Montag, 17.06.2019

Lust & Liebe: Warum Marie einen Mann sucht, der keinen Sex mit ihr will

Die Geschichte einer asexuellen Frau

Aschaffenburg
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Lust &Liebe
Lust &Liebe - die Serie
Foto: Fabian Schüßler (ME)
Kuchen in den Farben der Flagge für Asexualität. Grafik: Melanie Lurz
Foto: freepik/freepik.com

Sie ist 36 Jahre alt, Jungfrau und auf der Suche nach einem Mann, den sie lieben und heiraten kann. Vorausgesetzt: Er will keinen Sex. Die Geschichte einer asexuellen Frau aus Nürnberg.

Einmal, bevor sie von ihrer Asexualität wusste, war Marie Schmitt* kurz davor, mit ihrem damaligen Partner zu schlafen, erzählt sie am Telefon. Sie habe gerade noch rechtzeitig Stopp gesagt. Ihr Freund habe Verständnis gezeigt. Er versicherte ihr, dass sie es »langsam angehen« könnten.

Wenig später machte sie Schluss mit dem Mann. Warum? Sie dachte damals: Er sei eben nicht der Richtige, wenn sie keine Lust auf Sex mit ihm habe. Sie wusste noch nichts von ihrer Asexualität.

Stellen Sie sich vor, auf einem fernen Planeten fahren alle Bewohner auf Augenbrauen ab.

Was die Nürnbergerin beim Gedanken an Sex empfindet, erklärt sie heute am Beispiel von Außerirdischen. »Stellen Sie sich vor, auf einem fernen Planeten fahren alle Bewohner auf Augenbrauen ab.« Alle Außerirdischen denken Tag und Nacht an Augenbrauen, die Augenbrauen werden immer aufreizender dargestellt. Es geht so weit, dass sich die Jugendlichen im Auto ein Versteck suchen, wo sie sich gegenseitig an den Augenbrauen lecken können, ohne dass die Eltern das mitbekommen. »Und jetzt vertauschen Sie Augenbrauen mit Sex und Sie wissen, wie komisch das alles auf Asexuelle wirkt.«

Damit Menschen mehr über Asexualität erfahren, engagiert sich Irina Brüning aus Hamburg im Verein Aktivista. Sie sagt: »Auch viele Asexuelle wissen nicht, dass es das gibt.« Der Verein druckt etwa Infoblätter. Die Botschaft: Asexualität ist keine Krankheit, keine Störung. Asexuelle haben schlichtweg kein Bedürfnis nach Sex. Und das ist etwas anderes als das Zölibat von Priestern, erklärt die 34-Jährige. Denn die verzichten freiwillig auf Sex.

Es gibt unter Asexuellen auch einen Witz, Brüning erzählt ihn am Telefon: »Wir Asexis mögen Kuchen lieber als Sex«, sagt die 34-Jährige und lacht. Das klingt süß, ist aber ein ernstes Thema: »Asexis« fühlen sich oft nicht verstanden, ausgeschlossen, unsichtbar.

Bis heute ist ungeklärt, warum manche Menschen keine Lust auf Sex mit einem Partner haben. Fest steht aber, dass Asexualität keine Krankheit ist.
Foto: Christophe Gateau

Marie Schmitt versuchte sich ihr nicht vorhandenes Begehren lange anders zu erklären. In der Pubertät sei ihr erster Gedanke gewesen: »Du bist lesbisch!« Doch Jungs fand sie schon immer anziehender. Sie konnte sich nur keinen Sex mit ihnen vorstellen. Dann dachte sie: »Na gut, in meiner Familie waren alle Spätzünder.« Und sie wartete auf den Richtigen. Vergeblich. Niemand weckte ihr Begehren.

Die Ungewissheit kann einen Asexuellen zermürben. Besonders in der Pubertät, sagt Irina Brüning von Aktivista: Wenn die anderen Jugendlichen sich für Mädels und Jungs interessieren, über das Knutschen und das erste Mal reden, können Asexuelle nur schwer mitreden. Sie trauen sich nicht zu sagen, wie sie empfinden. Oder werden dafür ausgelacht. Fühlen sich einsam. Denken vielleicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Marie Schmitt ging es genau so. Sie wollte schon einen Sexualtherapeuten aufsuchen. Bis ihre Mutter eines Abends vor vier Jahren anrief und sagte, sie habe gerade eine Sendung im Fernsehen gesehen. Es ging um Asexualität. Die Mutter sprach ins Telefon: »Kind, das bist du.«

Nach Jahrzehnten habe ich gemerkt: Ich bin nicht gaga.

Am anderen Ende der Leitung löste das eine Kettenreaktion aus: Die Tochter ging ins Netz, fand dort das Aven-Forum für Asexuelle, las unzählige Geschichten, erkannte: »Die sind so wie ich.« Sie saugte alles auf, was sie über Asexualität erfahren konnte. »Und nach Jahrzehnten habe ich gemerkt: Ich bin nicht gaga.« Es gab andere, die genau so tickten. Es gab eine Gemeinschaft, eine Flagge. Und es gab den Witz mit dem Kuchen, den Asexis angeblich lieber mögen als Sex.

Hinter dem Internet-Forum für Asexuelle steckt Kati Radloff, eine Lehrerin aus Berlin. Sie ist Vorreiterin darin, die Aufklärung über Asexualität nach Deutschland zu bringen. Sie baute das deutsche Aven-Forum für Asexuelle auf, holte sich Tipps ein, wie sich Stammtische organisieren ließen. Ihr Ziel: Dem nicht vorhandenen Begehren eine Sprache geben.

Manche Asexis kuscheln oder küssen gerne

Das Wort »asexuell« habe sie mit 21 Jahren erfunden, um sich selbst damit zu beschreiben, sagt Radloff. Dann fand sie heraus, dass sich auch andere so beschreiben. Offiziell habe es da so etwas wie Asexualität noch nicht gegeben, sagt die 42-Jährige. Sexualtherapeuten sahen zum Beispiel denjenigen Partner in einer Beziehung als das Problem an, der keinen Sex wollte. Asexuelle galten als beziehungsunfähig.

Das heißt nicht, dass alle Asexuellen gleich ticken, erklärt Irina Brüning: Manche kuscheln oder küssen gerne, andere wollen keine körperliche Nähe. Manche empfinden keine Lust, andere schon. Sie befriedigen sich zum Beispiel selbst, finden es aber unangenehm, mit anderen zu schlafen.

Doch nur weil Sex keine Rolle im Beziehungsleben spielt, heißt das nicht, dass Asexuelle keine Zuneigung kennen, keine romantischen Gefühle spüren, keine Bindung an einen Partner entwickeln. Nicht alle, aber viele Asexuelle wollen eine normale Beziehung. Irina Brüning sagt: »Wenn sich Asexuelle verlieben, ist das oft nicht anders als bei Anderen.«

Vögelst du mit deinem Partner etwa 24 Stunden am Tag?

Wie sieht so eine Beziehung ohne Sex aus? Wird sie das gefragt, antwortet Marie Schmitt aus Nürnberg gerne mit einer Gegenfrage: »Vögelst du mit deinem Partner etwa 24 Stunden am Tag?« In einer Beziehung gehe es um viel mehr als um Sex, sagt sie.

Als Asexuelle eine Beziehung mit einem sexuell aktiven Partner zu führen, sei nicht leicht. Das Problem ist, dass Menschen, die sexuelles Begehren empfinden, für »Asexis« oft wie die Außerirdischen auf dem Planeten mit den aufreizenden Augenbrauen wirken. Und andersherum tun sich sexuell aktive Menschen durch ihren Wunsch nach körperlicher Nähe oft schwer damit, ihre asexuellen Partner zu verstehen. Sie hoffen oft, dass die geliebte Person am Ende doch Lust auf Sex hat, sagt Irina Brüning.

Marie Schmitt träumt davon, eines Tages zu heiraten. Sie sucht gezielt nach einem asexuellen Partner. »Ich will zu nichts genötigt werden«, begründet das die 36-Jährige, »ich will aber auch dem Partner nichts verwehren oder dass er etwas unterdrückt.« Sie habe sich immer geschämt, vor sexuell aktiven Männern ihre Kleider auszuziehen, nackt zu sein. In einer Beziehung will sie keine Angst haben müssen, bei ihrem Partner Gelüste zu wecken. »Ich will mich frei bewegen können.«

Es kann manchmal anstrengend sein, diese ganzen Fragen zu stellen.

Die Berlinerin Kati Radloff war dagegen acht Jahre in einer Beziehung mit einem sexuell aktiven Mann und sagt: »Es hat super gut gepasst.« Sie habe sich zu nichts überwinden müssen, er habe nichts vermisst. Warum es so gut lief? Wichtig waren laut Radloff Offenheit, Experimentierfreude, ein lustiger Fetisch von seiner Seite und auch die Fähigkeit, über Dinge lachen zu können, die schiefgehen.

Einen weiteren Grund sieht Radloff im Großstadtleben von Berlin. Es gebe inzwischen so viele Vorlieben, dass sich überraschende Schnittmengen ergeben. Wenn Radloff in Berlin auf ein Verabredung geht, kann sie »nicht mehr davon ausgehen, dass einer heterosexuell ist und nach einer festen Beziehung sucht«. Es sind viele Fragen zu klären: Was will er von mir? Wie lange soll es gehen? »Es kann manchmal anstrengend sein, diese ganzen Fragen zu stellen.«

Küssen ist gelb-grün, Oralverkehr dunkelorange

Für Kati Radloff gibt es im Kopf eine Ampel, was sie mitmachen kann und was nicht: Im grünen Bereich liegt zusammen baden, kuscheln, eng umschlungen schlafen, streicheln, massieren. Küssen ist gelb-grün, Oralverkehr »dunkelorange«. Sie sieht Rot bei allem, was mit Penetration zu tun habe. Sie habe mit ihrem Ex viel ausprobiert, um zu schauen, was für beide möglich ist.

Wenn Asexis nach einer glücklichen Beziehung mit anderen Asexis suchen, tun sie sich aber oft schwer, weil Asexualität nicht so weit verbreitet und auch nicht so bekannt ist. »In freier Wildbahn ist es kompliziert«, sagt die Nürnbergerin Schmitt. Es gibt in der Szene einige Erkennungszeichen: Irina Brüning trägt zum Beispiel einen schwarzen Ring an der rechten Hand. Und es gibt die Flagge in den Farben schwarz-grau-weiß-lila. 

Bloß eine Tasche? Die Farben schwarz-grau-weiß-lila stehen für Asexualität, weiß Irina Brüning. Sie setzt sich im Verein Aktivista für die Sichtbarkeit des asexuellen Spektrums ein.
Foto: Irina Brüning

Einen Unterschied gibt es noch zwischen Radloff und Schmitt: »Ich verstehe sexuelle Witze nicht«, sagt Radloff. Sie könne an Werbung vorbeilaufen, ohne sie als sexualisiert zu empfinden. Schmitt stört sich dagegen an der zunehmenden Freizügigkeit im Fernsehen und in der Öffentlichkeit. Dafür versteht sie nicht nur sexuelle Witze, manche Freunde sagen über sie: »Du bist ganz schön versaut.«

*Name geändert.
Hintergrund: Infos über Asexualität

Wer sich über Asexualität informieren oder vernetzen will, kann sich laut Irina Brüning zum Beispiel im Aven-Forum anmelden, auf die Seite von Aktivista klicken und dort Informationen einholen oder zu Stammtischen kommen. Dort komme es aber nicht so gut an, wenn jemand »auf Brautschau« ist, warnt Brüning vor. Zum Aven-Forum im Netz: www.aven-forum.de

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