Operiert wird meist mit Netz

Leistenbruch: In den meisten Fällen ist Experten zufolge ein chirurgischer Eingriff ratsam

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Michael Bach.
Foto: BBT-Gruppe Region Tauberfranken-Hohenlohe
Jörg Dörfer.
Foto: Universitätsklinikum Würzburg
Das Lei­den geht meist mit leicht zie­hen­den, bis­wei­len auch ste­chen­den Sch­mer­zen ein­her, sicht­bar wird es da­durch, dass Fett­ge­we­be und zum Teil auch Ein­ge­wei­de aus der Bauch­höh­le nach au­ßen ge­drückt wer­den: Von Leis­ten­bruch spricht der Volks­mund, von Her­nie der Fach­mann.

Am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau werden Betroffene in einem eigenen Hernienzentrum behandelt - in 85 Prozent aller Fälle Männer.

Meist 50- bis 80-Jährige

Vor der Corona-Pandemie waren das zwischen 200 und 220 Fälle im Jahr, berichtet Christian Kruse, leitender Oberarzt der chirurgischen Klinik I. Das Gros seiner Patienten ist zwischen 50 und 80 Jahre alt. Daneben werden aber auch einige Kinder und Jugendliche sowie Patienten über 90 Jahre behandelt.

Bei einem Leistenbruch tritt durch eine Lücke in der Bauchwand ein Stück Bauchfell hervor, also die Haut, die den Bauchraum auskleidet und die meisten Bauchorgane umfasst. Oft bildet sich eine Wölbung, die auch von außen sichtbar ist. Dazu kann es kommen, wenn die Bauchmuskulatur geschwächt oder der Leistenkanal erweitert ist. Auch Männer, die sehr schwere Gegenstände heben, können sich einen Bruch zuziehen. Ebenso kann durch Vernarbungen nach einer Bauchoperation ein Bruch entstehen. Daneben gibt es angeborene Hernien.

Schwaches Bindegewebe

Männer sind deshalb öfter betroffen als Frauen, da bei ihnen durch die Lage der Samenstranggebilde einenatürliche Schwachstelle im Leistenbereich besteht. Je älter jemand ist, umso höher ist das Risiko, sich »einen Bruch zu heben«. Vor allem bei schwachem Bindegewebe kann es Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis sich ein Leistenbruch entwickelt.

Für die Diagnose reichtin den meisten Fällen eine klinische Untersuchung aus. Manchmal wird zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung veranlasst. Findet der Arzt keine Hernie, obwohl der Patient über Beschwerden im Leistenbereich klagt, kann eine Computertomografie sinnvoll sein. Liegt eindeutig eine Hernie vor, wird mit dem Patienten über eine Operation gesprochen. »Wir informieren vor der Operation ausführlich über therapeutische Alternativen«, so Christian Kruse. Der Wunsch des Patienten, aber auch dessen Nebenerkrankungen sowie vorherige Operationen werden bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt. »Leistenbrüche, die zu Einklemmungserscheinungen tendieren, die relevant symptomatisch sind oder an Größe deutlich zunehmen, sollten operativ behandelt werden«, empfiehlt der Chirurg.

Patienten, die über eine Operation im Zweifel sind, weil sie nicht sonderlich unter dem Leistenbruch leiden, weist der Oberarzt darauf hin, dass vorerst eine ärztliche Beobachtung nach dem Konzept des »watchful waiting« (»beobachtendes Abwarten«) möglich ist. »In der Regel treten jedoch im weiteren Verlauf Beschwerden auf oder der Leistenbruch wird größer«, so der Mediziner. Das macht dann eine OP erforderlich. In den vergangenen Jahren wurden fast alle der Aschaffenburger Patienten, die sich für eine Operation entschieden haben, mit einem Kunststoffnetz zur Stabilisierung der geschwächten Leistenregion versorgt.

Nicht nur in Aschaffenburg werden vorzugsweise Kunststoffnetze eingesetzt. Ihre therapeutische Verwendung basiert auf den Leitlinien der European Hernia Society, einem Zusammenschluss von Medizinern, der sich mit Bauchwandchirurgie befasst. Eher selten werden Leistenbrüche in Aschaffenburglediglich genäht. Das kannvorkommen, wenn der Patient dies ausdrücklich wünscht. Oder auch, wenn eine Kontraindikation gegen ein Kunststoffnetz vorliegt.

Dass eine Behandlung mit Netz einer netzfreien OP überlegen ist, bestätigt Michael Bach, leitender Oberarzt der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Krankenhaus Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis). »Wir führen bei Leistenbruchoperationen von Erwachsenen standardmäßig ein endoskopisches, also minimalinvasives Verfahren durch, was ohne Netz gar nicht möglich wäre«, sagt der Mediziner. Bei Verfahren ohne Netz sei das Rezidivrisiko, also die Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens, zudem höher. Nur bei Kindern würden prinzipiell keine Netze verwendet, »da diese natürlich nicht >mitwachsen

Die meisten Patienten klagen nach dem Eingriff über Schmerzen. Das ist laut Bach normal: »Wundschmerzen sind nach einer Operation immer zu erwarten.« Aus diesem Grund erhalten alle Patienten in Tauberbischofsheim nach der OP ein Schmerzmittel. Manche seien nach zwei Tagen schon wieder schmerzfrei, andere müssten die Medikamente bis zu drei Wochen nehmen. »Chronische Schmerzen sind selten«, so Bach. Dies kann passieren, wenn die Nerven im Bereich des Leistenkanals gereizt sind. Wird endoskopisch operiert, treten in der Regel weniger Schmerzen auf als bei konventionellen Eingriffen.

Wenige Ausnahmen

Hernien sind ein weites Feld. Es gibt keineswegs nur den Leistenbruch: »Wir sehen auch sehr häufig Nabel- und Narbenbrüche«, so Oberarzt Bach. Das Besondere beim Leistenbruch besteht in der Gefahr einer Einklemmung: »Beispielsweise kann der Dünndarm eingeklemmt werden.« Dann ist eine Notfall-OP erforderlich. Manchmal muss das beschädigte Darmstück dabei sogar entfernt werden. Frauen hätten zwar ein insgesamt deutlich geringeres Leistenbruchrisiko als Männer, allerdings sei bei ihnen die Gefahr von Einklemmungen erhöht. Der Facharzt für Viszeralchirurgie empfiehlt mit wenigen Ausnahmen immer, einen Leistenbruch zu operieren.

Patienten, die eine Operation aus Furcht vor möglichen Folgen unterlassen wollen, rät Jörg Dörfer, Oberarzt am Universitätsklinikum Würzburg, sich zumindest fachärztlich beraten zu lassen. Prinzipiell bestehe den Leitlinien zufolge für jede Leistenhernie mit Diagnosestellung auch eine OP-Indikation, bestätigt er: »Als einzige Ausnahme wird die asymptomatische Leistenhernie beim Mann aufgeführt.« Alle Patienten mit Beschwerden in der Leistengegend sollten zunächst vom Hausarzt untersucht werden. Bei einem nachgewiesenen Bruch oder insgesamt unklarem Befund sollten sich die Patienten in einem Hernienzentrum vorstellen.

15 Prozent Frauen

Auch im Würzburger Uniklinikum ist das Gros der Patienten männlich. Unter den knapp 600 Menschen mit Leistenbruch, die 2020 und 2021 operiert wurden, waren nur rund 15 Prozent Frauen. »Rein statistisch beträgt das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Leistenhernie zu erkranken, bei Männern 25 und bei Frauen 2 Prozent«, so Dörfer.

Im Würzburger Universitätsklinikum ist man bemüht, elektive Leistenbrüche spätestens sechs Wochen nach der Diagnosestellung zu operieren. Dabei wird berücksichtigt, wie dringlich der Eingriff aus ärztlicher Sicht ist, wie heftig die subjektiven Beschwerden des Patienten sind, wie stark der OP-Saal ausgelastet ist und welche Wünsche der Patient hat. »In der Regel wird versucht, alles unter einen Hut zu bringen«, so Jörg Dörfer. Pandemiebedingte Verzögerungen treten aktuell nicht auf.

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