Gegenständliche Vielfalt auf eigenen Wegen

Laurenzi kulturell: Drei Kunstschaffende aus den Haßbergen im Franck-Haus

3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Bei der Ausstellungseröffnung (v.l): Gerhard Nerowski, Werner Tögel und Jannina Hector.
Foto: M. Harth
Wenn man im Som­mer in Markt­hei­den­feld Lau­ren­zi fei­ert, dann be­müht man sich das Städt­chen, sich für die Gäs­te aus nah und fern von der bes­ten Sei­te zu zei­gen. Dies gilt seit fast zwei­ei­nhalb Jahr­zehn­ten eben­so für das Franck-Haus.

Im städtischen Kulturzentrum bemüht man sich stets darum, Kunstinteressierte mit attraktiven Präsentationen jenseits des unmittelbaren Trubels auf Markt und Festplatz anzusprechen. Mit der Ausstellung »Drei mal Figur«, die in diesem Jahr im rückwärtigen Ausstellungsbereich stattfindet, ist dies wieder bestens gelungen.

Eigene Stile

Auf den drei Ebenen haben drei Künstler aus den Haßbergen mit ihren Gemälden, Drucken, Skulpturen und Plastiken zusammengefunden. Jannina Hector aus Hofheim in Unterfranken, Gerhard Nerowski aus Königsberg in Bayern und Werner Tögel aus Knetzgau eint formal die Arbeit im gegenständlichen, figürlichen Bereich.

Sie haben aber individuell ihre eigenen Stile entwickelt, mit denen sie ihre Erfahrungen der Wahrnehmung den Betrachtenden offenbaren.

Nerowski und Tögel haben im Jahr 2017 bei einer Gemeinschaftsausstellung der Gruppe »Eschenauer Runde« bereits im Franck-Haus ausgestellt. Bildhauer Nerowski ist in Marktheidenfeld durch seine Mitwirkung bei der Neugestaltung des Altarraums in der St.-Barbara-Kirche des Stadtteils Marienbrunn durchaus vertraut. So bleiben letztlich die Arbeiten von Jannina Hector eine zusätzliche Neuentdeckung für das interessierte Kunstpublikum in der Stadt.

Nähert man sich dem Franck-Haus nicht durch den Haupteingang an der Untertorstraße, sondern durch den Westentaschenpark an der Schenkgasse, so überrascht in der Grünanlage der große Bronze-Guss eines Löwen von Gerhard Nerowski als Blickfang. Die Plastik mutet archaisch an. Im ersten Moment könnte man durch die Behandlung der Oberflächen denken, dass es sich dabei um eine Holzskulptur handelt. Patinierung und künstlerische Bearbeitung spielen auch bei den Kleinplastiken im Eingangsbereich eine herausragende Rolle, bisweilen rau und ursprünglich, bis zu elegant und glatt.

Man könnte durch die Art der Präsentation fast meinen, man betrete eine antike Tempelanlage mit dem lebensgroßen, weißen Gussmodell »Sylvia« im Zentrum. Es gibt Tiere, klassisch Schreitende oder ein Liebespaar zu entdecken. Viele kleine Porträtköpfe werden eng als eigene Werkgruppe fast wie ein Bündel Streichhölzer inszeniert.

Ganz anders zeigen sich Nerowskis Skulpturen aus Pappel, Linde oder Eiche. Alltägliche Dinge scheinen überdimensioniert und dreidimensional einem Comic entsprungen. Sie stehen für Achtsamkeit und besondere Bedeutung aus der Wahrnehmung heraus.

Musikalische Emotion

Der Maler Werner Tögel stellt drei Werkgruppen vor, die von seiner besonderen Technik geprägt sind. Vielen Arbeiten liegt eine Collage quasi als Vorzeichnung zugrunde. Darüber findet man Malschichten in Acryl und Öl, die gerade bei den Reiseeindrücken und in nächtlichen Stadtarchitekturen sehr expressiven Charakter erlangen.

Diesen kann man auch den Musikerportraits von Nina Simone, Ray Charles, Keith Richards oder Udo Lindenberg attestieren. Tögel zeigt eindrücklich seine große Leidenschaft für musikalische Emotion.

Stille und Nachdenklichkeit zeichnen dagegen Naturstudien und Bilder aus der Heimat aus. Es wird von Vergänglichkeit berichtet und vielleicht wird so die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen angesprochen. Bunt und formenreich tritt die auf den ersten Blick heitere Bildwelt von Jannina Hector vor das Auge. Ihr malerisches Spiel mit wenigen, kräftigen Grundfarbtönen und konkreter Gegenständlichkeit kann Assoziationen an Märchenhaftes und Kindliches wecken. Hinter dem, was scheinbar leicht daherzukommen scheint, steckt aber ein komplexer Prozess des Zeichens, Malens, Verwerfens und Übermalens. Hector formt ihre Ideen.

Wie alle Kunstschaffenden war auch sie von den Folgen der Corona-Pandemie besonders betroffen - keine Begegnungen mehr mit Kunstinteressierten. Augenzwinkernd gestaltete sie deshalb ihre Druck-Grafik Werkreihe »Von der Rolle«.

Als die Deutschen begannen, wie verrückt Toilettenpapier zu horten, entdeckte Hector das softe Material als Grund für kleinformatige Druckgrafik, die für jeden Geldbeutel erschwinglich sind. So schuf sie einen kreativen, fast schon ein wenig satirischen Umgang mit der neuen Problemlage, ohne ihre hohen gestalterischen Ansprüche zu vernachlässigen.

Großes Vergnügen

So unterschiedlich die stilistischen Wege von Jannina Hector, Werner Tögel und Gerhard Nerowski im Einzelnen auch immer sein mögen. Gemeinsam setzen sie sich mit dem Figurativen auseinander, ohne sich in bloßer, realistischer Darstellung zu erschöpfen. Die Spannungen zwischen emotionaler Gegenständlichkeit und reflektierter Abstraktion sind mit großem Vergnügen im Franck-Haus zu erfahren. Es genügt hinzusehen, sich ansprechen zu lassen und in die schwelgerische Vielfalt der Ausstellung »Drei mal Figur« tief einzutauchen, bevor man sich im Laurenzi-Festzelt vielleicht auch noch ein Festbier schmecken lässt.
Martin Harth

 

Infos:

Öffnungszeiten – Midissage:
Die Ausstellung »Drei mal Figur« mit Malerei und Bildhauerei von Jannina Hector, Gerhard Nerowski und Werner Tögel ist bis zum 4. September im rückwärtigen Ausstellungsbereich des städtischen Kulturzentrums Franck-Haus (Untertorstraße 6) in Marktheidenfeld zu sehen –
jeweils von Mittwoch bis Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Midissage mit einer Lesung der Schauspielerin Rotraud Arnold (Gärtnerplatztheater München) zur Kunst ist am Sonntag, 7.August, 16 Uhr in der Ausstellung.
Internet: www.marktheidenfeld.de. (maha)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!