Freitag, 18.06.2021

Nicht nur ein Teenie-Problem

Akne: Sowohl Hautärzte als auch Heilpraktiker behandeln die verschiedenen Spätformen

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Portrait of young girl with skin problem
Foto: Obencem
Man­chen Men­schen ist je­des Mit­tel recht, um jün­ger aus­zu­se­hen. Vor al­lem Frau­en tra­gen tags­über oft dick Ma­ke-up auf. Nachts ver­su­chen sie, Fal­ten mit Hil­fe von An­ti-Aging-Cre­mes ver­schwin­den zu las­sen. Nicht sel­ten folgt ir­gend­wann das bö­se Er­wa­chen, warnt der Aschaf­fen­bur­ger Der­ma­to­lo­ge Frank Zipprich.

Denn sowohl dicke Kosmetikschichten als auch fetthaltige Anti-Aging-Produkte können eine Akne jenseits des 30. Lebensjahres verursachen. »Die kommt viel häufiger vor, als man denkt«, so der Mediziner.

Rund 300-mal im Quartal behandelt Zipprich Männer und Frauen, die unter einer Form der Erwachsenenakne leiden. Charakteristisch für Spätaknen ist nach seinen Worten, dass die für die »Teenager-Akne« typischen Mitesser fehlen. Dabei handelt es sich um fettige Pfropfen, die die Öffnungen der in der Haut befindlichen Talgdrüsen verstopfen.

Besonders häufig sieht Zipprich in seiner Privatpraxis Patienten mit der chronisch-entzündlichen Hauterkrankung Akne rosacea. Sie betrifft die talgdrüsenreichen Regionen des Gesichts. Es kommt zu Rötungen, entzündlichen Knötchen und Pusteln. Aber auch die durch zu viel Make-up bedingte periorale Dermatitis oder »Stewardessen-Dermatitis« kommt in Zipprichs Praxis oft vor. Charakteristisch dafür ist ein bläschenhafter Ausschlag im Gesicht, vor allem um den Mund und die Augen.

Ursachenforschung

Eine minutiöse Ursachenforschung ist der erste Schritt zur Heilung. Oft nimmt sich der Hautarzt dafür eine halbe Stunde Zeit. Er erklärt im Erstgespräch auch, warum es nicht gut ist, die Haut mit zu viel Make-up zu traktieren: »Werden die Talgdrüsen abgedeckt, kann der Talg nicht mehr abfließen.« Die Poren verstopfen und können sich entzünden. Denselben Effekt kann Mineralpuder zur Glättung der Haut haben. Nachtcremes, die der Haut mehr Spannkraft verleihen sollen, können ebenfalls eine Spätakne verursachen: Sie sind sehr fett, »außerdem reizen Inhaltsstoffe wie Retinoide die Haut«. Es kann dadurch zu Pickeln an Kinn und Wangen kommen.

Für die meisten Patienten sei es erstaunlich zu hören, womit ihre Akne möglicherweise zusammenhängt. Weithin unbekannt ist etwa, dass die als Verhütungsmittel eingesetzte Hormonspirale Akne auslösen kann. Mit Blick auf die empfindliche Haut ist sie für Zipprich »ein Teufelszeug«. Auch das Mobiltelefon könne Akne verursachen: »Und zwar dann, wenn bei langen Telefonaten mit dem Handy am Ohr das Fett von Handcremes ins Gesicht kommt.« Stress sowie Eisenmangel spielen bei der Entstehung einer Akne ebenfalls nicht selten eine Rolle.

Frank Zipprich therapiert seine Patienten zweigleisig. Am Beginn steht eine Blutuntersuchung: »Wir nehmen Hormon-, Eisen- und Schilddrüsenwerte.« Die eigentliche Therapie besteht aus einem Medikament zum Einnehmen, einer antibiotikahaltigen Salbe zum Auftragen, medizinischer Kosmetik und Radiofrequenz-Needling. Letzteres macht den zweiten Teil der sechsmonatigen Behandlung aus. Bei dieser Methode werden Impulse mittels feiner Nadeln in die Haut geschossen, die bis zur Dermis dringen. Sinn und Zweck ist es, allzu aktive Talgdrüsen zu veröden.

Viele Patienten lassen sich auf die Therapie ein, obwohl sie nicht gerade billig ist: Etwas mehr als 1000 Euro müssen während des Behandlungshalbjahres berappt werden. Nur Privatpatienten erhalten die Kosten erstattet. Doch laut Frank Zipprich lohnt sich der finanzielle und zeitliche Aufwand: In 95 Prozent aller Fälle komme es zu einer kompletten Abheilung der Spätakne, in 99 Prozent der Fälle zu einer deutlichen Besserung.

Wer sich sehr ungesund ernährt, vergrößert nach den Worten des Miltenberger Heilpraktikers Andreas Lee Reichel-Dittes sein Risiko, im Erwachsenenalter eine Form der Akne zu entwickeln. Ebenso wie Zipprich sagt auch er: »Spätakne-Formen kommen häufiger vor, als man denkt.« Generell nehmen Hautprobleme Reichel-Dittes zufolge »massiv« zu. Schuld seien neben einer unausgewogenen, auf Fertigprodukten basierenden Ernährung auch Medikamente sowie Bewegungsmangel. »Bewegt man sich zu wenig, kommt wenig Sauerstoff in den Körper«, so der Heilpraktiker. Darunter leiden die Hautzellen.

Haut und Schleimhaut

Meist wirkt sich ein ungesunder Lebensstil nicht nur negativ auf die Haut aus. In vielen Fällen, so die inzwischen 40-jährige Erfahrung von Reichel-Dittes, ist auch der Darm respektive die Darmschleimhaut betroffen. Das wundert nicht, hängt doch beides eng zusammen: Die äußerlich sichtbare Haut und die inneren Schleimhäute der Verdauungsorgane gehören zur selben Gewebegruppe. »90 Prozent der Hautprobleme entstehen über den Darm«, sagt Reichel-Dittes. Wobei es in jedem einzelnen Fall gelte, die individuellen Ursachen zu finden. Pauschalrezepte gebe es in seiner Praxis nicht.

Auch Reichel-Dittes' Tätigkeit müssen Kassenpatienten privat vergüten. »Es kommt darauf an, welchen Weg wir gehen müssen.« Oft kommen die an Akne Leidenden zunächst zwei- bis dreimal in kurzen Abständen zur Konsultation. Danach sind Termine im Abstand von vier bis acht Wochen erforderlich.

Gemeinsam wird überlegt, welche Maßnahmen gegen die Akne zu treffen sind. So kann es sinnvoll sein, mehrmals zur Darmreinigung zu kommen. Ausführlich wird darüber gesprochen, wie der Lebensstil umgestellt werden kann. »Die Motivation des Patienten zu erreichen, ist das Schwierigste«, sagt Reichel-Dittes. Der Miltenberger Heilpraktiker versucht, Zusammenhänge zu erklären. Er erläutert zum Beispiel, warum es so wichtig ist, sich viel zu bewegen.

Zu viel Zucker

Dass Akne zum Teil ein Problem unserer Wohlstandsgesellschaft ist, kann die Aschaffenburger Hautärztin Astrid Kühn bestätigen. »Nach heutigem Kenntnisstand scheint kohlenhydratreiche Ernährung mit stark zuckerhaltigen Speisen sowie auch ein hoher Milchkonsum Akne zu begünstigen«, sagt die Dermatologin. Wobei es viele Ursachen gebe und viele Faktoren, die eine bereits vorhandene Akne verschlimmern können: »So lässt sich eine Verschlechterung durch das Tragen des Mundschutzes beobachten.« Patienten mit Hautproblemen sollten des?halb besonders gut darauf achten, die Maske regelmäßig zu wechseln und/oder zu reinigen.

Zur Linderung der Akne verordnet Kühn, je nach Schweregrad, eine spezifische Creme: »Zusätzlich empfehle ich einen Reiniger, zum Beispiel mit Fruchtsäure, zur Senkung des pH-Werts der Haut.« In der Akutphase sei eine professionelle Ausreinigung der Haut sinnvoll. Bei einer Hydrafacial-Behandlung werde die Haut oberflächlich abgetragen und mit einem Vakuum ausgereinigt: »Unterstützend ist bei dieser Behand?lung eine Blaulichttherapie möglich.« Selbst ganz kleine Akne-Narben könnten dadurch vermindert werden. Ist es bereits zu Narben gekommen, kann der Hautzustand mittels Microneedling verbessert werden.

Laut Astrid Kühn ist eine Akne nicht selten auf das Absetzen der Pille zurückzuführen. »Viele Frauen, die heute 30 oder 40 Jahre alt sind, haben die Pille seit ihrer Pubertät genommen«, sagt sie. Kürzlich hatte Kühn eine 40-jährige Patientin, die damit seit ihrem zwölften Lebensjahr verhütet. »Eine Hormoneinnahme über diesen langen Zeitraum führt dazu, dass der Körper die eigene Produktion weiblicher Hormone herunterfährt, da ja ausreichend weibliche Hormone da sind«, so die Medizinerin. Bei einem Absetzen der Pille muss der körpereigene Regelkreis erst wieder in Gang kommen.

Die Haut kann in dieser Phase in einem so kläglichen Zustand sein, dass eine intensive Behandlung mit professioneller Ausreinigung sinnvoll ist. Sollten starke Entzündungen vorliegen, kann eine akute Akne innerlich mit Antibiotika oder Vitamin-A-Säure-Tabletten behandelt werden. Grundsätzlich seien die Erfolgsaussichten einer Therapie »sehr groß«.

Hintergrund

Auch im Erwachsenenalter haben viele Menschen mit Akne zu kämpfen.Foto:

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