Mittwoch, 23.06.2021

Nicht einfach alles weglassen

Intoleranz: Ernährungsberater haben immer mehr Klienten mit einer Lebensmittelunverträglichkeit

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Weizen ist zu Unrecht in Verruf gekommen.
Foto: Pat Christ
Menschen mit Histaminintoleranz müssen oft auf Orangen verzichten.
Foto: Pat Christ
Es­sen kann ei­ne Qu­el­le des Vergnü­gens sein - vor al­lem dann, wenn die Mahl­zeit ap­pe­tit­lich prä­sen­tiert wird und man sie in an­ge­neh­mer Ge­sell­schaft ein­nimmt. Es­sen kann je­doch auch quä­len, weil Le­bens­mit­tel nicht ver­tra­gen wer­den. Im­mer mehr Men­schen schei­nen hier­un­ter zu lei­den.

»Die Zahl der Betroffenen, die sich in meiner Praxis einfinden, ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen«, bestätigt Monika Brenz-Rickert vom Aschaffenburger Forum für Ernährungsberatung und Ernährungs?therapie.

Umstellung oft problemlos

Die Ernährung bei einer Unverträglichkeit umzustellen, klappt oft problemlos, beruhigt die Oecotrophologin und Ernährungsfachkraft Allergologie. Gibt es doch immer mehr Spezialprodukte bei Unverträglichkeit im Reformhaus, im Bioladen, in Drogeriemärkten und sogar im Discounter. Schwierig bleiben laut Brenz-Rickert Restaurantbesuche, Einladungen und die Verpflegung im Urlaub. Treten mehrere Unverträglichkeiten und Allergien zusammen auf, sei es allerdings am Anfang tatsächlich sehr aufwendig, die »richtigen« Lebensmittel einzukaufen und Mahlzeiten so zuzubereiten, dass sie keine Beschwerden verursachen. Wer bei wiederkehrenden Bauschmerzen ratlos ist, was nun zu tun sei, sucht am besten eine Ernährungsfachkraft auf, die mit einer ausführlichen Anamnese den Verdacht auf eine Unverträglichkeit erhärten kann, so Brenz-Rickert. Auch Gastroenterologen oder Allergologen helfen weiter: »Die Diagnose selbst muss auf jeden Fall von einem Arzt gestellt werden.« Im optimalen Fall verordnet der Arzt dem Patienten nach der Diagnose eine Ernährungstherapie. »Durch eine auf die Person abgestimmte Ernährungsweise kann es recht schnell und langfristig zu einer Besserung kommen«, sagt Brenz-Rickert.

Die Suche nach einer Diagnose gestaltet sich mitunter auch zur reinsten Odyssee, weiß Rebecca Kunz aus Niedernberg (Kreis Miltenberg). Denn hinter Beschwerden wie Durchfall und Blähungen nach dem Verzehr eines Nahrungsmittels können laut der studierten Oecotrophologin ganz unterschiedliche Ursachen stecken. Neben echten Lebens?mittel-Allergien kommen Pseudoallergien, Kohlenhydrat-Verwertungsstörungen wie Fruktose-Malabsorption oder Laktose-Intoleranz, Reaktionen auf Amine wie Histamin sowie Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie vor.

Vorsicht bei Selbsttests

Damit die Betroffenen bald wieder ohne Beschwerden gemütlich schnabulieren können, sollten sie sich einer ausführlichen Diagnostik unterziehen, die einen eindeutigen Nachweis für eine Unverträglichkeit oder Allergie bringt, rät auch Kunz. Sie warnt vor IgG- und IgG4-Tests, die mittlerweile von vielen Firmen angeboten werden. Diese werben damit, dass man Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien auf diese Weise bequem von zu Hause aus bestimmen könne. »Bei der Suche nach Allergien werden jedoch andere Antikörper untersucht, sogenannte IgE«, erklärt die Oecotrophologin. Dieser eine Buchstabe, also »E« statt »G«, mache einen gravierenden Unterschied aus.

Ein IgG-Test ist für die Diagnosestellung deshalb nicht gut nutzbar, weil IgG-Antikörper als normaler physiologischer Vorgang auf Fremdproteine, darunter auch Nahrungsmitteleiweiße, gebildet werden. »Wenn also ein IgG-Test auf ein Nahrungsmittel positiv ausfällt, bedeutet das lediglich, dass dieses dem Körper zugeführt wurde«, sagt Kunz. Statt einen Verdacht zu erhärten, verunsicherten diese Tests die Betroffenen stark: »Oftmals führen sie zu einer unnötigen Einschränkung bei der Auswahl der Nahrungsmittel.«

Dass der Patient wieder mit Genuss essen kann, ohne hinterher zu leiden, das sollte laut Kunz immer das oberste Ziel bei der Behandlung von Unverträglichkeiten sein. Beim Verzicht auf Nahrungsmittel gilt für sie das Credo: »So viel wie nötig, so wenig wie möglich.« Zu große Einschränkungen erhöhten das Risiko für Nährstoffmängel und minderten oftmals die Lebensqualität. »Bei Kohlenhydrat-Verwertungsstörungen wie der Fruktose-Malabsorption oder der Laktose-Intoleranz werden in den meisten Fällen noch kleine Mengen vertragen«, sagt Kunz. »Es ist kein absoluter Verzicht angeraten.«

Gluten scheidet Geister

Viele Menschen zerbrechen sich den Kopf darüber, was sie nun essen sollen und was lieber nicht. Das liegt laut Kunz nicht zuletzt daran, dass Themen wie »Gluten« inzwischen eine hohe mediale Präsenz erreicht haben. Gerade das »Gluten« genannte Klebereiweiß wird unreflektiert als Ursache für viele Erkrankungen angesehen. Auch finden sich in Supermärkten immer mehr Produkte mit Vermerken wie »glutenfrei« oder »laktosefrei«. Kunz findet: »Dies alles lässt viele Menschen ihr Ernährungsverhalten reflektieren.« Sie greifen, um sich vermeintlich etwas Gutes zu tun, zu »frei von«-Produkten, obwohl sie Gluten oder Laktose vertragen würden.

Mit solchen »frei von«-Produkten lässt sich Umsatz machen. Und das nicht unbedingt zum Wohl des Verbrauchers, bestätigt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). »Wir haben aktuelle Studien, dass eine glutenfreie Ernährung eher gesundheitsschädigend ist, wenn keine Erkrankung besteht, als dass sie hilft«, so die Oecotrophologin. Wie häufig Laktose-Unverträglichkeit, Fruktose-Malabsorption oder Gluten-Sensitivität vorkommen, lasse sich im Übrigen nicht sagen: »Es gibt kein verlässliches Zahlenmaterial.« Experten seien der Auffassung, dass zwar häufig über das Thema gesprochen wird, die Zahl der Betroffenen aber geringer ausfällt, als man denkt.

Eine echte Lebensmittelallergie schränkt die Lebens?qualität nach Lämmels Aussage enorm ein. Doch genau diese echten, lebensbedrohlichen Abwehrreaktionen des Immunsystems, zum Beispiel auf Kuhmilch oder Nüsse, würden oft nicht ernst genommen: »Und zwar, weil es so ›in‹ ist, Lebensmittel zu vermeiden.« Was Allergien anbelangt, lässt sich dem DAAB zufolge ein deutlicher Zuwachs verzeichnen: »Hierzu gehören die schweren allergischen Reaktionen bei Kindern, die sich in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht haben, oder auch die Kreuzallergien bei Pollenallergikern auf bestimmte Nahrungsmittel.«

Dass sich die Menschen oft völlig falsche Vorstellungen machen, zum Beispiel darüber, woher ihre chronischen Bauchschmerzen kommen, erschwert die Arbeit von Ernährungsfachkräften, sagt Lämmel. »Die Beschwerden verleiten dazu, sich erstmal selber zu therapieren oder ›Experten‹ aus Internetforen zu befragen«, beobachtet sie. Oft sei das Kind schon in den Brunnen gefallen, wenn sich die Betroffenen beim Arzt oder der Ernährungsfachkraft vorstellen. Vieles werde dann nicht mehr gegessen: »Das Vertrauen in gesunde Lebensmittel wiederherzustellen, dauert und fruchtet leider nicht immer.«

Nicht selten sind zweifelhafte Diätideen mit Dauerstress gekoppelt, es werden zu viele Fertiglebensmittel und zu viel Zucker konsumiert. Außerdem wird unter Zeitdruck gegessen oder während der Arbeit. Auch das führe dazu, dass immer mehr Menschen bestimmte Lebensmittel nicht mehr vertragen, sagt Sylvia Becker-Pröbstel, Oecotrophologin und Diätassistentin aus Frankfurt. Besonders häufig sind nach ihrer Erfahrung Laktose-Intoleranz, Fruktose-Malabsorption, Sorbit-Intoleranz und Reaktionen auf Zusatzstoffe. Allergisch reagiert wird vor allem auf Milcheiweiß, Weizen und Soja.

Intoleranz oder Allergie?

Von einer Lebensmittelintoleranz spricht man dann, wenn Enzymsysteme oder die Nährstofftransporter im Darm nicht mehr optimal funktionieren.

Dies kann durch einen Wasserstoff-Atemtest diagnostiziert werden. Eine Allergie ist im Unterschied dazu eine Reaktion des Immunsystems auf Glykoproteine. Dies ist mit einer Ausschüttung von Histamin verbunden.

Glykoproteine können in jedem Lebensmittel vorkommen. Allergien werden durch einen IgE-Antikörper-Test sowie spezifische IgE-Tests diagnostiziert.

Im Rahmen einer Lebensmittelallergie kann ein anaphylaktischer Schock auftreten, warnt Sylvia Becker-Pröbstel, Oecotrophologin und Diätassistentin aus Frankfurt.

Dies ist lebensbedrohlich. Die Patienten werden üblicherweise speziell geschult und mit einem Notfallset beim Allergologen ausgestattet. (pat)

Zitat

» Es ist kein absoluter Verzicht angeraten.«

Rebecca Kunz,Oecotrophologin

Zitat

» Wir haben aktuelle Studien, dass eine glutenfreie Ernährung eher gesundheitsschädigend ist, wenn keine Erkrankung besteht.«

Sonja Lämmel,Deutscher Allergie- undAsthmabund

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