Samstag, 15.06.2019

Lust & Liebe: "Keine will mich" - Wie ist es, mit Anfang 30 noch Jungfrau zu sein

Zwei Männer erzählen über ihr Singledasein

Aschaffenburg
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Lust &Liebe
Lust &Liebe - die Serie
Foto: Fabian Schüßler (ME)
Symbolbild für Singlehaushalt
Symbolbild für Singlehaushalt
Foto: Karolin Krämer/dpa-tmn

Lust und Lie­be - für man­che ist das All­tag, für an­de­re Sehn­sucht­, ein Wunsch, der un­er­füll­bar er­scheint. Wir haben mit zwei Männern (Anfang 30 und Mitte 20) aus dem Kreis Aschaffenburg gesprochen, wie sie ihrem Single-Dasein umgehen.

Unser erster Interviewpartner, An­fang 30,
sucht seit Jah­ren ver­geb­lich nach ei­ner Freun­din.
Im Um­gang mit Frau­en ist er so ge­hemmt,
dass er die­ses In­ter­view mit un­se­rer Re­dakteu­rin nur vir­tu­ell füh­ren woll­te.
Über sei­ne Ge­schich­te woll­te er zwar mit uns sp­re­chen,
möch­te aber an­onym blei­ben.

Ein Mann Anfang 30 sagt zu seiner Partnersuche: »Keine will mich haben«. (Symbolfoto)
Foto: Christian Charisius

Hast du bisher irgendwelche Erfahrungen mit Frauen gemacht? Schon mal jemanden geküsst oder Sex gehabt?
Ich habe eine Frau geküsst, hatte aber noch nie Sex.

Was ist mit dir und dieser Frau passiert?
Sie war meine Freundin. Ich kannte sie aus der Berufsschule und habe sie dann ins Kino eingeladen.

Wie lange wart ihr zusammen?
Drei Monate.

Und wieso ging es auseinander?
Wir haben uns wegen einer großen Handyrechnung gestritten und dann war es vorbei. Sie hat mein Herz gebrochen.

Nun suchst du seit Langem eine Partnerin. Wie geht es dir im Moment?
Manchmal geht es mir gut und manchmal geht es mir schlecht. Ich brauche vor allem eine Gesprächspartnerin, die mir hilft und mich unterstützt. Aber keine will mich haben. Manchmal möchte ich wirklich ausflippen.

Kannst du denn mit jemandem darüber reden?
Leider nicht. Deswegen geht es mir so schlecht. Ich möchte auch nicht, dass meine Eltern von meinen Problemen erfahren.

Du sagst, dass du eine Gesprächspartnerin brauchst. Aber muss es unbedingt eine Freundin sein oder fehlt dir generell der Kontakt zu anderen Menschen?
Naja, ich möchte schon gerne eine Freundin finden.

Hast du mal versucht, Freunde zu finden, in einen Verein zu gehen oder einen Kurs?
Nein, ich finde ja doch keine Freundin. Ich habe keine Chance.

Wie war das in der Schulzeit für dich?
Mich hat niemand gemocht. Ich war immer das fünfte Rad am Wagen.

Wie suchst du denn nach einer Freundin?
Über Facebook. Ich kann keine ansprechen, das ist mein Problem.

Wieso?
Da habe ich irgendwie eine Blockade. Ich weiß es nicht. Da kann mir keiner helfen.

Wie läuft das über Facebook normalerweise ab?
Ich schreibe sie an.

Und dann?
Dann schreib ich ihr, wie es ihr geht und ob wir uns mal treffen wollen.

Welche Frauen schreibst du an?
Meistens kenne ich sie nicht im echten Leben. Ich schaue auf die Augen- und Haarfarbe und ob sie Single ist.

Welche Augen- und Haarfarbe findest du denn gut?
Blonde Haare und blaue Augen.

Und wie reagieren die Frauen darauf, wenn du sie anschreibst?
Sie schreiben zurück. Manche schreiben auch einfach nicht zurück.

Aber zu einem Treffen kommt es dann nie?
Das stimmt.

Was denkst du, woran das liegt?
Ich weiß nicht, woran es liegt.

Hast du schon auf anderen Arten als Facebook versucht, jemanden kennenzulernen? Eine Anzeige aufgegeben oder so etwas?
Nein.

Hast du schon mal überlegt, wegen deiner Blockade zu einem Therapeuten zu gehen?
Nein. Ich möchte es selbst versuchen und hinkriegen.

Wie wäre denn deine Traumfrau?
Nett und freundlich und lieb. Manchmal ist mein Herz gebrochen.

Wie lange suchst du schon nach einer Freundin?
Mein ganzes Leben lang.

Denkst du, dass du irgendwann jemanden finden wirst?
Ich glaube, ja.

Und wie denkst du, lernst du jemanden kennen?
Auf Facebook. Mal schauen.

Eine Freundin hat er nicht,
unser zweiter Interviewpartner, Mitte 20 Jahre alt.
Er will sich davon aber auch nicht runterziehen lassen.
Wir haben dem Mann aus dem Kreis Aschaffenburg gesprochen.
Über seine Geschichte, Tinder und gesellschaftlichen Druck wollte er zwar mit uns sprechen,
möchte aber anonym bleiben.
 

Single - Ein Mann Mitte 20 (Symbolbild)
Foto: Uwe Umstätter,via www.imago-i

Wie lange suchst du schon nach einer Freundin?
Suchen eigentlich gar nicht, also nicht in diesem aktiven Sinne, dass ich sage, es muss auf Biegen und Brechen sein. Aber seit etwa drei Jahren denke ich, so langsam wäre es ganz nett jemanden zu haben.

Das heißt, wenn du weggehst, geht es dir nicht unbedingt darum jemanden kennenzulernen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das beim Weggehen immer relativ schwer ist. Das mag aber auch daran liegen, dass ich, wenn ich weggehe, dann auch ordentlich trinke.

Weggehen ist also eher mit Freunden zusammen sein als auf die Pirsch gehen?
Ja, genau. So was wie auf die Pirsch gehen habe ich noch nie gemacht, also dass ich denke, heute schau ich mich nach einer Frau um.

Hattest du denn schon mal eine Freundin oder jemanden, wo sich das angebahnt hat?
Ja, schon.

Wie weit ging das denn?
Das ging bis in die Vollen.

Das heißt, du hattest sexuelle Erfahrungen?
Ja.

Aber eine langfristige Beziehung hattest du noch nicht?
Nein. Es hat sich mit einer Frau etwas angebahnt, aber das hat dann doch nicht gepasst. Ich konnte mich nicht auf sie verlassen, es kamen ständig Ausreden. Das war nichts für mich.

Also wenn es nicht ganz passt: lieber keine Freundin als die falsche?
Hm, jein. Vertrauen muss da sein. Das ist Priorität Nummer eins. Wenn nicht, bin ich da eiskalt. Auch wenn das in dem Fall sehr, sehr schade war.

Wenn es eine Frau gäbe, in die du nicht 100 prozentig verliebt bist, würdest du trotzdem mal eine Beziehung ausprobieren?
Ja, mal schauen wo es hinführt.

Was muss denn eine Frau haben, damit sie als Freundin für dich in Frage kommt?
Für mich ist Humor ein sehr, sehr wichtiger Aspekt. Ich habe echt einen beschissenen, also einen asozialen Humor. Ich fluche wie ein Bauarbeiter. Wenn ich so was sage, soll sie halt nicht denken: »Oh Gott, was hat er denn da gesagt?«

Dann sollte es eine gute Mischung aus extrovertiert und introvertiert sein. Ich möchte keine, die rumläuft, als würde sie gleich auf den Strich gehen oder so. Es sollte keine Feiertruse sein, die jedes Wochenende auf die Piste will. Da habe ich keine Lust drauf.

Und optisch?
Ich habe keinen bestimmten Typ. Haarfarbe, Ethnizität und so was sind mir ziemlich egal.

Wie lernst du normalerweise Frauen kennen?
Viel über die Arbeit oder die Berufsschule. Da war auch das mit der einen Person. Und sonst eigentlich viel über Freunde, den erweiterten Kreis quasi. Ich bin jetzt keiner, der aktiv Frauen anspricht. Passiert schon auch mal, aber eher selten.

Und übers Internet?
Neu kennengelernt? Ähm, ja, doch.

Über welche Plattform?
Beim Zocken.

Also nicht Tinder oder so was?
Das habe ich mal ausprobiert, war aber so gar nicht mein Fall.

Warum?
Weil dieser Gedanke komplett abstrus für mich ist. Das Optische ist sehr wichtig, das ist ganz klar. Aber dieses Ding, dass ich swipe oder da fünf Frauen habe und versuche mit jeder ein Date auszumachen... Tinder steht für mich für dieses »Alles ist schnelllebig, Beziehungen haben sowieso nichts tiefgründiges mehr.« Und ich bin auch nicht der Typ, der aus dem Nichts Frauen anschreiben kann. Mit Bekannten, zu denen ich schon einen Bezug habe, ist das überhaupt kein Problem. Aber so aus dem Nichts: »Hey, tolle Frisur, du magst Katzen, sehe ich.« Das ist nicht mein Ding.

Das heißt, für dich bedeutet Beziehung Tiefgang?
Ja.

Denkst du denn, dass du in der nächsten Zeit jemanden findest oder lässt du das auf dich zukommen und wenn es nicht passiert, ist das eben so?
Ja, Letzteres. Ich schlage nicht aus, dass ich jemanden kennenlerne. Aber entweder es passiert oder es passiert nicht. Ich hatte teilweise auch schon Down-Phasen deswegen, weil es einfach frustrierend ist. Aber es macht mich nur fertig, wenn ich mir darüber den Kopf zerbreche. Das hat mich richtig aufgefressen. Dann bin ich zu dem Entschluss gekommen: Entweder du kannst dir jeden Tag darüber den Kopf zerbrechen, wie das überhaupt sein kann. Oder eben nicht. Es muss vielleicht auch Leute geben, die einsam sterben. Ist jetzt nicht der Nummer eins Ausweg für mich, aber gut.

Ich will nicht lügen. Natürlich wäre es schön, wenn langsam mal wieder was in die Richtung passieren würde. Aber im Moment bin ich da recht entspannt, weil es da bei mir...

Läuft?
Was heißt läuft. Es kriecht. Schleppend. Aber es ist besser als nichts.

Was meinst du damit?
Ich hatte ein paar Dates mit einer.

Wirst du von anderen Leuten darauf angesprochen, ob du jemanden hast?
Ja, das ist auch, glaube ich, das größte Problem an allem. Ob ich eine Freundin habe oder nicht, stört mich gar nicht so sehr. Aber dieser gesellschaftliche Druck, die Fragen.

Machen das eher Familie und Freunde oder auch Bekannte, die es eigentlich nichts angeht?
Auf der Arbeit kriegt man schon mal einen dummen Spruch reingedrückt. Aber ich bin ja nicht aufs Maul gefallen. Da gebe ich dann halt Kontra. Ich nehme es den Leuten aber auch nicht übel, wenn sie fragen. Aber teilweise baut es schon einen gewissen Druck auf. Aber ich denke mir immer: »Don't stop believin'«. Irgendwann wird es passieren.

Hintergrund: Der Single-Haushalt ist die häufigste Wohnform in Deutschland

Im Jahr 1991 gab es 33 Prozent Alleinlebende. Damit ist der Single-Haushalt der häufigste Haushaltstyp. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom August 2017. Der Durchschnitt der Europäischen Union liegt deutlich darunter, bei 33 Prozent.

Das Alleinleben ist in Nordeuropa am stärksten verbreitet. Laut der EU-Statistikbehörde Eurostat wohnten im Jahr 2016 in mehr als der Hälfte der Haushalte (52 Prozent) nur eine Person. Deutlich seltener waren Einpersonenhaushalte in Süd- und Osteuropa. Die geringsten Anteile sind in in Portugal und der Slowakei (jeweils 22 Prozent) sowie in Malta (20 Prozent).

Ein Grund für die steigende Zahl der Single-Haushalte ist dem Statistischen Bundesamt zufolge die steigende Zahl der Alten. Rund 34 Prozent der Alleinlebenden ist älter als 64 Jahre alt. Im jungen oder mittleren Alter leben Männer häufiger allein. Ab 58 Jahren kehrt sich dieses Verhältnis um und die Frauen leben eher alleine. Dies sei auf die höhere Lebenserwartung von Frauen zurückzuführen.

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