Montag, 17.06.2019

Ein Ort des Lebens

Krankheit: Schwester Utes Erlebnisse auf der Aschaffenburger Palliativstation

Aschaffenburg
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Ei­ne Hoch­zeit an ei­nem Ort des Ster­bens? So et­was kommt tat­säch­lich vor. Denn ei­ne Pal­lia­tiv­sta­ti­on ist ein Ort des Le­bens, fin­det Schwes­ter Ute Sie­ber vom Kli­ni­kum Aschaf­fen­burg-Al­zenau. Und ein Ort, an dem An­ge­hö­ri­ge und Lie­ben­de vor dem Tod noch ein­mal be­son­ders zu­sam­men­wach­sen.

Eine Hochzeit an einem Ort des Sterbens? So etwas kommt tatsächlich vor. Denn eine Palliativstation ist ein Ort des Lebens, findet Schwester Ute Sieber vom Klinikum Aschaffenburg-Alzenau. Und ein Ort, an dem Angehörige und Liebende vor dem Tod noch einmal besonders zusammenwachsen.

Schwester Ute arbeitet seit zwölf Jahren auf der Station. In dieser Zeit hat sie drei Hochzeiten erlebt. »Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich ein Pärchen zu diesem Schritt entschlossen«, erinnert sich die 51-Jährige. »Wenn wir Wünsche erfüllen können, tun wir das gerne.« Die Hochzeit fand im Wohnzimmer statt, dem Aufenthaltszimmer der Station. Nur die engsten Freunde des Pärchen waren da, es gab Kuchen und es wurde ein paar Stunden lang gefeiert. »In dem Moment gab es nur Freude«, sagt Sieber. »Alles zu seiner Zeit.« Direkt nach der Hochzeit verschlechterte sich die Situation dann und die Frau verstarb. »Freud und Leid können eng beieinander liegen, wie auch Leben und Tod.«

Schwester Ute arbeitet auf der Palliativstation im Klinikum Aschaffenburg-Alzenau und hat immer ein Lächeln auf den Lippen.
Foto: Julie Hofmann

Stärke zeigen

Es gebe auch immer wieder Paare, die eine intensive Bindung zueinander haben. »Da haben wir schon manchmal Bedenken: Wird derjenige daran zerbrechen?«, erzählt Schwester Ute. »Wenn man sie aber später sieht, ist es oft erstaunlich, wie gut sie damit umgehen können und dass sie Stärke zeigen.« Sieber führt das auf die Tatsache zurück, dass die Partner sich getraut haben, ihren Liebsten zu begleiten.

Auch wenn das Sterben nicht mehr fern ist, so ist das Leben doch voller Farben. Hier das Gemälde einer Patientin.
Foto: Julie Hofmann

»Es gibt Angehörige, die wenn es ernst wird, flüchten«, berichtet die Krankenschwester. »Aber während der eine flüchtet, wird es für den anderen zum Lebensinhalt, sich um den Partner zu kümmern.« Wer möchte, kann in den Pflegeprozess einbezogen werden, etwa bei der Mundpflege und der Mikrolagerung zur Entlastung. »Manche Angehörige ziehen hier quasi mit ein und einige Familien erstellen einen Notfallplan, damit jeder mal vor Ort ist.« In der Regel mache aber nur ein Angehöriger eine intensive Begleitung. Oft sei das das Kind oder der Partner.

Eine intensive Zeit

»Es ist eine intensive Zeit, man lernt sich nochmal anders kennen und wächst zusammen«, beschreibt Schwester Ute. »Man hat plötzlich noch so viel Zeit, obwohl man nicht mehr viel Zeit hat.« Auf der Station gibt es Sessel, die zur Liege umfunktioniert werden können. »Sie sind aber trotzdem hart«, meint Schwester Ute. Manche Angehörige schöben diese Sessel ganz nah ans Bett des Patienten und verbrächten die Nächte dort. »Manchmal frage ich mich, woher die Angehörigen diese Kraft haben.« Es gebe auch Paare, bei denen man merke, dass sie Zeit für sich brauchen. Dann hängten die Schwestern Schilder mit »Bitte nicht stören« auf.

Schwierig sei es nur, wenn Pärchen mit jungen Kindern betroffen seien. Dann stelle sich das Team die Frage, ob die Kinder sich von Mama und Papa verabschieden sollen. Das sei letztlich Sache der Psychoonkologen, die die Patienten psychologisch betreuen. Schulpflichtige Kinder würden direkt gefragt, ob sie das möchten. »In der Regel gehen Kinder unbelasteter mit dem Thema um«, meint Schwester Ute.

Verstirbt ein Patient, gibt es auf der Palliativstation ein Ritual: Vor der Türe des Patienten wird eine Kerze angezündet. Für viele sei es auch wichtig, nach dem Sterben noch Zeit mit dem Verstorbenen zu haben, berichtet Schwester Ute. Einige wollten auch beim Waschen dabei sein. Und ein junger Mann habe einmal die ganze Nacht lang Trauerwache bei seiner Frau gehalten. »Es ist fantastisch, was die Angehörige leisten, davor habe ich Hochachtung«, betont die 51-Jährige.

Dieses farbenfrohe Kreuz hängt im Wohnzimmer der Palliativstation.
Foto: Julie Hofmann

Kerze am Todestag

Der Kontakt mit den Angehörigen reißt nach der intensiven Zeit auf der Station oft nicht ab. Eine Tochter komme an jedem Todestag ihres Vaters auf die Station und stelle eine Kerze vor dem Zimmer auf, in dem er gestorben ist. »Es gibt auch Angehörige, die ein- oder zweimal im Jahr voller Dankbarkeit zu uns kommen und zum Beispiel Kuchen mitbringen.« Zudem gebe es alle acht Wochen in der Kapelle im Haupthaus des Klinikums einen Gedenkgottesdienst. In diesem werden die Namen der Verstorbenen vorgelesen und die Hinterbliebenen stellen eine Kerze auf.

»Es gibt Menschen, die rennen der Trauer davon, aber auch Menschen, die den Mut haben, zu trauern«, sagt die Krankenschwester. »Das ist der gesündere Weg, um das Leben neu zu ordnen.« Die Trauer selbst dauere mindestens ein Jahr, deswegen spreche man vom berühmten Trauerjahr. Und die Liebe? »Die Liebe stirbt nicht, sie geht über den Tod hinaus«, stellt die 51-Jährige schlicht fest. »Das sind meine Erfahrungswerte.«

Hintergrund: Die Palliativstation des Klinikums Aschaffenburg-Alzenau

In der Palliativstation des Klinikums Aschaffenburg-Alzenau werden Patienten mit nicht heilbaren und fortschreitenden Erkrankungen unterschiedlicher Grunddiagnosen behandelt. Laut Webseite der Klinik geht es darum, Symptome wie Schmerzen, Atemnot und Übelkeit zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Die palliative Betreuung berücksichtigt auch die psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse der Erkrankten und der Angehörigen. Angestrebt wird eine Entlassung ins häusliche Umfeld, eine Pflegeeinrichtung oder in ein Hospiz, heißt es auf der Internetseite weiter.

Neben Ärzten und Pflegekräften ergänzen weitere Fachleute das Team, darunter Seelsorger beider christlicher Konfessionen, Physiotherapeuten, Psychoonkologen, Sozialarbeiter sowie Ehrenamtliche des Hospizvereins. Bei Bedarf werden Musik-, Kunst- oder Psychotherapeuten hinzugezogen.

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