Dienstag, 18.06.2019

Lust & Liebe: Niemals Sex - geht das? Das sagt angehender Priester in Kleinostheim

Main-Echo-Gespräch mit Bertram Ziegler

Kleinostheim
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Lust &Liebe
Lust &Liebe - die Serie
Foto: Fabian Schüßler (ME)

Was, wenn der Ar­beit­ge­ber Gott ist? Was, wenn die Ge­werk­schaft (die ka­tho­li­sche Kir­che) se­xu­el­le Ent­halt­sam­keit vor­gibt? Ber­tram Zieg­ler aus Baun­ach (Kreis Bam­berg) ist 27 Jah­re alt und will im Som­mer 2020 end­gül­tig sei­nen Ar­beits­ver­trag un­ter­sch­rei­ben und zö­li­batär le­ben - dann wird er näm­lich zum Pries­ter ge­weiht.

Der Pa­s­toral­prak­ti­kant ist der­zeit in Klei­n­ost­heim (Kreis Aschaf­fen­burg). Dort ha­ben wir ihn ge­fragt, ob er schon mal Sex hat­te und ob er sich ei­gent­lich selbst be­frie­di­gen darf.

Braucht man Sex oder Selbstbefriedigung?

Nein.

Auch nicht, um ein erfülltes Leben zu haben?

Genau.

Dass Ehe, Partnerschaft und Sex für Pfarrer tabu sind, geht immer wieder durch die Medien - häufig dann, wenn ein Geistlicher seinen Job der Liebe wegen aufgibt. Aber wie ist das kirchenrechtlich: Ist Selbstbefriedigung für Priester in Ordnung?

Das wird im Priesterseminar thematisiert: Wie gehe ich mit meiner Sexualität um? Wichtig ist: Wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es erfüllend ist? Ich glaube, das hat ganz viel mit Erfüllung zu tun. Kirchenrechtlich ist es sozusagen mit Sünde behaftet, wenngleich ich betonen möchte: Betrachte ich so etwas nur unter dem Strafaspekt oder wozu ist das überhaupt da? Wo kann es mein Leben vielleicht auch bereichern?

Sprechen Sie im Priesterseminar darüber, was das Zölibat für einen jungen Menschen bedeutet?

Einmal in der Woche hatten wir Gemeinschaftstreffen und wir hatten ein Wochenende zur priesterlichen Lebensform. Es geht immer um das eigene Reflektieren: Passt das zu mir, zu meinem Leben? Kann ich mir das vorstellen - auch auf Dauer? Was geholfen hat, war die Frage: Wofür schlägt dein Herz wirklich? Für mich sind es die Liebe, die Bereitschaft für Menschen da zu sein und dass mein Glaube mich trägt. Liebe zum Nächsten ist für mich eines der entscheidenden Kriterien für diesen Weg. Für andere da zu sein, braucht aber ganz viel Zeit. Durch meine Lebensform habe ich diese Zeit. Wenn ich in einer Partnerschaft leben würde, bräuchten wir natürlich auch Zeit für uns.

Wenn Bertram Ziegler geht, läuft er leise, behutsam, aufrecht,
den Kopf leicht nach vorne gesenkt, seine Hüften bewegen sich kaum.
Wenn der 27-Jährige spricht, gestikuliert er - meist nur mit einer Hand, die andere ruht im Schoß.
Er macht runde, weiche Bewegungen als ob er niemanden erschrecken möchte.

Pastoralpraktikant Bertram Ziegler erklärt im Gespräch mit Veronika Schreck, warum sich ein junger Mensch heute noch für das Priesteramt und das Zölibat entscheidet.
Foto: Petra Reith

Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle in der Region, da merken Priester in ihren 30ern oder 40ern: Ich wusste doch nicht, was mir fehlt.

Es steht ja auch oft im Raum, dass Priester mit Beziehung glücklicher wären. Ich halte das für nicht ganz richtig. Es ist die Frage: Für was lebe ich mein Leben? Für was bin ich überhaupt auf dieser Welt? Für mich ist es: für andere da sein, meinen Glauben zu bezeugen. Das erfüllt mich.

Hatten Sie vor dem Priesterseminar eine Partnerschaft?

Ich hatte immer wieder gute Freundschaften, aber keine Partnerschaft. Ich habe einfach gemerkt, dass Liebe ganz unterschiedliche Facetten hat. Und mir waren Freundschaften immer ganz viel wert, unterwegs zu sein, das Leben zu leben.

Waren Sie schon mal verliebt?

Ja, sicher. Man kann zum Beispiel in Gott verliebt sein.

Ich meinte, in einen anderen Menschen, dieses romantische Verliebtsein.

Ja, auch das. In meiner Jugend war das noch kein großes Thema und jetzt muss ich eben schauen: Was ist mir wichtig? Wo möchte ich auf meinem Weg unterwegs sein?

Brechen Sie dann den Kontakt ab, distanzieren sich oder versuchen Sie, die Verliebtheit umzuwandeln?

Ich denke, eine Freundschaft ist etwas, was mich immer weiterbringt. Man ist gut befreundet, weiß umeinander, ist in Kontakt, tauscht sich aus.

Läuft man so nicht Gefahr, dass man sich in die Verliebtheit reinsteigert?

Ich denke, da muss man seine Grenzen kennen. Das ist wie in einer Partnerschaft. Da gibt es auch immer noch viele andere, die mich interessieren, und da muss ich mich auch prüfen und schauen, ob das noch für mich passt.

In der Art wie Bertram Ziegler redet, ist das Theologiestudium deutlich erkennbar.
Wenn er Israel meint, sagt er »das Heilige Land«. Er benutzt Sätze,
die aus dem Handbuch für Priester stammen könnten:
»mich auf den Weg machen«, »der gute und liebende Gott« oder »mein Glaube trägt mich«.

Bertram Ziegler ist Pastoralpraktikant in Kleinostheim.
Foto: Petra Reith

Sind Sie sich immer so sicher oder zweifeln Sie auch mal? Wie gehen Sie mit diesen Zweifeln um?

Mir hilft, dass ich mich in die Ruhe begebe, dass ich mich selbst wahrnehme. Wie kam es dazu, dass ich ins Zweifeln gekommen bin? Wo kommt das her? Dann hilft es mir, wenn ich die Sache ins Gebet bringe. »Gott, ich komme da gerade nicht weiter. Gib mir doch eine Hilfe. Schenk mir eine Person, mit der ich reden kann.« Für mich sind da mein geistlicher Begleiter, aber auch meine Freunde, mein Bruder oder meine Mitbrüder sehr wichtig. Die Priestergemeinschaft gibt mir immer wieder Halt. Manche Zweifel bleiben sicherlich immer im Leben oder sie sind gefühlt gelöst und kommen irgendwann doch wieder. Aber es ist wichtig, dass ich mich nicht alleine damit auseinandersetze, dass ich mit anderen spreche und das im Gebet begleite.

Wenn Sie das heute abschätzen: Meinen Sie, Sie sind für immer Priester?

Wenn der gute und liebende Gott das möchte, dann wird er auch dabei sein. Für meinen Weg glaube ich, dass er dabei ist. Ich habe ihn immer wieder an Punkten spüren dürfen und ich denke schon, dass er es gut mit mir meint, diesen Weg zu gehen. Es kann sich immer die Frage stellen: Ist das noch so? Aber für die aktuelle Situation kann ich für mich sagen, bin ich auf einem guten Weg und fühle mich bestärkt. Es ist ja nicht nur bei Priestern die Frage »Passt das zu mir?«, sondern in jeder Partnerschaft, in jeder Ehe. Es ist immer eine Herausforderung, dran zu bleiben.

Pastoralpraktikant Bertram Ziegler im Gespäch mit Veronika Schreck.
Foto: Petra Reith

Wie sehen Sie die Zukunft des Zölibats?

Ich finde, es ist eine ganz wichtige Einrichtung, gerade unter dem Aspekt der Ganzhingabe an Gott. Dass ich mein Leben ganz für ihn hingebe. Ich denke, dass eine Beziehung ganz anders wäre. Ich weiß natürlich um die Schwierigkeiten des Zölibats, merke aber, dass es für mich persönlich eine wichtige Größe ist. Es ist nicht so, dass ich sage, ohne wäre nicht möglich. Aber es ist eine wichtige Lebensentscheidung, die ich treffen muss.

Ist es überhaupt machbar, dass man 40 oder 50 Jahre keinen Sex hat und sich nicht selbst befriedigt?

Verschiedene Lebensbeispiele zeigen mir, dass es möglich ist - wenn ich an Mönche oder Ordensschwestern denke, nicht nur im christlichen Sinne, die ja auch enthaltsam leben. Warum sollte es nicht gehen? Ich halte es für möglich.

Hintergrund: Pastoralpraktikant Bertram Ziegler erzählt, wie er überhaupt auf die Idee kam, sein Leben Gott zu weihen

Meine Großmutter war bei mir sicherlich eine Person, die mich als Kind in den Glauben eingeführt und mir die Freude am Glauben vermittelt hat. Ich bin Schritt für Schritt in die Pfarrei hineingekommen, war Ministrant, in der Jugendarbeit, Küster, war im Pfarrgemeinderat.

Ich habe viele Seelsorger kennengelernt, die mich ein Stück vom Weg begleitet haben und die mir das schmackhaft gemacht haben und gezeigt haben, wie viel das einem auch einfach persönlich gibt.

Es gab keinen Punkt in meiner Jugend, an dem ich gesagt hätte: Ich werde auf jeden Fall Priester. Ich hätte mir auch vorstellen können, Koch zu werden, Verkäufer oder Lehrer. Ich war auf dem Spätberufenengymnasium Theresianum in Bamberg. Das war für mich eine intensive Zeit. Das war in der Trägerschaft der Karmeliten, einer Ordensgemeinschaft. Dadurch wurde der Zugang zum Glauben noch stärker.

Der Glaube bedeutet mir viel, gibt mir Halt und Kraft - und ich teile meinen Glauben gerne mit anderen. Dann habe ich mich mit Freunden, Eltern, Seelsorgern ausgetauscht. Mein Bruder hat gesagt: »Das passt irgendwie zu dir.«

Dann habe ich mich beim Priesterseminar in Würzburg informiert und ein Propädeutikum gemacht - ein Jahr vor dem Studium, in dem ich mich mit anderen Interessenten auf den Weg gemacht habe. Wir haben die biblischen Sprachen Griechisch und Hebräisch gelernt und hatten ein Sozialpraktikum. Wir waren auch viel in Gemeinden unterwegs, um herauszufinden, was Seelsorger leisten, wo sind Herausforderungen, wie sieht die Zukunft aus. Und einen guten Monat waren wir im Heiligen Land zur Bibelschule, haben uns mit den biblischen Stätten vertraut gemacht.

In diesem Jahr habe ich mich auch immer wieder hinterfragt: Geh ich weiter? Bleibe ich stehen? Geh ich zurück? Höre ich auf? Gleichzeitig gab es nach dem Vorbereitungsjahr diese Bestätigung: Das passt zu mir.

Aufgezeichnet von Veronika Schreck

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