Donnerstag, 24.06.2021

Wenn alle Gedanken ums Essen und den Körper kreisen

Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Syndrom können viele Ursachen haben

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Bild vom Bauch mit Maßband.
Foto: iofoto
Diplom-Psychologin Kathrin Krimm
Diplom-Psychologin Kathrin Krimm.
Foto: Bezirkskrankenhaus Lohr
Heilpraktikerin für Psychotherapie Anja Link.
Heilpraktikerin für Psychotherapie Anja Link.
Foto: Praxis Anja Link
Die Ge­fahr ei­nes Rück­falls sei stets prä­sent: »Des­halb ist es für mich wich­tig, im Heu­te zu blei­ben«, sagt Li­sa (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert). Im Al­ter von elf Jah­ren woll­te sie zum ers­tem Mal ab­neh­men, um die Voll­jäh­rig­keit her­um sch­lich sich dann die Bu­li­mie in ihr Le­ben und ver­selbst­stän­dig­te sich.

Das ist Jahrzehnte her. Erst Lisas Ehemann merkte, dass etwas nicht stimmte. Weitere Jahre vergingen, bis sie sich der Selbsthilfegruppe »Overeaters Anonymus« anschloss. Drei stationäre Therapien folgten. »Ich habe die Bulimie auch heute noch nicht im Griff. Sie ist weiter da, aber engt mich nicht mehr so sehr ein«, sagt Lisa. Sie hat für sich Strategien entwickelt, sich abzulenken, wenn die Gedanken im Kopf übermächtig ums Thema Essen kreisen.

Die nächste Mahlzeit

Sie schreibt Wochenessenspläne, um nicht ständig an die nächste Mahlzeit zu denken und um jene innerlich so starke Gier nach Essen, wie sie sie früher empfand, zu unterbinden. Heute ist Lisa selbst Ansprechpartnerin der »Overeaters Anonymus« im Raum Gemünden (Main-Spessart-Kreis).

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung leiden etwa 30 bis 50 von 1000 Personen an einer Essstörung. Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von elf bis 17 Jahren zeige Symptome. Betroffen seien zu 90 Prozent Mädchen, doch Essstörungen unter Jungen und Männern nehmen zu.

Häufigste Formen

Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa) sowie Esssucht (Binge-Eating) sind die drei häufigsten Essstörungen, hinzu kommen Mischformen. Über ein weiteres Thema wird inzwischen diskutiert, die Wissenschaft streitet aber noch darüber, ob es sich bei der sogenannten Orthorexie um eine Krankheit handelt: Das Phänomen beschreibt Menschen, die wahnhaft eine gesunde Ernährung anstreben und ein zum Teil zwanghaftes Verhalten entwickeln.

Essstörungen sind, wie der Name sagt, gekennzeichnet durch einen gestörten Umgang mit Essen. Und: Die Betroffenen weisen laut der Diplom-Psychologin und Psychologischen Psychotherapeutin Kathrin Krimm auffällige, oft komplett verzerrte Denk- und Verhaltensmuster auf. Krimm ist leitende Psychologin der Psychiatrie und Forensik am Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Lohr.

Während man die Erkrankungen früher vor allem auf die Psyche zurückführte, weiß man heute, dass auch biologische und genetische, sozio-kulturelle, individuelle und familiäre Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen können - und meist ungünstig aufeinandertreffen.

Zugrunde liegen dieser Erkenntnis unter anderem Langzeitstudien des Wissenschaftlers Arthur Crisp, der seit den 1960er Jahren über 35 Jahre Daten vor allem von Anorexia-nervosa-Patienten sammelte. Man weiß heute, dass unter anderem das appetitanregende Hormon Ghrelin bei der Krankheitsentwicklung eine Rolle spielt, Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron gelten als Einflussfaktoren und auch die Botenstoffe der Nervenzellen, die Neurotransmitter, können eine Rolle spielen. Vor drei Jahren machte eine internationale Forschergruppe ein Gen aus, das Magersucht begünstigt.

Neben dem in westlichen Industrienationen in Werbung, Model-Casting-Shows und Co. propagierten, extrem schlanken Schönheitsideal steht zudem die schwer greifbare Gefahr digitaler Einflüsse. Auf diversen Websites, in Foren, Blogs, sozialen Netzwerken und auf Videoportalen wird Magersucht verherrlicht; Jugendliche werden hier nicht nur motiviert, sondern mit Tipps und Tricks regelrecht angeleitet - selbst dazu, wie man Essstörungen geheim hält.

Und noch eines spielt laut Anja Link, Heilpraktikerin für Psychotherapie mit einer Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz in Johannesberg (Kreis Aschaffenburg), eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Essstörungen: die Persönlichkeit. Ihrer Erfahrung nach ist vielen Patientinnen mit Magersucht der Hang zur Perfektion in allen Lebensbereichen gemein. »Der Workaholic definiert sich über seine Arbeitsleistung. Der Magersüchtige misst seine Leistung an seinem Gewicht«, veranschaulicht Link. Die Kontrolle über den Körper gibt Betroffenen das Gefühl, dadurch auch Kontrolle über ihr Leben zu haben.

Auch Lisa sagt: »Ich stelle mich ständig unter Leistungsdruck.« Nach außen habe sie immer sehr wenig gegessen. Wenn sie dem Drang, mehr zu essen, nachgibt, sich danach übergibt, geschieht dies heimlich. Vor wenigen Wochen wog sie bei einer Durchschnittsgröße nur 42 Kilo. Sie erzählt von Traurigkeit, negativen Gefühlen sowie Essen aus Frust, Ärger und Selbstmitleid - und ihrer Vermutung, zur Bulimie geboren zu sein.

Verschobenes Selbstbild

Essstörungen bleiben oft lange unentdeckt. Das liegt laut Kathrin Krimm einerseits daran, dass die Betroffenen ihr Verhalten sehr gut verbergen können, andererseits würden bestimmte Symptome wie mehr Sport und der Gewichtsverlust vom Umfeld erst einmal nicht als negativ wahrgenommen. Körperliche und psychische Folgen des Hungerns wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit und depressive Stimmung treten erst nach geraumer Zeit auf. »Wenn man die äußeren Umstände bemerkt und jemand dürr wird, ist es für die Betroffenen oft schon zu spät, ohne Hilfe aus der Essstörung herauszufinden«, sagt auch Link. Dann habe sich das verschobene Selbstbild längst manifestiert, viele Patientinnen seien zudem sehr beratungsresistent.

Wie aber können etwa Eltern erkennen, dass mit der Tochter oder dem Sohn etwas nicht in Ordnung ist? Zwar hat jede Essstörung ihre eigenen Kriterien, gemein ist aber allen, dass sich Betroffene intensiver mit den Themen Essen, Gewicht und Körper auseinandersetzen. »Oft wird das gemeinsame Essen vermieden. Die Betroffenen ziehen sich häufig sozial zurück, und auch in der Stimmung finden sich Auffälligkeiten«, sagt Krimm.

Einen typischen Verlauf skizziert sie am Beispiel der Anorexia nervosa, die häufig im Jugendalter auftrete: Die Betroffenen fangen an, sich mit anderen Gleichaltrigen oder Vorbildern zu vergleichen. Sie finden sich zu dick oder haben eine sehr starke Angst davor, dick zu werden. Sie vermeiden hochkalorische Lebensmittel, stellen extrem strikte Ernährungsregeln auf und zählen Kalorien.

Betroffene entwickeln bestimmte Regeln, etwa in welcher Reihenfolge sie Dinge zu sich nehmen. Gegessen wird oft sehr langsam in nur kleinen Bissen, es wird lange gekaut und häufig auch gekrümelt. Sehr viel Wasser soll helfen, das Hungergefühl zu reduzieren. Manche erbrechen oder führen ab. Sie wiegen sich sehr häufig, außerdem wird die körperliche Aktivität gesteigert, um Kalorien zu verbrauchen. Das Gewicht sinkt deutlich, ein Body-Mass-Index (BMI) kleiner als 17,5 gilt als ein Kriterium für die Anorexie.

Häufig bekommen Frauen mit Anorexie laut Krimm keine oder nur eine unregelmäßige Menstruation. Bei Männern kann ein Libido- oder Potenzverlust auftreten. Störungen etwa der Insulin- und Kortisolwerte oder auch der Schilddrüse können auftreten. Die Patienten frieren häufig, die Haut verändert sich, wird trocken, Haare können ausfallen. Beginnt die Essstörung vor der Pubertät, verzögern sich meist die Entwicklungsschritte.

Krankheitseinsicht

»Besteht die Essstörung noch nicht lange und ist der Betroffene tatsächlich krankheitseinsichtig und veränderungsbereit und hat je nach Alter auch ein soziales Unterstützungsnetz, kann eine ambulante Behandlung Sinn ergeben«, sagt Diplom-Psychologin Krimm. Bei ausgeprägterer Symptomatik und geringer Krankheitseinsicht indes sei eine stationäre oder teilstationäre Behandlung nötig.

Anhand der Anorexie erläutert sie die verschiedenen Therapiesäulen - eine davon ist die Gewichtsrehabilitation: Ein Zielgewicht wird definiert ebenso wie eine gewünschte Gewichtszunahme pro Woche. Es werden Essenspläne mit Hauptmahlzeiten und Snacks erstellt und ergänzend eine Ernährungsberatung inklusive Kochtraining angeboten.

Die zweite Säule bildet die Psychotherapie. Einbezogen wird in die Therapie auch das soziale System. Unter Umständen ist zudem eine stationäre Behandlung notwendig.

Auch Heilpraktikerin Anja Link betont immer wieder: Anbieten könne sie nur eine begleitende Behandlung. Wer an einer tatsächlichen pathologischen Essstörung erkrankt sei, müsse zudem in ärztliche Behandlung - um regelmäßig das Blutbild zu kontrollieren, um beim Bulimiker Zahnprobleme frühzeitig zu behandeln, um auf weitere Folgeerkrankungen der Essstörung zu reagieren, um lebenserhaltende Maßnahmen bei kritischem Untergewicht einzuleiten.

Suche nach Ursachen

Sie selbst konzentriert sich mit ihren Patientinnen in der Therapie zunächst einmal auf die Suche nach den Ursachen der Essstörung. Dann geht es darum, Selbstwert aufzubauen, Fehlgedanken zu löschen und das Bild auf sich selbst zu verändern. Daheim wird mittels Hausaufgaben weitergearbeitet. Dabei arbeitet die Heilpraktikerin mit kleinen Bausteinen: Zum Beispiel soll beim Betrachten im Spiegel der letzte Blick immer jener Körperregion gelten, mit der die Patientin am zufriedensten ist.

Das Risiko eines Rückfalls ist bei Essstörungen hoch. Nur einem Drittel der Betroffenen gelingt es, sie dauerhaft zu überwinden. Ein Drittel erleidet einen oder mehrere Rückfälle, bei circa einem Viertel der Patienten nimmt die Krankheit einen langwierigen Verlauf. Um die zehn Prozent der Betroffenen sterben. Entsprechend wichtig sind Selbsthilfeangebote - gerade auch nach einer Therapie. Die »Overeaters Anonymus« bei Gemünden treffen sich jeden Samstag, wenn auch derzeit nur digital.

Wertungsfrei

Das Konzept ähnelt dem der Anonymen Alkoholiker inklusive Zwölf-Schritte-Programm. Jeder bleibt anonym, jeder darf, muss aber nicht reden, alle Redebeiträge bleiben wertungsfrei. Wer möchte, tauscht Telefonnummern aus, um in Notfällen Gesprächspartner zu haben. »Therapeuten hatten in den seltensten Fällen schon einmal eine Essstörung. In der Selbsthilfe sind Menschen, die mich wirklich verstehen«, sagt Organisatorin Lisa.

Sie weiß um das Risiko des Rückfalls aus eigener, leidvoller Erfahrung. In jedem Alter, in jeder Phase könne sie umkippen. Halt geben ihr heute vor allem die »Overeaters Anonymus«, obwohl die Überwindung, dorthin zu gehen, anfangs riesig gewesen sei. »Mich selbst zu lieben - diese Fähigkeit fehlt mir komplett«, sagt Lisa, fügt aber hinzu: »Das Gefühl, mich selbst zu mögen, gibt mir nur die Selbsthilfe. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich bin.«

Binge-Eating-Syndrom

Das charakteristische Merkmal der Binge-Eating-Störung sind Essanfälle wie bei der Bulimie, allerdings ergreifen die Betroffenen keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie etwa Erbrechen. Betroffene sind meistens übergewichtig oder adipös. Das Binge-Eating-Syndrom ist bislang wenig erforscht, nur selten sind Kinder betroffen. Der Anteil der Männer ist höher als bei Magersucht und Bulimie. Die Essanfälle finden in der Regel heimlich statt, Patienten schämen sich dafür, lehnen den eigenen Körper ab und leiden unter einem geringen Selbstwertgefühl.

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