Dienstag, 22.06.2021

Wohlstandsproblem Harnsteine

Urolithiasis: Erkrankung verläuft oft symptomlos, kann aber auch schmerzhafte Nierenkoliken auslösen

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Kidney stones after ESWL intervention. Lithotripsy. Scale in centimeters
Foto: piotr_malczyk
Wird bei ei­nem Pi­lo­ten ein Harn­stein diag­nos­ti­ziert, darf er so lan­ge nicht flie­gen, bis die­ser ent­fernt ist. Denn: Setzt sich ein Stein in Be­we­gung, kann dies - je nach­dem, wo­hin er wan­dert - ei­ne plötz­li­che Nie­ren­ko­lik aus­lö­sen, die mit hef­ti­gen Sch­mer­zen ein­her­ge­hen kann.

Nicht selten bleiben Harnsteine aber ein Leben lang »stumm«, sprich symp?tomlos.

Harnsteine kommen bei vier bis 15 Prozent der Bevölkerung vor, damit zählen sie zu den Volkskrankheiten. Meist treten sie erstmals im mittleren Lebensalter bei Patienten zwischen 30 und 60 Jahren auf. Die wenig erfreuliche Nachricht: Wer einmal einen Stein hatte, bekommt in 70 Prozent der Fälle erneut einen. Der überwiegende Anteil der Harnsteine geht spontan ab, teilweise unbemerkt, häufig jedoch verbunden mit einer Nierenkolik. Auch bei Kindern können Harnsteine auftreten, dann meist verursacht durch eine Stoffwechselstörung. Das kommt allerdings nur sehr selten vor.

Achim Luther, niedergelassener Urologe in Miltenberg, spricht von einer »Zivilisationskrankheit«, die vor allem in reicheren Ländern immer häufig auftrete, denn: Als eine der Hauptursachen gilt eine zu eiweißreiche Ernährung mit viel Fleisch und Wurst, Milchprodukten und Eiern. Übergewicht, Bewegungsmangel, eine mangelnde oder auch falsche Flüssigkeitszufuhr mit zu wenig Wasser, aber viel Fruchtsaft, Alkohol oder Kaffee tun ihr Übriges. Wer schon einmal einen Harnstein hatte, sollte über den Tag verteilt zwei bis drei Liter Wasser trinken, rät Luther.

Fundort gibt Namen

Von Urolithiasis sprechen Mediziner bei Harnsteinleiden im Allgemeinen. Ob es sich dann um Blasensteine, Harnleitersteine, Harnröhrensteine oder Nierensteine handelt, hängt schlicht von deren Fundort ab.

Unterschieden werden Harnsteine zudem hinsichtlich ihrer Zusammensetzung: 80 bis 85 Prozent aller Harnsteine bestehen aus Kalziumoxalat, fünf bis zehn Prozent aus Harnsäure, der Rest aus Kalziumphosphat. Wichtig ist die Zusammensetzung vor allem in zweierlei Hinsicht: Erstens lassen sich lediglich die nicht so verbreiteten Harnsäuresteine medikamentös auflösen. Zweitens hängt vom Analyseergebnis des Harnsteins ab, welche Nahrungsmittel Patienten künftig vermeiden sollten und welche sich positiv auf ihre Gesundheit auswirken.

Oft zufällig entdeckt

Solange sie nicht zu wandern beginnen, bereiten Nierensteine in den meisten Fällen keine Schmerzen und werden oft nur zufällig vom Gynäkologen beim Ultraschall entdeckt oder vom Hausarzt bei Vorsorgeuntersuchungen, weil sich in der Urinprobe mikroskopisch kleine Blutpartikel finden. Die Basisdiagnostik beim Urologen erfolgt dann per Ultraschall und Blutabnahme. Weitere bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen und Computertomografie können hinzukommen.

Mit Blick auf die Behandlung ruhender Steine, die keine Beschwerden verursachen, sei man heute relativ konservativ geworden, sagt Urologe Luther. Während Mediziner früher ab einer Größe von fünf Millimetern zum Entfernen rieten, ist in den neuen S2-Leitlinien zum Thema Urolithiasis, erlassen 2018, von sieben Millimetern die Rede. Bei regelmäßigen Kontrollterminen wird bis dahin geschaut, ob der Stein wächst. Tut er dies nicht und bereitet er beim Patienten keine Beschwerden, sieht man heute von operativen Eingriffen zunächst häufig ab.

Es sei denn, es sprechen wie im Falle der Piloten persönliche Gründe für eine Entfernung. Auch Patienten, die sich oft im Ausland in Ländern mit nicht allzu guter medizinischer Versorgung aufhalten, rät Sebastian Rogenhofer, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau, unter Umständen zum operativen Eingriff.

Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. »Früher konnte man nur groß aufmachen und operieren«, sagt Rogenhofer. Ab den 1980er-Jahren wurde dann die Stoßwellentherapie in der Urologie zur schonenden Zertrümmerung von Harnsteinen eingesetzt. Die Stoßwellen werden außerhalb des Körpers erzeugt, eine Operation wird vermieden. Das Verfahren hat, wie man heute weiß, allerdings einen entscheidenden Haken: Der Stein zerspringt - und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Reste im Körper zurückbleiben, aus denen sich neue Steine entwickeln.

Gelasert oder zerstäubt

Moderne Alternativen: Steine können klein gelasert oder elektrohydraulisch wie mit einem winzigen Pressluftbohrer zerstäubt werden, Experten sprechen dabei vom »Dusting«. Patienten müssen keine Trümmerteile mehr ausscheiden, der Staub wird direkt bei der Operation ausgespült.

Verfolgt wird heute in erster Linie jedoch das Ziel, den kompletten Stein mittels endoskopischer Therapieverfahren zu entfernen. Als »Steinzentrum« - zwei bis drei Steine werden hier laut Rogenhofer täglich mindestens entfernt - steht dem Klini?kum dafür modernste Technik zur Verfügung, der Urologe spricht von einem immer präziseren, effektiveren Arbeiten. Ob der Eingriff endoskopisch über die Harnröhre erfolgt oder perkutan über einen kleinen Einstich in der Flanke, hängt, so der Chefarzt, von der Größe des Steins sowie der Ausprägung des Harnleiters ab.

Schiene im Harnleiter

Beim Eingriff über den Harnleiter verbleibt dort in der Regel für noch zwei Tage eine sogenannte Harnleiterschiene - dabei handelt es sich um ein Röhrchen aus Kunststoff -, um zu verhindern, dass der Harnleiter nach der Operation anschwillt. Während dieser Zeit bleiben Patienten in den meisten Fällen im Krankenhaus. Bei rund zehn Prozent der Patienten ist laut dem Urologen der Harnleiter zunächst nicht weit genug, kann aber mittels Stent aufgedehnt werden.

In Patientengesprächen erlebe Rogenhofer regelmäßig, dass die Angst vor dem Eingriff bei vielen Menschen immer noch sehr groß ist. Diese versuche er in Gesprächen und mit viel Aufklärung zu nehmen, sagt er. Gearbeitet werde mit möglichst weichen Drähten und flexiblen Geräten - hier habe sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Schon am zweiten Tag nach der Operation seien die meisten Patienten bereits wieder relativ fit.

Über eine Sache ärgert sich der Urologe deutlich: »Obwohl Harnsteine als Volkskrankheit gelten und etliche Menschen damit mindestens einmal im Leben zu tun haben, wird kaum geforscht.« Allenfalls in die Geräteentwicklung werde investiert.

Einen weiteren Kritikpunkt erwähnt nicht nur Klinikarzt Rogenhofer, sondern auch sein niedergelassener Kollege Achim Luther: Wichtig nach der Steinentfernung sei dessen Analyse, um Patienten - vor allem auch Rezidivsteinbildnern (wiederkehrend Erkrankte) - detaillierte Empfehlungen zur künftigen Ernährung geben zu können. In den neuen S2-Leitlinien ist die Bedeutung einer Ernährungsberatung im Zuge der Behandlung zwar ent?sprechend herausgestellt. In der Praxis allerdings fehlt es dafür einerseits gerade im ländlichen Raum an der Infrastruktur, andererseits scheitert dies meist an der Kostenübernahme.

Warum Harnsteine entstehen

Im Körper des Menschen befinden sich zwei »Klärwerke« - die Leber und die Niere. Die Niere arbeitet dabei nach dem Grundprinzip, möglichst alles im Körper zurückzuhalten, was dieser braucht, und auszuscheiden, was er nicht braucht.

Aus verschiedenen Gründen kann die Funktion dieses »Klärwerks« gestört sein. Harnsteine entstehen bei zu hohen Konzentrationen von Mineralsalzen wie etwa Kalziumcarbonat, Kalziumphosphat und Kalziumoxalat im Harn. Durch sie können sich Kristalle (Blasengrieß, Harngrieß) und später kleine Steinchen bilden. Normalerweise würden die Kristalle im Urin gelöst. ()

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