht, fragt es sich: Ist Mama sauer oder traurig auf mich, wenn ich sage, dass ich gerne zum Papa gehe?

Dann kann es Kinder in die Situation bringen, sich emotional für eine Seite zu entscheiden zu müssen, weil sie sich sonst ständig innerlich zerrissen fühlen. Sich für eine Seite zu entscheiden, bedeutet im Umkehrschluss, sich zum Selbstschutz vom anderen abwenden zu müssen. Kinder entscheiden sich dann meistens für den Elternteil, bei dem sie leben und rechtfertigen sich innerlich dafür. Manchmal hört man dann über den anderen Elternteil wortwörtlich dasselbe wie von dem Elternteil, für den sie sich entschieden haben.

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Quelle: Annika Kickstein

Und bei älteren Kindern wird es noch schwieriger?

Kinder ab 10 Jahren machen sich noch andere Gedanken. Wenn Papa sagt, er liebt mich, ich sei ihm wichtig, dann reichen Worte allein nicht mehr aus. Die Handlungen müssen auch zu den Worten passen. Wenn z.B. ein Papa beim Umgang kaum Rücksicht auf die Interessen und Bedürfnisse des Kindes nimmt, und erwartet, dass sich das Kind beim Umgang den Bedürfnissen des Vaters anpasst, fragt es sich vielleicht: Bin ich ihm überhaupt wichtig? Was habe ich davon, dort überhaupt hin zu gehen? Warum hält er immer zu seiner Partnerin und nicht zu mir?

Die Kinder in dem Alter erwarten von Eltern auch, dass sie sich bei Elternentscheidungen auch mal kompromissfähig zeigen, auch mal fünf gerade sein lassen. Sie nehmen es beiden Elternteilen übel, wenn diese starr auf ihren Positionen beharren. Sie registrieren deutlich, wenn die Eltern einfach nur ihre Macht durchsetzen wollen und dabei nicht ans Kind denken.

Was gibt es bei Jugendlichen zu beachten?

Pubertät heißt, dass Eltern weniger wichtig werden und Peergruppen, beispielsweise ihre Schulfreunde, wichtiger sind. Statt zum Umgang zu gehen, entscheiden sie sich, lieber zu einer Freundin oder auf eine Party zu gehen. Dass der Vater für das Kind weniger wichtig ist als ein Freund oder eine Party, empfinden viele Umgangs-Väter als kränkend. Manche Eltern tun sich leichter damit, weil sie sich erinnern, wie sie mal selbst so jung waren. Andere tun sich mit dieser Kränkung richtig schwer, sie reagieren patzig oder mit Erpressung: »Wenn du nicht kommst, dann brauchst du gar nicht mehr zu kommen.« Entscheidend in dieser Zeit ist, ob Eltern bis dahin eine gute und stabile Beziehung zum Kind aufgebaut haben. Die Umgangszeiten verändern sich, sie lassen sich nicht mehr starr festsetzen, auch weil die Jugendlicher selber mobiler werden. Statt ganzer Wochenenden gibt es oft kürzere und anlassbezogene, aber auch spontane Umgangskontakte.

Jugendliche beanspruchen für sich, von den Eltern ernst genommen und respektvoll behandelt zu werden, und reagieren deshalb hochgradig empfindlich auf Anzeichen, dass ein Elternteil sich über sie und ihre Wünsche hinwegsetzen könnte. Sie hassen, wenn ein Elternteil glaubt, dass sie keine eigene Meinung haben und vom anderen ferngesteuert sind.

Wird das irgendwann auch leichter für die Eltern?

Wenn die Kinder einmal 14 und älter sind, fällt es einem Teil Kindern viel leichter, abwechselnd in relative Distanz zum einen wie zum anderen zu gehen und zwischen den Eltern hin und her pendeln, auch wenn diese vollkommen zerstritten bleiben. Weil sie sagen: Das ist ihr Bier. Sie sind emotional autonomer und manche nutzen das natürlich gezielt auch zu ihrem Vorteil.

Außerdem kennen sie meist Gleichaltrige, deren Eltern getrennt sind und ähnliche Probleme haben. Oder sie hatten auch schon eigene Freundschaften oder Beziehungen und haben gelernt: Es ist nicht so einfach, sich zu verlieben, sich konstruktiv zu streiten und sich sauber wieder zu trennen. Erschreckend ist bei einem Teil der Heranwachsenden aber, dass in Folge chronisch konflikthafter Trennungsbeziehungen ein hohes Maß an Erschöpfung und Resignation zu erkennen ist, das massiv den Selbstwert der Jugendlichen beeinträchtigt hat und auch schon deren Lebensplanung beeinflusst und negative Zukunftsperspektiven entstehen lässt.

Teil zwei des Interviews erscheint am Montag, 13. Mai auf www.main-echo.de/lustundliebe und in der Zeitung am Dienstag, 14. Mai.

Hintergrund: Die Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder

Einen Rechtsanspruch auf Erziehungshilfe haben alle Mütter und Väter minderjähriger Kinder in Deutschland. Auch in Trennungsfällen stehen die Psychologen und Pädagogen aller kostenfreien Beratungsstellen als Mediatoren bereit.
Im Landkreis Main-Spessart liegt die Beratung in Karlstadt, hat aber auch Außenstellen in Marktheidenfeld, Gemünden und Lohr. Laut Webseite begleitet die Beratungsstelle jährlich mehr als 700 Kinder und Eltern. (kick)

Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder Main-Spessart
Telefon: 0 93 53 / 7 93 15 80

Webseite: https://www.erziehungsberatung-msp.de/

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