Donnerstag, 24.06.2021

Training fürs Immunsystem

Hyposensibilisierung: Wie sich der Körper nach und nach an Allergie auslösende Stoffe gewöhnen kann

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Sonja Spahn.
Foto: Jürgen Spachmann
Frank Latzke.
Frank Latzke.
Foto: Foto: Praxis Latzke
Mehr Ge­las­sen­heit, we­ni­ger Über­re­ak­tio­nen: Das men­sch­li­che Im­mun­sys­tem lässt sich trai­nie­ren. Durch ei­ne Hy­po­sen­si­bi­li­sie­rung, in der Fach­welt Spe­zi­fi­sche Im­m­un­the­ra­pie (SIT) ge­nannt, ist es mög­lich, den Kör­per nach und nach an All­er­gie aus­lö­sen­de Stof­fe zu ge­wöh­nen.

Das Immunsystem lernt, dass das Allergen »ungefährlich« ist. Überschießende Reaktionen wie Heuschnupfen, Asthma bis hin zu lebensgefährlichen Insektengiftallergien lassen sich so in den Griff bekommen.

»Ursache behandeln«

»Die Spezifische Immuntherapie ist die derzeit einzige kausale Therapie bei Allergien. Sie behandelt die Ursache, nicht nur die Symptome«, erklärt HNO-Fachärztin Sonja Spahn. Während also Antihistaminika oder Cortison in Form von Tabletten, Sprays oder Augentropfen die Beschwer?den wie Niesreiz, juckende Nase oder brennende Augen zeitweilig lindern, kann die Hyposensibilisierung dauerhaft helfen, sagt die 35-jährige Fachärztin aus Obertshausen, die seit Januar als Mitinhaberin in die HNO-Gemeinschaftspraxis in der Aschaffenburger Elisenstraße eingestiegen ist. Vor allem bei den so genannten Typ-I-Allergien (Reaktionen auf Pollen, Hausstaubmilben, Bienen- und Wespenstiche, Tierhaare oder Schimmelpilze) sei der Erfolg einer SIT wissenschaftlich belegt.

Nicht jeder, der unter Heuschnupfen leidet, müsse automatisch eine Hyposensibilisierung beginnen, meint Frank Latzke. Die Therapie habe zwar ein positives Image in der Bevölkerung, sei aber nicht immer die Methode der ersten Wahl, sagt der 59-jährige Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Allergologe und Umweltmediziner, der seit 25 Jahren in Alzenau praktiziert. Latzke unterscheidet: »Bei leichten und auf wenige Wochen beschränkten Beschwerden helfen rezeptfrei erhältliche Antihistaminika und Augentropfen.« Erst wenn stärkere, verschreibungspflichtige Medikamen?te nicht mehr wirken oder sich durch die Allergie ein Etagenwechsel hin zu einer Asthma-Erkrankung andeutet, rät der Mediziner zur Hyposensibilisierung.

Gar lebensrettend könne die Behandlung aber bei Menschen sein, die hoch?allergisch gegen Bienen- und Wespenstiche seien. »An Heuschnupfen stirbt keiner, allergische Reaktionen nach Stichen aber können tödlich sein«, warnt der Alzenauer Arzt. Der Patient könne nach einem Stich einen allergischen (anaphylaktischen) Schock erleiden, der Kreislauf breche zusammen, ein im Extremfall tödlicher Herz- und Atemstillstand könne die Folge sein. Bei mehr als 90 Prozent dieser Betroffenen sei die Hyposensibilisierung erfolg?reich. Zum Vergleich: Bei Hausstauballergikern beträgt die Erfolgsquote zwischen 70 und 80 Prozent, bei Pollenallergikern zwischen 80 und 90 Prozent.

Mindestens drei bis maximal fünf Jahre dauert die spezifische Immuntherapie, die in Spritzenform unter die Haut (subkutan) sowie als Gabe von Tropfen oder Tabletten unter die Zunge (sublingual) möglich ist. Die Patienten müssen Geduld und Disziplin mitbringen.

Allergie-Tagebuch

Am Beginn einer Hyposensibilisierung steht die genaue Anamnese und Diagnostik durch den behandelnden Facharzt, aber auch den Patienten selbst. Sonja Spahn rät zunächst zu einem Allergie-Tagebuch, das es mittlerweile auch als App fürs Smartphone gibt. Allergiker sollten den Pollenflug?kalender im Blick haben und aufschreiben, zu welcher Jahreszeit ihre Beschwerden auftreten, ob Kontakt zu Tieren bestanden hat, welche Symptome auftreten, wann sie stärker oder schwächer sind.

In der Arztpraxis wird dann der so genannte Prick-Test durchgeführt, mit dem sich allergische Sofortreaktionen nachweisen lassen. Um die 20 Test-Allergenlösungen wie beispielsweise Roggen-, Gräser-, Baumpollen, Milben oder Tierhaare werden in Tropfenform am Unterarm aufgetropft und mit einer feinen Nadel oberflächlich in die Haut eingebracht. Aller?gische Reaktionen auf bestimmte Auslöser zeigen sich in Form unterschiedlich starker Rötungen und Quaddeln.

Eine Untersuchung des Bluts gibt weitere Aufschlüsse: Bei einer Allergie vom Typ I bildet das Immunsystem spezifische Antikörper, deren Art und Menge sich im Blut nachweisen lassen. Danach wird für jeden Patienten eine Allergenlösung hergestellt.

Je nach Art der Allergie, möglichen Begleiterkrankungen, Alter oder Lebensstil gibt es verschiedene Darreichungsformen. Die klassische Art der Behandlung, die es mittlerweile seit gut fünf Jahrzehnten gibt, ist die Spritzenform (subkutane Therapie): Anfangs wöchentlich, dann im Abstand von vier bis sechs Wochen, kommt der Patient in die Arztpraxis und erhält dort eine Spritze in den Oberarm. Die Dosis der gespritzten Allergoide erhöht sich langsam, bis die Erhaltungsdosis erreicht ist. »Heutzutage wird üblicher?weise eine Quick- oder Rush-Aufdosierung vorgenommen«, erklärt Spahn. »So kann die Erhaltungsdosis deutlich schneller als bei den klassischen Dosierungs-Schemata erreicht werden.«

Keine Sofortwirkungen

Wer keine Spritzen mag oder aus verschiedenen Gründen nicht wöchentlich den Arzt aufsuchen kann, für den eignet sich die sublinguale Darreichung: Die Allergene werden über Tropfen oder Schmelz?tabletten unter die Zunge gelegt und über die Mundschleimhaut aufgenommen. Nach der ersten Einnahme unter ärztlicher Aufsicht kann sie selbstständig zu Hause durchgeführt werden. Arzt?besuche sind daher seltener nötig. Allerdings müssen die Präparate auch zu Hause regelmäßig und diszipliniert eingenommen werden.

Allergiebeschwerden können sich laut HNO-Fachärztin Spahn bereits im ersten Jahr der Behandlung bessern, Sofortwirkungen wie etwa bei der Einnahme von Antihistaminika gebe es aber nicht.

Begonnen wird mit der Immunisierung gegen Pollen meist außerhalb der jeweiligen Allergiesaison, also im Herbst oder Winter. Bei Tierhaar- oder Milbenallergien gibt es keine zeitliche Einschränkung. Das Gros ihrer Patienten, die eine spezifische Immuntherapie durchführten, sei zwischen zehn und 30 Jahre alt, sagt Spahn. Eine offizielle Altersgrenze gibt es aber nicht, teilt Dermatologe Latzke mit. Ab dem Grundschulalter könne man mit der Behandlung beginnen, auch für Senioren eigne sie sich. Selbst eine Wieder?holung sei denkbar, weiß Spahn: Über die Jahrzehnte hinweg sei die Therapie weiterentwickelt worden, die Allergoid-Lösungen seien heute wirksamer und verträglicher.

Doch es gibt auch Patienten, denen von einer Hyposensibilisierung abzuraten ist. Latzke nennt Kontra-Indikationen: schweres, unkontrollierbares Asthma, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen (zum Beispiel nach einem Herzinfarkt, bei Einnahme von Beta-Blockern), schwere Auto-Immunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder starkes Rheuma oder eine akute Krebserkrankung. Nicht geeignet sei die Therapie auch bei Menschen, die bereits mit anderen immununterdrückenden Präparaten behandelt würden. Auch bei einer bestehenden Schwangerschaft sei vom Start einer Immuntherapie abzuraten. Trete aber während einer bereits begonnenen und gut verträglichen Hyposensibilisierung eine Schwangerschaft ein, könne die Behandlung fortgesetzt werden, sagt Facharzt Latzke.

Immer unter Aufsicht

Die Hyposensibilisierung sollte ausschließlich von Allergologen oder in der Therapie erfahrenen Ärzten durchgeführt werden. Schließlich birgt die Zufuhr allergieauslösender Substanzen prinzipiell ein Behandlungsrisiko. Es kann zu unerwünschten Reaktionen kommen: starkes Anschwellen rund um die Injektionsregion (ähnlich wie bei Impfungen), Bildung von Quaddeln. Selten ist der allergische Schock. Deshalb sollte der Patient nach jeder Spritze für mindestens 30 Minuten unter ärztlicher Aufsicht verbleiben.

Kurzfristig unterbrochen werden muss die Behandlung, wenn der Patient Fieber hat oder an einer Infektion (Grippe, Mandelentzündung) erkrankt ist. Auch sollte, so Latzke, bei planbaren Impfungen (Tetanus, Polio) ein Mindestabstand von einer Woche zur Hyposensibilisierungs-Injektion eingehalten werden.

Die Kosten für eine vom Arzt verordnete spezifische Immun?therapie übernehmen im Regelfall die Krankenkassen.

Was passiert bei einer Allergie im Körper?

Bei einer Allergie laufen im Prinzip ähnliche Vorgänge ab wie bei einer normalen Immunabwehr: Das Immunsystem identifiziert einen Eindringling als Gefahr und setzt verschiedene Hebel in Gang, um den Störenfried wieder loszuwerden. Bei einer Grippe oder Erkältung erfüllt dieser Abwehrkampf eine wichtige Funktion. Bei einer allergischen Reaktion bewertet der Körper aber harmlose Stoffe wie Pollen oder Nahrungsbestandteile als gefährlich und mobilisiert seine Abwehrkräfte.

Das funktioniert so: Treffen Allergene, also beispielsweise Pollen, auf Haut oder Schleimhaut, dann lösen sich so genannte Peptide, kleine Eiweißverbindungen. Die Peptide dringen durch die Haut und docken an IgE-Antikörper an. Das sind Eiweiße, die körperfremde Stoffe abwehren, also eine Art Bereitschaftspolizei. Die Antikörper haben sich zuvor mit einer Mastzelle verbunden. Mastzellen sind dort angesiedelt, wo häufig Kontakt mit Allergenen besteht: in der Haut, den Atemwegen oder dem Darm. Sie sind für die allergische Reaktion entscheidend.

Mastzellen speichern unter anderem den Botenstoff Histamin. Das ist eine Substanz, die bei entzündlichen Prozessen eine wichtige Rolle spielt.

Wenn ein Allergen sich mit den angelagerten IgE-Antikörpern verbindet, schüttet die Mastzelle unmittelbar das gespeicherte Histamin und andere Entzündungsbotenstoffe aus. Die ausgeschütteten Entzündungsstoffe bewirken dann, dass die Haut anschwillt, Sekret (Flüssigkeit) produziert wird, Juckreiz einsetzt, Quaddeln entstehen oder sich die Atemwege verengen. (comü)

Quelle: Gemeinnützige Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF), Berlin

Alternativen

Wenn eine spezifische Immuntherapie gegen Allergien aus bestimmten Gründen (zum Beispiel wegen eines individuell vorliegenden erhöhten Risikos eines allergischen Schocks) nicht möglich ist, dann bleiben

Alternativen:

  • Symptomdämpfende Behandlung mit Antihistaminika, die im Zeitraum starker Allergenbelastung dauerhaft eingenommen werden können.
  • Behandlung mit lokal anwendbaren Cortison-Präparaten (Sprays).
  • Vermeidung der Allergieauslöser: Ist eventuell bei Tierhaarallergien machbar, bei Pollenallergie allerdings nur bedingt.
  • Nasendusche benutzen: HNO-Fachärztin Sonja Spahn, die selbst an Heuschnupfen leidet und vor allem mit Frühblühern Probleme hat, rät aus eigener Erfahrung: »Benutzen Sie täglich eine Nasendusche mit Salzlösung, um die Schleimhäute zu säubern.

Die tagsüber getragene Kleidung nie im Schlafzimmer ablegen. Haare abends waschen.« (comü)

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