Dienstag, 22.06.2021

Schreckgespenst des Alters

Alzheimer-Demenz: Fortschreitendes Zellsterben im Gehirn - Lebensqualität möglichst lange erhalten

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Senior spouses remember sad moments of life together, middle-aged adult daughter snuggle up to elderly father sharing his sorrows and heartache, embrace as symbol of empathy and compassion concept
Foto: fizkes
Geis­ti­ge Fähig­kei­ten wie Auf­merk­sam­keit, Ori­en­tie­rung, Den­ken, Ler­nen, Er­in­nern, Sp­re­chen, aber auch Ge­füh­le sind an die Funk­ti­on von Ner­ven­zel­len (Neu­ro­nen) im Ge­hirn ge­bun­den.

Diese geben Informationen über Billionen von Synapsen (Verbindungsstellen) von einer Zelle zur nächsten weiter und treten über höchst komplexe Netzwerke miteinander in Wechselwirkung. Wenn Neuronen in größerer Zahl beispielsweise durch Krankheiten zerstört werden, kommt es zu einem zunehmenden Abbau (Degeneration) kognitiver Leistungen.

Das bekannteste dieser neurodegenerativen Leiden ist die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Demenzform. Sie ist gefürchtet, weil sie nicht heilbar ist und in den Spätstadien zu Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnisschwund, vermindertem Wahrnehmungsvermögen und letztendlich zum Verlust der Selbstständigkeit führt. Trotz allem kann es gelingen, mit Arzneimitteln und nicht-medikamentösen Therapien eine gute Lebensqualität über viele Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.

Am zweithäufigsten kommt die vaskuläre Demenz vor, der Durchblutungsstörungen im Gehirn zugrunde liegen (siehe Kasten, S. 8). Oft treten beide Ausprägungen zusammen auf.

Frauen häufiger betroffen

Alzheimer gilt als »Schreckgespenst des Alters«: 97 Prozent der Betroffenen sindälter als 65 Jahre. Frauen erkranken häufiger als Männer. In Deutschland leben derzeit 1,6 Millionen Demenzkranke, zwei Drittel davon mit der Diagnose Alzheimer. Jahr für Jahr treten 250 000 Neu?erkrankungen auf - mit steigender Tendenz, denn die Menschen werden immer älter.

Die genaue Ursache für diese Gehirnveränderungen, die der Psychiater Alois Alzheimer 1906 erstmals beschrieben hat, ist noch immer nicht geklärt. Er fand bei einer Patientin, die zuletzt »völlig verblödet« war, wie er notierte, nach deren Tod Eiweißablagerungen, sogenannte Plaques, im Gehirn. Heute weiß man, dass das Absterben von Nervenzellen mit der Bildung von abnorm veränderten Eiweißbruchstücken einhergeht, die sich in Form von Fäserchen im Gehirn ablagern. Diese Knäuel, sogenannte Neurofibrillenbündel, bestehen aus Tau-Proteinen, normalen Bestandteilen des Zellskeletts, die bei Alzheimer aber abnorm verändert vorkommen und sich innerhalb der Zelle fadenartig zusammenlagern.

Die zweite pathologische Eiweißablagerung sind die zwischen den Neuronen zu findenden Anhäufungen des Proteinfragments Beta-Amyloid, das aus einem größeren Vorläuferprotein abgespalten wurde. In gesunden Zellen werden diese Fragmente zersetzt und abgebaut, bei Alzheimer häufen sie sich zu harten, unauflöslichen Plaques an.

Charakteristisch ist auch die veränderte Konzentration an bestimmten Botenstoffen (Neurotransmitter). Dazu gehören vor allem Acetylcholin und Glutamat, die für die Signalübertragung zwischen den Neuronen von zentraler Bedeutung sind. Im Fall der Alzheimer-Demenz wird zu wenig Acetylcholin und zu viel Glutamat gebildet. Dadurch können neue Sinneseindrücke nicht mehr richtig verarbeitet und nicht mehr sinnvoll mit bereits Gelerntem verknüpft werden. Das Zellsterben führt dazu, dass das Gehirn umbis zu 20 Prozent schrumpft.

Wie es zur Anhäufung dieser Ablagerungen kommt, ist noch Gegenstand intensiver Forschungen. Vermutlich sind Entzündungsprozesse im Nervensystem beteiligt.

Erste Anzeichen

Für die Ausprägung der Symptome ist entscheidend, in welchen Gehirnbereichen sich die Schädigungen abspielen. Zwar stehen bei Alzheimer Gedächtnisstörungen im Vordergrund, es sind jedoch meist auch Regionen in Mitleidenschaft gezogen, die für Denken, Sprache und Orientierung zuständig sind.

Krankhafte Hirnveränderungen beginnen bis zu 25 Jahre, bevor die ersten Anzeichen des Leidens auftreten. Diese sind anfangs noch relativ unauffällig: Die Betroffenen sind dann eher antriebsschwach, kleinere Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen kommen hinzu, die Lern- und Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Sie verschließen sich gegenüber Neuem und bevorzugen Gewohntes.

Da sich solche Verhaltensweisen nicht leicht von normalen Zeichen des Alters abgrenzen lassen, erkennen Erkrankte beziehungsweise Angehörige den Zustand oft nicht oder verharmlosen ihn.

»Der Schweregrad wird von vielen Laien erst dann erkannt, wenn der Zustand so ausgeprägt ist, dass die Menschen erkennbar hilflos werden«, schildert der Aschaffenburger Psychiater Reinhard Platzek seine Erfahrungen.

Frühe Diagnose wichtig

Ihm liegt deshalb die frühzei?tige Diagnose und eine damit verbundene Entstigmatisierung am Herzen. »Das heißt, dass die Angehörigen nicht weiterhin meinen, die Mutter oder der Ehepartner sei bösartig geworden, beschimpfe sie absichtlich und wolle sie nicht mehr verstehen, sondern sie wissen nun, dass ein dementieller Prozess hinter einem solchen Verhalten steckt«, sagt Platzek.

Mohamed Lamine Benghebrid, Chefarzt der Neurologie und Geriatrie an den Helios-Kliniken in Miltenberg und Erlenbach am Main, fasst den Ablauf der Diagnose zusammen: »Das Erste ist natürlich, mit dem Patienten zu sprechen. Ist er vergesslicher geworden? Hat er Beschwerden, Orientierungsstörungen, Schlafstörungen?« Ganz wichtig sei es auch, die Familie hinzuzuziehen, »die uns viele Informationen über Persönlichkeitsveränderungen gibt, die der Patient selbst gar nicht bemerkt hat«.

Der nächste Schritt ist ein Demenztest. Zur Abgrenzung gegenüber einer Altersvergess?lichkeit oder Depression füh?ren Ärzte in Deutschland am häufigsten den Mini-Mental-Status-Test (MMST) durch. Er besteht aus einem Interview mit Handlungsaufgaben und praxisnahen Fragen, die von kognitiv nicht beeinträchtigten Menschen im Regelfall problemlos zu beantworten sind, hingegen von Personen mit Verdacht auf eine Demenzerkrankung nur teilweise bewältigt werden. Weitere gängige Fragebögen sind der DemTect-Test (Demenz Detection) und der Uhrentest.

Ergeben sich Hinweise auf Demenz, folgen weitere Untersuchungen, in erster Linie eine Aufnahme des Gehirns mit der Magnetresonanztomografie (MRT). Damit lassen sich manchmal für Alzheimer sowie andere Demenz-Erkrankungen typische Gehirnveränderungen finden. Außerdem können mit bildgebenden Methoden andere Ursachen ausgeschlossen werden, etwa Hirntumoren und Schlaganfälle.

Am verlässlichsten wird Alzheimer durch Untersuchungen des Gehirnwassers (Liquor) gesichert. Im Liquor, das per Lumbalpunktion aus dem Rückenmark entnommen wird, können spezifische Marker (Biomarker) bestimmt werden, die typischerweise bei dieser Erkrankung verändert sind (Beta-Amyloid, Tau-Protein).

»Alzheimer-Check«

Bereits drei bis vier Jahre vor den ersten Demenz-Symptomen lässt sich mit dem MRT ein deutlicher Rückgang der Hirnmasse im Hippocampus erkennen, einer Struktur, die vor allem an der Gedächtnisbildung beteiligt ist. Einige Radiologen bieten eine solche Untersuchung bereits als »Alzheimer-Check« an.

Der Neurologe Benghebrid sieht momentan in solchen Früherkennungsangeboten keinen Sinn: »Möchten Sie wissen, dass Sie in einigen Jahren an Alzheimer-Demenz erkranken werden?«, fragt er und gibt gleich die Antwort: »Ich nicht. Was würde sich für mich ändern, wenn ich es weiß, aber keine Therapie habe?«

Auch Oliver Bähr, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau, äußerst sich skeptisch: »Die Durchführung eines MRT ohne einen klinischen Hinweis auf eine Demenz halte ich nicht für empfehlenswert, auch weil die Behandlungsmöglichkeiten gerade bei der Alzheimer-Demenz sehr überschaubar sind.«

Bisher stehen nur die sogenannten Antidementiva zur Verfügung. Sie greifen nicht in die Abbauprozesse im Gehirn ein und können somit das Fortschreiten von Alzheimer nicht verhindern. Sie können aber die Symptome lindern und die geistige Leistungsfähigkeit verbessern. In Deutschland sind vier Wirkstoffe zugelassen: Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin.

Die ersten drei gehören zur Gruppe der Acetylcholin?esterase-Hemmer. Sie sorgen dafür, dass der Abbau des Botenstoffs Acetylcholin an der Synapse verzögert wird. Dadurch steht eine größere Menge dieses Neurotransmitters zur Verfügung, der unter anderem an Lernen und Gedächtnisbildung beteiligt ist.

Memantin ist ein Rezeptor-Antagonist, der die Nervenzellen vor schädlicher Glutamatwirkung schützen soll.

Neue Medikamente

Hoffnung geben neue Medikamente wie Aducanumab, ein Antikörper, der sich gegen das Eiweiß Beta-Amyloid richtet. In den USA läuft zurzeit ein Zulassungsverfahren für den Wirkstoff, der allerdings nur in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden soll.

Doch der Kampf gegen Alzheimer erschöpft sich keineswegs in der Verabreichung von Arzneimitteln. »Wenn wir die Krankheit nicht kausal behandeln können, dann müssen wir sie anders behandeln, nämlich in den Lebensbezügen«, sagt Psychiater Reinhard Platzek. So könne man mit einem Patienten, der mit der Diagnose konfrontiert wird, gemeinsam überlegen: Was ist Ihr Ziel im Leben? Wie haben Sie sich Ihr Leben vorgestellt? »Dann bemühen wir uns, das alles zu ordnen, und versuchen, das Leben mit diesen Informationen neu zu gestalten«, erklärt Platzek.

Diese Neuausrichtung könnte sowohl die Inanspruchnahme nicht-medikamentöser Therapien umfassen als auch die Angebote zur Selbsthilfe und gesellschaftlichen Teilhabe. Ganz wichtig ist die Ergotherapie, die es Kranken ermöglichen soll, ihre Handlungsfähigkeit im Alltag zu erhalten und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Neben der Physio- und der Verhaltenstherapie gibt es die Musiktherapie, die tiergestützte Therapie, Snoezelen und Aromatherapie, Biografiearbeit, Realitäts-Orientierungs-Training, Gedächtnisstimulation und andere Möglichkeiten. Nach Meinung Platzeks ist nicht so sehr entscheidend, welche Therapieform gewählt wird. Allgemein gelte: »Wenn Sie sich mit den kranken Menschen beschäftigen, geht es ihnen besser.«

Von diesem Gedanken ist auch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft geprägt, die eine Fülle von Hilfestellungen und Aktivitäten für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Friederike Platzek, Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Aschaffenburg, wirbt dafür, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie zitiert einen Appell des diesjährigen Welt-Alzheimertags: »Wir müssen darüber reden, warum bei uns nur bei der Hälfte der Betroffenen eine Demenz diagnostiziert wird, und dies oft erst dann, wenn die Angehörigen nervlich am Ende sind und die Versorgung auf der Kippe steht.«

Der Verein (weitere regionale Alzheimer-Gesellschaften gibt es in Obernburg im Kreis Miltenberg und in Würzburg) bietet unter anderem Beratung über das Alzheimer-Telefon an und versendet Infomaterial. Zudem werden in Aschaffenburg Stadtführungen, Konzerte, Tanzkurse und Wandergruppen für Demente und deren Angehörige angeboten. In einer Selbsthilfegruppe können sich die Angehörigen aussprechen und Erfahrungen und Ratschläge austauschen.

Kann man sich mit vorbeugenden Maßnahmen gegen das »große Vergessen« wappnen? Der größte Risiko?faktor, das Alter, lässt sich nicht beeinflussen. Allerdings scheint es auch bei der altersbedingten Form einen genetischen Einfluss zu geben - bei Trägern einer bestimmten Form des Gens für das Apolipoprotein Epsilon 4 (ApoE4) - , der aber nicht zum sicheren Ausbruch führt. ApoE4 spielt eine Rolle beim Transport von Cholesterin.

Risikofaktoren

Als weitere Risikofaktoren gelten Depressionen, Migräne, hoher Blutdruck, Diabetes, niedrige Bildung und wenig Sozialkontakte. Auch chronische Schlafdefizite wirken sich ungünstig aus, denn während der Nachtruhe werden im Gehirn die Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Proteine entsorgt.

Wer zudem auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verzichtet, etwas gegen Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte unternimmt, einseitige Ernährung vermeidet und körperlich aktiv ist, verbessert generell seine Gefäßgesundheit - auch im Gehirn, dem Schauplatz des Alzheimergeschehens.

Schreckgespenst des Alters

Geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Orientierung, Denken, Lernen, Erinnern, Sprechen, aber auch Gefühle sind an die Funktion von Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn gebunden. Diese geben Informationen über Billionen von Synapsen (Verbindungsstellen) von einer Zelle zur nächsten weiter und treten über höchst komplexe Netzwerke miteinander in Wechselwirkung. Wenn Neuronen in größerer Zahl beispielsweise durch Krankheiten zerstört werden, kommt es zu einem zunehmenden Abbau (Degeneration) kognitiver Leistungen.

Das bekannteste dieser neurodegenerativen Leiden ist die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Demenzform. Sie ist gefürchtet, weil sie nicht heilbar ist und in den Spätstadien zu Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnisschwund, vermindertem Wahrnehmungsvermögen und letztendlich zum Verlust der Selbstständigkeit führt. Trotz allem kann es gelingen, mit Arzneimitteln und nicht-medikamentösen Therapien eine gute Lebensqualität über viele Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.

Am zweithäufigsten kommt die vaskuläre Demenz vor, der Durchblutungsstörungen im Gehirn zugrunde liegen (siehe Kasten). Oft treten beide Ausprägungen zusammen auf.

Alzheimer gilt als »Schreckgespenst des Alters«: 97 Prozent der Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Frauen erkranken häufiger als Männer. In Deutschland leben derzeit 1,6 Millionen Demenzkranke, zwei Drittel davon mit der Diagnose Alzheimer. Jahr für Jahr treten 250 000 Neuerkrankungen auf - mit steigender Tendenz, denn die Menschen werden immer älter.

Ablagerungen im Gehirn

Die genaue Ursache für diese Gehirnveränderungen, die der Psychiater Alois Alzheimer 1906 erstmals beschrieben hat, ist noch immer nicht geklärt. Er fand bei einer Patientin, die zuletzt »völlig verblödet« war, wie er notierte, nach deren Tod Eiweißablagerungen, sogenannte Plaques, im Gehirn. Heute weiß man, dass das Absterben von Nervenzellen mit der Bildung von abnorm veränderten Eiweißbruchstücken einhergeht, die sich in Form von Fäserchen im Gehirn ablagern. Diese Knäuel, sogenannte Neurofibrillenbündel, bestehen aus Tau-Proteinen, normalen Bestandteilen des Zellskeletts, die bei Alzheimer aber abnorm verändert vorkommen und sich innerhalb der Zelle fadenartig zusammenlagern.

Die zweite pathologische Eiweißablagerung sind die zwischen den Neuronen zu findenden Anhäufungen des Proteinfragments Beta-Amyloid, das aus einem größeren Vorläuferprotein abgespalten wurde. In gesunden Zellen werden diese Fragmente zersetzt und abgebaut, bei Alzheimer häufen sie sich zu harten, unauflöslichen Plaques an.

Charakteristisch ist auch die veränderte Konzentration an bestimmten Botenstoffen (Neurotransmitter). Dazu gehören vor allem Acetylcholin und Glutamat, die für die Signalübertragung zwischen den Neuronen von zentraler Bedeutung sind. Im Fall der Alzheimer-Demenz wird zu wenig Acetylcholin und zu viel Glutamat gebildet. Dadurch können neue Sinneseindrücke nicht mehr richtig verarbeitet und nicht mehr sinnvoll mit bereits Gelerntem verknüpft werden. Das Zellsterben führt dazu, dass das Gehirn um bis zu 20 Prozent schrumpft.

Wie es zur Anhäufung dieser Ablagerungen kommt, ist noch Gegenstand intensiver Forschungen. Vermutlich sind Entzündungsprozesse im Nervensystem beteiligt. In Verdacht geraten war auch Aluminium, das in erhöhter Konzentration in den Gehirnen gestorbener Alzheimer-Patienten gefunden worden war. Nach Auskunft des Vereins Alzheimer-Forschung-Initiative konnte aber »ein kausaler Zusammenhang von Aluminiumaufnahme und dem Auftreten der Alzheimer-Krankheit bisher nicht wissenschaftlich bewiesen werden«.

Für die Ausprägung der Symptome ist entscheidend, in welchen Gehirnbereichen sich die Schädigungen abspielen. Zwar stehen bei Alzheimer Gedächtnisstörungen im Vordergrund, es sind jedoch meist auch Regionen in Mitleidenschaft gezogen, die für Denken, Sprache und Orientierung zuständig sind.

Normal oder krankhaft?

Krankhafte Hirnveränderungen beginnen bis zu 25 Jahre bevor die ersten Anzeichen des Leidens auftreten. Diese sind anfangs noch relativ unauffällig: Die Betroffenen sind dann eher antriebsschwach, kleinere Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen kommen hinzu, die Lern- und Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Mal verlegen sie Schlüssel oder Brille und finden sie nicht wieder, mal verheddern sie sich mitten im Satz und bringen ihn nicht zu Ende. Sie verschließen sich gegenüber Neuem und bevorzugen Gewohntes.

Da sich solche Verhaltensweisen nicht leicht von normalen Zeichen des Alters abgrenzen lassen, erkennen Erkrankte beziehungsweise Angehörige den Zustand oft nicht oder verharmlosen ihn nach dem Motto »So schlimm ist es doch gar nicht«.

Der Aschaffenburger Psychiater Reinhard Platzek schildert seine Erfahrungen: »Der Schweregrad wird von vielen Laien erst dann erkannt, wenn der Zustand so ausgeprägt ist, dass die Menschen erkennbar hilflos werden. Wenn man sie nach dem aktuellen Wetter fragt, antworten sie zutreffend. Wenn man hingegen wissen will, welcher Tag und wie spät es ist, so gelingt es ihnen nicht, sich zu erinnern.«

Frühe Diagnose wichtig

Ihm liegt deshalb die frühzeitige Diagnose und eine damit verbundene Entstigmatisierung am Herzen. »Das heißt, dass die Angehörigen nicht weiterhin meinen, die Mutter oder der Ehepartner seien bösartig geworden, beschimpfe sie absichtlich und wolle sie nicht mehr verstehen, sondern sie wissen nun, dass ein dementieller Prozess hinter solchem Verhalten steckt«, sagt Platzek.

Mohamed Lamine Benghebrid, Chefarzt der Neurologie und Geriatrie an den Helios-Kliniken in Miltenberg und Erlenbach am Main fasst den Ablauf der Diagnose zusammen: »Das Erste ist natürlich, mit dem Patienten zu sprechen: Ist er vergesslicher geworden? Hat er Beschwerden, Orientierungsstörungen, Schlafstörungen?« Ganz wichtig sei es auch, die Familie hinzuzuziehen, »die uns viele Informationen über Persönlichkeitsveränderungen gibt, die der Patient selbst gar nicht bemerkt hat«.

Der nächste Schritt ist ein Demenztest. Zur Abgrenzung gegenüber einer Altersvergesslichkeit oder Depression führen Ärzte in Deutschland am häufigsten den Mini-Mental-Status-Test (MMST) durch. Er besteht aus einem Interview mit Handlungsaufgaben und praxisnahen Fragen, die von kognitiv nicht beeinträchtigten Menschen im Regelfall problemlos zu beantworten sind, hingegen von Personen mit Verdacht auf eine Demenzerkrankung nur teilweise bewältigt werden. Weitere gängige Fragebögen sind der DemTect-Test (Demenz Detection) und der Uhrentest.

Ergeben sich Hinweise auf Demenz, folgen weitere Untersuchungen, in erster Linie eine Aufnahme des Gehirns mit der Magnetresonanztomographie (MRT). Damit lassen sich manchmal für Alzheimer sowie andere Demenz-Erkrankungen typische Gehirnveränderungen finden. Außerdem können mit bildgebenden Methoden andere Ursachen ausgeschlossen werden wie Hirntumoren und Schlaganfälle.

Am verlässlichsten wird Alzheimer durch Untersuchungen des Gehirnwassers (Liquor) gesichert. Im Liquor, das mit einer Lumbalpunktion aus dem Rückenmark entnommen wird, können spezifische Marker (Biomarker) bestimmt werden, die typischerweise bei dieser Erkrankung verändert sind (Beta-Amyloid, Tau-Protein).

»Alzheimer-Check«

Bereits drei bis vier Jahre vor den ersten Demenz-Symptomen lässt sich mit dem MRT ein deutlicher Rückgang der Hirnmasse im Hippocampus erkennen, einer Struktur, die vor allem an der Gedächtnisbildung beteiligt ist. Einige Radiologen bieten eine solche Untersuchung bereits als »Alzheimer-Check« an.

Der Neurologe Benghebrid sieht momentan in solchen Früherkennungsangeboten keinen Sinn: »Möchten Sie wissen, dass Sie in einigen Jahren an Alzheimer-Demenz erkranken werden?«, fragt er und gibt gleich die Antwort: »Ich nicht. Was würde sich für mich ändern, wenn ich es weiß, aber keine Therapie habe? Ich würde es früh genug merken, denn gerade diese Erkrankung schreitet langsam voran. Eine Heilung ist leider noch nicht möglich.«

Auch Oliver Bähr, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau, äußerst sich skeptisch: »Die Durchführung eines MRT ohne einen klinischen Hinweis auf eine Demenz halte ich nicht für empfehlenswert, auch weil die Behandlungsmöglichkeiten gerade bei der Alzheimer-Demenz sehr überschaubar sind. Wenn wir da jetzt irgendeine mächtige Therapie hätten, die äußerst wirksam wäre und Folgeerscheinungen verhindert werden könnten, dann sähe das anders aus.«

Symptome lindern

Bisher stehen allerdings nur die sogenannten Antidementiva zur Verfügung. Sie greifen nicht in die Abbauprozesse im Gehirn ein und können somit das Fortschreiten von Alzheimer nicht verhindern. Sie können aber die Symptome lindern und die geistige Leistungsfähigkeit verbessern. In Deutschland sind vier Wirkstoffe zugelassen: Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin.

Die ersten drei gehören zur Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer. Sie sorgen dafür, dass der Abbau des Botenstoffs Acetylcholin an der Synapse verzögert wird. Dadurch steht eine größere Menge dieses Neurotransmitters zur Verfügung, der unter anderem an Lernen und Gedächtnisbildung entscheidend beteiligt ist.

Memantin ist ein Rezeptor-Antagonist, der die Nervenzellen vor schädlicher Glutamatwirkung schützen soll.

Auch dem pflanzlichen Arzneimittel Ginkgo biloba schreibt die Leitlinie »Demenzen« Hinweise auf die Wirksamkeit zu. Michael Lorrain, Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Alzheimer-Forschung-Initiative schränkt allerdings ein: »Ginkgo hat bei Alzheimer keine spezifische Wirkung, sondern verbessert die Kapillardurchblutung im Gehirn.«

Neue Medikamente

Hoffnung geben neue Medikamente wie Aducanumab, ein Antikörper, der sich gegen das Eiweiß Beta-Amyloid richtet. In den USA läuft zurzeit ein Zulassungsverfahren für den Wirkstoff, der allerdings nur in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden soll.

Doch der Kampf gegen Alzheimer erschöpft sich keineswegs in der Verabreichung von Arzneimitteln. »Wenn wir die Krankheit nicht kausal behandeln können, dann müssen wir sie anders behandeln, nämlich in den Lebensbezügen«, sagt der Psychiater Reinhard Platzek. So könne man mit einem Patienten, der mit der Diagnose konfrontiert wird, gemeinsam überlegen: Was ist Ihr Ziel im Leben? Wie haben Sie sich Ihr Leben vorgestellt? In welchen Bezügen leben Sie, haben Sie eine Frau, haben Sie Kinder usw. »Dann bemühen wir uns, das alles zu ordnen, und versuchen, das Leben mit diesen Informationen neu zu gestalten«, erklärt Platzek.

Leben neu ausrichten

Diese Neuausrichtung könnte sowohl die Inanspruchnahme nicht-medikamentöser Therapien umfassen als auch die Angebote zur Selbsthilfe und gesellschaftlichen Teilhabe. Ganz wichtig ist die Ergotherapie, die es Kranken ermöglichen soll, ihre Handlungsfähigkeit im Alltag zu erhalten und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Neben der Physio- und der Verhaltenstherapie gibt es die Musiktherapie, die tiergestützte Therapie, Snoezelen und Aromatherapie, Biografiearbeit, Realitäts-Orientierungs-Training, Gedächtnisstimulation und andere Möglichkeiten. Nach Meinung Platzeks ist nicht so sehr entscheidend, welche Therapieform gewählt wird. Allgemein gelte: »Wenn Sie sich mit den kranken Menschen beschäftigen, geht es ihnen besser.«

Rechtzeitig Hilfe holen

Von diesem Gedanken ist auch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft geprägt, die eine Fülle von Hilfestellungen und Aktivitäten für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Friederike Platzek, Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Aschaffenburg, wirbt dafür, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie zitiert einen Appell des diesjährigen Welt-Alzheimertags: »Wir müssen darüber reden, warum bei uns nur bei der Hälfte der Betroffenen eine Demenz diagnostiziert wird, und dies oft erst dann, wenn die Angehörigen nervlich am Ende sind und die Versorgung auf der Kippe steht.«

Der Verein (weitere regionale Alzheimer-Gesellschaften gibt es in Obernburg im Kreis Miltenberg und in Würzburg) bietet unter anderem Beratung über das Alzheimer-Telefon an und versendet Infomaterial mit Tipps zur Alltagsgestaltung, zu rechtlichen Fragen, zu Fragen von Betreuung und Pflege sowie einen Wegweiser mit allen wichtigen Anlaufstellen.

Zudem werden in Aschaffenburg Stadtführungen, Konzerte, Tanzkurse und Wandergruppen für Demente und deren Angehörige angeboten. In einer Selbsthilfegruppe können sich die Angehörigen aussprechen und Erfahrungen und Ratschläge austauschen. Wenn nötig, organisiert der Verein eine Betreuung für den Kranken während dieser Zeit.

Risikofaktoren

Kann man sich mit vorbeugenden Maßnahmen gegen das »große Vergessen« wappnen? Der größte Risikofaktor, nämlich das Alter, lässt sich nicht beeinflussen. Allerdings scheint es auch bei der altersbedingten Form einen genetischen Einfluss zu geben, nämlich bei Trägern einer bestimmten Form des Gens für das Apolipoprotein Epsilon 4 (ApoE4), der aber nicht zum sicheren Ausbruch führt. ApoE4 spielt eine Rolle beim Transport von Cholesterin.

Als weitere Risikofaktoren für eine Demenzentwicklung gelten Depressionen, Migräne, hoher Blutdruck, Diabetes, niedrige Bildung und wenig Sozialkontakte. Auch chronische Schlafdefizite wirken sich ungünstig aus, denn während der Nachtruhe werden im Gehirn die Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Proteine entsorgt. Schlafmangel stört diesen Prozess.

Wer zudem auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verzichtet, etwas gegen Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte unternimmt, einseitige Ernährung vermeidet und körperlich aktiv ist, verbessert generell seine Gefäßgesundheit - auch im Gehirn, dem Schauplatz des Alzheimergeschehens.

Hintergrund

Mit Therapien und guter Betreuung lässt sich eine gute Lebensqualität für Alzheimer-Kranke lange erhalten. Foto:

Schreckgespenst des Alters

Geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Orientierung, Denken, Lernen, Erinnern, Sprechen, aber auch Gefühle sind an die Funktion von Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn gebunden. Diese geben Informationen über Billionen von Synapsen (Verbindungsstellen) von einer Zelle zur nächsten weiter und treten über höchst komplexe Netzwerke miteinander in Wechselwirkung. Wenn Neuronen in größerer Zahl beispielsweise durch Krankheiten zerstört werden, kommt es zu einem zunehmenden Abbau (Degeneration) kognitiver Leistungen.

Das bekannteste dieser neurodegenerativen Leiden ist die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Demenzform. Sie ist gefürchtet, weil sie nicht heilbar ist und in den Spätstadien zu Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnisschwund, vermindertem Wahrnehmungsvermögen und letztendlich zum Verlust der Selbstständigkeit führt. Trotz allem kann es gelingen, mit Arzneimitteln und nicht-medikamentösen Therapien eine gute Lebensqualität über viele Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.

Am zweithäufigsten kommt die vaskuläre Demenz vor, der Durchblutungsstörungen im Gehirn zugrunde liegen (siehe Kasten, S. 8). Oft treten beide Ausprägungen zusammen auf.

Frauen häufiger betroffen

Alzheimer gilt als »Schreckgespenst des Alters«: 97 Prozent der Betroffenen sindälter als 65 Jahre. Frauen erkranken häufiger als Männer. In Deutschland leben derzeit 1,6 Millionen Demenzkranke, zwei Drittel davon mit der Diagnose Alzheimer. Jahr für Jahr treten 250 000 Neu?erkrankungen auf - mit steigender Tendenz, denn die Menschen werden immer älter.

Die genaue Ursache für diese Gehirnveränderungen, die der Psychiater Alois Alzheimer 1906 erstmals beschrieben hat, ist noch immer nicht geklärt. Er fand bei einer Patientin, die zuletzt »völlig verblödet« war, wie er notierte, nach deren Tod Eiweißablagerungen, sogenannte Plaques, im Gehirn. Heute weiß man, dass das Absterben von Nervenzellen mit der Bildung von abnorm veränderten Eiweißbruchstücken einhergeht, die sich in Form von Fäserchen im Gehirn ablagern. Diese Knäuel, sogenannte Neurofibrillenbündel, bestehen aus Tau-Proteinen, normalen Bestandteilen des Zellskeletts, die bei Alzheimer aber abnorm verändert vorkommen und sich innerhalb der Zelle fadenartig zusammenlagern.

Die zweite pathologische Eiweißablagerung sind die zwischen den Neuronen zu findenden Anhäufungen des Proteinfragments Beta-Amyloid, das aus einem größeren Vorläuferprotein abgespalten wurde. In gesunden Zellen werden diese Fragmente zersetzt und abgebaut, bei Alzheimer häufen sie sich zu harten, unauflöslichen Plaques an.

Charakteristisch ist auch die veränderte Konzentration an bestimmten Botenstoffen (Neurotransmitter). Dazu gehören vor allem Acetylcholin und Glutamat, die für die Signalübertragung zwischen den Neuronen von zentraler Bedeutung sind. Im Fall der Alzheimer-Demenz wird zu wenig Acetylcholin und zu viel Glutamat gebildet. Dadurch können neue Sinneseindrücke nicht mehr richtig verarbeitet und nicht mehr sinnvoll mit bereits Gelerntem verknüpft werden. Das Zellsterben führt dazu, dass das Gehirn umbis zu 20 Prozent schrumpft.

Wie es zur Anhäufung dieser Ablagerungen kommt, ist noch Gegenstand intensiver Forschungen. Vermutlich sind Entzündungsprozesse im Nervensystem beteiligt.

Erste Anzeichen

Für die Ausprägung der Symptome ist entscheidend, in welchen Gehirnbereichen sich die Schädigungen abspielen. Zwar stehen bei Alzheimer Gedächtnisstörungen im Vordergrund, es sind jedoch meist auch Regionen in Mitleidenschaft gezogen, die für Denken, Sprache und Orientierung zuständig sind.

Krankhafte Hirnveränderungen beginnen bis zu 25 Jahre, bevor die ersten Anzeichen des Leidens auftreten. Diese sind anfangs noch relativ unauffällig: Die Betroffenen sind dann eher antriebsschwach, kleinere Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen kommen hinzu, die Lern- und Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Sie verschließen sich gegenüber Neuem und bevorzugen Gewohntes.

Da sich solche Verhaltensweisen nicht leicht von normalen Zeichen des Alters abgrenzen lassen, erkennen Erkrankte beziehungsweise Angehörige den Zustand oft nicht oder verharmlosen ihn.

»Der Schweregrad wird von vielen Laien erst dann erkannt, wenn der Zustand so ausgeprägt ist, dass die Menschen erkennbar hilflos werden«, schildert der Aschaffenburger Psychiater Reinhard Platzek seine Erfahrungen.

Frühe Diagnose wichtig

Ihm liegt deshalb die frühzei?tige Diagnose und eine damit verbundene Entstigmatisierung am Herzen. »Das heißt, dass die Angehörigen nicht weiterhin meinen, die Mutter oder der Ehepartner sei bösartig geworden, beschimpfe sie absichtlich und wolle sie nicht mehr verstehen, sondern sie wissen nun, dass ein dementieller Prozess hinter einem solchen Verhalten steckt«, sagt Platzek.

Mohamed Lamine Benghebrid, Chefarzt der Neurologie und Geriatrie an den Helios-Kliniken in Miltenberg und Erlenbach am Main, fasst den Ablauf der Diagnose zusammen: »Das Erste ist natürlich, mit dem Patienten zu sprechen. Ist er vergesslicher geworden? Hat er Beschwerden, Orientierungsstörungen, Schlafstörungen?« Ganz wichtig sei es auch, die Familie hinzuzuziehen, »die uns viele Informationen über Persönlichkeitsveränderungen gibt, die der Patient selbst gar nicht bemerkt hat«.

Der nächste Schritt ist ein Demenztest. Zur Abgrenzung gegenüber einer Altersvergess?lichkeit oder Depression füh?ren Ärzte in Deutschland am häufigsten den Mini-Mental-Status-Test (MMST) durch. Er besteht aus einem Interview mit Handlungsaufgaben und praxisnahen Fragen, die von kognitiv nicht beeinträchtigten Menschen im Regelfall problemlos zu beantworten sind, hingegen von Personen mit Verdacht auf eine Demenzerkrankung nur teilweise bewältigt werden. Weitere gängige Fragebögen sind der DemTect-Test (Demenz Detection) und der Uhrentest.

Ergeben sich Hinweise auf Demenz, folgen weitere Untersuchungen, in erster Linie eine Aufnahme des Gehirns mit der Magnetresonanztomografie (MRT). Damit lassen sich manchmal für Alzheimer sowie andere Demenz-Erkrankungen typische Gehirnveränderungen finden. Außerdem können mit bildgebenden Methoden andere Ursachen ausgeschlossen werden, etwa Hirntumoren und Schlaganfälle.

Am verlässlichsten wird Alzheimer durch Untersuchungen des Gehirnwassers (Liquor) gesichert. Im Liquor, das per Lumbalpunktion aus dem Rückenmark entnommen wird, können spezifische Marker (Biomarker) bestimmt werden, die typischerweise bei dieser Erkrankung verändert sind (Beta-Amyloid, Tau-Protein).

»Alzheimer-Check«

Bereits drei bis vier Jahre vor den ersten Demenz-Symptomen lässt sich mit dem MRT ein deutlicher Rückgang der Hirnmasse im Hippocampus erkennen, einer Struktur, die vor allem an der Gedächtnisbildung beteiligt ist. Einige Radiologen bieten eine solche Untersuchung bereits als »Alzheimer-Check« an.

Der Neurologe Benghebrid sieht momentan in solchen Früherkennungsangeboten keinen Sinn: »Möchten Sie wissen, dass Sie in einigen Jahren an Alzheimer-Demenz erkranken werden?«, fragt er und gibt gleich die Antwort: »Ich nicht. Was würde sich für mich ändern, wenn ich es weiß, aber keine Therapie habe?«

Auch Oliver Bähr, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau, äußerst sich skeptisch: »Die Durchführung eines MRT ohne einen klinischen Hinweis auf eine Demenz halte ich nicht für empfehlenswert, auch weil die Behandlungsmöglichkeiten gerade bei der Alzheimer-Demenz sehr überschaubar sind.«

Bisher stehen nur die sogenannten Antidementiva zur Verfügung. Sie greifen nicht in die Abbauprozesse im Gehirn ein und können somit das Fortschreiten von Alzheimer nicht verhindern. Sie können aber die Symptome lindern und die geistige Leistungsfähigkeit verbessern. In Deutschland sind vier Wirkstoffe zugelassen: Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin.

Die ersten drei gehören zur Gruppe der Acetylcholin?esterase-Hemmer. Sie sorgen dafür, dass der Abbau des Botenstoffs Acetylcholin an der Synapse verzögert wird. Dadurch steht eine größere Menge dieses Neurotransmitters zur Verfügung, der unter anderem an Lernen und Gedächtnisbildung beteiligt ist.

Memantin ist ein Rezeptor-Antagonist, der die Nervenzellen vor schädlicher Glutamatwirkung schützen soll.

Neue Medikamente

Hoffnung geben neue Medikamente wie Aducanumab, ein Antikörper, der sich gegen das Eiweiß Beta-Amyloid richtet. In den USA läuft zurzeit ein Zulassungsverfahren für den Wirkstoff, der allerdings nur in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden soll.

Doch der Kampf gegen Alzheimer erschöpft sich keineswegs in der Verabreichung von Arzneimitteln. »Wenn wir die Krankheit nicht kausal behandeln können, dann müssen wir sie anders behandeln, nämlich in den Lebensbezügen«, sagt Psychiater Reinhard Platzek. So könne man mit einem Patienten, der mit der Diagnose konfrontiert wird, gemeinsam überlegen: Was ist Ihr Ziel im Leben? Wie haben Sie sich Ihr Leben vorgestellt? »Dann bemühen wir uns, das alles zu ordnen, und versuchen, das Leben mit diesen Informationen neu zu gestalten«, erklärt Platzek.

Diese Neuausrichtung könnte sowohl die Inanspruchnahme nicht-medikamentöser Therapien umfassen als auch die Angebote zur Selbsthilfe und gesellschaftlichen Teilhabe. Ganz wichtig ist die Ergotherapie, die es Kranken ermöglichen soll, ihre Handlungsfähigkeit im Alltag zu erhalten und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Neben der Physio- und der Verhaltenstherapie gibt es die Musiktherapie, die tiergestützte Therapie, Snoezelen und Aromatherapie, Biografiearbeit, Realitäts-Orientierungs-Training, Gedächtnisstimulation und andere Möglichkeiten. Nach Meinung Platzeks ist nicht so sehr entscheidend, welche Therapieform gewählt wird. Allgemein gelte: »Wenn Sie sich mit den kranken Menschen beschäftigen, geht es ihnen besser.«

Von diesem Gedanken ist auch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft geprägt, die eine Fülle von Hilfestellungen und Aktivitäten für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Friederike Platzek, Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Aschaffenburg, wirbt dafür, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie zitiert einen Appell des diesjährigen Welt-Alzheimertags: »Wir müssen darüber reden, warum bei uns nur bei der Hälfte der Betroffenen eine Demenz diagnostiziert wird, und dies oft erst dann, wenn die Angehörigen nervlich am Ende sind und die Versorgung auf der Kippe steht.«

Der Verein (weitere regionale Alzheimer-Gesellschaften gibt es in Obernburg im Kreis Miltenberg und in Würzburg) bietet unter anderem Beratung über das Alzheimer-Telefon an und versendet Infomaterial. Zudem werden in Aschaffenburg Stadtführungen, Konzerte, Tanzkurse und Wandergruppen für Demente und deren Angehörige angeboten. In einer Selbsthilfegruppe können sich die Angehörigen aussprechen und Erfahrungen und Ratschläge austauschen.

Kann man sich mit vorbeugenden Maßnahmen gegen das »große Vergessen« wappnen? Der größte Risiko?faktor, das Alter, lässt sich nicht beeinflussen. Allerdings scheint es auch bei der altersbedingten Form einen genetischen Einfluss zu geben - bei Trägern einer bestimmten Form des Gens für das Apolipoprotein Epsilon 4 (ApoE4) - , der aber nicht zum sicheren Ausbruch führt. ApoE4 spielt eine Rolle beim Transport von Cholesterin.

Risikofaktoren

Als weitere Risikofaktoren gelten Depressionen, Migräne, hoher Blutdruck, Diabetes, niedrige Bildung und wenig Sozialkontakte. Auch chronische Schlafdefizite wirken sich ungünstig aus, denn während der Nachtruhe werden im Gehirn die Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Proteine entsorgt.

Wer zudem auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verzichtet, etwas gegen Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte unternimmt, einseitige Ernährung vermeidet und körperlich aktiv ist, verbessert generell seine Gefäßgesundheit - auch im Gehirn, dem Schauplatz des Alzheimergeschehens.

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