Sonntag, 25.08.2019

Lust & Liebe: Experte erklärt, was Eltern bei einer Trennung beachten sollten

Trotz Krise für die Kinder zusammen bleiben – eine gute Entscheidung?

Karlstadt
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Lust &Liebe
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Foto: Fabian Schüßler (ME)
Trennung oder nicht? Für Paare mit Kindern oftmals eine heikle Frage. Foto: Patrick Pleul (dpa)
Foto: dpa-Zentralbild, Patrick Pleul
Die Be­zie­hung ei­nes El­tern­paars brö­ckelt. Aber bei­de wol­len sich nicht tren­nen - weil sie glau­ben, dass es für ih­re Kin­der bes­ser ist. Ei­ne gu­te Ent­schei­dung? Die­se und wei­te­re Fra­gen be­ant­wor­tet Di­p­lom-Psy­cho­lo­ge Ott­mar Bra­un­warth.

Der 57-Jährige ist Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder in Karlstadt (Kreis Main-Spessart).

 Herr Braunwarth, ein Paar sagt: »Obwohl wir uns eigentlich trennen wollen, bleiben wir zusammen - für unsere Kinder.« Was raten Sie diesen Eltern? 

Wenn das Paar sich Folgendes ehrlich sagen kann: »Auch wenn wir als Paar nicht mehr zusammen sind, respektieren wir uns gegenseitig, wir können als Eltern gut miteinander kommunizieren und bei Konflikten unsere Gefühle kontrollieren.« Dann ist so etwas möglich - unter der Voraussetzung, dass man permanent daran arbeitet.

In den allermeisten Fällen ist es aber nicht so. Denn die Gründe der Trennung waren ja häufig, dass das Paar zu oft in nichtlösbare Konflikte geraten ist, nicht konstruktiv miteinander kommunizieren konnte und es zu gegenseitigen Abwertungen und emotionalen Verletzungen kam. Nur durch den Schritt der Trennung ändert sich das ja nicht einfach so zum Positiven. Oft gibt es auch äußere Zwänge fürs Zusammenbleiben, weil man auf die Schnelle keine passende und bezahlbare Wohnung findet. Manchmal ist ein Partner auch ganz froh, dass es noch nicht endgültig zu Ende ist und insgeheim noch die Hoffnung hat, dass es sich doch wieder zum Guten wenden lässt.

Was macht das mit den Kindern?

Einen solchen emotional aufgeladenen Zustand aufrechtzuerhalten oder aufrechterhalten zu müssen, ist schlecht für die Kinder, wenn sie den ständigen emotionalen Stress miterleben und stets damit rechnen müssen, dass aus den ganz normalen Differenzen, die entstehen, wenn Menschen zusammenleben, immer wieder größere Konflikte aufbrechen.

Also generell heißt das, man kann für die Kinder zusammenbleiben - wenn sich das Paar trotz Spannungen vertragen kann?

Man kann zusammenbleiben und sozusagen in einer Wohngemeinschaft leben, wenn man gut kommuniziert und kooperiert. Auch wenn man kein Paar mehr ist, sind ja weiter tagtäglich viele Dinge abzustimmen und zu organisieren: Wer betreut wann die Kinder und ist das gerecht verteilt? Nach welchen Prinzipien erziehen wir die Kinder? Wer macht wie viel im Haushalt? Wer bringt wie viel Geld ein und wie wird es ausgegeben? Wer darf wie viel zu seinem Vergnügen weggehen?

Statistik Ehescheidungen 1997, 2007 und 2017. Quelle: Statistisches Bundesamt; Grafik: Melanie Lurz
Foto: Melanie Lurz

Im Prinzip sind die Eltern in einem solchen Modell eigentlich wie Geschäftspartner. Da verändert sich im Umgang miteinander einiges. Und es ist nicht leicht zu verstehen, dass der andere jetzt viel klarer auf seine eigenen Bedürfnisse schaut, weil dieser am Ende nicht der Dumme sein will.

Es wird sachlicher und kühler agiert. Warum sollte man dem anderen zuliebe etwas tun, ohne einen Ausgleich dafür zu bekommen? Ein Vater beschwerte sich einmal: »Meine Frau ist so anders geworden.« Die Frau sagte im Gegenzug: »Ich bin einfach nicht mehr so blöd wie früher und mache alles!«

Welche Rolle spielt ein neuer Partner?

Dann wird es noch schwieriger. Da kämpfen oft Verstand und Gefühle miteinander. Eigentlich weiß der Verstand, dass man als Paar nicht mehr zusammen ist, aber trotzdem gibt es einem einen Stich ins Herz, wenn der Ex-Partner beim neuen Partner ist oder übernachtet. Da kommt es wieder darauf an, ob man die Gefühle im Zaum halten kann. Dass man einsieht: »Das geht mich nichts mehr an.« Wenn die Partner sich bis dahin eine Sicherheit und gegenseitiges Vertrauen erarbeitet haben, ist es wahrscheinlicher, dass der Ex-Partner verantwortungsvoll mit der nicht einfachen Gesamtsituation umgehen wird.

Gleichzeitig stellen sich neue Fragen: Wer entscheidet, wann der neue Partner die Kinder kennen lernen soll? Wie erkläre ich es meinen Kindern? Darf er oder sie auch mal in die noch gemeinsame Wohnung? Wie geht es mir, wenn die Kinder vom neuen Partner erzählen? Kann er oder sie akzeptieren, dass er oder sie sich nach den Kindern einreihen muss, die Kinder an erster Stelle stehen und ich mich stets mit meinem Ex abstimmen muss?

Wo liegt dabei die Schwierigkeit?

In vielen Fällen schaffen Paare das nicht. Wenn man nur wegen der Kinder zusammenbleibt, aber chronisch unzufrieden ist und es ständig unlösbare Konflikte mit Schreiereien gibt oder gegenseitige kühle Ignoranz, dann ist dieser chronische emotionale Stress für die Kinder sehr schädlich. Ein Kind sagte einmal zu mir: »Nein, die Trennung meiner Eltern ist nicht schlimm - endlich hat die ewige Schreierei aufgehört!«

Lust und Liebe: Wann sage ich meinen Kindern, dass ich mich vom anderen Elternteil trenne? – Teil 2
Quelle: Annika Kickstein

Inwiefern belastet dieser emotionale Stress die Kinder?

Dazu gibt es Forschungsergebnisse. Wenn Kinder in einer Beziehung sind, die von vielen Konflikten und Streitereien geprägt ist, und man misst bei ihnen im Speichel den Stresspegel, dann ist dieser deutlich erhöht. Deren Eltern sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, sind nicht mehr in der Lage, feinfühlig und angemessen auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren. Chronischer unkontrollierbarer Stress schadet sowohl der psychischen Entwicklung als auch der Gesundheit der Kinder. Durch einen erhöhten Stresspegel ist zum Beispiel das Immunsystem permanent geschwächt, Entzündungsprozesse im Körper werden verstärkt.

Jüngere Kinder flüchten regelrecht vor den Streitereien oder dissoziieren. Das bedeutet, sie sind körperlich oft wie erstarrt anwesend, schützen aber ihr Inneres dadurch, dass sie innerlich in eine andere Welt gehen. Kinder beschreiben es als ein Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein.

Was passiert mit älteren Kindern?

Ältere Kinder versuchen sich als Streitschlichter im Elternkonflikt oder versuchen, den vermeintlich schwächeren Elternteil zu beschützen. Diese Kinder haben zwar weniger das Gefühl von Ohnmacht, weil sie aktiv etwas tun können, sind aber natürlich völlig überfordert oder bekommen dann direkt Aggressionen und Abwertungen ab. Kindern aus solchen Familien lernen von ihren Eltern ein inadäquates Konfliktlösungsverhalten, das sie dann auch mitnehmen in ihren Alltag in den Kindergarten oder die Schule. Manche werden dann dort verhaltensauffällig, sie wissen ja nicht besser, wie man Konflikte löst.

Teil eins des Interviews: Wie geht man in der Trennung mit Kindern verschiedenen Alters um?

Der gesamte Podcast auf unserer Sonderseite Lust und Liebe.

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