Dienstag, 22.06.2021

Wenn der Klimawandel neue Krankheiten mitbringt

Tropenmedizin: Wetterextreme und verändertes Tierverhalten begünstigen die Ausbreitung

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Der Tropenmediziner August Stich, Chefarzt der Tropenmedizin an der Würzburger Missioklinik.
Foto: Klinikum Würzburg Mitte (dpa)
Tem­pe­ra­tu­ren über 40 Grad Cel­si­us: Im Re­kord­som­mer 2018 - ei­nem der hei­ßes­ten seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeichnun­gen - stieg die Zahl der Hit­ze­to­ten sprung­haft an. Doch nicht nur durch Hit­ze wirkt sich der Kli­ma­wan­del über kurz oder lang auf die Ge­sund­heit aus: Man­che tro­pi­sche Stech­mü­cke fühlt sich in­zwi­schen hier­zu­lan­de hei­misch.

Zeckenarten wandern ein und übertragen neue Krankheiten. Die erhöhte Mobilität von Menschen wie Tieren trägt zusätzlich dazu bei, dass sich Krankheitserreger rasanter verbreiten. Trauriger Beleg: die Corona-Pandemie.

»Wohlfühlklima«

Mit diesen Phänomenen beschäftigen sich Tropenmediziner - erste Anlaufstellen in Bayern sind hier das Tropeninstitut München sowie, im Unterfränkischen, die Fachabteilung Tropenmedizin am Klinikum Würzburg Mitte. »Der Klimawandel macht krank über eine Fülle von Faktoren«, sagt der Würzburger Chefarzt August Stich - etwa, wenn ein feucht-warmes »Wohlfühlklima« für Stechmücken als Krankheitsüberträger entsteht.

Die Entwicklung von Krankheitserregern in der Stechmücke ist temperaturabhängig: Je kühler es ist, desto länger dauert der Prozess. Wärme beschleunigt ihn, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Bei Temperaturen über 40 Grad Celsius trocknen die fliegenden Blutsauger schneller aus. Je optimaler also die Temperatur, desto zügiger verläuft der Zyklus im Moskito und desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser - trotz seiner kurzen Lebensspanne von oft nur einer Woche - selbst zum Überträger wird.

Zwar ist es in unseren Breiten weitaus trockener als in den Tropen, doch nehmen auch hier Wetterextreme wie Dürren oder Starkregen zu. Bildet sich dadurch in einzelnen Zonen ein Mikroklima, werden punktuell Voraussetzungen geschaffen, die unter Umständen eine Ausbreitung der Krankheitsüberträger (Vektoren) und -erreger begünstigen.

Deutschland bereits erreicht hat das West-Nil-Fieber - eine von Stechmücken übertragene Viruserkrankung. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt tatsächlich, bei diesen Patienten allerdings kann es zu einer gefährlichen Hirnhautentzündung kommen. 2019 traten erste Fälle der aus Nordafrika importierten Krankheit diesseits der Alpen auf. Verbreitet wird das Virus über Vögel - und hier spielt hinein, dass sich durch den Klimawandel der Vogelzug verändert hat. Manche Vögel überwintern inzwischen in Mitteleuropa statt nach Afrika zu fliegen, dadurch werden sie gegen das Virus nicht immunisiert. Stich erklärt: »Wenn andere Vögel das Virus mitbringen, kann es sich in einer nichtimmunen Vogelpopulation ausbreiten und durch Stechmücken auf Menschen überspringen.«

Noch nicht in Deutschland, jedoch in Ländern wie Frankreich und Italien angekommen, sind die Überträger der Tropenkrankheiten Zika und Denguefieber. In Norditalien inzwischen weit verbreitet ist zudem auch die Leishmaniose. Dabei handelt es sich um eine von Sandmücken übertragene Parasitenerkrankung, bei der noch diskutiert wird, ob es in Deutschland autochthone, also einheimische, Fälle gibt.

Die Vektoren seien auf jeden Fall schon da, erklärt der Tropenmediziner - und es sei nur eine Frage der Zeit, bis nördlich der Alpen sicher hier erworbene Leishmaniose-Fälle aufträten. Vor allem Hunde seien befallen. »Nehme ich einen Hund vom Gardasee mit, stehen die Chancen gut, dass er die Leishmaniose in sich trägt«, beschreibt Stich einen möglichen Ausbreitungsverlauf. Beschwerden machen sich beim Menschen auf der Haut als sogenannte »Orientbeule« bemerkbar, aber auch Schleimhäute oder innere Organe können je nach Erregerart und Immunantwort des Patienten befallen sein.

Mit der Malaria verhält es sich laut Stich relativ kompliziert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg war sie in Deutschland ausgerottet. Trotzdem rechnen Tropenmediziner nicht damit, dass sie sich wieder im größeren Umfang ausbreiten wird. Hier spielt der Infektionsablauf in die Hände: Für die Übertragung braucht es nicht nur die Anophelesmücken als Vektor sowie warme Umgebungsbedingungen, damit sich die Erreger in den Mücken entwickeln können. Es braucht zudem einen (menschlichen) Wirt, der die Malariaerkrankung bereits überstanden hat und nun die Geschlechtsformen im Blut trägt. »Diese entwickeln sich erst, wenn die Krankheit zehn, zwölf Tage gelaufen ist«, sagt Stich - und dazu kommt es erst gar nicht, wird die Malaria frühzeitig erkannt und behandelt.

Neben Stechmücken spielen auch Zecken als Krankheitsüberträger eine Rolle. Milde Winter führen dazu, dass sich die Hauptnahrungsquelle der Zecken, nämlich kleine Säugetiere, vermehren - und in Folge auch die Zecken selbst. Neben dem bei uns heimischen gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) als Überträger von Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) könnten in Zukunft auch andere Zeckenarten als Überträger von Krankheiten wie dem Ebola-ähnlichen Krim-Kongo-Fieber einwandern oder über Zugvögel eingebracht werden.

Neue Zeckenarten

Verschiedene neue Zeckenarten seien in den vergangenen Jahren vermehrt gesichtet worden und trügen das Potenzial in sich, andere Krankheiten zu übertragen. Stich spricht von einer »Dynamik, die an Fahrt zunimmt« und von »Krankheiten, die als Hintergrundrauschen immer deutlicher zu hören sein« werden. Einzelne Krim-Kongo-Fieber-Fälle etwa kamen in Deutschland bislang nur als Importe vor, in Spanien aber ist die Hyalomma-Zecke als Überträger angekommen.

Auch eine Erwärmung der Meere könnte dazu führen, dass sich neue Krankheitserreger ausbreiten, zum Beispiel das Stäbchen-Bakterium Vibrio vulnificus im Ostseeraum, das wunde Infektionen bis hin zur Blutvergiftung vor allem bei Menschen mit Abwehrschwäche verursacht.

Hohe Infektionsdosis

Dass sich die Cholera wieder in Europa ausbreiten könnte, hält Stich hingegen für unwahrscheinlich. Sie sei eine Krankheit der Armut. »Ein Cholera-Bakterium macht keine Cholera. Sie brauchen eine hohe Infektionsdosis. Dieser ist ausgesetzt, wer stark verschmutztes Wasser trinkt«, so der Tropenmediziner.

Stehen Wissenschaftler der Ausbreitung dieser Krankheiten hilflos gegenüber? Stich verneint und schaut noch einmal auf die Stechmücken. Zunächst müsse man sich über Verbreitungswege Klarheit verschaffen, Stichwort Monitoring, gerade auch mit Blick auf jene Moskitos, die bereits neue Lebensräume besiedeln. Geforscht werde nicht nur an neuen Therapien, sondern man arbeite auch an der Entwicklung neuer Impfstoffe, zum Beispiel gegen das West-Nil-Fieber. Schon jetzt gibt es Impfstoffe gegen andere vektorübertragene Krankheiten wie Gelbfieber, die japanische Enzephalitis und die von heimischen Zecken übertragene FSME.

Zudem sind laut Stich Vektorbekämpfungsmaßnahmen denkbar. Eine Strategie: Im Labor werden sterile Moskito-Männchen gezüchtet und dann an Hotspots freigelassen. Da sich jedes Weibchen nur einmal im Leben begatten lässt, könnte die Populationsdichte auf diese Weise reduziert werden.

Am wichtigsten aber ist laut Stich ein anderes Mittel, nämlich die Stärkung der Gesundheitssysteme weltweit: »Wir brauchen nicht panisch auf wenige einzelne Fälle in Deutschland schauen. Wir müssen an den gesamten Planeten und die Weltgemeinschaft denken - und nicht nur an unsere eigene Komfortzone.«

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